Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 10 (10.3.1922)
- Date
- 1922-03-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5t> JUDISCHE PRESSE Nr. 10 in Prag ihren Kriegsplan weiter ausgehegt haben, gleich einen jungen Herrn vom Nationalrat mit nach hier (ich werde am Ende dieses Briefes die mir durch einen Zufall hier mitgeteilte Charakteristik dieses Herrn wiedergeben), der. wie es in einem Rendite des Träger Zionistenblattes ..Selbstwehr" heißt, hier ..seine auf die Konsolidierung der Judenschaft der Podkarpatskä Kus abzielende Tätigkeit fortgesetzt hat." Die eben erwähnte Notiz, welche mir gleichzeitig mit der Nummer Ihres geschätzten Blattes zugeht, berichtet über eine Sitzung des Nationalrates vom 28. Februar, welche „d e r B e s p r e c h u n g d e r A n g e 1 e g e n h e i t e n der Po d k a r p a t s k ä R u s" ausschließlich gewidmet und bei welcher sich an der Debatte Oberrabbiner Dr. Hrody, Dr. Lieben. * Dr. Singer usw. beteiligten und bei welcher dem eben aus Podkarpatskä Rus zurückkehrenden letzten Ausseudling des Nationalrates, Dr. L.. für sein „Wirken" sowohl auf zionistischem, als auch politischem Gebiete der Dank ausgesprochen wird. Ich möchte nur bemerken, daß die Spuren der regen Tätigkeit, gewisser Herren bald auffindbar waren. Die jüdischkonservative Partei bemüht sich seit Monaten, daß die so schwierige Frage der Lizenzen in einer für die Juden erträglichen Weise gelöst werde und auch in der Präsidenten-Audienz bildeten, wie bekannt, Bitten und Vorschläge der Vertreter der konservativen Partei den Gegenstand von Verhandlungen. Nun erscheint vorige Woche eine Deputation bei den hiesigen Amtsstellen, protestiert gegen die Aktion der konservativen Partei und speziell dagegen, daß dieselbe Fragebögen an die jüdischen Lizenzinhaber ausgesendet hat, was, nebenbei bemerkt, eine ebenso dringlich notwendige, wie mühevolle Arbeit ist, und bringt es zu Wege, daß die Zusage, einen jüdischen Vertreter in die Kommission für Neuverleihung der Lizenzen zu berufen, welche der konservativen Partei gemacht wurde, amtlieherseits zurückgezogen wird. Ich frage nun: Ist so etwas erhört und wird 'man die auswärtigen Hetzer, die allerdings leider auch einen, wenn auch nur kleinen „gesinnungstreuen" Kreis von „Mitarbeitern" hier finden, für die Schädigung, die, G-tt verhüte es, tausenden von Existenzen durch ihr Vorgehen hier droht, zur Verantwortung ziehen können? Gleichzeitig wird ..publiziert", daß die konservative Partei aufgelöst, ihr vielgehaßtei; Prager Bevollmächtigter abgedankt hat und die Neuerrichtimg der „V er einigte n jüdische n P a r t e i e n" eine Frage weniger Tage sei. Dabei bringen gleichzeitig die Blätter gerade in den letzten Tagen Nachrichten über eine Errungenschaft der konservativen Partei, welche durch Ungar beim Handelministerium in Prag einen kolossalen Erfolg in der Frage des Schutzes der hiesigen meist in jüdischen Händen sich befindlichen Weinproduktion gegenüber der rumänischen und ungarischen Einfuhr durchgesetzt hat. Ich könnte in dieser Art, wollte ich in unbescheidener Weise den Raum Ihres geschätzten Blattes, noch mehr als ich es schon tue« in Ansnruch nehmen, forterzählen, will mich jedoch nur darauf beschränken, zur Information der Oeffentlichkeit folgendes zu sagen: Wir Juden der L'odkarpatskä Rus wollen sicher zum größten Teile Frieden untereinander haben, wir haben große Sorten und" sehen noch ernsteren Zeiten entgegen. Wir sind in Russokarpatuien ein Faktor und werden uns mit Gottes Hilfe durchsetzen. Wir werden es aber nicht zulassen, daß