Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 9 (3.3.1922)
- Date
- 1922-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: | Abonnemeütspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 2000, Ungarn Wien, II., Obere Donaustr. 91. — Telephon 48.142. 1 K 250*~, Tschechoslowakei Kö. 70'—, Dentschland Mk. 60«—, Tschechoslowakei: Bratislava, Postfach 140. 1 Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, Erscheint jeden Freitag. - Redaktionsschluß: 1 England 10 Shilling, Rumänien 70 Lei, Jnffoslawien 40 Dinar, Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. | Polen Mk. 1000--. Einzelnummer d.-o. K 40 -, Kc. 1«50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 30' — . Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 9 Wien-Bratislava, 3. März 1922 .rrsnn -hk »a a-rnoop-ia " nn n'vz | 8. Jahrg. Die flraberfracic. In den Zeitungen der jüngsten Wochen meläen sich zu diesem Thema zwei ernste Männer zum Worte, Herr Richard Lichtheim und Herr Dr. Josef Klausner. Ersterer kommt zu dem Resultat, daß die Frage, eine Frage der Machtpolitik ist. Josef Klausner geht tiefer und verlegt das Wesen des Gegensatzes in die Kultur. Mit dem ersteren Standpunkt können wir uns kaum auseinandersetzen, denn von dieser Warte aus gesehen, ist die Frage eine solche der englischen Politik, die ihre Beantwortung nicht nur, sondern auch die Richtung derselben eher in Indien und in Aegypten als in Palästina finden wird. Auch rein realpolitisch betrachtet, müßte dann die Frage aufgeworfen werden, welchen weltpolitischen Wert ein jüdisches Palästina für England hätte, insbesondere in Hinsicht auf möglich spätere Entwicklungen. Wir können uns ferner dem Standpunkt Lichtheinis um so weniger anschließen, als wir es ablehnen, die Palästinafrage rein realpolitisch zu betrachten und durchdrungen von dem Inhalt der g-ttlichen Worte in bezug auf dieses Land, es auch keiner Macht der Welt gestatten können, diese rein realpolitische Erwägung in bezug auf Palästina gelten zu lassen. Wir sagen dies, selbst um den Preis, daß die Politiker sämtlicher Kabinette uns verlachen, allein wer einen Hauch von Psalmgeist in sich verspürt hat, wird dieses Lachen nicht begreifen, insbesondere heute nicht, da es sich doch klar gezeigt hat, daß eine höhere Macht lebt, welche die rein materialistische Geschichtsauffassung zu Paaren treibt. Man könnte sogar, wenn man die Weltgeschichte überschaut, klar nachweisen, daß, gemessen an dem Maß, welche tausend Jahre gleich einen Tag erachtet, Palästina noch immer das Land war, a^n welchem gleich einem "Tels* Im-M^^ materielle Völkerwollen sich brach, einerlei, ob der Träger dieses Wollens ein fremdes Volk oder das jüdische Volk selbst war; wir wissen ja, daß leider Lichtheim diesen Weg der Geschichtsbetrachtung nicht mit uns geht und so muß es genügen, 'die Differenzpunkte anzudeuten, wodurch ja klar ausgesprochen ist, daß wir Juden dann in der Araberfrage nichts tun können und nichts tun dürfen, wenn es eine Frage der Machtpolitik ist. Immerhin mögen unsere Leser es klar sich zum Bewußtsein bringen, daß die Araberfrage eine sehr ernste ist und daß man überhaupt kein Recht hat, in dieser Frage mitzusprechen, wenn man sie nicht mit solch tiefem Ernste auffaßt. Dieser tiefe Ernst ist auch in Klausners Gedanken enthalten und eigentlich glaubt man einen europäischen Kulturfanatiker aus der Vorkriegszeit zu hören. Es erscheint uns unmöglich, selbst mit allen Machtmitteln der Welt, die Araberfrage dann zu lösen, wenn man sie zu einer Frage des Zusammenpralls zweier Kulturen macht. Man muß nun schließlich nach der Richtung denken, daß sich ein Volk, mit solch gewaltiger, geschichtlicher und kulturgeschichtlicher Tradition wie das arabische, es sich nicht gefallen lassen kann, seine Kultur in einer derartigen