Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 42 (2.12.1921)
- Date
- 1921-12-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 298 JÜDISCHE PRESSE Nr. 42 und wird uns nicht hindern, die Klarheit unserer Front ungetrübt aufrecht zu erhalten. Auch nach einer anderen Richtung gilt diese Forderung, in ganz anderem Gebiete. Freundwilkge Nachbarn pflegen mit süßem Behagen zu registrieren, daß der eine oder andere von den anerkannten Thoragrößen nicht zur Aguda gehört. (Vielleicht wäre es richtiger gesagt „noch nicht".) Nun, wir erklären mit aller Deutlichkeit und Klarheit, daß wir uns niemals in die Front gegen rechts drängen lassen werden. Gibt es solch ragende Menschen, die, entweder betreut in wohl umfriedetem Gehege ihrer Getreuen, oder getragen von der Ueberzeugung, daß der Stärkste auf sich allein am besten stehe, jeden Organisationsgedanken von sich werfen, wir werden dagegen nicht kämpfen, sondern nur in aller Demut darum bitten, daß diese ragenden Größen die Verantwortung für alles Geschehen im jüdischen Lager mit uns teilen. Denn auch darin ist Klarheit der Front vonnöten, daß wir über die Grenzen unserer Kraft und unserer Kräfte uns stets Rechenschaft ablegen. Wir sind demnach befugt, all diejenigen, die rechts von uns stehen oder stehen zu müssen glauben, als unsere stillen Reserven zu betrachten; und hat man je vernommen, daß man Front gegen seine Reserven stellt? Nicht einmal eine Defensive ist vonnöten, denn mit unserer „Rechten" sind wir ja im Ziele vollständig einig. So lange uns nicht das Gegenteil bewiesen wird, nehmen wir getrost an, daß diese gleichfalls den kompromißfreien Sieg der Thora wünscht. Sie glaubt nur, wie gesagt, im Bewußtsein ihrer Bedeutung der Organisation entbehren zu können. Um so mehr schmerzt es uns, wenn wir thoratreue Menschen in klarer Frontstellung gegen uns sind, lediglich aus dem uralten psychologischen Gesetz heraus, daß in dem Kampfe gegen rechts etwas Verlockendes, gewissermaßen eine für notwendig erachtete Bestätigung der Richtigkeit seines eigenen Wollens liegt. Also begann es in Korach. Ach, wenn dieselben Kreise nur mit derselben Intransigenz, mit der sie gegen die „Reaktionäre", „Separatisten" usw. kämpfen, einmal sich mutvoll gegen links, gegen Sabbatentweihung und blasphemische Kritik usw. wenden würden. Dann würde dies urkundlich festzustellen und in den Grundstein der jüdischen (??) Universität einzumauern sein. Auf und ab ebbt es und flutet es. Allen Gezeiten zum Trotz muß unsere Front klar bleiben. Dann, aber auch nur dann erfüllt Agudas Jisroel ihre Aufgabe. _ P. K. Reminiszenzen und Gegenwart Die Zeitschrift „Tewuno", welche als ein geistiger Niederschlag der hochentwickelten Thora-Inteüigenz der litauischen Judenheit sich uns präsentiert, gibt uns ein erschütterndes Bild aus vergangenen Zeiten, ein Bild, welches uns die Schamröte ins Gesichts treibt, wenn wir bedenken, daß so etwas in jüdischen Kreisen möglich war, ein Bild, welches uns zeigt, daß die Tscherta, die grausamste Maßnahme der grausamsten Zarenzeit, welche unzählige Juden aus litauischem Gebiete' westwärts drängte, an bodenloser Niedertracht noch übertroffen wurde durch eine Entgleisung auf jüdischer Seite. Dort wird erzählt, daß die Hilfsaktion, welche von jüdischer Seite in die Wege geleitet worden war, die Macht, die ihr das Geld gab, dazu benützte, um ihren längst geplanten Feldzug gegen die alte Thorabildung in Szene zu setzen. Man wollte die furchtbare Not der armen und ärmsten Heimatlosen dazu benützen, um ihre Kinder mit der „Wohltat" der Haskalah-Kultur zu