Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 5 (3.2.1922)
- Date
- 1922-02-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 26 JUDISCHE PRESSE Nr. 5 zu erheben. Wären die Sitzungen der Kultusgemeinde öffentlich, so hätte dieser Versuch auch große Früchte getragen, denn wenn erst der größte Teil der Kultusgemeinde überzeugt wäre, wie intolerant man gerade gegen den Teil ist, der seiner ganzen Anschauung nach, das größte Interesse an den [Einrichtungen der Gemeinde hat, wäre ferner das, was hinter verschlossenen Türen verhandelt werden muß, zur Kenntnis der Allgemeinheit gelangt, so wäre sicher die Position der Vertreter der Orthodoxie bedeutend erfolgreicher gewesen. Nun stellt der beregte Artikel eine Flucht in die Oeffentlichkeit dar; aber selbst unter voller Zustimmung zu den Voraussetzungen kann ich mit der Schlußfolgerung nicht übereinstimmen. So schnell wirft man die Flinte nicht ins Korn, so schnell verzweifelt man auch nicht an der besseren Einsicht der Beteiligten. Wenn es die Orthodoxie angesichts der schwierigen Lage des österreichischen Staates vorgezogen hat, Regierung und Parlament nicht auch noch mit der Lösung einer inneren jüdischen Frage zu beschäftigen, so ist doch noch nicht aller Tage Abend. Der Versuch zur Regelung müßte jetzt energisch in die Hand genommen werden, und zwar nach zwei Richtungen. Entweder die Kultusgemeinde muß sich auf ihren eigentlichen Zweck besinnen und ihre für die Allgemeinheit bestimmten Einrichtungen so ausstalten, daß sie in der Tat auch der Allgemeinheit zugänglich sind. Es muß der Stolz der Kultusgemeinde sein, der zweitgrößten der Welt, daß sie den rituellen Anforderungen im besten Sinne Rechnung trägt. Es muß die Ehre der Kultusgemeinde und ihrer Funktionäre sein, da nicht Vertrauen zu erzwingen, wo es der Lage der Sache nach nicht gegeben werden kann. Es muß als Schmach empfunden werden, gestützt auf die Krücke eines veralteten Staatsgesetzes, dasselbe zu erzwingen und diejenigen, die aus ehrlicher Ueberzeugung den Funktionären und Funktionen der Kultusgemeinde Mißtrauen entgegenbringen müssen, höhnisch doppelt zu besteuern. Es ist merkwürdig, wenn einer von den sogenannten „Liberalen" etwa wregen der Höhe seiner Steuer mit dem Austritt droht, dann umwirbt man ihn und mit bangen Zagen der Steuerkommission trägt man dem Austrittsgedanken des finanziellen gewaltigen Herrn mit Steuerminderung Rechnung. Mit den Konservativen jsdoch glaubt man leichter fertig zu werden; aber die Herren eines besseren zu belehren, bedarf es nicht des Mittels, welches in dem Artikel angegeben ist. Man muß es zumindest vorher versuchen, nach vergeblichen Schritten in der Kultusgemeinde, nun in der Tat an die Stellen heranzugehen, welche als die Hüter von Recht und Freiheit im Staate Oesterreich' nicht dulden werden, daß in solchem Umfange wie bisher eine Bedrückung des Gewissens ausgeübt werden darf, und niemand in der Welt wird berechtigt sein, das „Separatismus" zu nennen, denn, wenn irgendwie in der Welt, so hat man es in Wien versucht, die Einigkeit innerhalb der Kultusgemeinde aufrecht zu erhalten. Wenn die Welt erst erfahren wird was man auf Seiten der Orthodoxie alles dulden mußte und alles über sich ergehen ließ, so wird, man zwar nicht zu dem Mittel kommen, daß Ihr geschätzter Mitarbeiter in der vorigen Nummer angegeben hat; man wird vielmehr endlich den Staat bitten, unter Aenderung der Gesetze es auch der Orthodoxie möglich zu machen, sich frei und ohne böswillige Hemmung zu entfalten. H. N. Mag Dr. Pincbas Kol>n in Berlin. Am 20. Jänner fand in Berlin im Haagschen Hof ein Vortragsabend statt, in welchem Herr Dr. Kohn vom Zentralrat der Agudas Jisroel. über aktuelle Probleme der Aguda berichtete. Der Vortrag war gut besucht und es knüpfte sich am anderen Abend daran eine eingehende Besprechung über die Möglichkeit einer weiteren Propaganda in Berlin. Der