Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 8 (1922)
- Issue
- 4 (27.1.1922)
- Date
- 1922-01-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 92 JÜDISCHE PRESSE Nr. 4 der orthodoxen Judenheit Polens liegt es nun, diese Möglichkeit zu verwirklichen. Ungarn. Bund um den numerus clausus. In einem Interview mit dem Mitarbeiter eines ungarischen Abendblattes erklärte der ungarische Unterrichtsminister Josef Vaß gegenüber den Gerüchten, daß die Regierung das Gesetz über den numerus clausus an den Universitäten wesentlich zu ändern beabsichtige: Auf dem Gebiete des numerus clausus sind bereits Aenderungen geschehen und sie erfolgen auch weiterhin. Diese Aenderung besteht darin, daß ich als Kultusminister stets das Kontingent erhöhe, das die Feststellung des Ziffernverhältnisses der Minoritätskonfessionen und Rassen enthält. Die weitere Entwicklung kann also in dieser Richtung, das heißt darin erwartet werden, daß wir mit der Erhöhung des Kontingentes die Aufnahme einer größeren Anzahl der zu den erwähnten Kategorien gehörigen Studenten ermöglichen. Zu dieser Erklärung, die an die Aufforderung des Ministerpräsidenten zur Versöhnung anknüpft, erklärt „Egyenlöseg", das Organ der ungarischen patriotischen Judenschaft: „Eine Versöhnung der jüdischen Gemüter ist nur dann möglich, wenn alle jene Verfügungen eingestellt werden, die in den letzten Jahren die materielle und die moralische Existenz der Juden zugrunde gerichtet haben. Wenn kein numerus clausus mehr bestehen wird, wenn den Juden Kinos und Trafiken zurückgegeben werden, wenn die Juden in ihren Schankwirtschaften, in ihren Fleischbänken, in ihren Wohnungen, in ihren Rechten, in ihrer Ehre belassen werden, dann wird das jüdische Gemüt sich vielleicht versöhnen, daß wir alles vergessen und uns nicht an unsere Märtyrer zurückerinnern, das werden sie niemals, niemals erreichen." Ein Interview mit Herrn Präses Adolph Frankl. Der in Gluj (Klausenburg) erscheinende „Jesurun", das Organ der Aguda, veröffentlicht ein Interview mit dem Präsidenten der orthodoxen Landeskanzlei in Budapest, Herrn Adolph Frankl. Ueber die gegenwärtige Lage äußerte Herr Frankl sich wie folgt: ». . . Mit dem Ministerium für Religion und Unterricht stehen wir wie früher in Beziehung. Das bedeutet die Wahrung unserer orthodoxen Autonomie. Die gemeinsame Gefahr hat uns mit den Neologen auf gesellschaftlichem Gebiete zusammengeführt. '• Seitdem die Bewegung, die um jeden Preis unifizieren wollte, aufgehört hat, seitdem die neologe Parteipresse den längst vermißten konzilianten Ton gefunden hat, seitdem gehen wir in einzelnen Fragen gemeinsam vor. Ihre materielle Opferbereitschaft ist uns von großen Nutzen, während sie unsere religiösen Ueberzeugungen in vollem Maße respektieren. Die gemeinsame Not vereinigte uns zu gemeinsamer Arbeit und wir hoffen, daß wir auch in besseren Zeiten nebeneinander, aber nicht in einer Organisation mit ihnen, vollständig unabhängig arbeiten können werden. Die Organisation des Büros ist unverändert die frühere. Einen großen Teil unserer Gemeinden haben wir verloren, aber das bedeutet nur einen materiellen Schaden. Den Wirkungskreis unseres Büros, seine moralische Grundlage, erschütterte es nicht. Wir beharren bei unserer erprobten organisatorischen Grundlage und hoffen sie noch entsprechend zu verbessern. Aus Mangel an Mitteln können wir augenblicklich an die Gründung