beglücken. Es ist lediglich der Energie zweier Männer, dem) verklärten Herrn Götz aus Moskau und des Oberrabbiners Grodzenski aus Wilna, den der Allmächtige als eine Zierde der gesamten Judenheit noch ungezählte Jahre erhalten möge, zu danken, daß trotz dieser empörenden Niedertracht das Panier der Thora und der religiösen Erziehung in Litauen aufrecht erhalten blieb. Vor etwa Jahresfrist erschien ein Buch über die Tätigkeit der deutschen Zivilverwaltung während der polnischen Okkupationszeit von Heim und Roth. Ein ganz großes Kapitel ist darin der sogenannten Judenpolitik der deutschen Verwaltung gewidmet. Daß dabei die Orthodoxie schlecht weg kommt, wird keinen in Erstaunen setzen, der da weiß, daß gerade die alldeutschen Herren und die Vertreter der protestantischen Theologie bei der Zensurstelle alles mögliche taten, um den jüdischen Nationalismus zu fördern. Es wird darüber sowie über die Motive dieser seltsamen Erscheinung noch an anderer Stelle zu reden sein. Jedenfalls darf man nach diesen 'Voraussetzungen füglich annehmen, daß dieses Buch in bezug auf die Vertreter der zionistischen und nationalen Forderungen es sehr gut meint. Es wäre also immerhin ein klassischer Beweis, wenn gerade dieses Buch, mit seiner ausgesprochenen anti-orthodoxen Stellung darlegt, daß die nicht-orthodoxen Parteien es sehr gut verstanden hätten, sich der Hilfsgelder aus Amerika und aus anderen Ländern so gut zu bemächtigen, daß die bei der Verteilung reichlich ihre Parteiinteressen förderten. In dem oberwähnten Buch wird dies mit schmunzelnden Beifall quittiert; wenn aber orthodoxe Kreise, die man beispielsweise zwang, für eine Subvention in ihren Talmud-Thoras- und Ghederschulen zionistische Bilder anzubringen, bittere Notschreie an die Spender des Geldes hinaussandten, verhallte der Schrei ungehört. Ob das heute wohl lediglich Reminiszenz ist? Selbst wenn es bloß Reminiszenzen wären, würde es schwer halten, die bitteren Empfindungen, welche sie wachrufen, niederzukämpfen. Wie aber dann, wenn es traurige Gegenwart ist? Da hat sich jüngst folgendes ereignet: Aus Amerika kam an eine hiesige hochstehende Persönlichkeit (wir nennen den Namen nicht, weil wir jeden Anscheirr persönlicher Polemik vermeiden wollen) eine größere Suiiime Geldes für Schulzwecke. Eine hiesige gut orthodoxe Schule, welche selbstverständlich unter den traurigen Verhältnissen schwere Not leidet, erhielt eine Subvention. Es wurde ihr aber dafür zugemutet, ihre Schulräume in der freien Zeit für ein zionistisches Schulwerk herzugeben. Daß soll der erste Schritt sein, um die Schule, nach deren Eroberung man schon lange strebt, allmählich parteigemäß auszugestalten. Es gelang jedoch der Energie des Vorstandes dieser Schule, gegen einen geplanten Ueberfall rechtzeitig Front zu machen. Die Gefahr ist vorläufig abgewendet. Es ist aber höchste Zeit, daß sich unsere Gesinnungsgenossen in Amerika einmal genau überlegen, ob es wirklich in ihrem Sinne ist, daß die Tschertamethode des alten Rußland auf jüdische Dinge übertragen wird. Man sieht auch daraus, zum Beispiel wie nötig es ist, daß die Orthodoxie eine selbständige Vertretung hat und wir hoffen, daß unsere Gesinnungsgenossen in Amerika dafür Sorge tragen werden, daß unsere Gesinnungsgenossen im Kontinent darüber wachen, daß man endlich dieses Kapitel der allertraurigsten Reminiszenzen abschließen kann. i.