Vortrag legte die Zeitverhältnisse so dar, daß derselbe eine Auseinandersetzung der Frage bedeutete, ob beim Eintritt in die Welt politischer Forderungen ebensowohl wie bei der Betätigung des inneren Lebens die Judenheit oder das Judentum zu Worte kommen soll. Hiebei würde natürlich auch das Verhältnis zu anderen Organisationen gestreift und die Möglichkeit dargestellt, bei Ehrlichkeit auf beiden Seiten derartig weit auseinanderliegende Anschauungen auf einer Mittellinie zu vereinigen. CandcswrsamittlufHi des Rabbiner» Verbandes von Polen. Die Vorkonferenzen zu der am 15. Schewat beginnenden Tagung der Aguda von Polen haben bereits begonnen. Als wuchtigste dieser Vorkonferenzen kann dieLandesversammlung despolnischen Rabbinerverbandes bezeichnet werden, welche Montag, den 23. Jänner, ihren Anfang genommen hat. Die orthodoxe Presse begrüßt die Zusammenkunft der geistigen Führer des Landes als ein Ereignis von großer Bedeutung nicht nur zur Hebung der Autorität des Rabbinerstandes und seines Einflusses auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens, sondern auch als den Beginn einer neuen Epoche in der Entwicklung des Judentums in Polen überhaupt, wo in den letzten Jahren Strömungen aufkamen, die den Geist aus den öffentlichen Leben bannen möchten, den gerade die rabbinischen Autoritäten aller Zeiten und aller Länder als heiligstes Vermächtnis der Vorfahren mit der Aufopferung ihrer ganzen Persönlichkeit zu wahren bestrebt waren. Mehr als zweihundertfünfzig Rabbiner sind bei der Eröffnungssitzung anwesend. Am Präsidententisch nahmen Platz die Rabbiner Lipschitz (Kaiisch), Plotzky (Üstrowo), Kanal (Dlaschky), Schapiro (Gliniany), Kaliana (Warschau), Morgenstern (Sokolow), Dr. Freimann (Posen) und Leiner (Radsin). Oberrabbiner Lipschitz (Kaiisch) eröffnet die Versammlung und gibt vor allen Dingen dem Vertreter der Regierung 'das Wort zur Begrüßung der Versammlung. Hierauf erstattet der Vorsitzende den Bericht über die Entstehung des Rabbinerverbandes und über seine Tätigkeil. Der Rabbinerverband von Polen wurde vor drei Jahren während der deutschen Okkupation gegründet, er konnte aber bis jetzt seine zweite Landes Versammlung aus politischen und technischen Ursachen nicht abhaken. Ausschlaggebend für die Gründung des Rabbinerverbandes und für die Einberufung der Landeskonferenz ist die Notwendigkeit, für die Erhaltung des überlieferten Geistes der Thoratreue in den Gemeinden und im jüdischen Kulturleben des Landes geschlossen in die Schranken zu treten. Der Krieghatin den Volkskörper tiefe Wunden geschlagen, aber „besser sind die Erschlagenen des Schwertes als die Erschlagenen des Geistes". Inmitten der Verwirrungen, die infolge des Krieges und der Ereignisse, die mit dem Krieg zusammenhingen in den jüdischen Gemeinden entstanden waren, haben sich vielfach Kreise der Führung bemächtigt, die zu den religiösen Bedürfnissen der Gemeinden nicht die geringste Beziehung haben. Und diese neuen Machthaber in der Gemeindestube lassen nichts unversucht, um den Rabbinerstand aufs tiefste zu erniedrigen. Die Bezüge der Rabbiner wurden auf ein Minimum herabgedrückt, damit sie ihre Kräfte im Kampfe um ihren Lebensunterhalt verzehren. Redner verweist auf die vor kurzem stattgefundene Versammlung von Lehrern und Erziehern, „die die junge Generation auf einen Weg führen wollen, der dem Judentum vollständig fremd ist". Gegen diesen Versuch, den jüdischen Geist aus dem jüdischen Erziehungswesen zu vertilgen, muß sich der Rabbinerverband mit allen Kräften zur Wehr setzen. Als zweiten Beweis für die Notwendigkeit des Rabbinerverbandes führt Redner die Beschlüsse an, welche die vor einigen Wochen durch die Zionisten und Misrachisten nach Warschau einberufene „Konferenz von jüdischen Gemeindevorstehern" gefaßt hat und die ausgesprochenermaßen daraufhinzielen, im Volke Mißtrauen und Respektlosigkeit gegen die