Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 11 (17.3.1922)
- Date
- 1922-03-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 64 JUDISCHE PRESSE Nr. 11 strengsten Konsequenzen zu ziehen, die Staatstreue ohne Wenn und Aber mit der Peinlichkeit des Rcligionsgesetzes zu bewahren. Die von den Jüdischnationalisten empfohlene Neutralisierung läuft schon unseren religiösen Traditionen zuwider. Die dadurch entstehenden scharfen Gegensätze der politischen Haltung der orthodoxen Juden in zwei benachbarten feindlichen Staaten, läßt es als gänzlich unzulässig erscheinen, daß die Aguda selbst hüben und drüben als politische Gruppe handle. Ich halte es daher für die ideale Form, daß wie in der Slowakei die behördlich anerkannte Vertretung der Orthodoxie und die Agudaorganisation nicht identisch seien und die Landespolitik der Leitung der staatlich anerkannten Vertretung der Orthodoxie überlassen werde. Selbst unter den Zionisten wird die Forderung laut, daß die Landespolitik gänzlich vom Zionismus getrennt werde, damit die Palästinasache sowohl über die Parteien im Lande als auch über alle außenpolitische Disharmonien erhaben geführt werden könne. Um so mehr muß dies innerhalb des glaubenstreuen Judentums geschehen, das so energisch gegen die Politik der Einmischung in die Landesangelegenheiten der Juden anderer Länder Stellung nimmt. Die landespolitische Betätigung der Aguda hüben und drüben könnte leicht zu Zuständen wie im Zionismus führen, wo die Haltung der Zionisten in einem Lande zur Verfolgung ihrer Gesinnungsgenossen im anderen Lande geführt hat. Freilich soll die Agudazentrale in Ländern, wo die Orthodoxie noch einen schweren Kampf gegen die Jüdischnationalisten führt, ihr Bestes daran setzen, die orthodoxe Position zu stärken und auch ihren politischen Kampf in ihren Organen unterstützen. Die orthodoxe Partei im Lande selbst soll keinen innerpolitischen Kampf unter dem Namen einer allweltlichen Organisation führen. Hiebei ist vor allem zu bedenken, daß die Aguda keine ad hoc gegründete Partei, sondern ein für alle Zeiten dauerndes Werk sein soll und es Pflicht unserer Führer ist „roie es hanoiled" zu sein, zu bedenken, daß an ihre Stelle andere kommen könnten, bei denen nicht die gleiche Begeisterung, Hingabe und gleiches Verständnis vorausgesetzt werden muß. Ein böses Exempel hiefür ist die zionistische Organisation, die von einer Zahl unkontrollierbarer politischer „Aktionen" unterwühlt ist, und unaufhaltsam auf der schiefen Ebene ihres nationalinternationalen Programmes in die hoffnungslose Anarchie abrutscht. Die Aguda krystallisiert sich um die reine Idee; sie muß Kompromissen abhold sein; diese Garde kann sich in irgend einem Lande auflösen und sich nicht ergeben. Sie kann auf ein oder das andere Land ganz verzichten; die orthodoxe Landesorganisation hingegen hat nicht das Recht Kompromisse, die nur auf eine Einheitsfront der Gegner Uebcr Einladung der Landesorganisation der Agudas .Tisroel und der Jugendorganisation für Oesterreich fand Sonntag, den 12. Miliz, eine imposante Volksversammlung orthodoxer Juden Wiens statt, um zu den jüngsten Ereignissen in Jerusalem, namentlich aber zu der von der Zionistischen Organisation und der zionistischen Presse in Wien systematisch betriebenen Irreführung und Verhetzung der jüdischen Oeffentlichkeit Stellung zu nehmen. Herr Wolf Pappenheim die Versammlung eröffnend, '"warf einen kurzen Ueberblick über die Vorfälle und zeichnete den Zweck der Versammlung. Als Hauptredner des Abends errriff Herr Rabbiner Dr. Joel Pollak das Wort zu einem meisterhaften alle Anwesenden aufs tiefste erschütternden Referate, in welchem er unter Verlesung der autentischen Dokumente eine sachlich wahrheitsgemäße Darstellung der Ereignisse gab. Er schilderte, auf welche Weise sich die jetzige zionistische Leitung und ihr Heer von Beamten in Erez Jisroel ohne für das Judentum oder für Ercz Jisroel auch nur das Geringste geleistet zu haben, in die Machtstellung zwängen konnten, die sie jetzt mit allen Mitteln zu