Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 12 (24.3.1922)
- Date
- 1922-03-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 JÜDISCHE PRESSE Seite 71 würde vom ehrwürdigen Dayan der Szalmärer Gemeinden vermuten, welch zwerchfellerschütternde Mimik er — lechowed Purim — produzieren konnte, nun, und Rabbi Jecheskel Dukes und R. David Spiegel in Altona: oder gar die Purimleistungen des OberrabbinervonMiskolcz! Wer würde dem imposanten Weitzner Rabbi Pollak, den lustigen Purimdarsteller ansehen; oder den Herren Deutsch in Kesmark, Schick in Nitra, R. Simon Deutsch in Antwerpen. Einer der letzten aber glänzendsten Repräsentanten der alten Purimspieltradition war natürlich der begabte Rabbi von Verbo. Die Bühne war von vollendeter Einfachheit. Im Gartenzimmer des Raws versammelte sich im Halbkreis ein kleines, aber erlesenes Publikum, Kulissen wurden negiert, die Kostüme lieferte zu unglaublich billigen Preisen die zuständige Firma R. Jude Löwy. Die Fabel des Stückes war stets die Weigerung des Mädchens einen Rachur zu heiraten, der Verlauf des Stückes gab aber stets dem verletzten Bachurimtum irgend eine Genugtuung. Diesmal trat die Purim-Muse aus dem engen Rahmen der Gasse. Die Aguda-Jugend kündigte ihre Vorstellung im Urania-Kino an, während die Misrachim im Redoutensaal losgehen wollten. Bisher klänge ja Alles recht gemütlich. Es sind aber in diesem ergötzlichen Sängerstreit auf dem Schloßberg recht unergötzliche Dinge zu verzeichnen. Man hat das Agudaspiel bei der Polizei denunziert. Die Polizei hat darauf tatsächlich vor dem Beginne des Spieles die Vorlage des Stückes verlangt, es aber freigegeben; man lief gar zu einer der Ententemissionen und gab vor, daß ■•in dem Stücke Ententeoffiziere verhöhnt werden (Jabotinsky! der nicht mehr Offizier ist). Selbst in diesem Spiele äußern sich sehr symptomatisch die beiderseitigen Methoden. Die Vorstellung der Aguda-Jugend fand am Purim- Nachmittag im vollgefüllten Urania-Kino statt. Im heiteren Spiel, daß die Urbanität des alten Purimspieles bei aller verfeinerten Form zu erhalten suchte, liegt bitterer Ernst. Es zeigt „Itzi undFritzi", zwei total unbedeutende, durch nichts zur Vertretung einer jüdischen Sache legitimierte Persönchen, die durch das verlogene System der herrschenden zionistischen Verwaltung zu „Führern des konservativen Judentumes" in einem Lande von großen Jeschiwos, Geonim und Gemeindeführern, geaicht werden können. Die Wahl dieser beiden „kongräßlichen Delegierten" zeigt in karikierter aber charakteristischer Weise, wie man in der gegenwärtigen zionistischen Aera „Führer" wird. Bei dem Dritten im Bunde, dem „noch kongräßlicheren Delegierten" Mozi Schlechtmann gesellt sich noch eine starke Nuance der Hochstapelei hinzu. Die stärkste Figur ist Schlümiel Bation Schadehen aus Warschau, der wohl in diesen Kreisen verkehrt (er sucht eine Partie für Zortl Menuweles „die heißeste Misrachistin von Polen") gießt aber die Lauge seines Spottes über die ganze Chawrusse.* Eine groteske Karikatur der jüdischen Turnerinnen ist Achitofela Mechaschefa, die Präsidentin des hebräischen Boxerinnen-Verbandes, Köstlich ist Berl Lovon. ein Typus des „Gepüldeten". der mit bizarrer Anhäufung von schlecht angewendeten Fremdwörtern wirken will.