Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 44 (16.12.1921)
- Date
- 1921-12-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE mm '^r 'A4 'XXX^> („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") 4 ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: 1 Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K800*—, Ungarn Wien, IL, Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. I K 250--, Tschechoslowakei Kö. 70--, Deutschland Mk. 60--, Tschechoslowakei: Bratislava, Turnergasse 14. 1 Schweiz Frcs. 10'—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, Irscheint jeden Freitag. - Redaktionsschluß: 1 England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. | polei1 800'—. Einzelnummer d.-ö. K 15■—, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d»-ö. K 20'—. Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 44 1 Wien-Bratislava, 16. Dezember 1921 D'snn )büD vis nraoi djhb " nn rvp- | 7. Jahrg. Die Orthodoxie in (Ter Wiener Rultu$gemein<le. Die Wiener Orthodoxie ist bei dem letzten Walilkampfe der Kultusgeineinde aus ihrer jahrzehntelangen Passivität herausgetreten, angespornt von einem Teile ihrer Bekenner, die sich von der konservativ orientierten Gegenwart eine günstige Möglichkeit einer größeren wohltätigen Beeinflußung des ganzen Glaubenslebens des Wiener Judentums versprochen haben; oft gedrängt' von Freunden des Friedens und der Einheitlichkeit, die in der schweren Not der Zeit ein unabweisliches Diktat zu einer gewissen Form von Burgfrieden zu erkennen müssen glaubten. Als sicherer G,ewinn dieser Conciliance seitens der i Wiener Orthodoxie, welcher bisher in der strengen Separation ihr Heil gesucht hat, schien die unausbleiblich gewähnte Ritualisierung aller Institutionen der Kultusgemeinde, die ein Gebot der Loyalität, der Zusammengehörigkeit, des Friedens auch für diejenigen Gemeindeführer zu bedeuten hätte, denen es als Gebot der Thora nicht genug maßgebend war. Das erste Probejahr ist verflossen und der erste Rechenschaftsbericht unseres Gewissens ergibt eine Fehlbilanz. Selbst Klausner hat einmal in einem Berliner Artikel es als natürlich bezeichnet, daß. die Orthodoxen nicht an der Kultusgemeinde teilnahmen, da dieselbe nicht wohnlich für Jedermann eingerichtet sei. Nun, es ist den orthodoxen Vertretern selbst bei ihrer Aktivität nicht gelungen, diese für Jedeimann heimliche Wohnlichkeit herzustellen. Vor allem der Religionsunterricht. Es ist dies *4ßiyRSip4^ für die Orthodoxie von niederschmetterndem Gewichte. Die Orthodoxen sind gezwungen, ihre Kinder Ton Lehrern in Religion unterrichten zu lassen, deren Lebensweise im Gegensatz zu dem Gelehrten steht, die ihren Schülern am Freitag lehren, wie rerwerflich es sei, den Sabbat zu entheiligen, ihnen aber am Sabbat in eigener Person demonstrieren, wie ungefährlich die Sabbatentheiligung selbst für Von 0. H. K. die Stellung eines Religionslehrers sei. Dieser zumindest paradoxe Zustand hat sich im letzten Jahrzehnte'insoferne gebessert, als es jetzt schon Religionslehrer gibt, die es vermeiden, der Oeffentlichkeit das Bild einer ihrer Stellung widersprechenden religiösen Haltung zu zeigen. Unsere Kinder sind aber in der Schule selbst genötigt das Schema und andere Gebete begilu rosch anzuhören oder oft gar zu sagen. Diese Uebelstände, bei deren Beseitigung wir vergeblich auf die Mithilfe des verantwortlichen religiösen Hauptes der Gemeinde gehofft haben, zwingt uns ajs das erste unserer Postulate aufzustellen: Den generellen Dispens vom Religionsunterrichte für alle diejenigen Schüler, die aus religiösen Motiven diese Art von Religionslehre nicht mitmächen können. Die, Institutionen der Gemeinde, an deren Erhaltung doch die Glaubenstreuea^in ungleich großem Maße Anteil nehmen, besondere die charitativen Anstalten, entsprechen nicht den bescheidensten Ansprüchen der Orthodoxen, und es ist doch zu bizarr, daß Kranke und Hungernde in Anstalten der Wiener Kultusgemeinde Märtyrer ihres jüdischen Glaubens sein müssen, mangels einer den Geboten der Thora entsprechenden rituellen Observanz. Wir fordern daher, daß alle Institutionen der Gemeinde in ritueller Hinsicht den rigorosesten Anforderungen entsprechen müssen und einer Aufsicht unterstehen sollen, die die Erfüllung >e&4ji§:^ rjy^srJU _.........