Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 45 (23.12.1921)
- Date
- 1921-12-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 316 JÜDISCHE PRESSE Nr. 45 Bewußtsein Alle zu erfüllen beginnt, und sich die überschrieene Stimme der Aelteren wieder Gehör erringen kann. So wiederkehrt im lebenden Zirkel des Golus immer wieder, wie ein ewiges Periodengesetz, die Zeit, wo sich. alle Andacht und Inbrunst in den ersten Segensspruch legt, die selbstherrlich auf eigene Kraft Bauenden sich vom Wirbel des g-ttlichen Sturmes zurückgetragen fühlen zu Ihm, der da war ehe ein Geschöpf weste, die Zügel der Geschicke wieder demütig in dessen Hände zurück überantwortet, und hinter Seinem Willen auf dem Pfade der Geschichte schreitet. Es kommt wohl die Zeit, vielleicht ist sie allein die Vorbereiterin der Geula, wo alle drei Segenssprüche in einen harmonischen Akkord ausklingen, wo die voraussetzungslose G-ttergebenheit des Großvatergeschlechtes, die Weisheit des Vaters und die Tatenfreudigkeit der Jugend ein einziger Schilusch keduscha wird, und Elia die Herzen der Väter und Söhne in einen Schlag zusammenklingen lassen kann. — m. Der jabotinsRy-Sliandal. Jabotinsky weiß seine Position heldenhafter zu verteidigen als Jerusalem. Er bleibt Preßchef und die „W. M." verteidigt ihn in uneigennützigster Weise. All den heiligen Zorn, den sie vertragsmäßig nicht mehr auf Petljura entladen darf, überleitet sie auf Ungarn und den Präsidenten der Budapester isr. Gemeinde. Seit Dawison so meisterhaft Karl und Franz Moor an einem Abende gespielt hat, sah man das mimische Kunststück nicht, wie man den Petljura-Freund und den Horthy-Feind in ein und derselben Zeitungsnummer spielen kann. Wie sie den armen Hofrat Szekely mit Beleidigungen bombardiert, weil er bloß im Verdacht steht, neben der unstreitig philanthropischen Mission auch — wie sagt}Siavinsky? — „die verdorbene Meinung des Judentums zu verbessern!" Leider scheint der Jabotinsky-Handel schon blutige Folgen gehabt zu haben. Eine Nachricht geht durch die Blätter, daß eine jüdische Truppe unter Petljura (keine Gendarmerie) geschlagen wurde und ihr Führer Dr. Rabinowitsch getötet. Jabotinsky aber ist gesund. Dieser scheußliche Handel mit Menschenfleisch wird noch als ehrlicher Versuch, den Pogromen Einhalt zu tun, dargestellt. Man weiß, daß die Bildung einer solchen „Gendarmerie" die Front mit ebensoviel Mann stärkt, als die „Gendarmerie" zählt. Sie hat jedenfalls den Wert von Ersatzkompagnien. Man weiß auch, daß die Pogrome zumeist bei der Einnahme des Ortes geschehen, wo die Gendarmerie noch nicht eingreifen kann. Text der Abmachung zwischen Maxim Slavinsky, Vertreter der PetJjura-Regierung-, und dem Mitglied der zionistischen Exekutive Wladimir Ewgeniewitsch Jabotinsky. („Zeit", London.) „Am 4. September neuen Styles im Jahre 1921 wurde in der Stadt Karlsbad im Hotel „Olympia" (Palace Hotel) zwischen den Unterschriebenen, Maxim Anatowitsch Slavinsky und Wladimir Ewgeniewitsch Jabotinsky, eine prinzipielle Abmachung auf folgender Grundlage geschlossen: 1. In der Armee der ukrainischen Volksrepublik, in der Abteilung der ukrainischen Staatsgendarmerie, wird eine autonome jüdische Gendarmerie mit zeitweiligem Charakter (?) errichtet, mit der speziellen Aufgabe, die jüdische Bevölkerung in den Orten zu beschützen, welche von der Armee der ukrainischen Volksrepublik besetzt sind. 2. Die jüdische Gendarmerie nimmt an den miliärischen Aktionen keinen Anteil. * 3. Die jüdische Gendarmerie wird durch eine spezielle jüdische Organisation ausgesucht auf ihre eigene Verantwortung; nur dürfen keine Kommunisten in die Formation der jüdischen Armee eingereiht werden. ' 4. An die Spitze der jüdischen Gendarmerie wird ein Jude gestellt werden im Einvernehmen der oben erwähnten Organisation und dem Armee-Oberkommando der ukrainischen Volksrepublik. 