Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 13 (31.3.1922)
- Date
- 1922-03-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite /"6 JÜDISCHE PRESSE Nr. 13 Vorstandes, dem jetzt auch die Aguda angehört, bereit erklärt, von Woche zu Woche eine größere Gruppe jener einzuladen, bei denen man Verständnis für ein jüdisches Schulwerk voraussetzt, um so im internen Kreise die dringliche Wichtigkeit der Schaffung eines echt jüdischen Scliulwerkes und die Tragweite dieser .Sache klar zu machen. Die erste Besprechung fand am 20. Adar (-20. März 1922) in der Talmud Thora statt. Herr Oberrabbiner .Fürst begrüßte die Erschienenen und schilderte in eindringlichen Worten die unbedingte Wichtigkeit und Dringlichkeit eines edd. jüdischen Schulwerkes, wobei wir vor allem an die richtige Ausgestaltung der Talmud Thora-Volksschule schreiten müssen. Er erklärte, daß .die primitivste Pflicht frommer Eltern ist, ihre Kinder in die Talmud Thora zu schicken, wo sie eine jüdische Umgebung finden, zweitens durch Bereitstellung von entsprechenden Geldmitteln, den erwünschten Ausbau zu ermöglichen. Danach hat Herr Rabb. Dr. Pollak über das Sehulprogramm referiert. Es ist für die nächste Zukunft geplant, die Talmud Thora-Volksschule für das schulpflichtige Alter auszubauen und der bestehenden fünfklassigen Volksschule eine dreiklassige Bürgerschule anzugliedern. Ferner wird nach aller Wahrscheinlichkeit schon mit dem nächsten Schuljahr eine Mädchen-Volksschule geschaffen werden können, welche dann auch mit einer Bürgerschule ergänzt wird. Nachdem ein Kindergarten unter der ausgezeichneten Leitung eines Fräuleins für die vorschulpflichtige Jugend, im streng jüdischen Sinne, funktioniert, somit würde für die vorschulpflichtigen, wie für die schulpflichtigen Kinder im echt jüdischen Sinne gesorgt werden. An diese Schulen gliedert sich dann ein Handelskurs, wie die bereits von Agudas Jieroel in Gründung befindlichen Werkstätten, welche nebst dem Thorastudium unserer Jugend auch die Möglichkeit eines redlichen Erwerbes sichern können. Die Wichtigkeit dieses Schuhverkes geht aber selbst über diesen Rahmen hinaus. Die gedeihliche Existenz der in Wien befindlichen Ohadorim und Talmud Thora-Anstalten kann nur dann gesichert werden, falls ihre Zöglinge irgendwie ihrer gesetzlichen Schulpflicht entsprechen. In dem Augenblick, wo die Talmud Thora-Volks- und Bürgerschule leistungsfähig ist, ist es leicht durchzuführen, daß die Zöglinge der Ohadorim und Talmud Thora- Anstalten als Privatschüler der Talmud Thora- Volks- und Bürgerschule figurieren. Sie können den größten Teil ihrer Zeit den jüdischen Disziplinen widmen und am Ende des Schuljahres vor einem ihnen gewohnten und gewogenen Milieu, die gesetzliche Prüfung absolvieren. All diese Projekte sind nach Befragung von ausgezeichneten Pädagogen ausgearbeitet worden, sie sind trotz des ungeheuren Platzmangels leicht durchführbar. Falls einmal die ganz unerklärliche und unmöglich zu rechtfertigende Abneigung gewisser Kreise in unserem Lager, ihre Kinder in die Talmud Thora zu schicken, beseitigt ist und falls die Existenz dieses Schulwerkes nicht auf Almosen aufgebaut wird, sondern von Pflichtbeiträgen erhalten wird, zu denen jenes ({cid unserer Gemeinschaft entsprechend beitragen muß. Die darauf folgende Diskussion, an welcher sich Herr Rabb. Josef Baiungarten, Oskar Neurath. Rabb. Dr. Pinchas Kohn. Heinrich Pappenheini, Julius Steinfeld, Leopold Lederev beteiligt haben, ergab das vollkommene Einverständnis mit den Leitsätzen des