Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 40 (18.11.1921)
- Date
- 1921-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 JÜDISCHE PRESSE Seite 265 Ein jüdischer Gesandter. Unter den von Öarding neu ernannten amerikanischen Gesandten befindet sich auch der Jude Louis Einstein aus New York, der zum Gesandten Amerikas in der Tschecho Slowakei ernannt worden ist. Einstein, der 1877 in New York geboren ist, hat bereits mehrere diplomatische Posten bekleidet und sich durch Tüchtigkeit und Pflichterfüllung ausgezeichnet. 1903 war er dritter Sekretär der amerikanischen Gesandtschaft in Paris, dann einige Jahre in London, drei Jahre in Konstantinopel, dann in Peking und 1911 in Costarica. Während des Krieges vertrat er die englischen Interessen in Bulgarien, wofür ihm vom englischen König besonderer Dank ausgesprochen wurde. Neues vom Joint. Am 7. Oktober hat sich auf der „Rotterdam" der neue Chairman der europäischen Exekutive des Joint, der bekannte Rechtsanwalt James Rosenberg, nach Europa begeben, wo er zumindest ein Jahr zu verbleiben gedenkt. Er begibt sich nach Wien, wo derzeit der Sitz der europäischen Exekutive des Joint ist. — Am 9. Oktober wurde der Bericht von Morris Engelman, der als Vertreter des Joint mehrere Monate Ost- und Zentraleuropa bereiste und der Felix M. Warburg als Präsident des Joint Distribution Committee überreicht wurde, veröffentlicht. Zugleich wurde auch mitgeteilt, daß' am 18. Oktober eine Konferenz der Vertreter der Juden aus Zentraleuropa stattfinden wird, um dem Joint bei seiner 14 Millionen Dollar- Kampagne behilflich zu sein. Von der Einberufung des amerikanisch-jüdischen Kongresses. Generalsekretär der Zionistischen Organisation in Amerika, richtete an sämtliche Distriktskomitees ein Zirkular mit der Aufforderung, zur Zusammenarbeit beiderEinrichtungeines permanenten jüdischen Kongresses in Amerika. Die zeitweilige Organisation des amerikanisch-jüdischen Kongresses hat Schritte zur Unterdrückung des ^Antisemitismus in Amerika, wie auch zur Verhinderung weiterer Angriffe auf die Juden in Osteuropa unternommen. Polen. Anstritt der orthodoxen Vertreter aus der Warschauer Kehillah. (J. C. B.) Die Exekutive der Agudas Jisroel hat ihren Vertreter in der Warschauer Kehillah aus dem Grunde abberufen, weil sie ausschließlich von assimilierten Juden verwaltet wird. Keine Erwähnung der Juden in den polnischen Autonomieprojekten für Ostgalizien. (J. C. B.) Wie bereits gemeldet, sollen dem polnischen Sejm demnächst drei verschiedene Autonomieprojekte für Ostgalizien zur Verhandlung vorgelegt werden. Nebst einem vom polnischen Ministerium des Aeußern ausgearbeiteten Autonomiestatut, wurden zwei andere Entwürfe von der P. S. L. Mind von der P. P. S. vorbereitet, von denen der letztere für einen Teil Ostgaliziens die territoriale Autonomie vorsieht und daher auf den heftigsten Widerstand der Nationaldemokraten stößt. Das Charakteristikum aller drei Projekte ist aber dies, daß sie alle bloß die Lösung' der ukrainischen Frage zum Gegenstand nahmen, während die Existenz einer jüdischen Bevölkerung von etwa 700.000 Seelen überall, auch im sozialistischemAutonomiestatut, einfach totgeschwiegen wird. Unter der ostgalizischen Judenheit, die seit Jahren einen Kampf um die Anerkennung ihrer nationalen Rechte führt, hat diese Tatsache die größte Enttäuschung und eine nicht minder große Aufregung hervorgerufen. In den maßgebenden