Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 10 (10.3.1922)
- Date
- 1922-03-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2629891-2629953-2629963--0542-2632185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 58 JÜDISCHE PRESSE Nr. 10 der Gesamtheit reiche Früchte bringen werde. Redner fesselte die Zuhörer mit seinem geistreichen Diwre Thora. Der Dank der Versammlung' drückte sich in anhaltenden Applaus aus. Rabbiner Hirschler schloß hierauf die Versammlung. Eine Truppe „erwachender Juden" hatte sich eingefunden, um den mächtigen Eindruck der Kundgebung der ehrwürdigen Führer womöglich zu versauern. Die edlen Burschen machten alles mehr als geistreiche Zwischenrufe, sangen hie und da einige Takte Hatikw.i, ruinierten die Fessel und warfen — Stinkbomben. (Wie entrüstet tut die Jabotinsky-Presse, daß Oberrabbiner Weber dieses Milieu mit dem Stinkbomben-Baeran verglichen hat!) Einer von denen, die sich Zionistcnführcr nennen, erschien am Podium, schimpfte seine Genossen wegen ihres Benehmens weidlich aus und jammerte um Ruhe, sie aber sangen und — stänkerten weiter. Daß die Zionisten in Preßburg seither nicht im besten Gerüche stehen, ist begreiflich. jabotinsky liefert jüdisches Kanonenfutter. Man traut seinen Augen nicht, wenn man in den einlaufenden amerikanischen Blättern einen Aufruf Jabotinskys zur Bildung einer internationalen jüdischen Selbstwehr liest. In New York ist bereits die Legion gegründet und in deren Namen werden alle jüdischen Kriegsteilnehmer der Welt aufgefordert beizutreten. Diese ungeheuerliche „Aktion" des in der offiziellen Delegation wirkenden Jabotinsky, der damit auf den Beschluß des zionistischen Aktionskomitees pfeift, ist nichts als eine im Interesse Petljuras und einer offenbar stark arbeitenden englischen Militärpartei funktionierende militärische Agentur. Mit der Keren hajessod Delegation reist auch der Nichtjude Oberst Patterson, den wir als Paten bei der berüchtigten Petljura-Abmachung wirken sahen. Slavinsky berichtet über ihn, daß er ein wichtiger Vertrauensmann des englischen Kriegsministeriums sei. Schmachvoll ist die Haltung der von Jabotinsky abhängigen zionistischen Parteipresse, die diesen unerhörten Handel mit Mens'chenfleisch nicht zu stigmatisieren wagt. Daß dieser Streich Jabotinskys die Lage der Juden in Erez Jisroel neuerdings verschlimmert, beschwert ihr Gewissen nicht. Für das Agententum ist durch die von der Unabhängigkeitserklärung Aegyptens bedingte stärkere Agitation im Oriente eine gute Konjunktur gekommen. Die Lage *er Juden in Palästina hat sich dadurch verschlimmert, aber für die zionistischen Führer sind gute Chancen entstanden. Den Vogel schießt Jabotinsky ab, denn militärische Propaganda ist die dankbarste aller Agentenaufgaben. Wir sind neugierig, wie sich Herr Oberrabbiner Ghajes dazu verhält. ' Cord ßortbcliffe über die Eage in Palästina. (JPZ) Auf der Rückreise von Palästina wurde Lord Northcliffe in Kairo von fast allen ägyptischen Zeitungen .ersucht, eine Erklärung über die Lage in Palästina abzugeben, an der Aegypten sehr interessiert sei. Northcliffe veröffentlichte nur von dem Verlassen Aegyptens in der „Times" folgendes Statement: Als es bekannt wurde, daß ich beabsichtige, Jerusalem zu besuchen, um für die Leser meiner Zeitungen die wahre Lage in Palästina festzustellen, betreffs derer so verschiedene Gerüchte kolportiert werden, hat der High-Commissioner, Sir Herbert Samuel, mich eingeladen, sein Gast zu sein. Bedauerlicherweise war der High-Commissioner bei meiner Ankunft in Palästina krank, sodaß ich keine Gelegenheit hatte, ihn zu sprechen. Es wurde mir aber die Möglichkeit gegeben, im Regierungspalaste Deputationen von Zionisten, von orthodoxen Juden, die Gegner des extremen Zionismus sind, von palästinensischen