Referates. Demnach ist es 1. für eine dringende Notwendigkeit erklärt worden, den Ausbau des Schulwerkes sofort in Angriff zu nehmen: 2. wird es für eine heilige Pflicht erklärt. Kinder in die Talmud Thora-Schulen zu schicken, (In dieser Angelegenheit wird das Rabbinat der Adas .Jisroel (Sehiffschul) noch eine besondere Aktion einleiten.) :•}. wird eifrige Propaganda gemacht, um das System der Pflichtbeiträge einzuführen und erfolgreich durchzusetzen. Bei der Versammlung wurde von den Anwesenden noch für das laufende Schuljahr K 1,050.000 für Freiplätze für oö arme Kinder gezeichnet. Außer dieser Summe hat Rabbi Her Friedmann besonders für die Werkstätten K 250.000 gewidmet. Der erste glückliche Auftakt hat begonnen. Hoffentlich wird (las neue Schuljahr dazu beitragen, daß das gegründete jüdische Schulwerk in der Seele unserer Kinder G-ttesfurcht und-Thorawissen pflanzen wird. Ein jüdisches $cbul= und fiilfsivcrk. So wesensverschleden wie Menschen, erfassen auch Vereine ihre Pflichten, lösen ihre Aufgaben, verfolgen ihre Ziele, unabhängig von ihrer Bedeutung, Berechtigung und ihrer Entwicklung. Es gibt große Wohltäter, von denen mau nicht viel hört und nicht viel spricht, und die dennoch eine reiche Fülle von Segen verbreiten. Mit einem solchen Philanthropen darf mit Fug und Recht die Talmud-Thora Volksschule verglichen werden, welche seit mehr denn 80 -Jahren zu einer unversiegbaren Quelle der Belehrung, Erbauung und Ertüchtigung für das heranreifende Geschlecht wurde. Nie hat sich die „Talmud Thora", die sich im Laufe der Jahrzehnte von einer kleinen Privatschule zu einer modernen Erziehungsanstalt entwickelte, die vor Zeiten in unzulänglichen Räumen untergebracht war, und nun mit Stolz auf ein, den modernsten Bedürfnissen Rechnung tragendes Schulhaus hinweisen darf, an die breite Oeffentlichkeit wenden müssen, * um ihr segensreiches Wirken fortführen zu können, sondern ein kleiner Stab großherziger und großzügiger Männer hat genügt, um allen diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Nie hat die „Talmud Thora" ihre Erfolge hinausposaunt, nie öffentliches Lob gesucht und erstrebt. Sie war eine so selbstverständliche Einrichtung, die so viel gab und so wenig verlangte, von der man wußte, daß sie immer war und immer bestehen wird, daß der Einzelne sich darüber keinerlei Rechenschaft geben zu müssen glaubte. Es genügte ja, ein bestimmtes Kapital, um von dessen Zinsen diese Institution erhalten zu können. Erst der Krieg und sein grausames Gefolge, der die Umwertung aller Werte mit sich brachte, zog auch die „Talmud Thora" in seine tobenden Wirbel. Die Schule mußte mehr werden wie Lehranstalt. Wie ein liebender Vater erbarmte sie sich der hungernden, frierenden Großstadtkinder, der heimatlosen Flüchtlinge, und gab ihnen Bekleidung und tägliche Nahrung, die auch nicht versiegen durfte, wenn sich die Tore der Schule zur Ferienzeit schlössen. Dank ausländischer Hilfe konnte mit der Größe der Aufgabe, auch die Größe der Hilfeleistung zunehmen. Und es muß zugestanden werden, daß dieses edle Hilfswerk das Verdienst opferwilliger Ausländer war, die ihren leidenden Glaubensbrüdern in der Zeit des Unisturzes helfend und rettend nahe waren. Die Not und das Elend, der Jammer und der Kummer haben sich von einem akuten Leiden zu einem chronischen entwickelt, und das Ausland ist müde geworden, dauernd zu helfen. Der Trauerzustand ist ein Dauerzustand geworden. Vergebens und vergeblich sieht die „Talmud Thora" nach Hilfe im Auslande. Neue Hilfsquellen müssen erschlossen