Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 10 (10.3.1922)
- Date
- 1922-03-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Obere Donaustr. 91. — Telephon 48.142. Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschlnß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Gangjährig: Für Osterreich K 2000, Ungarn K 250'—, Tschechoslowakei Kö. 70'—, Deutschland Mk. 60*—, Schweiz Frcs. 10- — , Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jugoslawien 40 Dinar, Polen Mk. 1000*—. Einzelnummer d.-ö. K 40 —, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 30* — Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 10 Wien-Bratislava9 10. März 1922 ♦D's-in -hx * msDDjns " nri rvps J 8. Jahrg. Purittn Auch Festtage haben ihr Schicksal! Sie werden oft vom Wellengange der Geschichte aufwärts und abwärts getragen. In Zeiten, wo übermütiges Selbstvertrauen der Vormundschaft der Religion zu entraten müssen glaub!e, trug die Strömung der Zeit dieErinnerungsfesteder Selbsthilfe, wie Ghanukahoch. Purim, das Fest der überirdischen, des über menschliche Kraft erhabenen Waltens sank dabei an Bedeutung herab. Die erwachende Jugend richtete sich gerne nur an historischen Vorbildern der Befreiung aus eigener Kraft empor. Wiederkehrt dann die Zeit, wo die Zuversicht in den dem Leitstern der Religion entrückten Wegen verblaßt, so langt der verschüchterte Geist wieder nach ermutigenden Exempeln, die G-ttes nimmer entschwindende Gnade und das Eingreifen höherer Mächte in Stunden hoffnungsloser Gefahr verheißen. So leuchten die Gestalten der Purimgeschichte wieder stärker, wie die im Tageslichte verblaßten Sterne bei Anbruch der Nacht. Purim ist allerdings das Golusfest par excellence. Die handelnden Figuren haben nichts von der klassischen Plastik der anderen biblischen Helden, die noch in der heiligen Erde wurzeln, öder wie Daniel noch den Geist Jerusalems ins Golusieben mitgebracht haben. In der Stunde der Not flammen nicht die großartigen Apostrophen gen den Himmel, die den Enkelkindern noch in späteren Jahrtausenden zum Gebete dienen. Golusmotive, Gohügeschicke und Golusmethoden. Aber für uns im Golus um so mehr Wegweisung und Vorbild. Bescheidenheit gepaart mit Stammesstolz, jedes zu seiner Zeit. „Esther erzählte nicht YjQji-il^ denn Mordechai hatte ihr anbefohlen, daß sie nichts erzähle." Es gibt ....Zeiten, wo es gebotene Tugend ist, Volksart und Stammeseigenheit nicht aufdringlich zu betonen! In der Stunde des Verhängnisses bricht aber dieses Bekenntnis stolz, leidenschaftlich und elementar aus: Nafschi bi-scheelossi we-ammi be-wakoschossi. Das ganze Bild der Purimgeschichte ist durchwoben von fremdartigen Kulturreflexen. Das Golus drückt dem jüdischen Leben seinen Stempel auf, die herbe Einfachheit der jüdischen Antike, der primitive Rahmen zu gewaltigen Porträts, wechselt hier ab mit der exotischen Pracht des weltbeherrschenden orientalischer Fürsten. Ein exilierter Stamm, in der zweiten Golusgeneration schon verkümmert, lebt da das Leben der Landfremden, steuerlos umhergetrieben im Wirbel des Völkerringens. Von der Geistigkeit der Masse in Schuschan, aus welcher ein einziges Paar, Mordechai und Esther, für die Geschichte sichtbar herausragt, blieb nichts in der Nachwelt Erinnerung. Talmudijsche Traditionen erzählen wohl aber von der Sünde der Juden, an der Tafel Ahasveros des Bösen mitgeschwelgt zu haben. Von dieser Tafel datiert Hamans Größe, aber dort keimt auch schon die g-ttliche Hilfe. Exposition, Entwicklung und Lösung des Dramas — geschieht durch dieselbe höhere Fügung. Das Urteil 3er Nachwelt im Talmud erkennt die Sünde der religiösen Assimilation als Ursache der Prüfung. Die Megilla weiß nichts davon. Das ist so charakteristisch für das wahre Golus ha-fchechina, daß da in