Vergleichsform als minderwertig hinstellen zu lassen. Man kann wahrhaftig die Araberfrage nicht zum Ausgangspunkt der Entscheidung darüber machen, welche von beiden Kulturen, die asiatische der europäischen machtvoll die anderen zu verdrängen berufen ist, noch' dazu in einer Zeit, in welcher gerade die europäische Kultur so entsetzlichen Bankrott erlitten hat. Nein und dreimal nein! Das ist wahrlich nicht unser Ziel und unsere Aufgabe, als Pioniere der europäischen Kultur nach Palästina zu gehen. Wäre die Frage nicht so bitter ernst, so müßte bei dieser Angelegenheit auch darüber diskutiert werden, ob dies wirklich die vielgerühmte jüdische Kultur ist. Klausner weiß ganz gut und besser wie wir, daß in jeder Kulturfrage die Unkultur dann beginnt, wenn man missionierend herantritt und dabei die durch höhere Kultur erzeugten Machtmittel zur Verdrängung anderer Kulturform in die Schranken ruft. Empfindet eine Kultur missionierenden Beruf, so kann sie, wenn etwa dieser Beruf nicht von machtpolitischen Momenten diktiert und beeinflußt ist, nur im Rahmen der Kultur ihr Wirken ausüben, indem ihre Träger als Nachbarn oder Mitbewohner eines Landes »diese, durch höheres reines Menschentum zur Liebe zwingen. Ist es wirklich, daß, wie Klausner behauptet, aus dem empfundenen Kulturgegensatze sich bereits ein Haß bei den Arabern herausgebildet hat, so darf man nicht vergessen, daß eine solche Empfindung nur durch die allerzartesten Aeußerungen einer reinen Herzenskultur überwunden werden kann. Wir sind fest überzeugt, daß, wenn wir als Enkel Abrahams zu den Arabern kommen, der Empfang ein anderer sein wird, aber das kann der Sinn eines zweitausendjährigen Golus nicht sein, daß wir eine Synthese von sogenannter jüdischer und europäischer Kultur darstellen, die kulturgeschichtlich nicht genau den Punkt bezeichnen kann, wo man an die jüdische Kultur anknüpft. Und doch ist eines wahr. Würden wir nichts anderes wollen als wahrhaft jüdische Kultur nach Palästina bringen, dann werden die Araber uns begrüßen und England uns dankbar sein und dann könnte von einer höheren politischen Warte von Palästina aus, die indische und ägyptische Frage beglückende Lösung finden. Wir können ruhig des Tages harren, da England im Aufschwung großer politischer Epoche das Judentum ruft, oder vielmehr die Judenheit nur als Träger des Judentums. Das wird der wahre Weltenfrühling sein. Und Jesaia und Micha werden Zeugen sein, sie sind schon heute unsere Zeugen. Ardbs. m^mmmiM m nxm Das Irokesengeschrei der Jabotinsky-Presse kann die Stimme der Vernunft nicht übertönen. Die Orthodoxie hat für ihren gerechten Anspruch endlich Gehör gefunden. Die Sympathie der maßgebenden Kreise in England wendet sich den Orthodoxen zu, I die seit Jahrzehnten in Erez Isroel gelebt, ihre I glühende Liebe zum heiligen Lande mit den schwersten Opfern bekundet, ein entsagungsreiches Leben auf Palästinas Boden jedem Wohlleben im Golus vorgezogen haben und nun von einer Schar Das Geheimnis der Kamea. Von Leopold Grünwald (Budapest). Eine Legende aus demLeben des Rabbi vonNagykallö. I. Der heilige Kallewer war eben aus der Synagoge heimgekehrt, wo er selbst die Bußeklagen der Selichos vorgebetet hatte. Im Hofe seines Hauses erwartete ihn ein lebhaftes Treiben. Es war Erew Jomkippur und am Abende zog das heilige Fest der Versöhnung ein. Die Gabbaim schössen hin und her, das Gesinde und die Schar der Aushilfspersonen schwärmten um die Küche herum. Die Schächter schlachten zu Hunderten Kappara-Geflügel, welches — wie es beim heiligen Kallewer von jeher Brauch war — alljährlich an die Armenier Gemeinde verteilt wurde. Tischler und Zimmerleute hobelten und hämmerten emsig; sie stellten die provisorischen Bänke und Tische her für die gelegentlich des großen Feiertages zusammenströmenden Gäste, die