5. Der Anführer der jüdischen Gendarmerie ist unterworfen dem allgemeinen Reglement des Kommandos der ukrainischen Gendarmerie. Er hat das Recht des direkten Kontaktes mit dem Generalstabskommando, welchem die ganze Gendarmerie auf der ganzen Linie der militärischen Operationen, oder mit derjenigen Person, unter welcher die ukrainische Gendarmerie stehen wird. 6. Die Mitglieder der jüdischen Gendarmerie haben alle Rechte wie die ukrainische Gendarmerie und sind laut Gesetz im gleichen Maße für alle ihre Handlungen gleich verantwortlich wie jene. 7. Die jüdische Gendarmerie geht vorwärts mit der anderen Gendarmerie in das direkte (?) Okkupationsgebiet, in die Spuren der Armee der ukrainischen Volksrepublik, um ihre spezielle Aufgabe sofort nach der Eroberung von Orten durch die Armee der ukrainischen Volksrepublik mit jüdischer Bevölkerung zu erfüllen. Die territoriale undandere Verteilung der Funktionen wird, laut einem früher auszuarbeitenden Plan, der die Genehmigung des Kommandos der jüdischen Gendarmerie haben wird, und die Bestätigung des Generalstabes innerhalb der Grenzen des erwähnten Planes erfolgen. Die Aktion der jüdischen Gendarmerie ist eine autonome. (!?) Amendement. Das Armee - Oberkommando der ukrainischen Volksrepublik erneuert seinen Befehl wegen der unbedingten Unzulässigkeit jeder Art von Gewalttaten gegen die christliche oder jüdische Bevölkerung, selbst gegen Gewalttaten, die noch vor demEinrücken der Armee der ukrainischen Volksrepublik geschehen sollten. Solche Gewalttaten jeder Art» werden von militärischen Feldgerichten abgeurteilt werden, die nach Möglichkeit zusammengesetzt werden von Vertretern der christlichen und jüdischen Bevölkerung. Die Unterschriebenen verpflichten sich, sofort jede Möglichkeit zu benützen, um in seiner Einflußsphäre den Plan zu verwirklichen. Die technischen Kleinigkeiten werden den Gegenstand weiterer Verhandlungen bilden. (Unterschriften.) Maxim Slavinsky. Wladimir Jabotinsky. galizische, .polnische, orientalische, bessarabische, ukrainische und ungarische, zu einer Union of federations zusammengeschlossen, die beinahe das ganze Immigrationselement erfassen konnten. Da der ganze Pulsschlag des jüdischen Lebens in Amerika eigentlich von dem Emigranten tum herrührt, so eröffneten sich mit der Konstituierung der Union of federations große Möglichkeiten des Einflusses auf die Massen. Dieser Einfluß sollte sich gegen das einseitige Parteiwesen richten. Die Landsmannschaften sind zumeist aus dem Bedürfnisse entstanden, sich mit Landsleuten zu einem gemeinsamen Leben zusammenzuschließen, das an die alte Heimat anklingen sollte. Der Geist des elterlichen Hauses war das Band, das sich um Mitglieder und Verein schloß. Der Einfluß des Landsmannschaftsystems wäre ein durchaus versittlichender geworden. Die erste Aktion der Union war auch, sich Dr. Magnes zur Reorganisierung der „Kehilla" — die Organisation aller jüdischer Verbände von New York — zur Verfügung zu stellen, um in das Chaos der Reverends, congregations und messader ki-duschins die Disziplin und die Kontrolle des europäischen Kehillageistes zu bringen. Die Union erzielte auch die Erwählung der sieben Präsidenten zu ex offo-Delegierten des amerikanisch-jüdischen Kongresses. Der Ausbruch des Krieges lähmte aber die Aktionsfreiheit der Landsmannschaften und machte den großen Plan illusorisch. Wohl war uns die Auffassung günstig, daß die Juden als besondere Rasse anzusehen sind und selbst die Föderationen der Immigranten aus feindlichen Ländern waren nicht in ihrer Tätigkeit gehemmt, aber zu einer großen umfassenden Aktion fehlte die nötige Bewegungsfreiheit. Ich konnte sogar nach dem Abbruch der Beziehungen mit Oesterreich-Ungarn noch persönlich zugunsten der ungarischen Föderation intervenieren und erfuhr keine Behandlung als „feindlicher Ausländer \ Am 30. April und 1. Mai fand die Jahresversammlung der „Kehilla" statt, an welcher ich als Vertreter der ungarländischen Föderation offiziell teilgenommen habe. Es war drei Tage vor meiner Abreise. Die Konvention stand im Zeichen großer Ereignisse. Die englische Armee hatte die Grenzen Palästinas überschritten, Wilson gab eine „Deklaration" zugunsten eines jüdischen Heimes in Palästina. Die jüdischen Zeitungen avisierten