Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 44 (16.12.1921)
- Date
- 1921-12-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 310 JÜDISCHE PRESSE Nr. 44 gegeben, Mittler der altjüdischen Tradition zu werden. Die Not der Zeit hat alle Geister für G-ttes Willen empfänglicher gestaltet, Millionen glaubensentwöhnter Herzen langen suchend zum ewigen Ideal zurück. G-ttessucher erstehen in allen Lagern ... In den Hunderttausenden der Juden Wiens lebt hie bewußt, dort unbewußt die Sehnsucht, die Bereitschaft, G-tt zu dienen, wenn von oben, von der berufenen Stelle der uralte, allen bekannte, allen gemeinsame Sammelruf des unverfälschten Thorawortes erginge. Statt dessen sehen wir zu unserem Schmerze das geistliche Oberhaupt im Kreise religionsfeindlicher Demagogen wirken, mit peinlicher Aufmerksamkeit deren Wünschen, Empfindungen und Bestrebungen sich hingebend, hingegen achtlos und leichtfertig die Gefühle, Rechte und .Interessen der Thoratreuen verletzend. Wir haben uns längst daran gewöhnt, daß der Oberrabbiner von Wien im G-tteshause nichts anderes als sozialpolitische Vorträge hält, nie einen Possuk zitiert, wie, das selbst bei anderen Glaubensgemeinschaften obligat ist, daß er, der draußen im praktischen Unterricht auf iwris be-iwris drängt, in der Synagoge justament aschkenasis beaschkenasis predigt; wir sehen unseren Oberrabbiner in Jabotinsky-Versammlungen begilu rosch jüdische Ideale verkünden und sehen ihn nicht im Rate derjenigen, welche die Thora neu befestigen wollen. Wir sehen den Herrrn Oberrabbiner den ganzen Einfluß und alle Mittel, die ihm kraft seines Oberrabbinates eingeräumt werden, vorzugsweise im Sinne einer engeren Partei verwenden und von allen Zuwendungen für kulturelle und erzieherische Zwecke gerade diejenigen strenggläubigen Kreise ausschließen, die seinem Pflichtgefühle;am meisten anbefohlen wären. Wir sehen Herrn Dr. Ghajes, seine Position als Oberrabbiner einer großen, von breiten Massen Strengkonservativer durchsetzten Gemeinde mit großem Nachdrucke verteidigen, gleichzeitig aber der Orthodoxie gegenüber alle Pflichten verletzen, die sich aus der Stellung des Oberrabbiners von Wien ergeben. Was mag Dr. Ghajes eigentlich dabei gedacht haben, als er sich in dieser Zeit voll wichtigerer Probleme, Leiden, Stürme vor ein Auditorium im kleinen Konzertsaale hinsetzte und es mit der Offenbarung überraschte, daß Schir-haschirim ursprünglich ein Singspiel (französisch: Operette) gewesen ist, in fünf Akten, die von Liebenden und Geliebten gespielt und vom Chor der Hirtinnen begleitet wurde. Dr. Chajes kennt die schwärmerische Verehrung, die der Strenggläubige für Schir-haschirim hat, er kennt die wundersame Wirkung dieses unvergleichlichen Buches der Bibel, wo es zwischen den Psalmen und.den Sprüchen rangiert, er weiß, wie gerade in der Jetztzeit, wo die Rohheiten der Wirklichkeit die empfindsamsten Seelen in eine höhere Sphäre der Empfindungswelt verscheuchen, die chassidische . G-ttauffassung, welche sich am liebsten in Schirhaschirim auslebt, hie begeisterte Jünger, überall aber verständnisvolle Bewunderer findet. Welcher Geist verführt ihn da, welche sonderbare Neigung reizt ihn da, diesen Faustschlag ins Gesicht aller der zehntausend Glaubenstreuen seiner eignen Gemeinde zu führen? Ist das derselbe Dr. Chajes, der auf dem Zionistenkongreß die Resolution eingebracht hat, daß die zionistische Organisation — die doch nur eine politische ist — in ihren öffentlichen Handlungen nichts unternimmt, was gegen die Religion verstößt und diese Resolution selbst garantieren soll, der ein Werk, das auch der katholischen Kirche angenommen hat. Meine Anschauung möge nicht übereinstimmen mit den Anschauungen anderer, aber ich kann