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Jüdische Presse · 1922-02-17 · 7 (17.2.1922) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
8 (1922)
Issue
7 (17.2.1922)
Date
1922-02-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seit e 38 JUDISCHE PRESSE Nr. 7 Ir miklat, die Hunderttausenden von jüdischen Flüchtlingen nicht nur Zuflucht, sondern Erwerb und Glück geboten hat, mit ihnen in schwerster Zeit den kargen Bissen Brot geteilt hat, seine Hilfe oder gar besondere Sympathie bewiesen hat. Unbegrenzte Möglichkeiten der wirksamen Propaganda für die Aufrichtung Wiens standen ihm bei der außerordentlichen Liebe, die Wien beim Judentum der ganzen Welt genießt, zu Gebote. Es war Gelegenheit da, einen ganz außerordentlichen Kidusch-haschem zu leisten, die Leistung des offiziellen Judentums auf dem Gebiete der finanziellen Aufrichtung Wiens, Oesterreichs und der Gemeinde für lange Zeit hinaus in die dankbare Erinnerung Oesterreichs zu prägen. Es war die elementarste, die heiligste Pflicht der „W. M.*, mit aller1 Macht Liebe zu werben für die unglückliche Gemeinde, für die Stadt, für das Land. Eine unselige geistige Verirrung, die wir mit Schrecken verfolgen, hat sie zum Gegenteil angetrieben. Nichts Weiseres und Edleres weiß auch ein Kollege in der „Wahrheit" darüber zu sagen, als Parschat Sachor auf uns anzuwenden. Wenn wir nicht irren, war im Vorjahre gerade in der „Wahrheit* ein leidenschaftlicher Appell für Wien ab gedruckt, den der Schreiber dieser Zeilen in einem maßgebenden amerikanischen Blatte publiziert hat. Dieser Wille schlägt überall in unserem Blatte durch, wo es sich um "das leidende Wien überhaupt und das hilfsbedürftige Judentum insbesondere handelt. Aber auch die Orthodoxie außerhalb Oesterreichs hat mehr Sympathie für die Wiener Kultusgemeinde bezeugt als dort die Assimilanten oder Zionisten. Die Preßburger Kultusgemeinde hat ohne Advertissement 10.000 tschechische Kronen, damals eine Million unserer Kronen, auf den ersten Appell gesendet. Dieser Kultus vorstand besteht aus lauter Agudisten, die im engsten Kontakt mit der „Jüdischen Presse* und mit der Wiener Aguda stehen. Gerade die Orthodoxie trifft am allerletzten der Vorwurf daß sie an der Not der Kultusgemeinde Mitschuld trüge. Die Wiener Orthodoxie hat — sehr zur Unzufriedenheit vieler Anhänger hierzulande und auswärts — ihre bisherige Haltung verleugnet und ist in die Kultusgemeinde eingetreten. Fragt' doch einmal die große Pester Gemeinde, wie sie sich ähnlichen Bedingungen der Budapester Orthodoxie gegenüber verhalten würde, ob der Vorschlag der dortigen Orthodoxie in die große Gemeinde einzutreten, falls alle rituellen Notwendigkeiten der orthodoxen Fraktion unterstellt würden, nicht mit einem einhelligen, begeisterten Ja beantwortet würde? Wir haben jüngstens den Grandrabbiner von Jugoslawien, Rabbi Dr. Alkalay, über seine Haltung zur Orthodoxie interviewt. Trotzdem er einen einheitlichen, staatlichen Landesverband gegründet hat, war er selbst bemüht, die Autonomie der Orthodoxie bei der Regierung zu fördern. Er gibt den Orthodoxen alles, was sie verlangen. „Seien wir froh", sagte der Grandrabbiner, „daß es noch Gemeinden gibt, die stark genug sind, das echte, alte Judentum zu betätigen. Wenn unsere Gemeinden leider nicht mehr dazu fähig sind, wollen wir wenigstens die Traditionstreuen bestens fördern. Ich biete den Orthodoxen zwei Sitze im Rabbinerkomitee an, wenn sie wollen auch mehr. Wir haben genug Erfahrung, wie wenig die Reformgemeinde taugt. Aber die Orthodoxen sagten mir: „Zu Ihnen, Herr Doktor, haben wir festes Vertrauen und könnten mit Ihnen wirken, wir müssen aber für die Zukunft vorbauen; wer weiß, wer einmal nach Ihnen kommt; ich sehe ein, daß sie recht haben und bin bemüht, ihre Autonomie zu fördern." Wie weit ist Herr Oberrabbiner Chajes von dieser noblen Auffassung entfernt! Der drastische Vorschlag zur Befreiung von