Israel das Bewußtsein der Sünde seines Daseins fehlt und Haman nur als das Prinzip des Bösen und nicht als Werkzeug der Sühne erkannt wird. Ein tugendhaftes Paar bannt das verdiente böse Verhängnis nicht durch eine hohe Tat von biblischer Größe. Golus will mit Golusmethoden bekämpft werden. Zur großen Tat fehlt ein großes Volk. Hier ragen keine Starnmesfürsten und Aelteste heraus' wie unter Moses, keine Heldenschar wie unter David. Die Sintflut der Golusmoral, die im Mangel einer vergängenheitstreuen, im eigenen Boden wurzelnden Volksmasse entsteht, bedeckt das ganze Volk und Mordechai ragt wie Arrarat einsam hervor. So waltet G-ttes Wille in einer einsamen Menschenseele, die auf sich angewiesen, nur Kleinwerke der persönlichen Intervention üben kann. Aber eben dieser Geist, den wir begreifen, weil wir ihm gleichen, macht das Purimfest zu dem volkstümlichsten aller Feste. Eine naive Fröhlichkeit krönt das Fest der Erinnerung, das keine strenge Lehre zur Nachahmung großer heroischer Tugenden birgt, wie sie nur auf eigenem Boden sprießen. Es ist die tolle schrankenlose Freude, wie sie nicht nach ernster, erfolgreicher Arbeit, sondern nach dem Gewinn des großen Loses ausbricht. Purim ist die Erinnerung an ein solches großes „Los", „darum wird es Purim genannt wegen des Loses", ein unverdienter Gewinn, daß ein Golusvolk durch die Gnade des G-ttes seiner Väter in der Stunde seiner größten verschuldeten Not erreichen durfte. In Zeiten, wie die unsrige, ist es auch wieder nur die Hoffnung auf die immerwährende Gnade, die über alle Vergehen den Mantel der Verzeihung breitet, welche sich gerne imBilde der Purimgeschichte | wiederspiegelt. ' —m. Brief aus Russokarpalbicn. Sehr geehrte Redaktion! Das warme Interesse und aufrichtige Verständnis für unsere Angelegenheiten, welche ich aus den -Artikeln und -Notizenin de»-letzten -Nummern der * „Jüdischen Presse" entnehme, veranlaßt mich, gegen meine sonstige Gewohnheit „journalistisch" zu werden. Ich verfolge damit den Zweck in vollkommener Offenheit auf das eigentliche Gebrecheu hinzuweisen, welches dem so notwendigen Zustandekommen eines Achdus bei uns im Wege steht. Ich erlaube mir folgende1 Darlegung: Vorige Woche hören und lesen wir, daß Präsident Masaryk in einer Audienz der Vertreter der jüdisch-konservativen Partei mit dem größten Verständnis unseren jüdischen Standpunkt begreift, die grundverschiedenen Absichten und das differenzierende Wesen zwischen unseren Juden und denen Böhmens anerkennt. Aber andere Berichtemelden, daß eine Stunde nach dieser Audienz eine andere jüdische Deputation aus Karpatorußland erschien, welche sich die Vertreter des jüdischen Nationalrates in Prag mitgebracht hat, obgleich die letzteren, wie Sie berichteten und auch aus den offiziellen Berichten über die jeweiligen Audienzen zu ersehen war, überhaupt gar nicht offiziell angemeldet waren, resp. nicht um Audienz angesucht hatten. Was soll sich nun der Präsident von solch ' einem Vorgehen denken? Daran ist nicht'' genug. Die Herren von der „bürgerlichen Partei" bringen sich, nachdem sie Das Geheimnis der Kamea. Von Leopold Grünwald (Budapest). Eine Legende aus demLoben des Rabbi vonNagykallö. II. Zwanzig Jahre waren seither verflossen. Das Ereignis des Erew-Jomkippur geriet in Vergessenheit. Aus dem kleinen Davidl ist ein großer David geworden, ein wackerer 26 jähriger Mann, und er war wohl der einzige, der den großen Tag in seiner Erinnerung bewahrte und auf seinem Herzen die Kamea des Heiligen von Kallo trug. Er hing mit ganzer Seele an dem Glauben, daß die Kamea ihm das Glück gebracht habe. Ohne Vermögen hatte er seine Laufbahn begonnen und war jetzt schon ein wohlhabender Mann Er hatte Haus und Geschäft ir Nyiregyhdza uncl — noch ein »ganz junger Mann — genoß er schon die