irgendeiner neuen Institution nicht denken. Ständen wir nur materiell besser! Die Pester orthodoxe Kultusgemeinde hat soeben eine Knabenbürgerschule im Zusammenhang mit einer Talmud Thora und einer Mädchenbürgerschule errichtet. Zum Bau einer Mikvva ist das Grundstück und ein Geldbetrag vorhanden. Ein Sanatorium und ein Krankenhaus für die Kranken der ärmeren Volksschichten wurden gegründet. Mit einem Worte: wir haben auch unter den gegenwärtigen schweren Verhältnissen uns bemüht, neues zu schaffen. Jimerika. Harding zur 14 Millionen Dollar Kampagne des J D C. (JPZ) Präsident Harding hat an den Leiter der Kampagne, David Brown, folgendes Schreiben gerichtet: Es ist mir ein Vergnügen, an Sie und Ihre Mithelfer zu schreiben und Ihnen die Versicherung meiner vollen Zustimmung und guten Wünsche zu geben für das große Unternehmen, das Sie zugunsten der leidenden, unglücklichen Juden in Europa begonnen haben. Die Geschichte ihrer Leiden, die mir zur Kenntnis gebracht worden sinn", hat auf mich einen sehr tiefen Eindruck gemacht und es tut sehr wohl, zu wissen, daß eine Organisation, wie Ihre, ihre notwendige Arbeit fortsetzt, ebenso wie in der Vergangenheit, wo sie so viel lobenswerte Resultate erzielt hat. Ich hoffe, daß Ihr Unternehmen vollsten Erfolg haben wird." Rußland. Wladimir Korolenko. Aus Rußland wird der Tod Wladimir Korolenkos gemeldet. Nach Tolstoi war Korolenko das Gewissen Rußlands, und mehr als Tolstoi stieg Korolenko in den Sumpf des russischen Lebens und bekämpfte jedes einzelne Uebel, jede einzelne Ungerechtigkeit, jede einzelne Heize. Ob Pogrome ausbrachen oder ob man aus niedrigen politischen Absichten in Beilis das jüdische Volk zum Genießen von menschlichem Blute verurteilen wollte — immer war es Korolenko, der unaufgefordert als erster seine Stimme zum Schutze von Juden und Judentum erhob, der die ganze russische geistige Welt lauschte. Von der Poltawaer jüdischen Gemeinde wurde ein Kranz an seinem Grabe niedergelegt, der die Aufschrift trug „Dem großen Dichter das dankbare jüdische Volk". Ein Dementi Ch. H. Bialiks. (J. C. B.) Der hebräische Dichter Gh. H. Bialik dementiert im „Golos Rossii" nachdrücklichst in einem dem Jerusalemer „Haar-ez" gewährten Interview, über die jüdische Lage in Rußland irgend einen Augriff gegen die Sowjetrogierung gerichtet zu haben. Lettland. Aguda in Lettland. Herr Abram Hornstein, Mitglied der Exekutive der Aguda, besuchte die Aguda in Riga und gab seiner Befriedigung über die fortschreitende Entwicklung der Lettischen Organisation Ausdruck. Er stellte fest, daß besonders in Riga das orthodoxe Judentum sich der bedeutungsvollen Aufgabe bewußt ist, die ihm in der Gegenwart erwachsen ist. Die Aguda hat sich dort in kurzer Zeit zu einer hervorragenden Stellung im öffentlichen Leben emporgerungen und ist auch in der jüdischen Gemeinde ein Faktor geworden, mit dessen Anschauungen auch die Gegner aller Schattierungen rechnen müssen. Sibirien. Die jiid. Hilfsarbeit im fernen Osten. Auf Initative der lokalen Gemeindeverwaltung in Charbin fand eine Beratung statt, an der Vertreter von 25 jüd. politischen, kulturellen und humanitären Organisationen teilgenommen haben, die beschlossen hat, sofort ein gesellschaftliches Hilfskomitee für die Kriegswaisen zu bilden, an dem alle Elemente der jüd. Bevölkerung teilnahmen, von den Orthodoxen bis zu den extrem linken Gruppen. Dieses Hilfskomitee