jüdischen politischen Kreisen sei man entschlossen, aus dieser Haltung der polnischen Regierung und der größten Sejmparteien die Konsequenzen zu ziehen. Rumänien» Ausschließung zionistischer Mittelschüler in der Bukowina. (J.C.B.) 28 jüdische Schüler wurden aus dem Gymnasium in Radautz aus dem Grunde ausgeschlossen, weil sie der zionistischen Pfadfinderorganisation „Haschomer" angehören. Mißerfolge der jüdischen Aktionen in Rumänien. (J. C. B.) Die hiesjge „Mantuirea" stellt fest, daß die bisherigen Aktionen, die die rumänische Judenschaft bei der Regierung unternommen hat, keinen Erfolg aufzuweisen vermögen. Das Blatt sieht den Grund dieser Mißerfolge in der Zersplitterung der jüdischen Kräfte und in dem Mangel einer zentralen Repräsentanz, die die einheitlichen Forderungen der jüdischen Bevölkerung vor der Regierung vertreten könnte. Oft geschah, daß verschiedene Organisationen Forderungen unterbreiteten, die sich gegenseitig widersprechen. Das Blatt verlangt daher die Einberufung sämtlicher jüdischen Parteien zu einer gemeinsamen Beratung der aktuellen jüdischen Probleme in Rumänien, zwecks Aufstellung einheitlicher Forderungen, die im Namen der gesamten Judenheit Rumäniens der Regierung unterbreitet werden könnten. frankreich. Pogromwaisen. (JPZ) Am 28. Oktober passierte Paris ein Transport von 100 ukrainischen Pogromwaisen, die auf Kosten des Volkshilfskomitees in Buenos Aires mit Hilfe der Exekutive der jüdischen Welthilfskonferenz nach Argentinien überführt werden, um dort von jüdischen Familien adoptiert zu werden. Die meisten Kinder kommen aus Wolhynien, größtenteils aus Nowograd Wolynsk. Am 30. fand ein Empfang, veranstaltet von der Exekutive der Welthilfskonferenz und dem Pariser Hilfskomitee für Juden aus dem ehemaligen Rußland bei zahlreicher Beteiligung statt in Anwesenheit des Vertreters der argentinischen Regierung und des argentinischen Generalkonsuls. Fast alle großen Pariser Zeitungen berichteten über diesen Waisentransport und brachten dabei auch Notizen über die Pogrome in der Ukraine urnj das Elend der jüdischen Waisen. Es sprachen u. a. Advokat Sliosberg und Grand- Rabbin Levy, wie auch der Vertreter der argentinischen Regierung. Die Kinder schifften sich am 5. November von Bordeaux nach Argentinien ein. Haim Nahoum. (JPZ) Der ehemalige Grand-Rabbin der Türkei, Haim Nahoum Effendi, wurde zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Dazu bemerkt „L'Univers Israelite": Nahoum, der immer ein treuer Freund Frankreichs war, hatte bei der ottomanischen Regierung erwirkt, daß die Schulen der Alliance Israelite während des Krieges offen blieben. Zu Beginn des Jahres hat er eine Propagandamission für die Alliance Israelite in den Vereinigten Staaten mit günstigen Resultaten erfüllt. Er wird demnächst wieder abreisen, um in dieser Mission weiter zu wirken. Die Unruhen am 2. November. Am 2. November, an dem Jahrestag der Balfour-Deklarat i o n, kanl es in Jerusalem zu neuerlichen Unruhen. Arabische Banden suchten in das Judenviertel einzudringen. Es kam zu Schießereien, wobei auch eine Bombe geworfen wurde. Es gab fünf Tote, vier Juden und einen Araber, und 13 Verwundete. Die Ruhe wurden' durch Regierungstruppen bald wieder hergestellt. Zweifellos sind auch diese Unruhen planmäßig vorbereitet worden. So zum Beispiel wußte die arabisch-freundliche „Morning Post* schon Tage vorher zu berichten, daß anläßlich des vierten Jahrestages der