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Jüdische Presse · 1922-03-17 · 11 (17.3.1922) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
11 (17.3.1922)
Date
1922-03-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V.b.b. .„ -■--r:.«g JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, IL, Obere Donanstr. 91. — Telephon 48.142. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag-. Nr. 11 Öfcettomoral. Rabindranath Tagore läßt einmal eine seiner Gestalten sagen: Nicht der Boden ist das Vaterland, sondern die Menschen darauf. Man könnte sogar ergänzen, die Menschen, die darauf lebten und die darauf leben werden und doch würde das Wort Rabindranath Tagores selbst in dieser Erweiterung nicht all das umfassen, was uns mit dem Lande der Väter verbindet. Unsere geschulten Leser werden sofort den feinen Unterschied empfinden, der damit beschlossen liegt, ob ich sage, Vaterland oder Land der Väter. Nicht als Vaterland, sondern als Land der Väter hat der Allmächtige die Heimat der sieben Völker uns überantwortet. In dieser Erkenntnis wurzelt der Ideenkampf, zu dessen Durchführung uns unter dem Stichwort Ghettomoral ein antiklerikaler Schriftsteller die Kraft abspricht. Mit demselben Stichwort schuf man vor fast hundert Jahren das Verdikt, mit dem man diejenigen verfehmte, welche damals gegenüber den zu jedem Opfer an Untreue bereiten Emanzipationsfreudigen das Festhalten an der Väter Sitte verkündeten. Der Zionismus in seiner Jugendblüte wußte sogar diesen Beharrlichen dank, weil er in ihnen die Retter und Erhalter des Judentums erblicken mußte. Und im Namen dieser unvergeßlichen Heroen der Treue legen wir zunächst Protest ein gegen die Prägung des Wortes Ghettomoral. Als ob die Ahnen, welche das Diktat von Zwingherrn im engen Raum, sei es Ghetto oder Tscherta (der Wohnungsrayon im Zarenrußland), gepreßt hatte, moralisch minderwertig gewesen wären. Wir protestieren dagegen auch im Namen sämtlicher ostjüdischen Brüder und Schwestern, welche bis 1917 in solcher Enge leben mußten. Wenn der Partei- ■ fanatisriiUb*tfleht sö grotesk entartet* wäre; so würde jeder Jude, in dem noch eine Spur von Moral und Gerechtigkeitssinn lebt, geradezu mit Bewunderung von den Worten sprechen, welche Ghetto und Tscherta gerade auf dem Gebiete der Moral ge- Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K2000, Ungarn K 250*—, Tschechoslowakei Kc. 70--, Deutschland Mk. 60« — , Schwei?. Frcs. 10* —, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 40 Dinar, Polen Mk. 1200-—. Einzelnummer d.-ö. K 50 —, Kc. 1-50. schaffen haben. Darum ist das Wort Ghettomoral ein solches, welches nur vollkommen übelwollender Antisemitismus schaffen kann, welcher bekanntlich die Methode hat, Verirrungen Einzelner auf das Konto der Gesamtheit zu stellen. Wie kann nur eine jüdische Feder ein Jahrtausend jüdischer Geschichte so deklassieren? Auf der anderen Seite müssen wir allerdings dem antiklerikalen Schriftsteller unsere Anerkennung aussprechen, daß er, höchstwahrscheinlich ungewollt, die geschichtliche Wahrheit aussprach, daß die Aguda die einzige, geradlinige Fortsetzung des alten Judentums ist, indem er all diejenigen Kreise, die unter türkischer Herrschaft für die Besiedelung Palästinas Sorge trugen, mit der Aguda identifiziert. Da wäre nur endlich einmal eine klare Bemerkung am Platz. Solange es wirkliche Ghettomoral gab, konnte von Assimilation nicht die Rede sein, weder von Assimilation des Individuums, noch von der modernsten Assimilation, von der der Gesamtheit. Die Ausbreitung und die fortschreitende Organisation der Aguda gestaltet das Problem der Haltung der Aguda zu den innerpolitischen Fragen der verschiedenen Länder zu einer der aktuellsten Fragen. Zwei entgegengesetzte Erwägungen verlangen hier einen befriedigenden Ausgleich, der nur mit richtigem Takte herbeigeführt werden kann. Vor Allem ist jeder Schein Beeinflußung der innerpolitischen Verhältnisse der Juden seitens irgend eines im Auslande existierenden Zentrums streng zu vermeiden. Was wir bei den Jüdischnatipnalisten^ak .sq^unheilvoll^ b'eMmpfen,31e" Täfsache S'äeT'nur ^YT^Änsc^em^ als ob eine der im „Protokolle der Weisen von Zion" gezeichneten jüdischen Internationale auch nur im Entferntesten ähnelnde Weltorganisation existiere, muß natürlich auch in der Agudapolitik Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 30* — . Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. | 8. Jahrg. Der Jude, der den Sabbat beobachtet und den Speisegesetzen entsprechend Haus und Tisch führt, war und ist gegen jede Gefahr der Assimilation gefeit. Gerade um der wahren jüdischen Kultur eine Heimstätte im Lande der Väter zu schaffen, hat die „Ghettomoral" die Institution der Ghaluka geschaffen, wobei noch zu sagen wäre, daß wir zwischen Subvention und Ghaluka einen so großen Unterschied eben nicht, finden können. Uebrigens, warum sollten wir es nicht eingestehen? Ja, wir furchten für die Ewigkeitswerte, die im Ghetto trotz allen Leides, trotz allen Spottes eine so sorgsame Pflege gefunden hatten. Wir fürchten eine von den Sabbatschändern in Szene gesetzte Assimilation. Diese Furcht ist unsere Ehre. Und was den Korach anbetrifft; meint der antiklerikale Schriftsteller vielleicht damit Stuart Samuel, der, wahrlich nicht der Aguda zu Liebe sagte, daß Northcliff weise und mäßig sprach? P. K. streng vermieden werden. Die internationalen Aufgaben der Aguda können daher nur religiöser und philantropischer Art sein. Die Aguda-Landesorganisation als solche müßte diepolitische Betätigung einer zu diesem Zwecke geschaffenen, vom Staate anerkannten Vertretung der Orthodoxie überlassen. Es ist zulässig und natürlich, daß auch diese Organisation eigentlich von Agudisten geleitet sein würde, sie darf aber nicht dasselbe sein. Es ist wünschenswert, daß sie solidarisch, aber nicht identisch sei. ,^5, t^^^^^^^^...........;u """"feeft der BaUcanfsierung Ifuropas dräuen in vielen Staaten dieseits und jenseits der Grenzbarriere oft die haßvollsten Gegensätze. Das glaubenstreue Judentum ist schon von seinem eigenen Religionsgesetz verpflichtet, aus der Pflicht des Staatsbürgers die Wien-Bratislava, 17. März 1922 .a-enn hk p rrnDDsns " nn rry:: Hguda und CattdespolitiK. (Eine bescheidene Privatansicht.) Rcb Itscbc Kapitalist. Ein Bild von der Windbörse. Von Sch. Schönfeld (Wien). Uebersetzung aus dem „Yddi^chen Leben" (Kowno). Nicht etwa darum, weil Reb Itsche wirklich ein Kapitalist gewesen wäre, wurde ihm dieses Prädikat verliehen, nicht weil er etwa große Geschäfte geführt hätte, oder gar nur den Hang zu solchen verspürt hätte, nein, nur ein Zufall von nebenher hat ihm dieses Glück gebracht. Unsere Weisen sagen ja: „Mancher erwirbt sich seine Welt in einer Stunde", aber Reb Itsche hat nicht einmal in einer Stunde, sondern in einigen Minuten „soche gewesen" zu dem respektablen Beinamen „Kapitalist". Gewöhnlich hat unser Reb Itsche gelebt wie alle unsere Reb Itsches, das heißt, er hat gelebt in einem kleinen Städtel in Galizien und hat sich ernährt „kekelew u'keoirew" (wie der Hund und der Rabe), ein bißchen vom Klall, „wer da gibt Leben gibt auch Speise" sagen unsere Weisen, und ein hübsch wenig auch von Irdischem, was heißt das? Er hat gehandelt und geknellt (Unterricht gegeben). Reb Itsche ist kein gewöhnlicher Melamed gewesen; er respektierte das „Mo ani bechinom af atem bechinom" (So wie G-tt die Lehre ohne Entgelt gab, soll auch der Talmudlehrer sie weiter ohne Entgelt geben). Deswegen hat er — so hat er sich stets gewissenhaft verantwortet — in den Nachmittagsstunden ein bißchen dazu gehandelt, damit der Erwerbsverlust, den er durch den Unterricht erlitten hatte (unter welchem Titel eine Entlohnung des Talmudlehrers erlaubt ist), als ein berechtigter Anspruch erscheine. So blieb