werden, um die Erhaltung der Talmud Thora zu sichern, dabei war der Vorstand von dem Bestreben erfüllt, eine Entfremdung oder eine Ueberfremdung hintanzulialten, sondern der Talmud Thora den Charakter einzuprägen, den sie uns so wichtig und unentbehrlich erscheinen läßt: der Anfang und die Basis eines modernen, jüdischen Schulwesens nach alttraditionellen Grundsätzen und Grundzügen. Unter Leitung ihrer geistigen Führer ist'es der Orthodoxie in Wien gelungen, aus einem Bethausvereine eine Gemeinde zu bilden, die alle Institutionen erhält, die mit den Aufgaben einer jüdischen Gemeinde verknüpft sind: so bildet auch die Erhaltung einer Schule, ihrer Schule, ihre vornehmste und bedeutungsvollste Aufgabe. Wenn die Schule mit ihren glänzendsten Leistungen nicht schon existieren würde, müßte sie mit aller Macht, trotz aller Not der Zeit, geschaffen werden, denn stets war es der Stolz im alten Israel. Lehrhäuser zu errichten. Das Lehrhaus war die Vorstufe zum G-tteshaus, das Lehrhaus und seine Erhaltung stand höher als die lies Tempels. „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es. um es zu besitzen." Diese Schule muß n n s e r e Schule werden! Wir dürfen sie, schon aus Liebe zu unseren Kindern, nicht untergehen lassen! Die neue Zeit bringt neue Aufgaben! Es genügt nicht der vorzeitliche Jahresbeitrag in der Höhe einer Straßenbahnfahrt, um als Förderer dieser guten Sache gelten zu dürfen. Es müssen Millionen aufgebracht werden, um das zu erhalten, was wir nicht entbehren können, dürfen und wollen! Wir sind überzeugt, daß dieser Mahnruf in unseren Kreisen nicht unerhört verhallen wird. Helfet, solange noch geholfen werden kann! O. N. Die 14 millionen Dollar-Kampagne des Joint". 40.000 Spender in New York. — 5000 Frauen arbeiten in der Damendivision. Die grandiose Sammlung geht mit gleichem Eifer unvergleichlich gutorganisiert fort. Bemerkenswert ist, daß mehrere „teams8 mehr als die versprochene Quote liefern. So wird neuerdings gemeldet, daß die Baumwollbranche mit dem Abe N. Adelson an der Spitze, schon jetzt die 50.000 Dollar gesammelt hat, zu welcher sie sien verpflichtet hat und weiter sammelt. Der Zeitungsteam mit Daniel Nicol, dem Herausgeber des „Evening mail" an der Spitze, hat schon 38.000 statt der versprochenen 35.000 gesammelt. Der Wäscheputzerei-Team mit S. Liss an der Spitze hat 25.000 versprochen, aber an einem einzigen Meeting 35.000 gesammelt. Die Theaterdivision des Komitees verspricht 250.000. ' Die Kinotheater haben eine Million Eintrittskarten gespendet. Die Frauenhilfe der Bnai Jeschurum-Gemeinde spendete 3000 Dollar. Frau Henry Moskowitz, Leiterin der Damendivision, teilt mit, daß das mit 5000 Frauen arbeitende Komitee 130.000 statt der versprochenen 100.000 aufgebracht habe. Rabbi Stephen Wise hielt eine bemerkenswerte Rede, worin er diejenigen geißelte, die zuviel essen, sich zu gut kleiden, zu oft ins Theater gehen, aber nichts für ihre unglücklichen Brüder in Europa übrig haben. Der Tempel „Emanuel" hat 10.000 Dollar gespendet. Die „Washington Heights" Gemeinde unter Rabbi Max Drob hat bisher 118.000 gesammelt. Die Synagoge selbst hat dazu 43.000 gegeben. Bisher haben 40.000 Personen in New York gespendet. Kritische Rundschau. Eine Belehrung für die „Selbstwehr". Wenn es die Zionistische Exekutive etwas ehrlicher mit ihrer Aufgabe meinen würde, als dies so betrüblichermaßen der Fall ist, würde sie an die Kerenhajessod- und Nationalfonds-Kommissäre die strenge Ordre erlassen, sich nicht in politische oder unpolitische Händel