mna unsere schwierige Lage von auswärts in gewissenloser Weise sich ausnützt und uns im Sinne uns ver¬ Seite und frug sie mit tiefer Bewegung: „Haben Sie nicht etwa vor 25 Jahren in Keresztur gewohnt!" — „Gewiß!" „War Ihr Mann in Szolnok eingekerkert?" — „Ja, er starb dort und auch mein armer einziger Sohn", sagte die Frau thränend. „Weinen Sie nicht, und machen Sie sich auf eine Nachricht gefaßt. Ihr Mann starb dort allerdings, aber das Kind habe ich gerettet und erzogen. Der Bräutigam ist Ihr Sohn." Bald wußte die ganze Versammlung von dem seltsamen Geschicke. „Ich lebte im Auslande", erzählte der Fremde, „und war von der Heimat wie vom Judentum weit entfernt. Was ich sündigte, sei hier nicht erzählt. Genug, eine schwere Sünde lastete auf ineine Seele, ich wallfahrte zum Kallewer Heiligen, und bekenne seelisch und physisch gebrochen, meine Sünden. Er hört mich an und sagt: Kind, G-tt ist den Bußfertigen gnädig. Groß ist Deine Sünde, lege daher in die zweite Schale Deiner Wage eine gute große Tat, der Herr wird Dir dann vergeben. Einer meiner Getreuen schmachtet in Szolnok im Schuldengefängnis mit dem Kinde. Du bist reich und alleinstehend, gehe und befreie ihn. — Ich begab mich nach Szolnok, kam zu spät, der Mann war an demselben Tage gestorben, das Kind war für das Kloster bestimmt. Ich rettete — aber fraget nicht wie — das Kind und brachte es dem Kallewer." ächtlich erscheinender Prinzipien „führt". Wir brauchen die Herren Doktores vom Nationalrat. die eigene Sitzungen unserethalben veranstalten, absolut nicht, weder zu politischer noch zu religiöser Führung. Wenn Sie in Ihrem Artikel in der letzten Nummer der ..Jüdischen Presse" mit Recht erwähnen, daß man bei uns die Geschäfte, die am Schabbos offen sind, leicht abzählen kann, so muß man wissen, daß zum Beispiel in Frag bei über;5l).(KH) Juden, sage und schreibe, vier Geschäfte, darunter eine jüdische Buchhandlung,;im Schabbos gesperrt sind. Nach einer verläßlichen Statistik werden in Prag und in Bimmen nicht ganz 20 Prozent der neugebornen jüdischen Knalien in den Bund unseres Vaters Abrahams eingeführt, während mehr als 80 Prozent Arelim sind. Mögen doch die Herren Doktores vom Nationalrat, und in erster Linie der Oberrabbiner, den sie sich erkoren haben, d o r t die notwendige Arbeit für das Judentum verrichten und uns ebenso ungeschoren lassen, wie wir uns um ihre Angelegenheiten nicht kümmern. Wir Juden hier werden mit Gottes Hilfe zur notwendigen Einigkeit kommen, aber niemals auf der Grundlage der „Vereinigten jüdischen Parteien", welche die „Wahlfirma"- des Prager jüdischen Nationalrates bilden und deswegen von jenem ehrlichen Juden bekämpft werden, weil wir uns nie und nimmer der Führung des Nationairutes unterstellen werden. Es ist auch jedem, der den Frieden will, einleuchtend, daß nicht der N a m e das Ausschlaggebende ist. sondern die Tatsa che der Einigkeit. Wir werden uns die zionistische Wahlfirma der „Vereinigten jüdischen Parteien" nicht einschnuigeln lassen, wie es eine Anzahl von Agenten des Prager jüdischen Nationalrates versucht und werden nie unsere Stimmen mit den Juden, die in der nächsten Generation' 80 Prozent Arelim aufweisen, als gleichwertige jimische Stimmen in einen Topf werfen, sondern werden eine einheitliche jüdische Partei anstreben, die jedoch ausdrücklich die Bezeichnung „Russokarpathische jüdische usw." tragen muß. Hoffentlich kann ich Ihnen in absehbarer Zeit in diesem Sinne Günstiges merichten! Ein Konservativer. Oberrabbiner Kleber über die Gelegentlich des Aufenthaltes des Präses Oberrabbiner