behaupten bestrebt sind. Er zeigte, wie und mit welchen Mitteln die Zionistische Organisation es zuwege gebracht hat, die Einflußnahme des orthodoxen Judentums auf die Gestaltung der Verhältnisse im Heiligen Lande während der letzten Jahre fast ganzlich auszuschalten und mit welchen Mitteln sie auch heute noch bemüht ist, der Agudas Jisroel, der einzigen unabhängigen, nach den Intentionen der religiösen Autoritäten des Judentums handelnden Organisation, jedes Mitwirken an der Besiedlung des Heiligen Landes unmöglich zu machen, und wie sie namentlich die trotz allen Versuchungen und trotz allen Leiden immer noch nicht völlig niedergezAvungene palästinensische Orthodoxie zu terrorisieren und der Verelendung preiszugeben bestrebt ist. Redner verlas die in der Presse veröffentlichten Erklärungen Rabbi Chaim Sonnefelds und Professor de Haans, sowie den in den Londoner „Times" erschienenen Artikel von Professor de Haan, in welchem er den Inhalt des von der Jerusalemer orthodoxen Vertretung Lord Northcliffe überreichten Memorandums wiedergibt. Aus den verlesenen Schriftstücken überzeugte sich das Publikum, daß man auch beim Größten Uebelwollen klar sehen konnte, daß Rabbin Chaim Sonnenfeld und die Delegation vor Lord Northcliffe die Anhänglichkeit und die Hingebung des ganzen jüdischen Volkes an die Besiedlung . des heiligen Landes zumindest so nachdrücklich betonten, wie die vielen zionistischen Delegationen, die Lord Northcliffe vor der orthodoxen Delegation empfangen hatte, daß es überhaupt der Delegation nur darauf ankam, den Lord und durch ihn die englische Oeffentlichkeit über die speziellen der jüdischen Welt und auch der Zionistischen Organisation wie der englischen Regierung längst bekannten Forderungen der organisierten Orthodoxie in beziig auf die Sicherung der religiösen Gemeinschaften des Diaspora-Nationalismus beruht, zurückzuweisen. Wie dieses Verhältnis der Aguda zur orthodoxen Landesbehörde sich gestalten soll, kann nicht mit der Elle eines Programms gemessen werden. Sie bleibt unter allen Umständen Sache des Charakters, des Herzens und eines hohen Verantwortlichkeitsgefühles. Der „Uerrat" der flguda. Die alte Geschichte, die ewig neu bleibt! Wenn demagogische Chauvins, ob sie nun Betrogene oder Betrüger sind, die von ihnen in der Masse wachgerufenen kühnen Hoffnungen nicht, zu erfüllen imstande sind, wenn nachdem sie allen Warnungen zu Trotz ein waghalsiges va banque mit dem Einsatz des Volkswohles gespielt haben, der Bankrott ihrer Politik nicht länger zu verhüllen ist, tritt an die Stelle der trügerischen Vorspiegelungen auf baldige Erfüllung plötzlich das Geschrei über Verrat. Diese Methode müßte uns Juden am meisten aus tiefster Seele anwidern, weil wir selbst in der Geschichte oft ihr Opfer geworden sind. Wie oft haben wir in der bewegten Gegenwart das Schauspiel in den verschiedensten Staaten erlebt, daß man alles Unheil, das nicht länger aufzuhalten war und alle eigenen Sünden, die nicht länger zu beschönigen waren, auf das Judentum abzuleiten gesucht hat! Und nun wagt es Jude gegen Jude jenen elenden politischen Trick gegeneinander auszuspielen, für den man selbst nie anders als Worte des Protestes gefunden hat? Gar die fromme Misrachi, die sich am Gängelband der Eitelkeit und Feilheit ihrer Führer gehorsam von einem g-ttlosenKreisepflichtvergessener Unverantwortlicher mißbrauchen läßt zur Beschimpfung, Herabsetzung und Entrechtung der wahren Orthodoxie! Ist in der misrachischen Organisation jede Regung des Schamgefühles erstickt worden? Wie hantiert Misrachi den Maßstab der ihr doch ebenfalls allein richtunggebenden Thora, daß ihr Gestalten, wie Jabotinsky, das Maß erreichen und lehawdil Rabbi Chaim Sonnenfeld und die unabsehbare Menge ehrwürdiger Rabbiner, welche die Aguda umfaßt, als Feinde der Thora und Erez Israel dünken. Ist es nicht grotesk, daß dieser Kreis der Orthodoxie, den die Staatsmänner aller Länder und aller Schattierungen als das beste staatserhaltende Element wertschätzen, gerade in Erez Jisroel als