—n. -1— „Di« $ind die Gescblecbter.. " Von Dr. Leo Nasch (Wien). Auf dem Trümmerhaufen einer versinkenden Welt, an dem Leichenkörper einer verwesenden Gesellschaftsordnung ist ein neues Geschlecht entstanden. Aus dem Flammenbade des Weltkrieges ist die Menschheit ohne Läuterung, ungefestigt und ungestählt hervorgegangen. Statt der erwarteten Epoche friedensreicher, segenspendender Kulturarbeit, hat eine Zeit der Entartung, des Verfalles angehoben, statt des sehnsüchtig erhofften Zeitalters des Aufstieges kam traurigster Niedergang. Dem durch Kriege und Entbehrungen verödeten Boden einer versinkenden Welt entkeimte ein neues Geschlecht, welches das Gestern vergaß, vom Morgen nichts wissen will und nur dem Heute lebt. Eine Generation ist entstanden, die dem krassesten Materialismus huldigt, die für jede ideale Regung nur ein mitleidiges Lächeln übrig hat, der alles Hehre und Schöne, alles Große und Erhabene nur,inhaltslose Scheinbegriffe sind. Im rasenden Wirbel umtanzen sie das goldene Kalb, sie alle erfüllt nur ein Wunsch, beseelt nur ein Gedanke: Zügelloses Genießen der flüchtigen Stunde. Das Geschlecht ist wohl neu, doch es lebte sein Ahne schon vor Jahrtausenden und verkörperte diese Lebensanschauung. Wer kennt nicht dieses Urbild zügelloser Lebensbejahung all jener, die von Lustbarkeit zu Lustbarkeit taumeln, die jeden edlen Gedanken, jede Stimme des Gewissens von sich weisen? Esau ist es, dessen Ghajakter, dessen Anschauung über das menschliche Leben sich in dem einen Satze widerspiegelt: Hine onochi holech lomus welomo se Ii bechoro? Sieh ich gehe ja ohnehin dem Tode entgegen, was soll nur die Bechoro? In diesem kurzen Satze gipfelt das ganze Glaubensbekenntnis aller Indifferenten und Religionslosen, gipfelt die Moral unserer Zeit, die Ethik all jener, die um ein Linsengericht die heiligsten Gesetze verraten, ihre persönliche Ehre und sittliche Würde preisgeben. Die ganze Lebensphilosophie Esau und derer, die noch heute seine Pfade wandeln, beruht allein auf dieser epikuräischen Lehre: Genieße in vollen Zügen die Freuden des Augenblickes, denn bald kommt der Tod, die vollkommene Vernichtung. Der Prophet Jesaias geißelt ~ mit markigen Worten die Denkweise Esaus und seiner Nachfolger mit den Worten: „Und siehe nur Freude und Lust ist ihr Streben, Rinder schlagen und Kleinvieh schlachten, Fleisch essen und Wein trinken. Esset und trinket (denken sie), denn morgen; sind wir ja tot." Der Tod, der den Ernstdenkenden zur Einkehr in sich selbst, der Gedanke an die Sterbestunde, der uns zur Umkehr vom bösen Wandel gemahnen sollte, dem schrankenlosen Materialismus eines Esaus ist dieser Gedanke nichts als ein Ansporn die Hand gierig nach den Genüssen dieses Lebens auszustrecken. * Wir Juden waren wohl nie ein Volk der Büßer im härenen Gewände, wir sind niemals Asketen gewesen, nimmer war das Judentum die Religion der Lebensverneinung. Allein die Lebensprinzipe eines Esau können und dürfen wir uns nicht zu eigen machen. Ebensowenig wie das Leben für uns eine unaufhörliche Kette von Lustbarkeiten ist, die jedes Gefühl für Ethik und Moral in uns ersticken können, ebensowenig ist nach unserem festen Glauben der Tod der endgültige Abschluß unseres Daseins. Wenn Esau beim Gedanken an seine Todsünde ausrief: Welomo se^i bechoro! so ruft ein Jakob, der Verkünder der jüdischen Weltanschauung angesichts des sicheren Todes aus: Kotonti mikol ha-chassodim! Ich bin zu gering, für alle Gnaden, die ich empfangen. Ukrainische Ulai$enfiir$orge. Eine Million Kronen im November für den Kriegswaisenfonds. Dieser Tage besuchte Herr David Kohn aus Oradeamare, Mitglied der Agudaleitung in Transylvanien, der selbst hervorragendsten Anteil nimmt an der großzügigen Fürsorge für ukrainische Waisen in Transylvailien, unser Wiener Bureau, um hier den Stand der Angelegenheit und die Direktiven für die weitere Tätigkeit zu besprechen. Das transylvanische Arbeitskomitee, an dessen Spitze in nimmermüdem Arbeitseifer und unentwegtem Zielbewußtsein Frau Therese Ullmann in Oradeamare steht, hat bisher in kurzer Frist Großes geschaffen. Es wurden zwei große Häuser erworben, das eine in Oradeamare, das andere in Bethlen. Beide Objekte werden unverzüglich zweckmäßig adaptiert und zur Aufnahme der Kinder bereitgestellt.