hieher wallfahrten, um an der Seite des Heiligen und unter seinen Fittichen ihre Gebete mit hinauf zu senden zum Herrn des Himmels. Vor dem Hause des Rabbis sammelten sich bereits Gruppen von Einheimischen, unter ihnen Reb Jakow Fisch, einer der schwärmerischesten Ghassidim des Heiligen, um die von der Landstraße her nahenden Wagenreihen zu mustern. Von allen Richtungen rollten ununterbrochen mit Anhängern aus der Fremde beladene Vehikel dem Hause des Kallewer zu und Kalloer Juden vergnügten sich damit, schon aus der Ferne zu erraten, welches Dorf oder welche Kehilla auf den aus Staubwolken auftauchenden Wagen einherkommt. „Ich will wetten", sagt Reb Chaim zu Reb Jakow Fisch, ,jdaß auf diesem Wagen, dieNänäser kommen. Tut einen Blick! Dort sitzt auch Reb Jossef, dort oben auf dem ersten Sitz! Daneben, seht ihr, sitzt Reb Mechl, ich erkenne ihn an dem langen weißen Bart und an dem breitranftigen Hute! Nun, was sage ich?" Die Gäste springen von den Fuhrwerken und begrüßen mit strahlender Freude die Gemeindeangehörigen. Die Gemeinsamkeit der Liebe und der Verehrung zum Heiligen webt allmählich das Band brüderlicher Liebe zwischen seinen Anhängern. Da kommen nacheinander die besten Juden aus Patak, aus Dorog und aus der Hajdu, hie und da auch Juden aus dem Auslande. Das alles drängt sich in Gruppen zusammen, und zieht nach dem Lehrhaus des Kallewer, wo sie in einer gewissen jubelnden Erwartung voller Andacht das Erscheinen des Heiligen erwarteten. Der Gabbai ordnet die Plätze an. Er weiß schon, was sich gehört, welcher Platz diesem oder jenem Gaste zukommt; wo er vor Jahren oder gar vor Jahrzehnten gesessen ist. Reb Jakow Fisch hat seinen Platz gleich zur Rechten des Heiligen; nach ihm sitzt der Pataker Reb Jossef, links der Erste ist Reb Mechl von Nänäs, nach ihm der Liebling des Rabbi, Jossele Tegläser, der Bauernjude von legendarischer Körperkraft und so weiter jeder, was ihm gebührt. „Scha, scha!" rufen mehrere auf einmal. „Es kommt der Zaddik!" Man sah mit verhaltenem Atem gegen die Türe. Es tritt1 der Rabbi mit würdevoller Ruhe in das Bes hamidrasch. Seine untersetzte, magere anspruchslose Figur schien in dem leuchtend weißen Talare gewachsen zu sein. Der silbergraue Bart schien heute in ungewohntem Glarize zu schimmern und von seinen blauen Augen gingen wärmende Strahlen aus. Wer hätte, es geglaubt, daß das derselbe sei, der an Werktagen in ungarischer Kleidung einherging, mit Bauern Gespräche pflog, mystische ungarische Volkslieder verfaßte und sie bei gemütlichen Mahlzeiten vortrug. Jetzt erglänzte er in engelhaftem Weiß, ein nachdenklicher Ernst breitet sich über seine Züge und Hoheit liegt in jeder Bewegung. Seine Ghassidim warten mit Respekt stehend bis der Rabbi sich an dem Tische niederläßt. Der Schammes trägt dem Rabbi die Waschgefäße hin, dieser gießt Wasser über die Hände und beginnt mit dem traditionellen Segensspruche die Schlußmahlzeit vor dem Fasten. Die Ghassidim tun das gleiche und geben das Weißbrot mit der geflochtenen Rinde und ein Stück Fisch von Hand zu Hand weiter. Nach der Fischspeise segnet der Heilige die Versammlung. Jedermann fühlt sich glücklich, in die die Nähe des Rabbis zu gelangen. Trotzdem gibt es diesmal kein Drängen, da heute an jedermann die Reihe kommU Am Vorabend des Versöhnungstages versagte der Kallewer niemandem, selbst dem niedrigsten und unwissendsten Juden nicht den Segen. Da wird die andächtige Stille von einem Lärm bei der Tür unterbrochen, wie gedämpftes Streiten und Wechselrede. Irgend ein Mann will durchaus ins Bes hamidrasch, der Gabbai. läßt ihn nicht ein. Kein Wunder! Der Mensch hat keinen Zug eines Juden, weder Pejos noch Bart. Es steht aus von ihm, daß er gar Spott treiben wolle mit dem Heiligen und seiner Gemeinde. 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