der Tyrannei des Gewissenszwanges durch die Deklarierung der Konfessionslosigkeit, hat in unserem Blatte selbst bereits Widerspruch erregt; es ist aber für bessere Naturen doch auch ein nachdenkliches Symptom der frivol erzeugten und gesteigerten Spannung, eines schwer empfundenen „Golus bei Juden", das höchst unzweckmäßig, mit einem Irokesengeheul beantwortet, dessen Schall man durch befreundete Korrespondenzbureaus nach allen Windrichtungen zu verpflanzen sucht. Das hat nur dazu geführt, daß eine Enquete ausgeschrieben wird, wo man die Austrittsfrage ernstlich in Betracht ziehen wird. Die religiöse Seite der Frage wird übrigens noch von berufener Seite erörtert werden. Nun sei einmal das neuerstandene Problem der politischen Mitverantwortung behandelt. Der Oberrabbiner Wiens ist Vorsitzender des zionistischen Aktionskomitees. Der Fall Jabotinsky wirft ein grelles Licht auf nie erwogene Möglichkeiten einer gewissenlosesten Abenteurerpolitik, die mit dem Einsätze des Lebens und der Sicherheit von Hunderttausenden von Glaubensbrüdern, nach persönlichen Erfolgen hascht. Ein krasser Fall gelangte damit zur Enthüllung; wissen wir aber, was noch mehr im Geheimen gearbeitet wird? Das Organ, das unter "der Aegide des Oberrabbiners und einiger Kultusräte arbeitet, verkündet die wahnwitzige Paradoxie eines jüdischen, internationalen Nationalismus und bildet das böseste Archiv für künftige wuchtige Anklagen des Antisemitismus. Der österreichische Landtagsabgeordnete und Kultusrat Stricker geht nach.Zilina, mischt sich in die Politik eines anderen Staates, im Namen einer von ihm propagierten internationalen, jüdisch-politischen Solidarität. Wenn das so weiter geht, würden wir noch erleben, daß die Wiener Kultusgemeinde als der Sitz der „Weisen von Zion" bezeichnet werden wird. Derjenige Teil der Orthodoxie, der zu den ehernen Geboten der Tradition, an denen nicht zu mäkeln und zu deuteln ist, auch die bisherige Auffassung des Verhältnisses zum Staate zählt, wird von der „W. M." in maßloser Weise beschimpft. Die unfreundliche Haltung des Herrn Oberrabbiners zu unserer Orthodoxie, der er schon nach dem Gebote der Demokratie, des Konstitutionalismus anders verpflichtet wäre, ist evident. Warum, um Himmelswillen soll gerade die Orthodoxie das Objekt der Belastungsprobe des Einheitsgefühles bild«n? Erinnert uns doch an einen Schritt, einen Versuch des in dieser Hinsicht allein verantwortlichen Herrn Oberrabbiners, die gerechten, unveräußerlichen Ansprüche des traditionsfesten Judentums, oder sagen wir der Aguda, die doch unleugbar Thora und Gemiius Chassodim pflegt, irgendwie zu würdigen, dabei zu vermitteln. Sein Organ, das in schnodderigster Weise, wie kein zweites jüdisches Tagblatt, selbst die philanthropische Tätigkeit der Aguda totschweigt, schleudert von Zeit zu Zeit mit einem Indianergeheul den Tomahawk gegen die Aguda, wenn es eine Blöße entdeckt zu haben glaubt. Warum muß dies alles ertragen werden? Was birgt sich denn hinter dieser edlen Besorgnis um die Einheit des Judenturas anders, als die Angst, daß die Jüdischnationalistischen, die am Sprunge waren, sich durch Terror der Gemeinde zu bemächtigen, nun die große Möglichkeit bedroht sehen, sich für den Verlust des Jointregimes zu entschädigen. Ganz dieselben Personen, die in der Palästinasache in der häßlichsten Attitüde der engherzigsten Parteiherrschaft verharren, werden, wo sie es brauchen, gar zu milden, mahnenden Lehrmeistern alljüdischer Gesinnung. So mögen sie aber noch in letzter Stunde die Bedingungen der gebotenen Achtung vor dem religiösen Maximalisten erfüllen, bevor es zu spät ist. * * * Geshrter Herr Redakteur! Gestatten Sie auch mir einige sehr ernste Glossen zu diesem sehr vielseitigen Thema. Man kann zunächst Kritik üben an der Formulierung des Themas selbst, denn eigentlich ist doch wohl gemeint, die Stellung der Verwaltung der Kultusgemeinde zur Orthodoxie, denn