Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 9 (3.3.1922)
- Date
- 1922-03-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 50 JUDISCHE PRESSE Nr. 9 übermütiger, überzahlter Keren hajessod-Beamten und dreister, zügelloser Burschen unterdrückt und verhöhnt werden. Die Orthodoxen sind von der Regierung angeregt worden bei Lord Northcliffe zu erscheinen, haben dort ihrem Ansprüche auf eine Vertretung endlich das Gehör der Oeffentlichkeit verleihen können. Der Dolmetsch der orthodoxen Beschwerden war der bekannte holländische Schriftsteller und Misrachist Prof. de Haan. De Haan ist nicht der einzige Misrachist, der die Unterdrückung der Orthodoxie in Palästina nicht mitverantworten will und sich unter dem Eindruck der misrachistischen Gewaltpolitik der Aguda genähert hat. Er konnte nicht mitansehen, wie die „thoratreue* Misrachi von der liebevollsten Toleranz gegenüber den zionistischen Ausschweifungen in Palästina war, hingegen die ehrwürdigen, eingesessenen Geonim, die seit Jahrzehnten treue Wacht am Jordan halten, von den misrachistischen Häuptlingen tag-täglich herabgesetzt und gekränkt wurden. De Haan hat, zum Schrecken der jetzigen zionistischen Machthaber, schon vor längerer Zeit, als aktiver Misrachist, in holländischen Tagesblättern, welche seine Beiträge gerne sehen, gegen die Entartung der Zionisten in Erez Isroel gewettert. Sein Eintreten für die Aguda entspringt der reinsten Ueberzeugung und er ist sich wohl bewußt, daß er sich den rücksichtslosesten Hetzen und Verfolgungen aussetzt. Die greisen Rabbiner Tiktin und Bernstein, die nichts als ihren Anspruch auf eine gerechte demokratische Vertretung vorgetragen haben, sind von „erwachenden Juden" überfallen und mißhandelt worden, ohne daß die zionistische Leitung bisher — einem Gebrauch im Gebiete der Zivilisation folgend — darüber ihr Bedauern kundgegeben hätte. Diese Untat aber wird nur dazu dienen, den unerhörten Terror der „erwachenden Juden" in Erez Isroel in scharfe Beleuchtung zu setzen. Die Stunde der Erlösung der tyrannisierten Orthodoxie hat geschlagen. Besonders erfreulich ist der Umstand, daß sich die Sympathie der Araber in vollem Maße der Orthodoxie zuwendet. Die arabische Delegation in London hat bereits erklärt: Wir haben nichts gegen die Palästinenser und wir hegen die beste Freundschaft für die Orthodoxen. Es war Gegenstand unserer schwersten Sorge, ob nicht einmal, wenn die Dinge im Osten einen kritischen Charakter annehmen, die Orthodoxen unter den Sünden der Zionisten leiden würden. Wie durch eine höhere Fügung ist die Orthodoxie in Palästina mit einem Schlage den schweren Gefahren der Verfeindung mit den Arabern überhoben und die Sicherheit der Altkolonisation gewährleistet. Die Orthodoxie ist die Brücke über die Kluft zwischen Araber und Juden geworden. KarpaO)0°Rti$$ia. Es geht durch die Weltgeschichte Kunde, daß •das Pamirplateau im Iran eine Stätte sei, von dem aus sich die Völkerfamilien abgezweigt und ihren Weg in die Welt gesucht haben. Diese Insel Karpotho- Russia kann ein solches Pamirplateau für die geistige Entfaltung innerhalb des Judentums werden. Was immer der Osten an wertvollen Gütern im Geist und Der Rabbi aber sprach ernst: „Laßt den Fremden herein!" Der Eintretende war eine in jener Zeit und in dieser Umgebung genug seltene Erscheinung. Ein hoher, schlanker, gewählt gekleideter Mann, glattrasiert und ohne Pejos. An der Rechten führte er einen etwa sechsjährigen Knaben. Staunend betrachteten die Getreuen diesen seltsamen Ghassid und waren höchstlich darüber befremdet, daß sich dieser Mann so ruhig dem Rabjri näherte. Der Rabbi aber erhob sich von seinem Sitze und sagte: „Setzen Sie sich, Reb Jossef.