Weber in W ien, hat unser Mitarbeiter ihn über die gegen iln\„ gerichteten Angriffe der „W. M." befragt. Oberrabbiner Weber äußerte sich folgendermaßen: „Ich habe die Angriffe wohl gelesen, von denselben aber keine Notiz genommen. Sie gereichen mir zur vollsten Genugtuung, denn sie beweisen, daß meine Wege, die ich zur Stärkung des unverfälschten orthodoxem Judentums eingeschlagen habe, meilenweit von den Wegen der Inspiratoren dei „Wiener Morgenzeitung" entfernt sind, die ich und mit mir das gesamte orthodoxe Judentum als den geistigen und wirtschaftlichen Interessen des glaubenstreuen Judentums zuwiderlaufend halte. Ich möchte Ihnen einiges über den Zionismus oder sagen wir, über die nationaljüdisciie Bewegung, die in allen Staaten, in denen Juden leben im Mittelpunkte des lebhaftesten Interesse steht, sagen, dabei aber die religiöse oder besser gesagt, die glaubenswidrige Tend'enz dieser Bewegung nicht berühren, vielmehr die rein poltischen Gesichtspunkte in den Vordergrund meiner Ausführungen rücken. 0 Nach dem Plane der Zionisten sollten die 15 Millionen Juden, die getrennt in den verschiedenen Staaten und zerstreut unter den verschiedenen Völkern leben, zu einem einigen gemeinschaftlichen politischen Körper zusammengefügt werden, soll die Judenheit der ganzen Welt eine völkische nationale Einheit bilden und die kleinen, und oft nur winzigen jüdischen Minoritäten, als die die Juden bis nun in allen Ländern gelebt haben, sollen sieh fortab als Teile des großen 15 Millionen-Volkes betrachten-, um mit mehr Gewicht und Ansehen für ausschließlich jüdische Interessen t intreten zu können. So großzügig der Entwurf ist. lim so größer sind die Gefahren, die dem Judentum erwachsen würden, wenn der Plan e'urchgeführt werden sollte. Uebefall sollten sich die Juden als nationale Minderheiten deklarieren, um im Staate mehr zur Geltung zu gelangen. Aber um des Himmelswillen, wo auf dem ganzen Erdboden gibt es einen Staat, in dem die nationalen Minderheiten so zufrieden wären, daß sie ihr Los mit der Majorität nicht vertauschen möchten, daß es den Führern der national-jüdischen Bewegung als verlockend erseheint, die Judenheit zu veranlassen, anstatt wie bisher, sich zur Staatsmajorität zu bekennen, künftighin als nationale Minderheit aufzutreten? Der Weltkrieg und seine unheimlichen Nachwirkungen, das ganze politische Chaos, das momentan unter den mehrsnrachigen Staaten herrscht, haben ihren Ursprung* in der sich P. S. Was den letzten Aussendling des Nationalrates, einem Dr. L. betrifft, erzählt mir zu seiner Charakterisierung ein hiesiger Industrieller, der vor einigen Wochen in Prag war, folgendes: Ich wurde im Hotel J.. wo ich regelmäßig absteige, von einem Herrn aufgesucht, welcher mich um die Unterstützung der ..Mensa academica judaica" in Prag anging und mich gleichzeitig bat, ich möge zu einer Besprechung zur r rau des Präsidenten, des Nationalrates, gleichzeitig der Obmännin des Frauenkomitees dieser Mensa, kommen, um die Art und Weise einer planmäßigen Werbearbeit zur Unterstüztuug dieser Mensa in Russokarpathien in die uand zu nehmen. Ich war prinziniell nicht abgeneigt, um so mehr, als man mir sagte, daß auch eine größere Anzahl unserer Studenten diese Mensa frequentieren. Indessen fand ich es doch für gut, mich bei einem Freunde zu informieren und hörte folgendes: Die „Mensa academica judaica" in welcher allerdings die Ordner blauweiße Maschen tragen und man sehr viel Hebräisch sprechen hört, wird in den Lokalitäten eines früheren christlichen Gasthauses geführt, von welchem der größte Teil