einzulassen, ihre Fonds über die Parteien zu stellen und Freunde in allen Kreisen zu werben. Nun scheint es aber, als ob die Angestellten des Kerenhajessod und des Nationalfonds die entgegengesetzte Ordre erhalten haben müssen. Wenigstens in der Tschechoslowakei überbieten sich die Kostkinder des Kerenhajessod und des Nationalfonds an Beschimpfung aller außerhalb und innerhalb des Zionismus wirkenden Persönlichkeiten, die von der Messiade Weizmann und Sokolows ihre eigene Meinung haben. Sie mengen sich in die Lnndespolitik ungeachtet der Schäden, welche die dadurch ins Kreuzfeuer gestellte Kerenhajessod-Kasse erleidet. Besonders in letzterer Zeit erscheint ein rüpelhafterer Angriff nach dem andern, gezeichnet von Kerenhajessod- und Nationalfonds - Kommissären. Da rempelt der Nationalfonds-Kommissär Hugo Hermann in der Prager „Selbstwehr" mit sehr wenig Witz und sehr viel Behagen eine ganze Serie von Persönlichkeiten, Zionisten und Antizionisten an. Der treue Fridolin kennt nur Weizmänner und Antiweizmänner. Wie die Zionisten selbst über den verwunderlichen Umstanddenken, daß gerade die idealistischen, opfernden Führer der Bewegung von Angestellten* der Bewegung angepöbelt werden, sei ihnen selbst überlassen. Aber neben Jakobus Kann, Max Nordau, Dr. Gaster wird auch Oberrabbiner Weber beschimpft. Es fehlt dabei natürlich nicht der Beigeschmack der Denunziation. Oberrabbiner Weber sei früher liebedienerischer (Herrnann drückt sich plebejischer aus) ungarischer Assimilant gewesen, wie er jetzt in slowakischer Assimilation mache. Da wollen wir einmal die ganze Verlogenheit der Darstellung kennzeichnen. In den orthodoxen Synagogen Ungarns wurde bekanntlich ausnahmslos deutsch, resp. jüdisch-deutsch gepredigt. Jeder Versuch, die ungarische Sprache auf die Kanzel zu bringen, wurde wie. eine Verletzung der Tradition empfunden. Weder die ungarische Regierung noch das Volk hat selbst in den Zeiten des größten Chauvinismus dieses Festhalten an dem Herkömmlichen mißdeutet. Man hegte zur Staatstreue der deutschsprechenden Orthodoxen zumindest nicht weniger, wenn nicht mehr Vertrauen als zu den magyarisch sprechenden Neologen. Man wußte damals wie heute, daß die Orthodoxie als solche an keiner wie immer gearteten Umsturzbewegung teilnehme. Keinesfalls kann daher von einer „speichelleckerischen" (das appetitliche Wort muß Hermann verantworten) Assimilation der Orthodoxie die Rede sein. Wen hat aber Hermann als den besseren Teil gegenüberzustellen? Seine Genossen in der Slowakei y Wie heißen diese nur? Dr. Sipos, der Präses; Dr. Kondor, der Vizepräses; Sorna Komlosi, der Nationalfonds-Kommissär, und Dr. Sajö, Leiter des. Preßorganes. Der Mädchenname dieser vier Herren klany anders. Sipos heißt eigentlich Steiner; Sorna Komlosi hieß einmal Salomon Kohn, Dr. Sajo hieß Schönfeld und Kondor ist in der Regel eine magyarische Umstilisierung, von Kohn. Die Herren haben den Namen ihrer Familie nicht geändert, weil er etwa zu deutsch geklungen hat, sondern aus Mimicry. weil er sich zu jüdisch anhörte. Was Herrn Dr. Sipös-Steiner betrifft, können sich noch junge Leute erinnern, daß er beim Umsturz de dato Oktober 1918 mit der rot-weiß-grünen Armschleife die Straßen durchzogen hat und alle Magyaren an Magyarismus übertrumpft hat. wie er kaum ein Jahr später mit gleichem Eifer gegen die deutsche und ungarische Abstimmung gewütet hat. Wir erinnern uns noch, daß Dr. Sipös und Artur Freud vor der Volkszählung ein großes Meeting abhalten wollte, wo er die Juden vom Bekenntnis zum Magyarentum