er dem Talmudgebot gerecht — wie es eben alle unsere Melamdim tun. Wenn ihr erfahren habt, daß Reb Itsche ein j bißchen geknellt und ein bißchen gehandelt hat, so versteht ihr gewiß darunter, daß sein Handel bestanden wäre, etwa in Schemura Mazze auf Pessach, in Esrogim zu Sukkoszeit oder Olivenöl zu Ghanuka, o da seid ihr just im Irrtum! Warum? Mit solchen Sachen wollte Reb Itsche absolut nichts zu tun haben. Reb Itsche hat diesen Handel mit „Mizwos zu ihrer Zeit" geradezu für einen Issur (Verbotenes) gehalten, für ein „kardum lachpor bo" (Man soll ein frommes Werk sich nicht „als Spaten zum Graben" benützen). Sondern, sein Handeln bestand in Kauf und Verkauf von allem was da existiert; einmal wurden ein paar Kilo Butter gekauft und „vereinzelt", ein anderes Mal trafen sich Federn zum Schleißen und auch just der Handel mit Altwerk. Aber unser Reb Itsche konnte nie eine lange Zeit dasselbe Leben führen, er strebt einmal immer nach etwas Neuem. Und so verbreitet sich einmal plötzlich im Städtel die Neuigkeit, daß Reb Itsche Belser — er war der einzige Belser Ghossid im Städtel — sei verreist — auf längere Zeit! Reb Itsches Reise hat das schläfrige Städtel schon ein bißchen aufgerudert. Warum? So lange wie Reb Itsche schon im Städtel wohnt, hat er das Städtel nie verlassen mit Ausnahme der Jomim towim, wo er zumRebbe nachBels gefahren ist — und jetzt, ist es schon eine Geschichte von schier zwei Monaten und en kol ween oine („keine Stimme, keine Antwort"). Da, an einem schönen, hellen Tag, wird ein Lärm im Städtel, Reb Itsche ist zurückgekommen und hat sich aufgestellt — eine Fabrik! In damaliger Zeit (etwa vor 15 Jahren) eine Fabrik! Man kann sich den Eindruck nicht vergegenwärtigen, den das Wort Fabrik in dem galizischen Städtel hervorgebracht hat! Damals lag das kleine Städtel noch weit von jedem sogenannten Jischub, kein Pfiff der Eisenbahn ist hieher gedrungen. Die „Haskole" (Bildung) des Städtel bestand in der Wissenschaft von einigen Fremdworten, wie zum Beispiel „Emanzipazie", „Sensazie", „Elektrisazie" usw.Mimele ist: „Fabrikazia", gleichzeitig ein Produkt der Bildung gewesen, ein ganz außerordentlicher Begriff für alle Einwohner des Städtel. Nun, da läßt sich leicht der Rummel begreifen, der da im Orte entstanden ist. Man erzählte sich erregt, daß im Städtel eine Fabrik errichtet werde, und das Erstaunlichste, daß der Inhaber der Fabrik kein anderer als Reb Itsche Belser sei. Die meisten glaubten es gar nicht. Was tut man aber, wenn einer nach dem andern kommt, und erzählt, daß er, als er an Reb Itsches Wohnung vorbeikam, ein Klappern von Maschinen gehört habe, daß die ganze Gasse gezittert habe? Ein Tag ein, ein Tag aus, das ganze Städtel hat schon Reb Itsches Fabrik besucht und mit eigenen Augen gesehen, daß Reb Itsche zwei Strickmaschinen gebracht hat, er hat selbst die Kunst der Fabrikation erlernt und man arbeitet „auf was die Welt steht"! „Fabrikazie", das war endlich eine fesselnde Beschäftigung für Reb. Itsche, und trotz seiner unbeständigen, zu neuen Dingen drängenden Natur, war er schon schöne paar Jahre Fabrikant, ohne über ein neues Geschäft zu „klären". Aber während R. Itsche sich in seiner Rolle als Fabrikant gefühlt hat, haben andere dafür gesorgt, daß er sich um ein neues Geschäft umsehen mußte. Im Laufe einer kurzen Zeit begannen im Städtel die Strickmaschinen aus dem Boden zu sprießen, wie Schwämme nach dem Regen, und jeder suchte mit Reb Itsche zu konkurrieren. Lange konnte Reb Itsche die Konkurrenz nicht aushalten. Er fand keine genügende Arbeit und mußte die Fabrikation einstellen. (Fortsetzung folgt.) Engros und Erzeugunga I., Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt);-: Telephon 67-302 Detailverkaufs -Niederlage s L, Graben 28 Erstklassige Modelle In Damenpelzmäntel, Herrenpelze, Füchse Schiff" Pelzwarenhaus

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