destruktives Element des Judentumes empfunden wird? In dem Lande, in dem einem unveräußerlichen ewigen G-ttesgesetze nach nichts anderes Festigkeit und Bestand gewinnen kann, als die Gemeinschaft, die sich auf dem Thorageist aufbaut? Mögen sie so laut und vernehmlich gegen die Aguda wettern;1 "sie sprechen uns' damit von der Verantwortung für ihre Sünden in Erez Jisroel frei. und auf die Ermöglichung der Teilnahme der Agudas Jisroel an der „Jewish Agcncy" aufzuklären. Der Referent wurde während seines Vortrages wiederholt von stürmischen 'Beifallskundgebungen unterbrochen. Der Vorsitzende spricht dem Referenten im Namen der ganzen Versammlung den Dank aus für seine ergreifenden Darlegungen und knüpft daran eine längere Rede, In welcher er vieles von den traurigen Erfahrungen erzählt, die die Orthodoxie mit den Zionisten gemacht hat, so oft der Versuch unternommen wurde, ein auf gegenseitige Würdigung beruhendes Zusammenwirken herbeizuführen. Er wies nach, daß es den Zionisten, die jetzt die Vertretung der jüdischen Gesamtheit usurpieren möchten, nicht so sehr auf einen wirklichen wirtschaftlichen Aufbau des Heiligen Landes, als auf die Durchführung ihrer religionsfeindlichen Kurlturrefonn ankomme. Der Vorsitzende verliest hierauf folgende „Resolution", die Satz für Satz mit einhelligem allgemeinem Beifall und zum Schlüsse mit großen begeisterten Ovationen akzeptiert wird. Resolution. 1. Die am 13. Adar 5682 (12. März 1922) stattgefundone Massenversammlung thoratreuer Juden Wiens spricht ihre tiefe Entrüstung aus über die unwürdigen Methoden der Gewalttätigkeit und der persönlichen Bedrohung, die von den Zionisten im Kampfe gegen Andersgesinnte angewandt werden. 2. Die Versammlung konstatiert mit tiefstem Schmerze, daß innerhalb der Mauern der heiligen Stadt Jeruscholajim entgegen aller jüdischen Moral und zur Schmach des gesamten Judentums hervorragende Führer des orthodoxen Judentums, Talmide Chaehumim, zu denen das ganze jüdische Volk mit Verehrung emporschaut, wegen ihrer Hingabe an die geheiligten jüdischen Ideale körperlich mißhandelt und bedroht wurden. 3. Die Versammlung protestiert gegen die Verhetzung der jüdischen öffentlichen Meinung durch die Verbreitung lügenhafter Nachrichten über die Stellungnahme der selbständig organisierten orthodoxen Judenheit zur Frage der jüdischen Besiedlung des Heiligen Landes. Die Versammlung erklärt die Besiedlung Erez Jisroels im Einklänge mit den religiösen Traditionen des Judentums als ein heiliges Anliegen des gesamten jüdischen Volkes, lehnt aber die Identifizierung dieser Betätigung der Liebe zu Erez Jisroel mit den Bestrebungen des Zionismus entschieden ab. 4. Die Versammlung spricht den „Waad Hoir Hoaschkenasi" und besonders seinen Führern Rabbi Jicchok Jerucham Diskin und Rabbi Chaim Sonnenfeld ihre Verehrung und Bewunderung für ihr mannhaftes Eintreten für die Interessen des orthodoxen Judentums aus, und erklärt es als eine schwero Schädigung der Interessen des jüdischen Volkes, falls eine nicht in der traditionellen Religion verankerte Organisation ohne Befragung der maßgebenden religiösen Autoritäten und ohne Zustimmung aller Teile des Volkes zur alleinigen Sae.hwnlterin ""des Judentums ausersehen worden sollte. Die Versammlung erklärt es als eine Lebensfrage des Judentums, daß im Mandat die religiösen, politischen und kolonisatorischen Interessen auch der nichtzionistischen Gemeinschaften in Erez Jisroel gewahrt und der Agudas Jisroel die Teilnahme an der Jcwisch Agenev gewährleistet wird. Herr S. Schönfeld verliest; sodann die Resolution in hebräischer Sprache und richtet im Namen der Jugend eine Ansprache an die Versammlung mit den Gelöbnis, nicht nur mit Protesten zu begnügen, sondern mit allen Kräften positiv an dem Gedeihen und dem Aufblühen Erez Jisroels zu arbeiten. Herr Rosenberg gibt in einer schön durchdachten Rede namens der Agudas Jisroel-! >rtsgruppc in Wiener- Neustadt seiner Solidarität mit der Resolution Ausdruck. Als letzter Redner tritt ein Palästinenser, Herr Lewi