in Charbin hat eine Geldsammlung organisiert und wendet sich an alle jüd. Gemeinden im fernen Osten mit einem Aufruf, ähnliche Hilfkomitees zu gründen. Wie die letzten Nachrichten besagen, wurde ein solches Hilfskomitee bereits in Sanghai gebildet. Südafrika. Eine Talmud Thora-Schule in Kapstadt. In Kapstadt wurde jüngst die neuerbaute Talmud Thora- Schule eröffnet. Die Schule wird gegenwärtig von 250 Schüler und Schülerinnen besucht. Die Kosten des Gebäudes betrugen 5000 Pfund Sterling, welche von der lokalen jüdischen Gemeinde aufgebracht wurden. Die Aguda in der Slowakei. Während der Ghanukatage herrschte in zahlreichen Ortsgruppen der Agudas Jisroel reges Leben. Auf Wimseh der slovakischen Landesorganisation machte der Generalsekretär Herr Jakob Joel Braun eine Rundreise in die Gemeinden der westlichen Slowakei und benützte diese Gelegenheit, die Ortsgruppen für die zweckmäßige Durchführung der praktischen und organisatorischen Aufgaben auszugestalten. Die Reorganisierung der Ortsgrupppen wurde fast überall mit Propagandaversammlungen verbunden, in denen der Generalsekretär weitere Kreise über Ziele und Wege der Agudas Jisroel aufklärte und zur Mitarbeit gewann. Am Vorabend des Ghanukafestes nahm Herr Braun am Delegiertentage der slovakischen Jugendgruppen in Preßburg teil und wies die dort versammelte Jugend auf die verantwortungsvollen Aufgaben hin, die den orthodoxen Juden in allen Ländern harren. Am zweiten Chanuka-Abend fand in Nitra eine große Versammlung statt, die von der dortigen Ortsgruppe einberufen wurde. Nachdem Herr Joel Neuwaider, der Ortsgruppen-Präsident, die Versammlung und den Gast begrüßt hatte, legte Herr Braun in einer P/istündigen Rede das Programm der Agudas Jisroel dar. Die Rede übte auf das Publikum sichtlich einen tiefen Eindruck aus. Dies zeigte sich in den stürmischen Ovationen, die dem Redner bereitet wurden. Hierauf hielt der Präsident der slowakischeu Landesorganisation, Herr Rabbiner Aron Katz eine zündende Rede, in der er alle Anwesenden, auch diejenigen, die bisher aus Unkenntnis der Bestrebungen der Agudas Jisroel, ihr fernblieben oder gar irregeführt durch zeitgemäße Schlagwörter, andersgearteten Organisationen sich angeschlossen hatten, zur kräftigen ideellen und materiellen Unterstützung der Aguda aufforderte. Die Ansprache wurde begeistert aufgenommen. Zum Schlüsse sprach der Präsident der Nitraer Jugendgruppe Herr Heinrich Weiß mit bewährter Meisterschaft. Der Ortsgruppe traten auf der Stelle und an dem folgenden Tage viele neue Mitglieder bei. Die darauf folgenden Tage waren mit engeren Sitzungen des Oi tsgruppenvorstandes ausgefüllt. Der Vorstand wurde derart ausgestaltet, daß jedes Vorstandsmitglied in Zukunft ein eigenes Ressort leitet und einem besonderen Resortkommitee vorsteht. Auf diese Weise wird eine Arbeitsteilung unter den Vorstandsmitgliedern bewirkt und einer größeren Anzahl von Herren die Möglichkeit gegeben, sich praktisch an der Arbeit der Aguda zu betätigen. Solche Sektionen wurden zunächst gebildet für Propaganda, Limudhathora, Erez Jisroel- Arbeit, soziale Wohlfahrtspflege und Pressewesen. Am Sabbat weilte Herr Braun abermals in Nitra. Dieser Sabbat stand hier ganz im Zeichen der Aguda. In der großen Synagoge hielt Herr Rabbiner Aron Katz eine tiefdurchdachte Predigt über die Bedeutung der Chanuka vom Gesichtspunkte der Aguda betrachtet. Während des Sabbat-Tages