feststellen, einen großen Dienst in Rumänien erwiesen zu haben (und das ist als solcher von jedem anerkannt worden), indem ich versucht habe ein Hindernis zu entfernen, welches, wie Sie wissen, während der jüngsten Jahren den Juden zum Hauptvorwurf gemacht wurde. Diesen wurde der Vorwurf gemacht, sie hätten das Minoritätsproblem aufgeworfen, mit der Absicht, die Würde der rumänischen Nation zu benachteiligen, während in der Wirklichkeit die Minoritätsklausel eingeführt wurde nicht aus Liebe für die Juden, sondern hauptsächlich im Interesse der großen Mächte, um diesen die Möglichkeit zu geben, sowohl politischen, als auch finanziellen Einfluß auf die neuen Staaten auszuüben." Wir begnügen, uns für heute, diese markanten Sätze von Dr. Gaster Aviederzugeben, Der Verfasser geht sodann in tiefgründiger Weise auf die Probleme Nationen und Nationalitäten über. Mr. Morris Myer setzt sich in einer Erwiderung mit Dr. Gaster auseinander. Wir behalten uns vor, auf diese Kontroverse zurückzukommen und betrachten es schon jetzt als einen Vorteil, daß diese ernste Frage endlich auf die Platform gründlicher Auseinandersetzung gehoben ist. Das ist etwas ganz anderes, als wenn kleine Geister die Frage damit abtun zu können glauben, daß sie Dr. Gaster einen kleinen, einen ehrgeizigen, kranken Mann nennen. Gewiß ist Dr. Gaster nicht unser Gesinnungsgenosse, aber man kann verlangen, daß jüdische Probleme ernst, ohne Ansicht' der Personen behandelt werden. P. K. heilig ist, in öffentlicher Vorlesung zur Operette degradiert? Wahrhaftig, wenn Herr Oberrabbiner Dr. Chajes es wagt, Schir-haschirim ein Singspiel zu nennen, so darf er es uns nicht für übel nehmen, wenn wir das Wiener Oberrabbinat als Posse bezeichnen. Und wir fragen und heischen ehrliches Urteil, ob Der Riesenskandal der zionistischen Exekutive hält die ganze jüdische Weltpresse in Aufregung. Die Erregung wiid noch durch die offizielle Erklärung der zionistischen Leitung, welche das non plus ultra politischer Charakterlosigkeit ist, gesteigert. Es ist wohl in der Geschichte der Politik einzig dastehend, daß eine Exekutive kaltblütig erklärt, eines ihrer Mitglieder habe eine verhängnisvolle politische Abmachung mit einer Regierung als Privatmann abgeschlossen. Uebersetzen wir dies aus dem politischen Jargon der Zionistenführer ins Europäische. Man würde zum Beispiel eirie Abmachung Churchills veröffentlichen, worin dieser den Deutschen Militär gegen Frankreich zur Verfügung stellt und Lloyd George würde darauf erklären, daß Churchill diese Abmachung als Privatmann gemacht hätte und Churchill würde garnicht demissionieren. Die Erklärung der zionistischen Leitung lautet: Zu den Mitteilungen, welche in der letzten Zeit durch die Presse gingen, bezüglich von Verhandlungen, die in Karlsbad zwischen Herrn Jabotinsky und Herrn Slavinsky geführt wurden, erläßt die Exekutive der Zionistischen Organisation folgende offizielle Erklärung: Obwohl die Verhandlungen des Herrn Jabotinsky mit Herrn Slavinsky sicherlich in Uebereinstimmung mit den Prinzipien der Zionistischen Organisation keinerlei Einmischung in politische Kämpfe oder Bürgerkriege bedeuteten, sondern nur den einen Zweck verfolgten, die jüdische Bevölkerung in der Ukraine vor Pogromen zu schützen, hält es die Exekutive der Zionistischen Organisation für nötig, nachdrücklich zu erklären, daß die Zionistische. Organisation niemals für oder gegen eine politische Macht Stellung genommen hat. Eine solche Stellungnahme wäre unvereinbar mit den Grundsätzen der Zionistischen Organisation. Die Exekutive der-Zionistischen Organisation stellt ferner fest, daß die Verhandlungen des Herrn Jabotinsky mit Herrn Slavinsky privater Natur waren. Weder die Zionistische Exekutive im ganzen, noch