Kahane, auf. Er schildert die Leiden, denen die palästinensische orthodoxe Bevölkerung, die die zionistische Geistesrichtung ebenso verwirft. wie die gesamte gesetzestreue Judenheit in den anderen Ländern, von den zionistischen Reformern in geistiger und wirtschaftlicher Beziehung ausgesetzt sind. Hierauf schließt Herr Wolf Pappenheim die Versammlung. Die 14 millionen°Dollar°Kampagne des joint. Zu dun 14 IxIiJlionon Dollar, welche das Joint in diesem Jahre für die Kriegsopfer sammeln will, hat Chicago bereits 2,000.000 Dollar aufgebracht. Davon hat Julius Kosenwald allein eine Viortelmillion Dollar gespendet. (Der große Philanthrop hat im Jahre 11)17 eine Million Dollar dem Joint zur Verfügung gestellt.) Philadelphia hat in einer Woche 1 Million gezeichnet, San Francisco 300.000 Bufallo 150.000, New York will 5,000.000 beitragen. Die Kampagne in New York wurde feierlich mit einem Festbankett für 1000 Personen eröffnet. Zu diesem Bankette haben sich soviel Teilnehmer gemeldet, daß es in zwei Teilen abgehalten wird, und zwar werden zur gleichen Zeit tausend Personen im Hotel Cominodore und tausend Personen im Hotel Biltimore das Bankett abhalten. (Die Gesamtsumme der vom Joint bisher aufgebrachten Beträge macht 47 Millionen aus.) 5000 Sammler für unsere Notleidenden. — Ein Vorschlag an das Joint. Man berichtet uns aus New York: Die Kampagne für die Sammlung von 5,000.000 Dollar in New York für die Zwecke des „Joint" hat mit größerer Ambition als je begonnen. Nicht weniger als 5 0 00 Sammler, eingeteilt in 50 K ompagnie n, haben am 20. Februar den Sturm auf das Publikum begonnen. Schon am ersten Tage wurde dem „Hauptquartier" die erste erfolgreiche Operation gemeldet, die- 175.000 Dollar eingetragen hat. AdolfLewisohn hat sich an diesem Tage nochmals mit 25.000 Dollar eingestellt (zusammen 50.000 Dollar), Herbert Lehman n mit 25.000, Samuel U n t e rm eyer 10.000, der aus Ungarn stammende M. D. S t e u e r mit 5000. Bemerkenswert ist auch, daß die römisch-katholischen Pfarrer Rev. J u m e s Byrnes und Rev. P. K. C o 11 i n s je einen Scheck für Joint-Zwecke gesendet haben. An den Spenden haben sich beteiligt folgende Synagogen: Washington Heights 27.000 Dollar, Peniel 6000, Berg Nebo 5000, Ft. Washington 3500, Temple of tlie Covenant 3500, Berg Sinai 8O00, Free Synagoge 2500. Bne Israel 1500, Aha was Isroel 1500, Temple Israel 400, der Staatsmann Baruch 12.500, das Warenhaus Gimbel brothers 5000. In einem großen Meeting im Hotel Robert Treat wurden 150.000 gespendet. Es sprachen Frau Dr. Kohut-Bettelheim, M. Becker und Dr. Kraß. In St. Paul und Minneapolis wurden 225.000 Dollar gezeichnet und die gleiche Summe noch weiterhin versprochen. Der New Yorker Bürgermeister Hylan fordert in einem Schreiben jedermann zur Unterstützung des Joint auf. Soweit unser Bericht. Wir fragen aber wiederholt, warum eigentlich nicht bei uns selbst für das Joint gesammelt wird. Ursprünglich war die Jointhilfe als eine SOprozentige Ergänzung unserer eigenen Hilfskassen gedacht. Natürlich hätte die Joint geldgebarung da in die Hände von großen Philanthropen liegen müssen, wie es drüben der Fall ist. Die unglückliche Situation des von den jüdisch-nationalistischen Terroristen eroberten Joints in Polen, Oesterreich und in der Slowakei hat jede Teilnahme der kapitalskräftigen Kreise verhindert. Wir haben bereits einmal darauf hingewiesen, daß das Joint hier nicht nur eine A u s z a h 1 s t ß 11 e, sondern auch die Sammelaktion in gleicher Weise organisieren soll, wie es in Amerika geschieh t. Es wird wohl stets vom Joint der Wunsch verlautet, daß man auch hier das Seinige tun möge, um den eigenen Armen zu helfen; allein hier eine die ganze jüdische Gesellschaft umfassende Sammelorganisation zu schaffen, ist nur das Joint imstande. Aus eigener Initiative kann hier durch den blauweißen Terror nichts entstehen. Das „Morgen- Zeitung"-Detachement hält die jüdische Oeffentlichkeit in Schrecken. Es ist das nicht jedermanns Die Ereignisse in Jerusalem. Orthodoxes Massen-Meeting in Wien.