^„ Ein schreiender UeBelstand des Wiener Glaubenslebens ist die Angelegenheit 4er Ehescheidung. Die Messechta Gittin ist in der Wiener Kultusgemeinde bereits so oft und so unrühmlicherweise diskutiert worden, daß wir es uns und den Lesern ersparen können, alle die Unzukömmlichkeiten auf diesem Gebiete nochmals zu skizzieren. Es genügt die Feststellung, daß die strengorlhodoxen Rabbiner auch des Auslandes keine Trauung einer vom Wiener Besdin geschiedenen Ehehälfte vornehmen wollen, und daß Glaubenstreue sich behufs Ehescheidung nach Ungarn und Galizien wenden müssen. Diese Tatsache besteht einmal und ist weder wegzuleugnen noch zu verkleinern. Dieses chronische Uebel unserer Gemeinde macht sich bei der durch die starke Immigration der Flüchtlinge wachsenden Zahl der Strengkonservativen und bei den durch das Spiel des Kriegsschicksales sich anhäufenden Problemen des Familienlebens immer unangenehmer fühlbar. Es ist doch nicht länger angängig, daß man von einem der größten Zentren jüdischen Lebens, das sich von Tag zu Tag tiefer religiös färbt, nach anderen kleineren Gemeinden ausziehen muß, um sich einen allgemein gültigen Scheidebrief verschaffen zu können. Wir fordern daher, daß' z u'diesem Bell ufe auch ein anderes Forum mit Befugnissen religiös-eherechtlicher Amtshandlung ausgestattet werde, um den oben dargestellten unhaltbaren Zuständen ein Ende zu bereiten. Bedauerlicherweise ist es den orthodoxen Vertretern nicht gelungen, diesen gerechtesten Ansprüchen bei den leitenden Faktoren der Gemeinde Geltung zu verschaffen und sich den Weg der Flucht in die Oeffentlichkeit zu ersparen. Eine besondere Enttäuschung hat die Orthodoxie dabei in der Person des Oberrabbiners Dr. Chajes erfahren. Wir stehen hier vor einem psychologischen Problem. Dr. Chajes jentsiajnmt ihjaoi ist, das. Wesen der Orthodoxie durchaus nicht fremd. Dem fetten Humus des Ostjudentums entstammend, im Thorajudentum aufgewachsen, geistliches Oberhaupt einer der größten Gemeinden der Welt, in welcher jede Reformbestrebung längst erloschen ist, in welche aber in den lletzten Jahren unaufhaltsam neue Elemente der echten Thora-Begeisterung eingeströn|| sind, war es ihm, wie keinem Zweiten Kapitulationen. Angesichts der vermeintlichen oder wirklichen Siech tsunsicherheit des nahen oder des fernen Ostens hatten es europäische Staaten kraft ihrer Machtstellung durchgesetzt, daß ihre jeweiligen Staatsangehörigen nicht den Gesetzen des jeweiligen Auf- ^enthaltsstaates unterworfen waren, sondern daß sie Lder eigenen Konsulargerichtsbarkeit unterstanden tund demgemäß von dem betreffenden Staate selbst .-als ein fremder Körper empfunden wurden. Diesen Rechtszustand nennt man Kapitulation. Man weiß, ^daß die Türkei, als sie in den Weltkrieg eintrat, fdiese Kapitulation aufhob. Man weiß ferner, daß man zurzeit in Washington dazu bereit ist, die letzten Reste dieser Zustände in China aufzuheben. Es entspricht nicht mehr den modernen Gefühlen und der modernen Rechtsauffassung, daß in einem Staate Bürger zweierlei Rechtes vorhanden sind. Man ist sich ferner darüber klar, daß der Weltkrieg In seiner geschichtlichen Auswirkung auch zu einer ineuen Wertung des Staatsbegriffes geführt hat. Dem [gründlichen Beobachter wird es nicht entgehen, daß selbst diejenigen Staaten, die nach ihrer. Zusammensetzung eigentlich Nationalitätenstaaten sind, immer jrnehr und mehr zur Vereinheitlichung ihrer Staatseinrichtungen schreiten. Vielleicht sind sie gerade durch das Beispiel des alten österreichisch-ungarischen Staates darüber belehrt, daß Nationalitätsstaaten in kritischen Zeiten versagten. Jedenfalls