rabbinischen Oberhäupter der Gemeinden zu wecken. Der Rabbinerverband sei berufen, für die Ehre seiner Mitglieder gegen derartige Verunglimpfungen einzutreten. Redner fordert die Versammhing auf, an die Spitze des Verbandes Männer zu stellen, die ihrer Aufgabe gewachsen sein sollen und zum Siege gelangen durch „Frieden und Wahrheit". Es halten noch Begrüßungsansprachen der Rabbiner von Blaschky, Dr. Nurock (Riga) im Namen des vor dem Kriege gegründeten Organisationskomitees zu einem Rabbinerverbande für Rußland, Dr. Mieses im Namen der militärischen Seelsorger, J. M. Lewin in Vertretung der Agudas Jisroel, Farbstein im Auftrage der misrachistischen Zionisten,Rabbiner Sembo für die „Mesiwto", Doktor Balaban für die zionistische Lehrerschule „Tachkemoni", Rabbiner Aronsolm (Kiew) im Namen der ukrainischen Rabbiner und zum Schlüsse in einer glänzenden Rede Oberrabbiner Schapiro (Gliniany) im Namen des galizischen Rabbinerverbandes. Ferner hielten noch Ansprachen Rabbiner Posner, Rabbiner Dr. Freimann und Herr Davidsohn. Spät am Abend schreitet man zur Wahl des Präsidiums der Versammlung. Es wurden gewählt die bekannten Führer der Agudas Jisroel in Polen die Rabbiner von Ostrowo, Gliniany, Sarak, Sokolow, Babianitz, Radzin, Radom und Kaiisch zu Präsidenten und die Rabbiner von Bendin, Blaschki, Grojez, Worka, Tomaschow, Lukow und Kielce zu Vizepräsidenten. Die zweite Sitzung am Dienstag war ausgefüllt mit dem umfassenden Referat des Oberrabbiners Schapiro (Gliniany) über den „Stand des religiösen Lebens des Thorastudiums und des Erziehungswesens in Polen". Dieses Referat bot einen Ueberblick über das gesamte Leben der jüdischen Gemeinden in Polen wie es sich in den letzten Jahren herausgestaltet hat und wurde mit einer Meisterschaft vorgetragen, wie man sie sonst nur selten antrifft. Vor Beginn der Tagesordnung sprachen die Rabbiner von Kutna (Zionist oppositionell), Rahob und Slunim. Außerdem wurden die verschiedenen Kommissionen gewählt. Kritische Rundschau. Die „Scham wegen grundloser Scham". Es hat selbst unter uns konziliante Naturen gegeben, welche die scharfe Opposition, die Rabbi Gh. Sonnenfeld den liberalen Ansichten Rabbi Kuks über das zionistische Turnwesen entgegengesetzt hat, als zu extrem empfunden haben, obwohl man sich ja immerhin sagen mußte, daß es nicht gerade Aufgabe des strengreligiösen Führers sein kann, für eine Bewegung — gar in so begeisterter Weise — Stimmung zu machen, die seiner Einflußsphäre entzogen ist, deren Entwicklung er daher nicht zu verantworten in der Lage ist. Das nachstehende Zitat aus dem offiziellen Organe der tschechoslowakischen ZionistenundMisrachisten eröffnet mm erschreckende Aspekte auf ungeahnte Entartungsmöglichkeiten dieser Bewegung, wohl geeignet, Horm Oberrabbiner Kuk selbst zu bekehren. Wir müssen den Leser um Entschuldigung bitten, wenn wir uns, allerdings mit viel Ueberwindung, dazu entschließen, dieses Zitat im vollen Wortlaut wiederzugeben: Dio Erotik im Sport. . . ...Zur Illustvierung: Oesterrcichische Fußballer auf einer Tournee in Schweden besuchten ein Familienkid, verlangen beim Eintritt in gewohnter Weise Schwimmhosen, erhalten dieselben von dor sebmunzelnilen Dienerin nach langem Warten in verstaubtem Zustande. Am Strande angelangt, sind die Oesterreieher unter hundert Männern und Frauen die einzigen, dio eine „Schambekleidet, verdeckt halten, und dieses Erlebnis von einigen Sekunden ließ elf junge Leute Jahrhunderte von „Sitte11 (Sittlichkeit) überwinden: Sie kehrten aus ,-ScbamJ um — denn, so paradox es klingt, löst die Erkenntnis der grundlosen Scham neue Scham aus — und kehrten ohne Schwimmkleider zurück. (Nach Dozent Dr. licht.) Solche Schwimtnhosen, allgemeine und spezielle, sichtbare und minder sichtbare schleppen wir alle mit nns herum. Keine legen wir kampflos ab, denn der "Wächter in uns ist ein strenger, eigensinniger Geselle. Um