irgend eines ihrer Mitglieder, mit Ausnahme von Herrn Jabotinsky selbst, hat von diesen Verhandlungen irgend welche Kenntnis gehabt. Hingegen veröffentlicht Jabotinsky eine unerhört dreiste Erklärung, deren Kern einfach die Ansicht ist: „Ich danke nicht ab, ich tue, was ich will". Nachdem er versichert, daß er nur die Ukrainer Juden vor Pogromen schützen wollte und daß er es begrüßen würde, wenn auch die Russen eine solche jüdische Selbstwehr hätten, fährt er fort: „Die Exekutive der zionistischen Weltorganisation hat nichts zu tun mit Dingen, die außerhalb des Baseler Programmes liegen. Ich verzichte darauf überhaupt, über meüi Recht in dieser oder in anderer Sache, welche außerhalb des Baseler Programmes, auf meine eigene Verantwortung zu handeln, zu diskutieren... Ich will auch in Zukunlt den Präzedenzfall von 1915 befolgen, als ich die jüdische Legion geschaffen habe, um auf Seite der Verbündeten zu kämpfen für Palästina. Ith habe nicht die Absicht, meine Stellung zu ändern oder auch nur irgendwelche Konzessionen einer verführten öffentlichen Meinung (!) zu machen. Ich rate vielmehr den ukrainischen Führern, eine solche Gendarmerie (!) zu schaffen, wie sie in der Abmachung vorgeschlagen ist, unter der Führung eines jüdischen Chefs (Hiphip-hurrah für General Jabotinsky!) mit allen nötigen Garantien, wie auch einen Aufruf, betreffs Freiwillige für diese Gendarmerie, zu erlassen. Ich fordere jeden gesunden und fähigen Juden auf, diese Gendarmerie zu unterstützen, oder sich ihr anzuschließen, die Gefahr nicht zu scheuen und nicht zu achten auf die absurde und müßige Kritik, welche sich mit den Anschauungen Petljuras befaßt, statt die Juden zu beschützen." * * * Die Abmachung des Mitgliedes der zionistischen Exekutive Wladimir Jabotinsky mit dem Vertreter derPetljura-RegierungSlavinsky. („Zeit",London.) Slavinskys Bericht. Ukrainische Volksrepublik. Außerordentliche diplomatische Mission in der Tschechoslowakei. Prag, 16. September 1921. Die Beziehungen mit den Zionisten. Wie ich bereits berichtet habe, haben in Prag Ende Juli die Vorbereitungssitzungen des Zentral- Exekutivkomitees (Sitzung des großen Aktionskomitees) für den Kongreß stattgefunden. Zwischen den Zionistenführern war bei uns der bekannte W. J. Jabotinsky, gegewärtig Mitglied vom Zentral- Exekutivkomitee und Chef ihreslnformationsdienstes — unter seiner Aegide stehen 450 Tageszeitungen —, mit welchem ich zwei Zusammenkünfte hatte. Als alte gute Freunde (!) haben wir prinzipiell die Frage behandelt, wie man die verdorbene (?) jüdische öffentliche Meinung betreffend des Ukrainertums verbessern Die JFTguda in Polen. Am 6. und 7. fand in Warschau eine sowohl von Warschauer, als auch von auswärtigen Mitgliedern gut besuchte Konferenz des Aktionskomitees der polnischen Aguda-Landesorganisation statt. An der Konferenz nahm auch Rabbi Meir Don Plotzki aus Ostrowo teil, der vor kurzern aus Amerika zurückgekehrt ist, wo er als Mitglied der Agudadelegation die Orthodoxie, die immer ihres Partikularismus halber getadelt wurde, sich nun entgegen der Tradition eingefügt hat in das Leben der Kultusgemeinde, nach den Erfahrungen des ersten Jahres, nicht in dem Entschluße gerechtfertigt ist, zu den alten Methoden zurückzukehren? (Ein zweiter Artikel folgt.) könnte. Ich gab ihm das ganze Material das wir besitzen; außerdem verfielen wir auf den Gedanken, eine jüdische Gendarmerie zu gründen. Am 1. September begann der zionistische Kongreß in Karlsbad. Ich war da zweimal in Karlsbad, am 29., 30. uhd 31. August, ferner am 3. und 4. September. Die erste Konferenz mit Jabotinsky hatte ich am 30. August in Anwesenheit unseres Berliner Gesandten R. Statzki; weitere Konferenzen fanden am 3. und 4* September statt, ohne