** Sabotinsky, der „noch nicht dagewesene jüdische Gibbor" hat eine kleine, aber unrühmliche Rolle. Seine Fallstaffiaden werden von Achitofela Mechaschefa jämmerlich desavouiert. Sie will die Superiorität des Weibes beweisen und drängt ihn zu einem Boxerkampf, dem er unrühmlich entflieht. Das burleske Spiel endet stimmungsvoll. Bation, der in einem Pogrom von seinem Kinde getrennt wurde und dieses ruhelos sucht, findet es am Kongresse, es ist keine andere als Achitofela. Sie ist geraubt worden, geriet in die Hände einer Zirkustruppe, wurde Akrobatin, Zionistin und Frauenrechtlerin Diese unnatürliche Geistesstruktur bricht mit einemmal wunderbarer Weise zusammen. Sie wird wieder Tochter ihres Vaters, der in der starken Schlußrede sie eine Allegorie der verfehlten zionistischen Erziehung nennt. Die erste Vorstellung hatte über 1000 Zuschauer und einen bedeutenden Kassenerfolg. Ist Sokolow ein Barbier? Das „Yiddische Folk" in New York erzählt seinen Lesern folgende Anekdote von der Keren-hajessod-Tour: „In einer Stadt stellte man mir beim Bankett auch einen um die Sammlung verdienten Präsidenten einer ungarischen Synagoge vor. Im Gespräche sagte der ungarische * Schlümiel Bation: Rabboissai, ech hol» mech nit a bresele geniert un hob Chaim Weizmann ganz scharf interpelliert. Alle (neugierig): Was haben Sie gesagt? Lassen Sie hören! Schlümiel Bation: Ech hob gefragt den Weizmann Chajlm: — Far wos woilmt Ihr denn nit in Jerüscholnjim? — Wos rüchent Ihr arum in der ganzen Welt, — Varpronlsehen dos taiere jiddische Geld? — Sogt, könnt Ihr nit retten di jiddische Rasse — Anders wie Schlat'koupc erster Klasse! — Mußt Ihr kummen aherzim Kongreß — Dawke nor Erste Orientexpreß? — Un wu Ihr fohrt und tut Euch stellen — Woihnt Ihr in di feinste taierste Hotelen. — Die Jidlach in Jeruscholajim loßt Ihr af Zores — Un Ihr führt a Leben, wie di ersten Srores! ** Berl Lovon: Haben Sie das diffizile Problem ventiliert, wie man den Furor arabicum pazitiziert? Itzi: Die Araberfrage macht mir ka Sorg, ich bleib ja ewig Sekretär in Preßborg; Lossen see sech hargenen im Heiligen Land. Ich rühr mich nit aweg vum Volks verband. Grand Sanatorium Wasserheilanstalt Bratislava (Preßburg) Erstklassige Universal-Heilanstalt für Spezialbehandlung der inneren-. Nerven-, Zucker-, Gallenstein-, Nieren-, Magen-, Darm-, Herz- und Blutgefäßkrankhelten, Mast- und Enttettungskuren. Abteilungen für Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe, Urologie, Dermatologie, Ortopädie, Augen-, Ohren-, Nasen-und Kehlkopfkranke. Wohnung, Beheizung, Beleuchtung, Bedienung, Krankenpflege, ärztliche Pflege, 5 Mahlzeiten von Kc 83'— aufwärts. Wasserheilanstalt in vollem Botriebe auch für Auswärtige. Streng rituelle Küche unter Aufsicht des Preüburger Oberrabbinates Leitender Chefarzt: DR. SIGMUND ARANYI. Unser Postsparkassenkonto ist in Oesterreich Nr. 13.458 in Polen Nr. 190.409 in Jugoslawien Nr. 40.217 Jude, er kenne Sokolow sehr gut, er sei ein Barbier. Erst glaubte ich er spasso, als er es aber nochmals ernstlich beteuerte, wollte ich ihm seinen Irrtum aufklären, er aber rief entrüstet: Mir wollen Sie erzählen; ich kenne Sokolow von Budapest, er hatte dort