* Man machte ihm Platz an dem Tische. Der Rabbi bot ihm ein Glas Wein und sagte: „Wartet noch mit dem Segen; vorerst kommt Reb Jossef und das Kind an die Reihe. Er segnete die Beiden und sagte zu dem Fremden: „Ich neide euch, Reb Jossef, das gute Werk, das ihr vollbracht habt. Ich bin sicher, daß euch der jenseitige Lohn nicht ausbleibt." Dann küßte er den Knaben aufdie Stirne, strich liebkosend über dessen Haupt und^ sprach: „Vergesse dich nie Dovidl und bleibe ehrenhaft." Mit von Staunen geöffneten Augen verfolgten die Getreuen den ganzen Vorgang. Das Seltsamste kam aber erst jetzt. Der Heilige zog aus der Tasche ein Stückchen Pergament, schrieb einige Worte darauf, schob die Schrift' in eine Kapsel und hängte sie dem Knaben um den Hals als Kamea. Dann sagte er zu dem Fremden: „Wenn der Knabe einmal zur Chuppa geht, öffne er die Kapsel und lese die Kamea. Bis dahin aber bleibe die Kapsel verschlossen." Nun entfernte sich der Fremde samt dem Kinde. Der Rabbi blickte in Gedanken versunken vor sich hin, als würde er in ferne Zeiten schauen. Die Chassidim blickten mit ehrführchtiger Stille auf ihn und wagten keine Frage wegen des Fremden oder ob des Geheimnisses der wundersamen Kamea. (Schluß folgt ) Herz geschaffen hatte, hatte dort seine Heimstätte gefunden. Das tiefgründige Thorawissen des alten Ungarn hatte lebenswirkende und unauslöschliche Spuren des Chasam Sofer erstellt, die Innigkeit des Chassidismus suchte und fand Beziehungen zum Allmächtigen, die Selbstverständlichkeit des religiösen Tuns im schlichten Menschen — das alles hat seine Heimstätte inKarpatho-Russia. Noch wirkt es mächtig nach. Kaum zwei Dutzend Geschäfte entweihen frevelhaft den Sabbat, Bet- und Lehrhäuser sind nicht verödet. Da mag man denn getrost hoffen, daß manch schwerer Prüfung des Augenblickes gegenüber sich dieses alte kostbare Gut unvermindert erhält. Vielleicht ist es den Juden Karpatho-Russias beschieden, allen Stürmen der Zeit zum Trotz das Beispiel zu geben, wie Religionstreue sich in allen Kämpfen sieghaft durchsetzt und die Insel kann leicht eine Insel der Seligkeit werden. Allein der Augenblick zwingt zur prosaiischen Betrachtung der Lage. Die Frage der Steuerlasten, die Frage der Bodenpacht-Ablösung und Bodenreform, sowie die hochwichtige Frage der Lizenzen, schafft schwere Sorgen. Doch schließlich sind das alles Dinge, von denen man einerseits erwarten darf, daß ein gerechtes Staatswesen sie zu mindest erträglich gestaltet und anderseits ist der jüdische Mut und die jüdische Lebenskraft so stark, daß sie auch nicht durch solchen Ansturm erschüttert werden könnte. Vielleicht schwierig, weil in der Folge nicht absehbar, sind die Spuren innerer Zerklüftung. Manches davon gehört hoffentlich bald der Vergangenheit an, aber es ist nützlich und notwendig sich die Entstehung vor Augen zu halten. Bei einer Versammlung in Sevljus versuchte der „Nationalrat" von Prag, von den Zionisten ins Land gerufen, eine zionistisch und nationalistisch gerichtete jüdische Partei zu schaffen. Schon damals protestierten die Rabbiner gegen diesen Versuch, die Herrschaft über Karpatho-Russia in die Hände der Zionisten oder ausschließlich in die Hände böhmischer und mährischer Juden zu legen, weil ihnen in religiöser und politischer Hinsicht das Vertrauen vollkommen fehlt. Die Erfahrung, daß tatsächlich die entstandene „Russinskoer zu Wahlzweckeri' vereinigte, jüdische