ihn. Wir behandelten die Frage der Taktik der Mitglieder des Kongresses; ich übergab ihm meineBegrüßung, welche auch am ersten Tage des Kongresses vorgelesen wurde und einen sehr guten Eindruck auf den ganzen Kongreß machte. Meine Begrüßung und unsere Konferenzen haben schon den einen guten Erfolg gezeitigt, daß sie eine Aktion verhindert haben, die sehr unangenehm für die ukrainische Volksrepublik werden konnte, und zwar: Eine große Gruppe von osteuropäischen, englischen und amerikanischen Zionisten wollte bei der Frage über die Pogrome in der Ukraina darstellen, daß die Regierung und die Armee in der Ukraina die Anführer bei allen Geschehnissen waren. Sie beriefen sich hiebei hauptsächlich auf die Informationen der „Ukranska Propor" und andere galizische Ausgaben, indem sie darauf hinwiesen, daß dies doch das eigene Urteil von Ukrainern sei. Die Aktion dieser Gruppe wurde dergestalt von meinen und Jabotinskys Erklärungen und Informationen niedergeschlagen. Vom 31. August bis 3. September dauerten die Bemühungen einen Ausgleich zu finden zwischen meiner und Jabotinskys Meinung über die jüdische Gendarmerie und zwischen den" zionistischen Grupden (?!) Wir kamen zu dem Beschluß: Die Angelegenheit der jüdischen Gendarmerie mit dem Amt der ukrainischen Volksrepublik übernimmt eine besondere . Organisation (eine Tochteranstalt! D. Red.), die außerhalb der zionistischen Organisation steht, da die zionistische Organisation eine allweltliche ist, in welcher sich auch Gruppen befinden, die dem Kommunismus nahestehen. Die Organisation trägt die Vorbereitungskosten; mit dem Momente aber, als die jüdische Gendarmerie das Territorium der Ukraina betritt, wird die ukrainische Volksrepublik die Kosten decken. Unsere Abmachung kristallisierte sich in einem prinzipiellen Projekte, das von mir und Jabotinsky unterschrieben wurde. An der letzten Konferenz, wo das Projekt perfekt wurde, hat zwischen anderen auch der englische Golonel Paterson teilgenommen, der sich warm zur Sache gestellt hat und seine ganze Hilfe zusagte — er ist eine einflußreiche Person im englischen Kriegs- und Außenamte. Was im Projekte nicht angeführt ist, ist noch außerdem die Meinung, welche von den zionistischen Führern (plural. D. Red.) ausgedrückt wurde: Wir müssen die ukrainischen Juden und die Ukrainer fest verbinden, es sei zum Glück oder Unglück. Wenn also auch vom Projekte keine große Sache entstehen sollte, so kann man nicht achtlos an den moralischen Folgen von dem Zusammenleben beider Völker vorbeigehen. Die weiteren Sitzungen in dieser Frage werden geführt werden von den Führern der erwähnten Organisation (wahrscheinlich wird es.Temkin sein [ebenfalls ein bekannter Zionistenführer. D. Red.]) und den verantwortlichen Vorstehern der ukrainischen Volksrepublik. M. Slavinsky. (Der Text der Abmachung selbst wird in der nächsten Mummer veröffentlicht.) * * * Das zionistische Tagblatt „Zeit" bemerkt zur Erklärung Jabotinskys, daß sie nichts als Dialektik und Ghuzpo enthalte und fordert in einem vom Zionistenführer Morris Meyer gezeichneten Artikel energisch die Abdankung Jabotinskys. Er weist mit Empörung auf den Passus hin, wo von kommunistischen Elementen in der zionistischen Organisation gesprochen wird und beschuldigt Jabotinsky der Denunziation. weilte. Rabbi Plotzki hatte sich beinahe ein volles Jahr ausschließlich der Agudaarbeit gewidmet und konnte in seinem Berichte auf recht erfreuliche Erfolge seiner und seiner Kollegen Arbeit hinweisen. Die Versammlung sprach ihm für seine unermüdliche Arbeit den Dank der Aguda aus. Wegen Teilnahme der polnischen Organisation an der zweiten amerikanischen Delegation wurde beschlossen, mit derWeltzeiitrale in Verbindungzutreten. Der Jabotinsky Skandal.