unbeeinflußt möglichst objektive Kenntnis von den tief unter der Oberfläche des Sees unseres Bewußtseins aktiven Kräften zu gewinnen, muß man die vom Intellekte unkorrigierten Erlebnisse feststellen und werten: Traum und Wahnsinn. (Freud.) Manches wird uns dann klar, wofür wir zureichende Gründe bisher nicht wußten: denn verborgen im Nebel, der zwischen den erkennenwollenden Auge und den Dingen meist lagert, unfaßbar für den Intellekt am hellen Tage, versenkt im Meere kaum aufleuchtender Ahnungen kocht sie und wirft nur selten eine heiße Welle an die Oberfläche des Sees, in unser Bewußtsein: Jene gewaltige Kraft, die aus dem Kehlkopf des Menschen die ersten Klänge riß und das Wort gebar und die sich in die Muskel des Adamsohns senkte und die Tat werden hieß: Die Sexualität. Welche gewaltige Rolle ihr in der Sportbewegung zukommt — anders als der Philister meint, nicht im Sinne verlogener Abstinenz — erkennt man, sobald man sich bemüht, mit den Methoden der Psycho-Analyse dieses Phänomen in all seinem Heldentum und seiner Gemeinheit, in seiner Schönkeit und Prostutition zu deuten. Wir wiederholen, es ist ein Zitat aus einem Artikel im offiziellen Organ der tschechoslowakischen Zionisten und Misrachisten. Dieselbe Nummer enthält Berichte aus frommen slowakischen Gegenden, von Abenden, die, der Versicherung nach, von religiösem, misrachistischem Geiste geleitet waren, sie enthält einen Bericht, daß die Genossen in Munkacs die „Bürgerliche Partei der religionstreuen Juden in der Podkarpatska Rus" gegründet haben, unterschrieben von einem Jehudi chared, sie enthält einen langen Bericht aus der frommen Gemeinde Presov, von einem Abend, wo Talmud und Tnach zitiert wurde und die lnisrachistische Häuptlinge der Slowakei sekundiert haben. Aber der Artikel ist nur eine Kostprobe für einen zionistischen Vortrag, der in der Urania in Prag abgehalten wird und der auf ein und derselben Seite des Blattes nicht weniger als viermal annonciert wird: „Die Bedeutung der Erotik im Sporte von heute. An der Hand von psycho-analytischem Materiale, gewonnon aus dem Kreise aktiver Sportsleute tschechischer, jüdischer und deutscher Vereine Prags und Wiens soll versucht werden, die Rolle der Sexualität überhaupt und der mann-männlichen Erotik im besonderen festzustellen . . Das ist die Botschaft, der edlen jüdischen Führer in Prag an ihre Getreuen, die an traulichen Freitagabenden in zahllosen jüdischen Heimen in der Slowakei und Podkarpatska- Rus als Andacht genossen werden soll. Jabotinskysmus. Im Hafen von Haifa wurde ein Waffenschmuggel durch zionistische Arbeiter entdeckt. In Bienenkörben, welche zufolge einer besonderen Bewilligung zollfrei eingeführt wurden, waren Revolver und Patronen verborgen. Die Araber benützten diesen — gewiß nicht genug zu verdammenden — Streich zu einer erneuerten Hetze gegen die Juden. Der Adressat Rosenberg wurde verhaftet und eine Untersuchung eingeleitet. Die „Jüdische Rundschau" bemerkt hiezu, daß man es doch friedlichen Arbeitern nicht verargen darf, wenn sie zu ihrem Schutze Revolver tragen und bemerkt zum Schlüsse, daß es „höchste Zeit" wäre, sich mit den Arabern zu verständigen. Wir sind der Ansicht, daß es bereits vor 25 Jahren Zeit war sich mit ihnen zu verständigen, daß es vor der Balfour- Deklaration die höchste Zeit war, sich mit ihnen zu verständigen, daß aber alles getan wurde, um die Araber zu reizen. Jabotinskys Verbleiben in der Exekutive ist die schwerste Provokation der Araber, das wissen die Herren zionistischen Unterführer so gut wie wir, sie sind aber zu feig und 'zu feil, um die Verjagung dieses gewissenlosen Abenteurers zu erzwingen. Der Revolver des friedlichen Arbeiters wird immer als ein Werkzeug einer Verschwörung betrachtet werden, wenn dieses säbelrasselnde, sporenklirrende Kasperl noch immer im Namen des Judentums Legionen für Petljura und sonstigen Abnehmern liefern wird.