Muselmanen, die man gewöhnlich Araber nennt, wie auch viele Christen zu empfangen. Ich habe mit über 200 Personen gesprochen. Zu allererst besuchte ich die wohlhabende und friedliche jüdische Kolonie Rischon le -Zion, die. vor 40 Jahren auf sehr ungünstigen Boden von Baron Edmond de Rothschild gegründet wurde. Dort leben die Juden in friedlicher Nachbarschaft mit ihren muselmanischen Nachbarn. Diese und andere blühende Kolonien sind ein Zeichen für die Möglichkeit, Palästina mit der richtigen Art Juden zu kolonisieren. Man darf nicht vergessen, daß die Bevölkerung Palästinas aus 700.000 Muselmanen und Christen und 70.000 Juden besteht, eingeschlossen die orthodoxen Juden, welche Gegner sind „der eindringenden, alles an sich reißenden, dominierenden Methoden vieler der neuankommenden zionistischen Juden, wie es Dr. Eder undandere in einigen der jüdischen Zeitungen zum Ausdruck gebracht haben". Als alter Förderer der zionistischen Ideale in meinen Zeitungen war ich sehr enttäuscht, und machte auf mich einen starken Eindruck der unglückliche Zustand des ehemals friedlichen Palästina, wie es zum Vorschein kam bei den Jaffaer und anderen fatalen Unruhen, bei der erst unlängst gemachten Entdeckung, daß Juden versucht haben, in Bienenstöcken verborgene Revolver einzuschmuggeln und daß die Wege jetzt patrouilliert werden müssen von Bewaffneten und gepanzerten Automobilen und Aeroplanen. Das, was mir englische und amerikanische Missionäre, wie auch Geistliche hier berichtet haben, lautet sehr ungünstig für den extremen Zionismus. Ich habe mich überzeugt von der Angst, die bei der muselmanischen und der christlichen Majorität wegen der Reden herrscht, die die zionistischen Führer in Palästina, England, Amerika und Europa gehalten haben. Diese Reden, wie auch geschriebene Artikel, haben bei den altansäßigen Bewohnern Palästinas die natürliche Meinung erweckt, daß die zionistischen Juden entschlossen sind, die Kontrolle über das Land vollständig an sich zu reißen. Die in Palästina geborenen Juden, wie auch die englischen Einwohner, sind große Gegner der Arroganz und Großtuerei der neuen Ankömmlinge aus den Ghettos Ost- und Zentraleuropas, der Chaluzim, wie man sie nennt, denen man, wie es scheint, nicht beigebracht hat, daß in allen Ländern Immigranten nach ihrem Benehmen beurteilt werden. Ich kann mich nicht zurückhalten von derVoraüssage, daß in Palästina auch fernerhin ernste Unannehmlichkeiten vorfallen werden, wenn nicht die große Zahl der gemäßigten Zionisten in der ganzen Weit die Extremisten zurückhalten werden. Man hat mich auch darum ersucht, daß die Einzelheiten betreffs gewisser Konzessionen, wie zum Beispiel die Kontrolle über die Wasserkräfte, veröffentlicht werden und untersucht werden sollen von Experten in London, beziehungsweise des ganzen Unternehmens, wie auch des vorgeschlagenen Preises für Licht und Kraft. Man lenkte meine Aufmerksamkeit auch darauf, daß die englische Regierung die Forderung erheben soll, daßallehier zu nötigen Maschinen in England und nicht in Deutschland gekauft werden sollen. Das sagten mir fast alle Delegationen, wie auch viele englische Einwohner von Palästina und Kairo. Der Eindruck, den ich nach vielen Jahren der Abwesenheit von Palästina gewonnen habe ist, daß das Land sich jetzt in einer sehr, unglücklichen ■ Lage befindet.' Die wahre Lage ist in England unbekannt. Ich schlage vor, daß das Parlament, die Presse und der englische Steuerzahler eine vollständige, öffentliche Untersuchung beziehungsweise der Angelegenheiten in Palästina, fordern sollen. Meine Meinung ist, daß, falls man jetzt nicht die Lage mit Festigkeit behandeln wird und mit größerem Respekt für die 700.000 palästinensischen Muselmannen und Christen, die Gefahr droht, daß Palästina zu einem zweiten Irland