wärent alle Minoritätsklauseln in den Verträgen nicht imstande, die Entwicklungen aufzuhalten. Vielleicht ist der tiefe Grund dieser Entwicklung darin gelegen, daß man es auch ablehnt, ideelle Kapitulationen aufrecht zu erhalten. Und wenn auch Staaten mit Einwohner verschiedener Sprachen- und Stamm gebieten nicht von heute auf morgen zu einem Nationalstaate werden können, so geht eben die Entwicklung dahin, einen einheitlichen Staatsbegriff zu schaffen, welcher das Ziel haben würde, über allen Unterschieden hinweg, nach Außen und Innen ein einheitliches Gebilde zu schaffen. Jeder Versuch, vorhandene Unterschiedene stark zu betonen, wird als ideelle Kapitulation aufgefaßt. So ist das tatsächliche Verhältnis, und es ist wirklich ganz müßig zu untersuchen, ob diese Tatsache einen idealen Zustand darstellt. Als wir von Anbeginn der modernen Entwicklung an die Wertlosigkeit, ja sogar Gefähilichkeit der sogenannten Minoritätsklauseln darzulegen versuchten, war es vergeblich. Der ganze Schimpf eines entarteten Literatentunis ergoß sich über uns. Nun hat in jüngster Zeit Herr Dr. Gaster, Chacham der sefardischen Gemeinde in London, sich in einer seltenen Klarheit zu dieser Frage geäußert. Wir werden am Schlüsse dieses Aufsatzes die wichtigsten Teile seiner Darstellung in Uebersetzung wiedergeben, aber wir müssen vorher konstatieren, daß dieser Mann, der bis vor kurzem von seinen Parteigenossen, den Zionisten, als Autorität gefeiert wurde, nun plötzlich behandelt wird, als wäre er ein Bube. Es wird ihm vorgeworfen, als wäre seine Stellungnahme lediglich von Eitelkeit diktiert. Es wird ihm vorgeworfen, als wäre es sein Bestreben, die Juden gewaltsam zu assimilieren und dabei hat Dr. Gaster nichts anderes gewollt, als dasjenige, was Herr Weizmann versprochen hatte. Man wird auch Weizmann in gegebener Stunde und bei gegebenem Signal mit demselben törichten Angriff zu treffen suchen, aber wir wiederholen, was für die Juden Englands und Amerikas, Frankreichs und Italiens recht ist, daß mujß für die Juden in Polen und Rumänien billig sein. Wenn immer die Juden es versuchen, solche ideelle Kapitulationen ins Leben zu rufen, ist es der letzte Rest einer politischen und diplomatischen Welt, die der Menschheit den Unfrieden gebracht hatte. Wir bitten unsere Leser, diese Darstellung als eine Erläuterung zu betrachten, zu der wir folgende Uebersetzung der Darstellung von Dr. Gaster („Jewish Chronicle" vom 18. November 1. J., Seite 13) geben: „Es würde einer Reihe von Artikeln bedürfen, um die tatsächlichen Verhältnisse und die Gefahren zu schildern, welche die Anwendung der Minoritätsklausel in Rumänien nach sich ziehen würde, und wenn sie schreiben, daß Take Janescu so damit befriedigt ist, sollte das für Sie ein ernster Anlaß sein, sorgfältig zu beobachten. Es würde ein politisches Ghetto schaffen und es ist gerade unser Bestreben, davor die rumänischen Juden zu bewahren. Mehr noch ist es eine Täuschung und ein Nichts, ist doch keiner beauftragt den Schutz der Minoritäten wahrzunehmen. Es hätte nicht die Juden in Rumänien, nicht die Juden in der Ukraine, nicht Juden von Ungarn oder von anderen Ländern geschützt. Es ist nur ein Ansporn für andere. Mächte, sich in die inneren Verhältnisse der Nation einzumischen. Dies veranlaßt tiefes Nachdenken und es ist nicht Sache der Juden, sich so zu exponieren und die Kastanien-für die anderen aus dem Feuer zu holen. Dieser Standpunkt ist der Majorität der rumänischen Juden so klar geworden, daß der Verband der rumänischen Juden, der allein berechtigt ist die Majorität der rumänischen Juden zu vertreten (nicht aber Literaten in irgend einer bedeutungslosen Parteipresse), ganz und gar diese Anschauung M ■ iPln MI 1 1 Wien, I. Bez., Bauernmarkt Nr. 24 Kl mm Im ■ S II mm ■ mmm mmm mm mm mm mm mm mjm m m mm ''Ecke Fleischmarkt, Telephon ucnin rEizuiaPßnnaiis a^^-is^r» Millllll 1 II Iii ■!! Ml lHllllfMIf sierungen, Reparaturen in eigener Werkstätte. x