* In 4er mit Herrn Kohn stattgehabten Aussprache wurde festgelegt, daß es die nächste und dringendste Arbeit des transylvanischen Komitees sein müsse, eine Delegation nach Kischineff zu entsenden. Dieselbe soll in Gemeinschaft mit dem Oberrabbiner Zirelsohn von Kischineff, dem Präsidenten der dortigen Aguda, der auf dem Gebiete der Waisenversorgung selbst Hervorragendes leistet, eine Auswahl unter den leider in so großer Zahl vorhandenen Waisen auf Grund der von dem Oberrabbiner aufgestellten und nach Oradeamare übermittelten Liste vornehmen. Die Delegation wird sich an Ort und Stelle über den Umfang der noch zu leistenden Arbeit informieren. Der traurige Augenschein wird allen Mitgliedern der Delegation sicherlich ein Ansporn zu energischer Arbeitsleistung sein. Für die Tätigkeit des Kriegswaisenfonds der Agudas Jisroel kann erfreulicher Weise ein stets zunehmendes Interesse konstatiert werden. Der Spendenausweis dieser Nummer weist die stattliche Ziffer von nahezu einer Million Kronen auf. Die Summe rekrutiert sich zum Teile ans Auslandsspenden, an deren Spitze die Spenden der Jüdischen Wohltätigkeitszentrale in Antwerpen mit K 705.592 und der Mädchengruppe der Agudas Jisroel in Zürich mit K 115.000 stehen, doch sind auch zum großen Teile Bethaus- und Thoraspenden ausgewiesen. Wir danken hiermit den .Vorständen der Bethausvereine „Machsike Thora", „Achdus Israel", „Gemilas Ghesed", „Thora Ez Ghaim", „Adas Jisroel", „Ohel Awrohom", „Marpe Lanefesch" wärmstens, daß sie in unseren Intentionen ihre Besucher zu Widmungen für unser Liebeswerk auffordern und es ergeht unsere Bitte an alle unsere Freunde und Gesinnungsgenossen, besonders die geehrten Vorstände der Bethausvereine, das werktätige Interesse für unseren Kriegswaisenfonds zu verbreiten. Die .Jüdische Presse" inSiebenbürgen. Der Verschleiß der „Jüdischen Presse" für Siebenbürgen geschieht durch die „Központi üjsäg iroda", Oradeamare, wohin auch Abonnements und Inseratenaufträge zu richten sind. Klau$enburg. Die Leser werden sich noch an den Briefwechsel Untermeyer-Weizmann erinnern, in welchem uns gesagt wurde, daß die zionistische Weltorganisation als solche der nationalistischen Bestrebung, in der Diaspora ferne steht. Wir richten an die Adresse dieser beiden Korrespondenten vorläufig die Anfrage, was sie zu den Statuten des jüdisch-nationalen Verbandes in Siebenbürgen sagen, welche unter ausdrücklicher Betonung des Anschlusses an die zionistische Weltorganisation und der Konsequenz mit derselben die extremsten nationalistischen Forderungen aufstellen. Was die Rückwirkung der Gestaltung der jüdischen Verhältnisse Rumäniens betrifft, so verweisen wir für heute in dieser Hinsicht auf die betreffende Aeuß§rung von Dr. Gaster in seinem Bericht über seine rumänische Reise. Mögen unsere Glaubensgenossen in Rumänien sich nicht von unverantwortlicher Führung in bedenkliche Situationen hineintreiben lassen. E. * In Bethlen ist vorgesehen, den Zöglingen des Waisenhauses im Anschlüsse an die Erziehung, die sie dortselbst genießen, eine gewerbliche Fortbildung zu geben.