werde. In Palästina macht sich eine große Anstrengung seitens Amerikas — vermittelst Missionären wie auch Juden — bemerkbar. Ich schlage deshalb vor, daß meine amerikanischen Zeitungskollegen in der Lage wären, gutes und wichtiges Material zu sammeln, wenn sie nach Palästina erfahrene Spezialkorrespondenten entsenden würden, die die arabische Sprache beherrschen oder in Begleitung vertrauenswürdiger und unabhängiger arabischer Dolmetscher. Sehr gute Arbeit wurde geleistet vom High- Cornmissioner, Sir Herbert Samuel, und den englischen Beamten der palästinensischen Verwaltung. Kein Wort des Lobes ist genug für die Bahnen, Wege und die verbesserten Sanitätsverhältnisse in Jerusalem. Benötigt werden außerordentlich Bahnhotels. Ich muß auch zugeben, daß ich, bis auf einige zionistische Extremisten, von niemandem irgend welche Kritik am High-Commissioner vernommen habe dessen Aufrichtigkeit in dieser so schweren Lage, alle zugeben mußten, obwohl viele der Meinung sind, daß die Ernennung eines Juden zum High-Commissioner von Palästina ein Fehler gewesen sei. _ Zweiter jüdischer tiemeindetag in Litauen. Sieg der Orthodoxen. Der zweite jüdische Gemeindetag in Litauen wurde am 16. Schewat (14. Februar) feierlich eröffnet. Nicht nur die litauischen Juden, sondern die ganze jüdische Welt lenkt ihre Aufmerksamkeit auf dieses Ereignis, denn der Gemeindetag soll den jüdische^ Nationalrat wählen, welcher dann durch die litauische Verfassung sanktioniert, die offizielle Vertretung der jüdischen Bürger in Litauen sein soll. Da nun die Entwicklung der jüdischen Institutionen in der nächsten Zukunft von dieser Körperschaft stark beeinflußt werden, haben die einzelnen jüdischen Parteien in Litauen ihre volle Aufmerksamkeit dieser Ereignisse zugewandt. In besonders heikler Situation haben sich die orthodoxen Juden befunden. Sie haben ja ganz andere Wünsche in Betreff der nationalen Autonomie und betreffs der Aufgaben, welche dem jüdischen Nationalrat zufallen. Die anderen Parteien haben mehr politische Bestrebungen zur Befriedigung ihres nationalen, politischen und sozialen Ergeizes, der bloß nach dem Namen nach jüdisch, aber im Wesen ganz assimiliert ist, genügt, das Vorhandensein eines Nationalrates oder eines jüdischen Ministers welcher diese Aspirationen befriedigt. Hingegen haben die Orthodoxen einen ganz bestimmten Pflichtkreis in be^ug auf Erziehung, auf soziale Betätigung die durch Thora und Tradition eindeutig bestimmt sind. Und somit war von vornhinein die Freude der Orthodoxen^n der jüdischen Autonomie stark beeinträchtigt durch die Besorgnis, ob dies innerhalb dieser, die gesamte Judenheit Litauens umfassende und staatlich sanktionierte Autonomie ihre alte durch Jahrhunderte bestehende innere Autonomie in Gemeindeschule und Haus vollauf berücksichtigt und gewahrt wird. Gerade diese wichtigsten Probleme für einen orthodxen Juden haben die anderen Parteien von vornherein aus dem Komplex der Beratungen ausscheiden wollen. Also wollten die anderen Parteien mehr die äußeren Rahmen der Autonomie, hingegen die Orthodoxen die internen Fragen der Autonomie in Ordnung bringen. Dies waren auch die Hauptpunkte mit denen die Parteien in den Wahlkampf getreten sind. Die vereinigten orthodoxen Parteien unter denen Agudas Jisroel eine führende Rolle spielt, sind unter dem Namen Achdus als stärkste Partei aus dem Kampfe hervorgegangen. Sie haben 40 Prozent der Stimmen auf sich vereinigt und da die übrigen Parteien die Agitation im Wahlkampf bedeutend besser als die Orthodoxen verstehen, geben diese 40 Mandate den Orthodoxen das Bewußtsein, daß sie tatsächlich die Majorität der Juden Litauens repräsentieren. Mit Rücksicht darauf hat auch ihr Führer, der Vize-Minister Dr. Rachmilewitsch, die feierliche Tagung eröffnet. Besonders hat diese