Partei", zionistische Tendenz politisch betrieb, führte zur Auflösung derselben und zur Konstituierung der jüdischen konservativen Partei. Diese errichtete ein Sekretariat in Uzhorod und wählte für die Bearbeitung und Vertretung von Fragen der Gesamtheit und der Einzelnen einen Herrn in Prag, einen Nicht- Zionisten, der auch aus dem Nationalrat austrat. Er entledigt sich seiner Aufgabe mit Geschick und Hingabe und es gelang ihm, wie wir jüngst schon berichtet haben, der höchsten Stelle des Staates das ehrliche und heilsame Wollen der Orthodoxie überzeugend darzulegen. Dunkel in ihrem Ursprung und nicht ganz klar in ihrem Wollen ist unterdessen in Karpatho-Russia wieder eine neue Partei entstanden, die sich „Religionstreue bürgerliche Partei" nennt. Daß auch diese Partei, was ihr keiner verwehren kann, sich dem Staatsoberhaupt vorgestellt hat, so steht zu erwarten, daß sie dort über ihre Absicht und ihrer Stellungnahme zu dem jüdischen Probleme sich in aller Offenheit ausgesprochen hat, und es wird dann Zeit sein, darüber zu urteilen, warum die Gegengründung gegen die konservative Partei erfolgt ist. Es bleibt also abzuwarten, wie weit sich das Gerücht, daß die Partei die sich „religionstreu" nennt, für das aktive und passive Frauenwahlrecht eintritt, oder die Einführung jüdischer* nationaler Schulen mit hebräischen Unterricht anstrebt, den Tatsachen entspricht. Jedenfalls ist es die ernste Aufgabe der verantwortlichsten Menschen in Karpatho-Russia darüber zu wachen, daß ihre Heimat nicht zu einem Tummelplateau oder gar zu einem Ableger des Prager Nationalrates wird, ganz einerlei,' unter welcher Firma dieser sich dort zu etablieren versucht. Nur wenn man sich dagegen mit aller Energie wehrt, mag die Hoffnung berechtigt sein, daß in der eigenartigen staatlichen Konstruktion Karpatho-Russia ein besonders verheißungsvolles Glück für den Bestand und die Entfaltung des alten unverfälschten Judentum nach dem Willen des Allmächtigen beschlossen liegt. ___A. W. Die Orthodoxie und die Wiener Kultusgemeinde* Wir erhalten nachstehende Zuschrift: Geehrte Redaktion! Zu diesem Thema gestatte ich mir zu bemerken. Nach meiner Ansicht, und diese teilen sehr viele unserer besten Glaubensgenossen, wäre es geradezu Verrat, wenn die Orthodoxen formell aus dem Judentum austreten würden. Ebenso wäre es eine Schwächung desselben, wenn heute die gesetzliche Festlegung angestrebt würde, daß es zweierlei jüdische Konfessionen, eine orthodoxe und eine neologe gäbe. Wenn auch der enragierteste Vertreter der Einheitsgemeinde zugeben muß, daß von Seite der Neologie viel gesündigt wurde, indem sie selbst durchaus die jüdische Religion außer Kraft setzen wollte, um eine neue reformierte, in jeder Gemeinschaft sich anders präsentierende Religion an deren Stelle zu setzen, so darf doch die Orthodoxie die Kluft nicht noch vergrößern, sondern muß den Neo- Iogen immer wieder vor Augen führen, daß, wenn auch der Einzelne der Versuchung nicht widersteht und das Religionsgesetz übertritt, das noch nicht dazu führen muß, die Gültigkeit desselben abzuerkennen und es anderseits einem Katholiken, der gegen eine Religionsvorschrift handelt, nicht einfällt, dieselbe deshalb zu ändern, den Gottesdienst zu modernisieren usw. Es muß also die Einheit des Judentums unbedingt gewahrt bleiben, anderseits muß ein Weg gefunden werden, den berechtigten Forderungen der Orthodoxie Rechnung zu tragen und hiezu gibt es ein Mittel gegen welches wohl niemand, vielleicht mit Ausnahme derjenigen, die durchaus über 