einen Barbieiiaden: wie oft hat er mich rasiert und jetzt spielt er eine solche Rolle. Seine Anhänger nickten dazu, und schließlich ließ ich ihn dabei, daß Sokolow ein Barbier sei." Soweit das „Yiddische Folk"; wir sind aber ebenfalls der Ansicht des ungarischen Juden. Den amerikanischen Zionisten geht es nur wie Don Ouichotte, der den Barbier mit dem Kupferbecken für den großen Ritter mit dem goldenen Helme hielt. Aber in beiden Fällen handelt es sich um einen Barbier, der seine Leute über den Löffel barbiert. *-h NACHRICHTEN. Detmcftosterreicb. Kriegsopfer w och e. Krieg! Opfer! zwei unpopuläre Worte. Nach dazu eine ganze Woche sollen sie uns im Ohr klingen. Man möchte wohl gerne vergessen des Elends das der Krieg für uns gebracht hat, doch ohne Opfer geht das nicht. Mag die Aufforderung zum Opfer noch so unangenehm berühren, es ist eine unabweisbare Pflicht aller Verantwortlichen, darauf aufmerksam zu machen, daß es ein Schandfleck der Menschheit und Menschlichkeit bildet, der -Waisen und Witwen nach den Kriegsgefallenen zu vergessen. Wir Juden, die wir uns stolz rachamonim bene rachamonim nennen, müssen in erster Reihe uns der Pflicht gegenüber diesen Unglücklichen bewußt sein und danach handeln. Das Kriegswaisenhaus der Agudas Jisroel in Baden beherbergt 43 Kriegswaisenkinder. Erüder! Rachamonim bene rachamonim! Gedenket anläßlich der Kriegsopferwoche der Kriegswaisen in Baden! Trauerfeier nach David Kohn s. Z. 1. Die gemeinsame Trauerfeier nach David Kohn s. Z. 1., welche die vier Vereine: Talmud Thora, Kriegswaisenlbnds der Agudas Jisroel, Verein zur Unterstützung armer kranker Israeliten und das Committee of the Vienna Jewish Relief Fund, in deren Vorstand David Kohn tätig war, veranstalteten, versammelte nochmals die Freunde und Verehrer des Verstorbenen in den geweihten Hallen der Talmud Thora. Die Gedenkrede hielt Rabbiner Dr. Joel Pollak. Er versuchte ein zusammenfassendes Bild von der singulären Persönlichkeit und den humanitären Wirken des Dahingeschiedenen zu geben. Die Rede klang in die Mahnung aus, das Angedenken des großen Verstorbenen durch unermüdliche Arbeit an den von ihm geschaffenen und geförderten Schulen und Wohltatswerken zu bewahren. Die kantoralen Funktionen versah Herr Oberkantor Braun, Adas Jisroel (Schiffschul) mit gewohnter Meisterschaft. Purimvorstellung $er Esra. Mittwoch, den 15. März, fand im Turnsaale der Talmud Thora-Schule die Purimvorstellung des Mädchenvereines „Esra" statt, deren schöner Verlauf die Bemühungen der ausgezeichneten jüdischen Pädagogin Fräulein Sophie Bondy gekrönt hat. Es wurde ein von Frl. Bondy verfaßtes Purimspiel aufgeführt. Hierauf folgte die Darstellung der „Gouvernante" von Körner. Sämtliche Darstellerinnen, es waren an 30 kleine Künstlerinnen tätig, wurden lebhaft akklamiert. Die X. Generalversammlung der „Einheit" fand Montag, den 20. März, abends im Turnsaale der Talmud Thora, Malzgasse 16, unter reger Teilnahme statt. Herr Bernhard Hofbauer begrüßt die Versammlung und bringt die eingelangten Begrüßungsschreiben zur Verlesung, darunter ein Schreiben des Herrn Heinrich Pappenheim, worin er einen größeren Betrag für die „Einheit" spendete. Herr Direktor Dr. Krenberger, Schriftführer, verliest