die Frage, wie stark rechnerisch die Orthodoxie in der Kultusgemeinde vorhanden ist, gehört nicht zur Debatte. Ich persönlich als alter Wiener bin überzeugt, daß es eigentlich eines Appells an die Ehrgefühle des irregeleiteten und außerordentlich schlecht beratenden Kultusvorstandes bedürfen sollte, um Besserung anzubahnen, ich kann nur sagen, daß ich mich als alter Wiener schäme, wenn ich über die Grenze nach Deutschland komme und dort höre, daß die meisten orthodoxen Rabbiner aus Gründen religiöser Gewissenhaftigkeit sich dagegen sträuben, den zweiten Akt einer religiösen Ehescheidung dann vorzunehmen, wenn der erste .Akt von dem offiziellen Rabbinat der Wiener Kultusgemeinde geschehen ist. Man muß sich das nur in aller Ruhe klar machen, was das bedeutet. Man könnte natürlich ungestraft in Wien darüber grinsen und lachen, daß die dummen Wiener Orthodoxen, wenn eine von ihren Familien in die unglückliche Lage kam, einer Ehescheidung zu bedürfen, nach dem ihnen aufgezwungenen Akt bei dem Wiener Rabbinat noch irgend wohin ins Ausland flüchten müssen, um dort demselben Akt sich nochmals zu unterziehen, weil es so die religiöse Anschauung erfordert. Wie gesagt, darüber könnte der Wiener Kultusvorstand mit souveräner Gleichgültigkeit hinwegsehen, es betrifft ja „nur" die Orthodoxie, aber wir hoffen doch, daß nach dieser Stellungnahme des Auslandes noch soviel Schamgefühl vorhanden ist, daß man diesen Gegenstand wenigstens einer Besprechung für Wert erachte. Und ich erhebe gegen die Vertreter der Orthodoxie in der Kultusgemeinde den allerernstesten Vorwurf, daß sie nicht wenigstens bei dem Gehaltposten für die Mitglieder des Rabbinats ganz energisch Protest erheben und nach dem Vorbilde der französischen Kammer zum Zeichen des absoluten Mißtrauens gegen ein solches in ernsten religiösen Kreisen verfemten Rabbinats, für das niedrige Niveau eines solchen Pochens auf staatsgesetzlichen Privilegien einen Abstrich einer Krone beanträgt. Man möge daran nicht vergessen, daß der innere Kampf um die Wahrheit darnach drängt, der Welt zu zeigen, daß man seine Ueberzeugung auch für das kostbarste Gericht nicht preisgibt. Wäre auch nur eine Spur von Achtung für innere Seelenvorgänge vorhanden, so würde man an Stelle eines öden inhaltslosen Schimpfens, doch wenigstens hin und wieder eine Spur von Verwunderung dafür finden, mit welch erstaunlicher Größe von Liebe speziell die Wiener Orthodoxie darbt und arbeitet, um die Einigkeit der Kultusgemeinde zu erhalten. Und man kann sich wirklich darüber nicht wundern, wenn hin und wieder bei so starker Verkennung solcher Liebe solch eine scheinbare Entgleisung zutage tritt, wie der Vorschlag der Konfessionslosigkeit. Es kann übrigens sein, daß dieser Vorschlag zur blutigen Wirklichkeit werden muß, denn als seinerzeit der einer Staatskirche nachgeäffte Oberrat der badischen Juden den Gewissensbedrückungen ins Unerträgliche steigerte, da war selbst ein so glühender Jude wie S. Strauß s. A. gezwungen, Dissident« zu werden. Und man höre uud staune. Trotz aller Revolution und trotz aller neuen und neuesten Verfassungen ist es der Orthodoxie in Karlsruhe in Baden auch heute noch njeht möglich, in den Schoß der badischen Judenheit zurückzukehren. Die religionstreuesten Juden in Baden müssen auch heute noch als Dissidenten leben. Es würde gar nicht schaden, wenn der sehr verehrliche Kultusvorstand in Wien dieses badische Verhältnis einmal genau studieren und in einer Stunde objektiven Denkens sich mit der Frage beschäftigen würde, ob es der Kultusgemeinde würdig ist die treuesten Anhänger der jüdischen Religion, für deren Wahrung und Betreuung er berufen würe, vor die Unmöglichkeit zu stellen, als anständige Menschen innerhalb der Kultusgemeinde zu verbleiben. Videant consules. * * * Wien, am 7. Februar 1922. Sehr geehrter Herr Redakteur! Der anonyme Angriff auf die Institutionen der Kultusgemeinde in der „Jüdischen