feierliche Eröffnung an Bedeutung dadurch gewonnen, daß der Ministerpräsident Galwanowsky selbst im Namen der Regierung an der Eröffnung teilgenommen hat und auch die Eröffnungsrede von Dr. Rachmilewitsch in einer warmen Rede beantwortet hat, in welcher er versprach, daß die Regierung mit vollen Verständnis den Wünschen der jüdischen Bevölkerung entgegensteht, sie würdigt voilauf die Verdienste der Juden dem Staate gegenüber und in Anbetracht des Radikalismus der Linken und Zionisten war nicht uninteressant der Passus, daß der Ministerpräsident persönlich das jüdische Volk hochachtet, weil es den Glauben an den einzigen Gott der Welt geschenkt hat. Nach dem Ministerpräsidenten kam der russische Minister Herr Z w i k o w i t z zum Worte, der im Namenseines Landes die wichtige Tagung begrüßte. Dann haben noch Herr Heilmann im Namen des lettischen Parlaments und dann Bürgermeister der Stadt Kowno Wiljeschim und im Namen der Kontrollkommission beim Völkerbunde Herr Jamina gesprochen. Außerdem wurden eine ganze Reihe von Begrüßungstelegramme, darunter auch vom Zentralbureau der Agudas Jisroel vorgelesen. Die zweite Sitzung war nun der sachlichen Arbeit gewidmet, wobei die Gegensätze zwischen den Orthodoxen und Linken stark zu Tagetraten. Es kam sogar soweit, daß während der Rede des demokratischen Spreehers, der in scharfen Ausfällen' die Orthodoxie beschimpft hat, die orthodoxe Partei demonstrativ den Saal verlassen hat und erst nach langwierigen Unterhandlungen an den Beratungen wieder teilgenommen hat. Die Beratungen der zweiten Sitzung wurden mit den prinzipiellen Deklarationen der einzelnen Parteien ausgefüllt, nur am Schlüsse gelangt der Bericht über die Tätigkeit des Nationalrates vor das Plenum. (Weiterer Bericht folgt.) Kritische Rundschau. „Das Produkt des unproduktivsten Geistes." Der Herausgeber der „Wiener Illustrierten Zeitung"' sieht sich sonderbarster Weise veranlaßt, der Talmud- Uebersetzung des Burg-Verlages folgende höchst unliebenswürdige Geleitworte mitzugeben: „Dr. Schlögl übersetzt nicht nur das Alte Testament, er gibt auch zum erstenmal eine vollständige Uebersetzung des babylonischen Talmud heraus, die jüngst zu erscheinen begonnen hat. Wenn nun einer imstande ist, das Produkt des unproduktivsten Geistes zu reproduzieren, die einzige Frucht einer einzigen Unfruchtbarkeit als Speise zu reichen, die Steine der dürrsten Wüste des Lebens als Brot zu bieten, statt den Abfall vom Mahle als Abhub zu verwerfen, so muß er wohl selbst ein Schößling aus jenem ganz verdorrtem Holze sein... . . . Da wir aber nur den Geist, aus dem heraus dieses Werk geworden ist, nicht gelten lassen können — weil er wahrster Ungeist ist — dem Fleische der Person können wir nichts anhaben wollen. . . . Der Herausgeber." Hiezu ist zu bemerken: Die Begriffe des Produktiven und Unproduktiven sind zumindest sehr relativ. Die jüdische Weltanschauung hält die Versittlichung der Menschheit und besonders des Judentumes als das höchste Ziel und alles was dazu an Mitteln geschaffen wird, als die wertvollsten Produkte und denjenigen, der ethischen Werte oder die entsprechenden Mittel schafft als den Produktivsten. Sie dankt dem Talmud, daß er das in Schande und Bedrückung lebenden Ghettojudentum vor dem Helotenlose des moralischen und geistigen Verkommenwerdens beschützte, es sogar über das sittliche Niveau der Zeit erhob, eine beispiellose ethische Disziplin schaffen konnte, die viele Generationen in eine Sphäre der geradezu hehren Sittlichkeit erhalten konnte. Der Talmud ist uns daher ein teueres Amulet, ein guter Hausgeist, eine Botschaft ferner Ahnen an alle ihre Geschlechter. Er wird niemals von Nichtjuden oder auch nur Juden begriffen werden, denen der Talmud nicht Hausfreund der Eltern und Gespiele der Jugend gewesen ist. /