der Kochutensilien usw. üuernommen Winnie, Es wird ausschließlich trefeiies Fleisch und auch Schweinefleisch verabreicht, am Passah kommen, ohne Wechsel des Gesehirres, am ersten Abend „auch Mazzoth" auf den „Sedertisch" usw. Für zirka 80 Studenten, die bis auf einen oder zwei mährische, alle aus der Slowakei und Russokarpathien. eventuell Polen stammen, mußte eine e i g e n e k o s c h e r e Mensa errichtet werden, für welche auch Herr Ungar in erster Linnbesorgt ist. Ich, der ich selbst kein übertriebener Orthodoxer bin, habe natürlich mein Scherflein für die kos c Ii e r e Mensa hergegeben und zu meiner Genugtuung konstatiert, daß unsere karpathorussischen Studenten ausschließlich zu den Frequentanten der 1 e t z t e r e n gehören. Der Gründer und Hauptmacher der „Mensa academica judaica"' ist jedoch, wie ich von allen Seiten gehört habe, der seit längerem als zionistischer Studenteni'ührer auch dem Nationalist angehörende, bekannte D r. L„ der nach den Prager Berichten unsere Verhältnisse „konsolidieren" soll und zu diesem Zwecke jüngstens Russokarpathien bereiste. v jüdiscb-nationalismcbe Politik. in ihren Rechten verkürzt glaubenden nationalen Minoritäten. Und da glaubt man, das alte jüdische Problem dadurch einer befriedigenden...Lösimgzuzuführen, daß man diesen chaotischen Zustand auch auf das Judentum ausdehnt, in dem die jüdische Minderheit gleich allen anderen Minoritäten fortwährend bei der Staatsmajorität auf nationale Rechte pochen soll. Bei uns in der Tschechoslowakei hat man die Kühnheit, den jüdischen Massen einreden zu wollen, daß diese Minoritäts-Politik kein Minus sondern ein Plus an Rechten 'bedeutet. Das erinnert an den bekannten Tempeldiener einer 300 Mitglieder zählenden Gemeinde, der mit einem hervorragenden Genieindemitglied in Konflikt geriet, der zu einem hefitgen Auftritt führte. Als das Wortgefecht am heftigsten war und der Tempeldiener streng in die Schranken gewiesen wurde, richtete sich derselbe stolz erhobenen Hauptes auf und sprach voll Selbstbewußtsein: ,Cegen wen erlauben Sie sich diesen Ton! Ich gelte mehr als Sie in der Gemeinde. Tempeldiener gibt es nur einen. Mitglieder hingegen gibt es dreihundert!' Aehnlich dürfte es sich mit dem Plus an Rechten der jüdisch-nationalen Minderheiten verhalten. Wie war die Situation der Judenheit in den Ländern bis heuteV Jüdisch-politische Minderheiten hat es bis heute nicht gegeben. Die Judenheit bildete eine gleichberechtigte Religion wie die anderen und als solche konnte sich die Judenschaft eines jeden Staates frei und offen' als Teil der großen jüdischen Religionsgemeinschaft betrachten. Wenigstens wir orthodoxe Juden haben es immer offen verkündet, daß das unzerreißbare Band der Thora alle religiösen Juden zu einer, Einheit umschließt und kein Staat und kein noch so chauvinistischer Politiker konnte dagegen etwas einwenden, denn kein Staat kann und darf sich nach Konfessionen gliedern. Und ebenso wie kein Staat etwas dagegen hat, wenn ein Teil seiner Bürger sich zum katholischen Glauben bekennt und auf Grund dieses katholischen Glaubensbekenntnisses sich als Teil der katholischen Welt betrachtet, ebenso hat der Staat kein Interesse daran, die nach dem mosaischen Religionsg'esetz lebenden Bürger sie daran zu hindern, sich als Teil der religiösen jüdischen Gesamtheit zu fühlen. Ob die allgemeine Situation des Judentums, wenn der Plan von dem die Zionisten sprechen, sich an Stelle der religiösen Gemeinschaft sich die nationaleren repräsentieren," gleichbleiben würde, ist unseres Ermessens zumindestens zweifelhaft und