Presse" vom 28. Jänner 1922 erstreckt sich unter anderem auch auf das jüdische Versorgungs¬ und Sieohenhaus. Gegen diese Anstalten wird der Vorwurf erhoben, daß die Insassen nicht koschere Kost erhalten. Als der derzeitige Obmann der Kommission für diese beiden Anstalten im Kultusvorstand, halte ich es für meine Pflicht, zur Steuer der Wahrheit, im Interesse des guten Rufes dieser Institute sowie zur Beruhigung unserer Pfleglinge einer solchen Beschuldigung entgegenzutreten. Das Fleisch beziehen wir von der Firma Siegmund Kornmehl, die unter der Aufsicht des Rabbinats der Kultusgemeinde steht. Selbst in de* schwersten und kritischesten Zeit, in den Jahren 1919 und 1920, da infolye mangels an Fleischvorrat und empfindlichster Fettnot das Kaschrus in so manchem, bis dahin streng rituellen Haushalt ins Wanken geraten ist, haben wir, dank dem opferfreudigen Entgegenkommen des Herrn Kornmehl, unsere beiden Anstalten weiter, wie bis dahin, streng rituell geführt. Ich erwarte von der Loyalität Ihres Einsenders, daß er den Schleier seiner Anonymität lüfte, und seine Verdächtigung mit positiven Daten begründe. Wir werden dann in der Lage sein, diesen Beschuldigungen bis ins einzelnste nachzugehen, und sie auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. Etwa erwiesene Mängel sollen tatkräftig beseitigt werden. Ich ersuche Sie, sehr geehrter Herr Redakteur, höflichst um die Aufnahme dieser Zeilen und danke Ihnen im voraus für den gefälligen Abdruck. Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochachtung (Antwort folgt.) David Dohan, Kultusvorsteher. Die Cumbewegung und die Orthodoxie. Aus dem erscheinenden Buche des Dr. M. Ascher.* Der Leibespflege ist natürlich große Aufmerksamkeit zu widmen. Wie häufig haben zum Beispiel Mangel an Lust und Freudigkeit zum Lernen, Unaufmerksamkeit, * Wir erhalten folgenden Brief und entsprechen dem Wunsche des rühmlichst bekannten pädagogischen Schriftsteller» gerne. Neucbätel. An die löbliche Redaktion! In der letzten Nummer,Ihrer geschätzten Zeitung lese ich einen Artikel „Die Scham wegen grundloser Scham", in welchem vom Kontrast der Auffassung Rabbiner Sonnenfelds n. j. und Rabbiner Kuks n. j. über das Turnen die Rede ist. In meinem demnächst erscheinenden Werke „Die sexuelle Frage vom Standpunkte des Judentums", von welchem einige Kapitel bereits im „Jüdischen Jahrbuch für die Schweiz" erschienen sind, behandle ich eingehend diese Frage. ,Das Ergebnis der rein wissenschaftlichen Behandlung des Themas ist im Sinne, im Geiste Ihres geschätzten Blattes und dürfte deshalb für Ihre werten Lvser geeignet sein. schläfriges, abgespanntes Wesen, Mangel an Denkkraft und dergleichen ihren Grund in ungenügender Ernährung, schlechter Luft, mangelhafter Bewegung! Auch auf das Gemüt und den Willen sowie auf das gesamte Verhalten übt die Pflege und das dadurch bedingte Wohl- oder Uebelbefinden einen mächtigen Einfluß aus. Das geistige Leben stützt sich in mancher Beziehung auf das leibliche und wird durch dieses mitbedingt. Zum wahren Glück des Menschen ist beides notwendig: ,ein gesunder Geist in einem gesunden Leibe". Die Leibespflege hat dafür zu sorgen, daß der Körper mit allen seinen Organen sich kräftig entwickle, daß er gesund, stark, widerstandsfähig und zu nützlicher Arbeit ertüchtigt werde. Die Erziehung hat für eine den Kräften entsprechende allseitige Betätigung aller Organe zu sorgen. Dabei wird natürlich auch das Turnen eine Rolle zu spielen haben. Vergessen wir jedoch nicht, daß das Turnen eigentlich nur ein Ersatzmittel ist. Die Bewegung, deren unser Körper so dringend bedarf, übt auf den gesamten Organismus und auf den Geist einen höchst wohltätigen Einfluß aus. Naturgemäß aber sollten wir durch Arbeit uns die nötige Bewegung verschaffen. Die alten Griechen und Römer verachteten die Arbeit und waren deshalb genötigt, zu Ersatzmitteln der Arbeit zu greifen. So erfanden sie die