bot sich Herrn Braun Gelegenheit, die Zieie der Agudas Jisroel in engeren Zirkeln zu erörtern. Am Abend fand in den Räumen der Talmud-Thora ein von der Jugendgruppe veranstaltetes glänzendes Bankett statt. Herr Heinrich Weiß eröffnete das Fest mit gediegenen Diwrethora. Die Festrede hielt Herr Braun. Hierauf sprachen noch Herr Rabbiner Aron Katz, Gemeinde-Präsident Herrnan Steiner und Joel Neuwaider. Tiefen Eindruck machten die Ausführungen des Gemeinde-Präsidenten als er schilderte wie das orthodoxe Judentum in Nitra nach jahrzehntelangen Kämpfen gegen Reformsüchtige Elemente sich durch den Zusammenschluß Gleichgesinnter zu der jetzigen Höhe durchgerungen habe. Gleiche Erfolge würden der Gesamtorthodoxio bescheiden sein, sobald sie sich Zielbewußt organisiert haben wird. Dieses Fest und die vorangegangenen Versammlungen und Sitzungen bedeuten für den Aufschwung der Agudas Jisroel in Nitra einen großen Erfolg. Am vierten Chanuka-Abend nahm Herr Braun an der Generalversammlung der Agudas Jisroel- Örtsgruppe in Tyrnau teil. Die Versammlung wurde von Seiner Ehrwürden Herrn Oberrabbiner S. D. Ungar eröffnet. Das Referat des Herrn Braun verfehlte auch hier seinen Zweck nicht. Die Versammlung stimmte den Vorschlägen zur sektionsmäßigen Reorganisierung der Ortsgruppe und zur Entfaltung einer regen praktischen Arbeit zu und führte die Vorschläge sogleich aus. Zum Schlüsse richtete der Herr Oberrabbiner tiefbewegt eine Ansprache an die Zuhörer uud wies auf die heilige Pflicht aller gesetzestreuen Juden hin, mit dem Aufgebot aller ihrer geistigen und finanziellen Kräfte an dem vielfältigen Wirken der Aguda anteil zu nehmen. Die Neuwahl ergab: Oberrabbiner Ungar, Präses; Josef Raab, S. Schönfeld, J. Fuchs, L.Schick, J.Fürst, S. Schick Vorstandsmitglieder. Am fünften Chanukaabend fand sich eine ansehnliche Versammlung der beiden orthodoxen Gemeinden in Galanta im Schulgebäude ein, um die Bekenntnis zur Agudas Jisroel abzulegen. In harmonischem Zusammenwirken waren sowohl die Präsidenten wie die Mitglieder der beiden Gemeinden erschienen und faßten nach Anhören der Rede des Herrn Braun und des interessanten Referates des gerade in Galanta zum Besuch von Verwandten weilenden Vorkämpfers der Agudaidee Herrn Rabbiner L. Spitzer aus Kirch drauf den Beschluß, fortan mit gesteigerter Energie die Unternehmungen der Agudas Jisroel zu kräftigen und zu fördern. Es wurde ein neuer Vorstand der Galantaer Ortsgruppe unter Vorsitz des Herrn Isidor Sußmann gewählt. Sonntag, den 1. Tebeth, verzeichnete die Agudas Jisroel einen großen Erfolg in Velky Topolcany. Nachdem eine Sitzung des Ortsgruppenvorstandes stattgefunden hatte, versammelte sich ein großer Teil der Topolcaner Jugend in dem Bet-Hamidrasch. Herr Rabbiner Mandl Deutsch, der Präsident der Ortsgruppe begrüßte den Gast und schilderte die Lage des Judentums in Erez Jisroel und in den anderen Ländern. Ueberall drängt die Zeit nach einer Vereinigung des orthodoxen Judentums zu gemeinsamer Arbeit. Hierauf referierte Herr Braun über die Aguda und schloß mit einem warmen Apell an die Versammlung, unentwegt sich um die Fahne der Aguda zu versammeln. Unter dem Eindrucke dieser Rede richtete der Gemeindepräsident He.ir Gellei eine Ansprache an die Versammlung, in der er die Aufforderung des Referenten rückhaltslos unterstütze und zu reichen Geldspenden für die praktischen Ziele der Aguda anspornte.