Balfour-Deklaration in Palästina zionistisch-feindliche Demonstrationen stattfinden werden. Der Zionistenkongreß und die Araber. (J. C. B.) Die Haifaer arabische Zeitung „Carmel" schlägt vor, die Vertreter der verschiedenen arabischen nationalen Vereine zu einer außerordentlichen Sitzung zusammenzuberufen, um über die Stellung der Araber gegenüber dem Zionistenkongreß in Karlsbad beraten und zu den auf dem Kongresse gefaßten Beschlüssen Stellung zu nehmen. Rosen haschono in Erez Jisroel. (JPZ) Auch dieses Jahr nahm der Gottesdienst in der großen Jerusalemer Synagoge dank der Anwesenheit Samuels einen erhebenden Verlauf. Zahlreiche Gäste aus dem Galuth beteten in dieser Synagoge, so Zahnarzt Ehrmann aus Frankfurt, Wolowsky aus Montreal, Allan aus New York, der bekannte Falaschaforscher Feitlowitsch u. a. m. Rabbi Kook hielt eine Ansprache, in der er Samuel u. a. ersuchte, die Tore Palästinas zu öffnen. Auch im Hotel Amdurski, wohin sich Samuel mit Suite und zahlreiche Gäste begeben hatten, wies Rabbi Kook auf die Bedeutung des Tages hin, und verglich den Oberkommissär, den „Samuel unserer Tage" mit dem Propheten Samuel; neben seinen großen Staatsaufgaben habe er es auch nicht unterlassen, durch Schaffung des Oberrabbinats zur Stärkung der Religiosität beizutragen. In seiner Antwort erklärte Samuel u. a., Rabbi Kook habe ihn jetzt mit Samuel verglichen, ebenso wie Rabbi Jakob Meir vor einiger Zeit mit Nehemiah. Es sei jedoch sehr schwer, dem gerecht zu werden. In dem ihm heute vorgelesenen Thoraabschnitt sei vom Bunde zwischen Abraham und dem Philisterkönig Abimelech die Rede gewesen. Er hoffe, daß, wie es Abraham gelang, einen Bund mit den Philistern zu schließen, es auch uns gelingen werde, einen Bund zu schließen mit denjenigen, die nicht Philister aber Nachkommen unseres Erzvaters Abraham sind. Wir haben ein schweres Jahr hinter uns, aber es gebe überzeugende Anzeichen dafür, daß die Zukunft rosiger rein werde und es uns gelingen wird, das Nationalheim zu errichten, zum Heil aller Nationen des Landes. Er stehe schon etwa 20 Jahre im englischen Staatsdienst, aber noch keine Arbeit habe sein Interesse so erweckt und ihm so viel Freude verschafft, wie seine Arbeit in Palästina. Er wünsche allen ein glückliches Jahr. Wolowsky wies kurz darauf hin, daß, als Samuel 1913 als englischer Postminister Kanada besuchte, ein jüdisches. Mädchen in hebräischer Begrüßungsansprache die Hoffnung aussprach, daß er demnächst zum Minister in Jerusalem ernannt werden möge, was in noch höherem Masse in Erfüllung gegangen sei. Er sei heute nicht nur Minister, sondern High Commissioner in Erez Jisroel. Wolowsky ersuchtt, Samuel, nicht nur die Tore den Immigranten zu öffnen, sondern auch in einem Manifest die Juden im Galuth aufzufordern, nach Palästina zu kommen, um das Land zu entwickeln. Namens der Agudas Jisroel begrüßte Zahnarzt Ehrmann den Oberkommissär. Bankhaus A. u. B. Friedmann & Co. Wien I., WipplingerstraJJe Nr. 16 (Eingang Schwertg. 