Gymnastik, die später auch bei einem Teil unserer Brüder Anklang fand. Im allgemeinen empfanden unsere Väter jedoch eine natürliche Scheu vor diesem hellenistischen Ersatzmittel, da sie ja die ihnen nötige Bewegung in natürlicherweise sich verschaffen konnten. Unsere Väter waren Ackerbauer. Landbau war allgemeine Volksbeschäftigung und hat ihn zur Voraussetzung bei den wichtigsten Einrichtungen wie dem Erb- und damit verbundenen Eherechte, dem Eigentumsrechte und Schuldenwesen, dem Festzyklus, den wichtigsten Abgaben. Auch war die Neigung des jüdischen Volkes vollkommen dem Landbau zugewandt. Mit dieser Beschäftigung verbunden war Schafzucht, Woileerzeugnis und Viehzucht. Moses und David waren Hirten wie unsere Erzväter, und Saul und Elischa gingen unmittelbar vom Pfluge an ihren hohen Beruf. In Samuel I 13, 21 wird schon angeführt: „Damals war Not um die Schärfung der Pflüge, Sicheln, Dreizacke, Aexte und um Richtung der Spitze; und in Jesaia II 4 erhofft der Prophet für die messianischen Zeiten die Umarbeitung der Schwerter in Sensen und Lanzen in Winzermesser. Wohl kommt auch bei den Römern vor, daß jemand vom Pfluge weggeholt und zum Diktator ernannt wird. Dort handelt es sich aber immer nur um große Ausnahmen. Im allgemeinen wird Arbeit als nur des Sklaven würdig bezeichnet und selbst der große j Aristoteles teilt diese Ansicht. Unter solchen Umständen war es nötig, die Gymnastik als Bewegungsmittel einzuführen. Und da die Einführung der Gymnastik Schwierigkeiten machte, so verband man damit die Nacktkultur und Götzendienst. Unsere alten Weisen, deren Grundsatz ohnedies war rotten ntf „liebe die Arbeit", machten sich in Garten und Feld natürliche Bewegung genug, um nicht erst ein schwaches Ersatzmittel einzuführen. In moderner Zeit waren es erst Fichte, Hegel, Marx, Lassalle, die der Arbeit ihren Adelsbrief schrieben und sich in bezug auf den Wert der Arbeit zu denselben Ansichten bekannten, wie sie unsere Weisen schon, vor vielen Jahrhunderten ausgesprochen haben. Kehren wir getrost zu dem Mittel unserer Ahnen zurück und wir werden uns wohl dabei fühlen! Trachte jeder Familienvater danach, mindestens ein kleines Feld zu besitzen oder doch einen Garten, wo er mit den Seinen arbeiten kann. Wo, wie in den Großstädten, auch dies nicht leicht möglich ist, da mögen die Schulen oder Institute dafür sorgen, wie dergleichen Versuche bereits mit großem Erfolge gemacht worden, daß die Ausarbeitung des Körpers in der Weise zum Ausdruck komme, daß auch praktischer Vorteil zugleich sich zeigt. Praktischer Vorteil zeigt sich zum Beispiel bei Erziehung zur Feld- und Gartenarbeit oder bei Erziehung zu mechanischen Handfertigkeiten und Künsten. Dabei hätten wir zugleich den Vorteil, daß wir in ganz anderer Weise mit der Natur und dem wirklichen Leben in Verbindung stünden als dies heute geschieht. Ueberdies würde auch der Drang und das Sehnen zur Großstadt gedämpft werden, da man erkennen würde, daß auch das Land uns herrliche Reize und edle Werte zu bieten vermag. Wir möchten nicht mißverstanden werden: Nicht etwa, daß wir hier gegen Turnunterricht uns wenden, sondern nur gegen dessen Uebertreibungen, gegen die Auswüchse des allzusehr »Ghukath Hagojim" atmenden Fußball-, Tennis-, Hockey- und ähnlicher Spiele, die sich in übertriebener Anwendung immer mehr, leider auch in unseren Kreisen, einzubürgern scheinen. Ich kenne einen hervorragenden Engländer, der seine Kinder ängstlich vor dem Verkehr mit andern Kindern seines Kreises bewahrt. Dieser um sein Vaterland hochverdiente Mann gab mir als Grund seines Verhaltens an, er fürchte, seine Kinder könnten sonst leicht dem Sportmoloch zum Opfer fallen. Er gestattete den Verkehr mit andern Kindern deshalb nur da, wo er sicher war, daß das Maß nicht überschritten werde. Jede verfrühte und die vorhandenen Kräfte übersteigende Anstrengung ist

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