Achtung der ganzen Stadt. Na, freilich, die Heiratsvermittler ließen ihn nicht in Frieden. Einer gab dem andern die Schnalle. Jetzt eben sitzt auch R. Chaim, des ganzen Komitates berühmtester Schadehen, bei ihm drinnen. Er liest aus dem Notizbuch in seiner Hand Namen und Zahlen vor, freilich Mädchennamen und Mitgiftssummen. Er spricht und spricht unterhaltsam und — unaufhaltsam. Rechnet den Stammbaum der Familien auf. Da er die verschiedensten Vorschläge ohne Erfolg gemacht hatte, so versuchte er es mit einem rührenden Fall: In Nänas lebt eine Witwe, narnjis Ghana; ihr Mädchen Giza ist die schönste Jungfrau des Ortes. Sie ist auch heute nicht arm, sah aber einst viel bessere Tage. Das hat seine Geschichte. Gizas Vater war Gutspächter in Keresztur, er hatte ein gewaltiges gräfliches Gut gepachtet und lebte dort mit seiner Familie in glücklichem Wohlstande. Da kamen schlechte Zeiten, schwache Ernten, der Mann war nicht imstande, den Pacht zu bezahlen. Der Graf war ein harter, einflußreicher Mensch; er wurde auch g^gen den jüdischen Pächter aufgestachelt; er ließ ihn und das Kind ins Schuldengefängnis werfen. Der arme Mensch wurde nach Szolnok geführt, die Frau aber ging aus Schande weg von Keresztur, mit nicht mehr als dem Kleide, das sie auf sich hatte und das kleine Mädchen. Später hörte sie, daß ihr Mann und das Kind im Gefängnis gestorben wären. Seither' lebte sie ausschließlich ihrem Töchterchen, arbeitete, rang mit dem Leben und erzog das Kind sorgfältig. Das ist das Mädchen, die in sieben Komitaten ob ihrer Schönheit berühmten Giza. Die erzählte Tragödie wirkte auf das Gemüt Davids. Er reiste nach Nanas und fand, daß die Wirklichkeit die Schilderung des Schadehen überträfe. Das Mädchen übte auf ihn den tiefsten Eindruck aus. Er hielt um ihre Hand an. Ein hohes reines Glücksgefühl überkam ihn, den Einsamen, dem nun a|n solch edles Geschöpf als Begleiterin auf seiner Lenensbahn winkte. Zum erstenmal, daß er nicht* täglich an seine Kamea dachte. Der Tag der Trauung kam heran. Eine Unzahl Gäste versammelte sich im Hause der Braut, es war die zahlreiche Verwandtschaft der Braut. Von des Bräutigams Seite war nur ein einziger Mensch nach Nänas gekommen. Ein stark ergrauter, aber noch immer rüstiger Mann, derselbe, der vor Jahren bei dem Mahl vor dem Fasten beim Kallewer erschienen war, der gewisse Fremde ohne jüdisches Aussehen, ohne Bart und Pejos, die er auch jetzt nicht hat. Immerhin, es gebührt ihm ein Ehrenplatz, er vertritt des Vaters Statt beim Bräutigam. Dieser sitzt tiefbewegt an der Spitze der Tafel. Leise beginnen die jüdischen Klesmer die alte melancholische Hochzeitsweise. Doch der Marschalik begleitet die Melodie mit lustigen Abschiedsversen. Inzwischen werden die vielfarbigen Kerzen entzündet und man kleidet den Bräutigam für die Chuppa an, das weiße Habit des Jomkippur, um gelbst« in der Stunde des Glückes an die Vergänglichkeit zu mahnen, streut etwas Asche aufs Haupt, um denjenigen, der ein neues Haus in Israel errichtet, daran zu erinnern, daß G-ttes Haus in Trümmern liegt. In diesem feierlichen Momente zieht sein ganzes Leben vor ihm vorüber, die Kamea! Jetzt ist der ernste Moment da. Das Herz hämmert ihm fühlbar, als er nach der Kamea tastet, er zieht sie aus der Kapsel, liest und sinkt wie leblos zurück. Man bemüht sich erschrocken um ihn. Der Ziehvater greift nach dem Pergament und liest. Nur wenig hebräische Worte waren darauf geschrieben: „Du'sollst die Schwester nicht ehelichen." Während sich die anderen um den Leblosen bemühten, zog der Ziehvater die Brautmutter zur Engros und Erzeugung: l„ Bauernmarkt 24 (Ecke Fleischmarkt) :-: Telephon 67-302 Detail verkauf s - Niederlage s l„ Graben 28 Erstklassige Modelle In Damenpelzmäntel, Herrenpelze, Füchse Schiff' Felzwarenhaus