3) Tel. Nr. 61-6-22 interurban übernimmt zur kulantesten Besorgung alle bankmäßigen Transaktionen. TSCHECHOSLOWAKEI. Zur frage der Sonntagsruhe. Selbst die kühnste wissenschaftliche Hypothese wagt nicht Weisheit ethymologisch von Bernat Weiß abzuleiten und die Ideen und Taten der köstlichen Figur des „Stadtrates" Weiß, herrliche Motive für ein jüdisches komisches Epos, verdienten keine ernstere Erörterung, wenn man auch außerhalb Bratislava der numerischen, geistigen und moralischen Proportionen Orthodoxie: Volksverband richtig einschätzen könnte. In einer der letzten Nummern der „Jüdischen Volkszeitung" richtet der genannte Herr unter dem Titel „Zur Frage der Sonntagsruhe8 einen derben Angriff auf die orthodoxe Landeskanzlei. Sie hätte mit ihren intransigenten Forderungen in der Sonntagsruhe verschuldet, daß die Polizeidirektion die vollständige Sonntagsruhe angeordnet hätte. Gegenüber dem Vorschlage des „VolksVerbandes" (von welchem nie mehr als drei bis fünf Personen sichtbar werden), der ausschließlich nur für die sabbatfeiernden Kaufleute eine Aufhebung der Sonntagsruhe verlangt hätte, hätte die Orthodoxie sich damit nicht begnügt (!), sondern durchaus eine allgemeine Aufhebung,des Sonntags gefordert. Hätte die Orthodoxie nicht einen solchen radikalen Standpunkt eingenommen, so hätte nach der Versicherung | Bernat Weiß die Polizeidirektion ganz sicher die Aufhebung der Sonntagsruhe für sabbatfeiernde Kaufleute angeordnet. Selbst der Uninformierte erkennt die Unwahrheit dieser Behauptung. Zuerst, weil es höchst unwahrscheinlich klingt, daß die Leiter des Volksverbandes, die selbst Mechallele Schabbos sind, sich nur für das Los der Sabbatfeiernden interessiert haben, während justament die Orthodoxie durch ein Sabbatentweihen behilflich sein wollte, auf die Gefahr hin, alles zu vergeben. Und zweitens, weil es erkennbar unwahr ist, daß die radikalere Forderung der gemäßigten schadet. Hätte, wie Bernat Weiß vorspiegeln will, eine.Aussicht bestanden für die Sabbatfeiernden diese Konzession zu erreichen, so hätte die weitgehendere Forderung der Orthodoxie die Akzeptation der gemäßigteren natürlich gefördert. Gegenüber den Verdrehungen der „J. V." stellen wir die Wahrheit fest. Die orthodoxe Kanzlei mußte in dieser Sache mit dem Handelsgremium zusammen gehen. Diese in allen wirtschaftlichen Fragen so einflußreiche Körperschaft traf natürlich nur für die Forderung einer allgemeinen Aufhebung der Sonntagsruhe von 8 bis 10 ein. Es ist selbstverständlich, daß die orthodoxen Führer jede Neigung der Behörde, eine fakultative Aufhebung der Sonntagsruhe mit mehr Freude als Bernat Weiß und Konsorten begrüßt hätte. Tatsächlich hatte die Orthodoxie in einer besonderen Verhandlung eine fakultative Aufhebung für Sabbatfeiernde zugesichert erhalten. Der Volksverband, der immer bemüht ist, das strenggläubige Judentum zu unterbieten, hat auch diesmal sich als die „billigere Konkurrenz4' angeboten; aber gerade der Umstand, daß die Behörde auch diesen Antrag, der ja in der Forderung der Orthodoxie beinhaltet war, nicht akzeptiert hat, beweist die Unwahrheit der Darstellung der Volkszeitung. Empörenderweise hat Bernat Weiß denselben Artikel unverändert (zu zwei individualisierten Artikeln reicht seine Kraft nicht aus) in einem Tagblatte abdrucken lassen. Der Behörde, die dem Sabbatfeiernden das Recht verwehrt, das er in den westlichen Staaten genießt, wird die Hand geleckt und versichert, daß nicht die Behörde an ihrer Verfügung schuld sei, sondern die böse Orthodoxie, die diese Verfügung bekämpft habe. Und das ist des Pudels Kern! Die ganze Verdrehung ist ein Akt der Kriecherei vor der Behörde, verbunden mit einer ihrer unzähligen Verleumdungen der Orthodoxie bei den Behörden. Wie durch und durch unwahr ist die Unterstellung, daß die Orthodoxie, welche „die Schädlichkeit der nationalpolitischen Postulate der Ver-