wichtige politische Enunziation Schiffs und Marshalls. Die Konvention war voller Begeisterung für Zion und das befreite Rußland. Jakob H. Schiff und Marshall stellten sich für den Aufbau des jüdischen Heimes zur Verfügung. Vor der Schließung der Konvention richtete der Vorsitzende herzliche Worte des Abschieds an mich und dankte für die Mitarbeit der Föderation. Ich sprach, von der Versammlung akklamiert, zum letzten Male im Namen der Föderation. Ich kann mich nicht erinnern, je mit solch tiefer Bewegung und gleichem Eindrucke gesprochen zu haben. —-- Die Föderation verdankte ihr Entstehen der Methode der Krystallisierung um den religiösen Gedanken und verdankt ihren Verfall dem Umstände, daß man sich politisch orientiert hat. Gegenwärtig scheint die Föderation nur ein Rudiment eines großgedachten Werkes zu sein. Sie kann sich vielleicht wieder entwickeln, wenn sie sich um die Ohaw^ Zedek-Synagogen herum organisiert und den weltlichen Beistand derselben darstellen will. B. Der fall CscbcrnouWz. Dr. Chaim Tschernowitz, der unter dem Nämen „Raw Zoir* bekanntgewordene Leiter der achadhaamistischen Jeschiwa in Odessa, hat, vom Karlshader Zionistenkongreß heimgekehrt, seinen Austritt aus dorn Misrachi erklärt und veröffentlicht jetzt in der Züricher „Jüdische Preßzentrale* eine ausführliche Darstellung und Begründung seines Austrittes. Der Kongreß hat ihn offenbar, wie manchen anderen, nachdenklich gestimmt und ihm, wie manchen anderen, die Ueberzeugung beigebracht, daß er entgegen der Ansicht der offiziellen Führer des „Misrachi", die ihn schwärmerisch umjubelt, sich aus Anlaß seines 50. Geburtstages mit seinen Anschauungen und Ansichten in einer Kundgebung identifiziert und seine religiöse Entscheidung in der Frage des Frauenwahlrechtes in Palästina der Entscheidung fast sämtlicher palästinensischer rabbiniseher Autoritäten vorgezogen halten, nicht in den Misrachi hineingehöre. Als Dr. Tschernowitz nach dem Austritt der früheren „extrem-orthodoxen1' Leitung aus der zionistischen Organisation sich von dem neuorganisierten Misrachi „angezogen gefühlt" und dort auch Aufnahme gefunden hatte, schüttelten die Kenner der Verhältnisse den Kopf. Jeder wußte, welche Stellung „Raw Zoir* zu der Integrität und der unabänderlichen Verpflichtungskraft des jüdischen Gesetzes einnimmt. Den Misrachi war dies keineswegs als Hindernis erschienen. Jetzt wird er selber „bedenklich gestimmt" und verabschiedet sich nun von ihm mit einer Kundgebung, in der er über die Zusammensetzung des gegenwärtigen Misrachi Einzelheiten erzählt, die auch weitere Kreise interessieren dürften. Er schreibt unter anderem: „Mit diesen Anschauungen kam ich nach Karlsbad zum Kongreß. Dort, aber hat sich herausgestellt, daß der Misrachi nach meiner Ansicht mehr eine politische Partei ist als eine religiöse. Ueberhaüpt hat der M i s r a c h i, o f f e n b a r unter der Einwirkung der starken Agitation der A g u d a s J i s r o e 1 u n d SehlumeEmune Jisroel, einen starken Ruck nach rechts genommen. Besonders die Leitung der Misrachi ist erfüllt von dieser A g u d a s J i s r o e 1 - S t i m rn u n g, das heißt s i e v e rtritt den Standpunkt der T r e n n u n g s o r t h od o x i e innerhalb des Zionismus. Das hat auf mich einen schlechten Eindruck gemacht. Vielleicht ist auch dies eine Notwendigkeit, weil der Misrachi heute nicht bloß eine Idee, sondern weil er eine Frage der Verwirklichung ist. Da haben sich, ebenso wie im Zionismus, auch innerhalb der des Misrachi die Richtungen differenziert, denn der Misrachi, dessen verbindender Gedanke nur der der Religionstreue ist, kann kein einheitliches Gebilde sein. Ich zum Beispiel teile nicht die extrem orthodoxe Auffassung des Judentums. Die Leitung aber hat nur die extreme rechte Richtung vertreten und hat den verschiedenen Strömungen nicht Rechnung getragen. Innerhalb der Misrachi-Fraktion hat sich eine ganz komische Situation ergeben, weil die Rabbonim die Liberalen und die Linken waren, während d i e" B a 1 b a t i m die extremen Rechten waren. Da ist zum Beispiel der