das Protokoll der jüngsten Generalversammlung. Dr. Friedjung begrüßt die Versammlung im Namen der Kultusgemeinde. Sodann wurden die Rechenschaftsberichte erteilt, an denen sich eine lebhafte Diskussion knüpfte, an der sich unter anderem die Herren Retter, Dr. Reininger und Wolf Pappenheim beteiligten. Bei der Neuwahl wurden folgende Herren in den Vorstand gewählt: Dr. Josef Bondi; Max Hofbauer; Dir. Dr. S. Krenberger; Hermann Kuner; Alfred Landesberger; Univ. Prof. Dr. Heinrich Neumann; Heiniich Pappenheim; Nathan Schiff. Polen. Kritische Lage der jiddischistischen Schulen in Polen. (J. C. B.) Die Lage der jiddischistischen Schulen in Polen wird täglich kritischer. Die Zentrale dieser Schulorganisation lud sämtliche Vertreter der jüdischen Presse zu einer Konferenz ein und bat sie, ihren letzten Versuch zur Rettung dieser Schulen durch einen zündenden Appell an die jüdische Bevölkerung zu unterstützen. Sollte auch dieser Appell erfolglos verhallen, dann bleibt nichts mehr übrig, als alle Schulen zu schliessen. (Kein vernünftiger Mensch hat daran gezweifelt, daß diese Schulen eingehen müssen. Die Red.) Amerika. Das amerikanische Handelsdepartement über die zionistische Hypothekenbank. (J. G. B.) Das amerikanische Handelsdepartement veröffentlicht einen Bericht des amerikanischen Konsuls in Palästina unter dem Titel „Die zionistische Bank in Palästina", in welchem die Registrierung dieser Bank als „Allgemeine Hypothekenbank" mit einem Kapital von £ 200.000 mitgeteilt wird. Der Bericht schildert ferner diegroßeKapitalsnot in Palästina, wodurch 80 Prozent der Bevölkerung den Wucherern in die Hände fallen ' und schließt mit der Bemerkung, daß die Zionisten auch aus gefühlsmäßigen Gründen Kredite erteilen werden, sie wird in erster Reihe städtische Hypothekarkredite und erst in zweiter Reihe langfristige Agrarkredite gewähren. Daneben werden seitens der Regierung Pläne für die Errichtung einer staatlichen Hypothekarbank aus dem liquidierten Kapital der früheren türkischen Agrarbank in Erwägung gezogen. Das JDC und die sanitäre Hilfe in Palästina. (JPZ) Die Exekutive des JDC hat erneut 70.000 Dollar für medizinische Hilfe in Palästina bestimmt. Im Verlaufe der letzten 3 Jahre hat das JDC zusammen mit der Zionistischen Organisation in Amerika den Medical Unit Hadassah in Palästina ausgehalten, der so viel Gutes in Palästina gewirkt hat. Bei der schrecklichen Lage in Palästina nach Kriegsende war es unvermeidlich, daß die Haupttätigkeit der Unit Spitäler und Ambulatorien umfassen mußte. Die Zahl der Kranken war so groß, daß es unmöglich war, sich den für den Tag berechneten Arbeiten zu entziehen und sich einem weiten, allgemeinen Programm sanitärer Hilfe zuzuwenden. Auch heute noch werden von Unit Spitäler mit 248 Betten ausgehalten, außer den Ambulatorien, die Hunderte von Kranken aufnehmen, ungeachtet dessen, daß die allgemeine Lage sich bei weitem gebessert hat, und daß zahlreiche neue Aerzte aus Rußland und Oesterreich in Palästina eingewandert sind. Die Bevölkerung kommt langsam in die Lage, für . die einzelnen Kranken selbst sorgen zu können. Vom Budget des Unit, das gegen eine Kriegsopferwoche! Gedenket des Jüdischen Kriegswaisenhauses in Baden!