250.000 Seelen herrschen wollen, etwas einzuwenden haben wird; man zerlege die Kultusgemeinde Wien in beliebig viele Kultusgemeinden, die in voller Harmonie und vollkommen gleichwertig nebeneinander bestehen können. Als seinerzeit die konfessionelle Gesetzgebung erfolgte, war es selbstverständlich, daß für ganz Wien nicht eine katholische Kirchengemeinde, sondern derer viele geschaffen wurden, wogegen bei der Kultusgemeinde mit Rücksicht auf die geringe Anzahl der Juden eine Gemeinde kreiert wurde. Seither sind die Bezirke X—XXI in Wien einverleibt worden und die Kultusgemeinde hat zu ihrem Nachteil und zum Nachteil der hinzugekommenen Bezirke alles geschluckt, wodurch sich der Zustand ergab, daß die Gemeindemiiglieder jeden Kontakt miteinander verloren. Es wäre nun bei der Regierung beziehungsweise im Parlamente durchzusetzen, daß wohl jeder Jude wie bisher einer Kultusgemeinde angehören muß, daß aber in den einzelnen Gemeinden^ jede Gemeinschaft, welche die Gewähr bietet, daß sie die nötigen Institutionen erhalten kann, das/Recht erhält, eine eigene Kultusgemeinde zu begründen und es jedem Juden freisteht, in welcher der Gemeinden er Mitglied sein will. Den Gemeinden bliebe ja dann immer die Möglichkeit, für gewisse Institutionen oder für Vertretung nach außen einen Zweckverband zu gründen. Mit vorzüglicher Wertschätzung x r. | X>©r 'S. Adar. | Am Todestage Mosis gedenkt das Judentum nach alter Tradition aller im Jahre dahingeschiedenen treuen Jünger und Vorkämpfer seiner Lehre. Es gingen von uns in diesem Jahre die Rabbonim Hageonim s. z. 1. Rabbi Moses Elia Halpern (Lodz), Sejmdeputierter, einer der hervorragensten Talmudgelehrten und treuesten Vorkämpfer der Agudas Jisroel. — Rabbi Refoel Schapiro, Leiter der berühmten Jeschiwa in Wolozyn. — Rabbi Jaakab Horwitz (Pietrkow), einer der größten Talmudgelehrten Polens. — Rabbi Abraham Grünbaum, ein bedeutendes Mitglied der Aguda; auf seiner Reise in Jerusalem. — Rabbi Joschua Maimon, Dayan in Praga. — Rabbi Jaakow Koppil-Silberberg, ein gefeierter Talmud-Chacham in Warschau. — Rabbi Meir Zwi Jung (London), einer der Bahnbrecher des Agudagedankens. — Rabbi Prof. Dr. Dawid Zwi Hoffmann, Rektor des orthodoxen Rabbinerseminars und hervorragendster Talmud- Chacham Deutschlands. — Rabbi Jeheschua Heschel (Kaposch, Slowakei), ein gefeierter Talmud-Chacham und Zaddik. — Rabbi Isak Grodzinsky. — Rabbi Dawid Halberstamm, ein Enkel des Zauser Gaons. — Rabbi N. Mattowitzky, gefeierter Raw von Lachowitz. — Rabbi Jaakow Scholom Sofer, Dayan in Budapest. — Rabbi Jakob Lipschitz (Kowno), ein bedeutender Vorkämpfer für die Aguda. — Rabbi Israel Frankl, gefeierter Rabbiner in Schattmannsdorf. — Der bedeutende Rabbiner Dr. Nehemia Nobel (Frankfurt a. M.) — Rabbiner Moritz Kramer (Wien). — Rabbi Jehoscha Pinchas Bombach (Oswiecim). — Hier muß auch gedacht werden des Malers Prof. Dawid Röhn, der als Künstler Thora in Wort und Schrift verbreitet und Thora- Institutionen tatkräftig gefördert hat. — Ferner Aron Kober (Breslau), ein bedeutendes Mitglied der Aguda. — Moritz Hofbauer, ein Vorkämpfer für die unverfälschte Tradition. Kritische Rundschau. Strauß-Politik. Ach, unser Prof. Strauß, der tausendkünstlerische Kratki-Baschki, hat wieder einmal eine seinergmystischen so wichtigen Missionen. Noch vor einigen Monaten sahen unsere Leser ihn mit heißem Bemühen um die Roschhakoholschaft der ßudaer Gemeinde mit putschistischesten Mitteln werben, nun aber steigt gar das Bild des trefflichen alten „Professors" in der zionistischen Parteipresse