berühmte Klausenburger Raw Glasner, ein Gaon und einer von den ältesten Talmide Chachamim, ganz unbeachtet geblieben weil er zum „Linken" gestempelt wurde und nicht genügend fromm war. Der Premysler Raw Schmelkes sagte einmal in der Fraktion, man solle doch auch die Rabbiner zu Wort kommen lassen und die Balbatim sollen nicht frömmer sein wollen als die Rabbiner. Die Balbatim waren die Hüter der Thora, und die Rabbiner waren die Apikorsim". . . Eine solche „komische Situation" bestand in der Tat in Misrachi-Sitzüngeh"'"'''insofern, ■" als die Herren Rabbiner Dr. Tschernowitz, Glaser und Schmelkes im Bewußtsein, daß es überflüssig, das heißt nutzlos sei, von jedweder „orthodoxen Forderung" abzusehen, beantragt hatten, während sämtlichen anderen Misrachisten ein derartiger formaler Verzicht wohl aus propagandistischen Gründen unmöglich erschien, obwohl sie allesamt auf Grund früherer Erfahrungen genau wußten, was Kongreßerklärungen wert sind. Es blieb den Misrachisten auf dem Kongreß klugerweise nichts anderes übrig, als sich gegen ihre „Rabbinischeu Autoritäten" aufzulehnen und ihnen lieber das Brandflial des „Apikorsus" aufzudrücken, als ihren ganzen „rechten Flügel" zu der verschrienen Agudas Jisroel hinüberschwenken zu lassen. Ist es nicht ergötzlich zu sehen, wie nun die „Poskim" des Misrachi über die Respektlosigkeit klagen, mit der sie von ihrer Gemeinde im Zionismus behandelt werden. Hören wir Dr. Tschernowitz weiter: „ . . . Ueberhaüpt hat auf mich die Teilung in Parteien und die Durchführung dieses Prinzips auf dem Kongreß einen sehr schlechten Eindruck gemacht. Bei Abstimmungen stimmten die Fraktionsmitglieder geschlossen auf ein Zeichen der Führer, oft ohne genau zu wissen, um was es sich handelt und es schien, als ob nur Hände da wären und keine Menschen . . . Misrachi ist eine Vereinigung religiöser Juden, die das Basler Programm angenommen haben, aber innerhalb des Misrachi sind die Parteien noch nicht differenziert. Der Misrachi hat auf seine Fahne geschrieben: Erez Jisroel leam Israel al pi Thoras Israel (Erez Jisroel dem Volke Israel nach der Thora Israels). Ich fasse all diese drei Dinge anders auf und bin vor allem der Ansicht, daß im gegenwärtigen Moment Erez Jisroel die dringenste und erste Frage ist. Alles andere wird kommen. Aber qualitativ wird der Misrachi geschwächt werden, sein Rahmen wird gelockert werden, weil verschiedene Schichten des Volkes darin Platz finden müssen und die Differenzierung innerhalb der Partei anfangen wird. Ich bin auch überzeugt, daß die heutige Richtung nicht die siegende bleiben wird Die Richtung, die ich vortrete, ist besonders unter den Rabbinern, wie schon erwähnt, sehr stark und auch unter vielen gemäßigten Misrachisten, für die die ,'fhaura' der Agudas Jisroel nicht "•yDÖ isl (Hört! Hört!; . . . Mit dem Kompromiß, das der Misrachi geschlossen hat, hin ich nicht einverstanden gewesen. Ich habe die palästinensischen Schulen bekanntlich selber scharf kritisiert, aber ich war immer der Ansicht, daß das stärkste Positive daran ihre Einheitlichkeit ist. Wenn die zerstört wird, dann haben wir zweierlei Juden, fromme und nichtfromme. Dadurch untergraben wir unsere ganze Position. Die Einigung ist nur eine äußerliche, ich aber möchte eine innerliche Einigung erzielen. Daß man in den allgemeinen Schulen auf die Tradition verzichtet hat, halte ich vom Standpunkt der Wissenschaft für einen großen Fehler. In den sogenannten freiheitlichen Schulen wird in Wirklichkeit wenig gelernt, in den misrachistischen weit mehr. Die allgemeinen Schulen müssen sich in dieser Beziehung den misrachistischen nähern. Sie müssen mehr jüdische Wissenschaft in ihr Programm aufnehmen ... Ich halte die Zeit für gekommen, wo d a s g a n z e religiöse Leben, insbesondere im Golus, einer Prüfung (Kennt ihr dieses Lied?) unterzogen werden muß. Um das religiöse Leben zu erhalten, muß es eine Institution geben, die mit der nötigen Autorität ausgestattet ist, um es in gewisse Bahnen (?) zu lenken. Auch das religiöse Judentum ist vom Golus beeinflußt und au die