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Jüdische Presse · 1921-11-18 · 40 (18.11.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
40 (18.11.1921)
Date
1921-11-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 284 -r—r JÜDISCHE PRESSE Nr. 40 nach dem XII. Zionistenkongrefe. Kritische Bemerkungen von J. Kreppel. II. Unglücklich ist der, der die Zweige des Baumes für Wurzeln, die Blätter für Früchte desselben ansieht, den Schatten für das Wesen hält und die Mittel vom Zweck nicht zu unterscheiden versteht. Confacius. Ein Kongreßdelegierter, der von Karlsbad direkt nach Wien kam, überbrachte mir brühwarm einen Beweis für das große Ansehen, dessen sich der Zionismus auch in nichtjüdischen Kreisen erfreut. Das bekannte Etablissement Pupp, in welchem alljährlich die täglichen Konzerte mit dem 1. September eingestellt werden, ließ diesmal „zu Ehren* des Kongresses die Konzerte bis zum 16. September verlängern. Ich versetzte dem naiven Weizmann-Enthusiasten eine kalte Dusche, daß es mit der Ehrerbietung Pupps für den Ziohistenkongreß nicht weit her ist. Ein Kongreß von Schweinezüchtern oder Kanalräumern, zu dem einige Tausend Gäste gekommen wären, würde sich derselben Ehrerbietung der Herren von Pupp erfreuen. Aber , fügte ich hinzu — die Sache hat einen viel ernsteren Hintergrund. Man bedenke, das jüdische Volk durchlebe jetzt eine der schrecklichsten Perioden seiner mit Blut geschriebenen Geschichte. Millionen Juden in Rußland und der Ukraine durchwaten ein Meer von Blut, ohne das Ende desselben absehen zu können. Millionen Juden in Mittel und Ost-Europa haben eine unsichere Gegenwart und eine noch unsicherere Zukunft. Tausend und Abertausende gehen wirtschaftlich und moralisch zugrunde. Die Auswandererländer haben ihre Tore vor dem ewigen Juden gesperrt, und selbst über, das Land unserer Väter schwebt das Damoklesschwert des Einwanderungsverbotes und der Pogrome. Man sollte meinen,"daß in einem solchen Momente die angeblichen Vertreter des jüdischen Volkes in Sack und Asche zu einer Beratung über das Schicksal ihres Volkes zusammentreten müßten. Aber weit gefehlt! Pupp kennt seine Pappenheimer: er weiß, sie wollen spielen und arbeiten, das „Hulaikalzan" ist-ihre Parole. Pupp verlängert seine Konzerte um 15 Tage, er ist sicherlich auf seine Rechnung gekommen. Kann man angesichts dieses auch nur äußeren Rahmens den Beratungen des Kongresses auch nur die geringste Bedeutung zubilligen? Das ganze Arrangement war Pflanz, und auch die Beratungen, die sich volle vierzehn Tage hinzogen, standen auf demselben Niveau. Die Mühle klapperte leer. Man zählte den Führern und denen, die es sein wollten, olle ihre Fehler vor, aber man wußte ja im vorhinein, es bleibt alles beim Alten! Und wenn Weizmann an die Adresse Simons die Worte richtete, „es sei ihre verdammte Pflicht, zu schweigen", so konnte dieses Schlagwort eigentlich die Parole des ganzen Kongresses sein. Das polnische Volk kennt in seiner Geschichte einen „stummen Sejm" eines stummen Landtages,,der angesichts der russischen Soldateska, die waffenklirrend den Saal besetzt hielt, zu einer Teilung Polens weder ja sagen wollte, noch nein sagen konnte. Äuch dieser Kongreß hatte keinen freien Willen, er, mußte nolens volens Weizmann und Sokolow wieder die Macht übergeben, er mußte nolens volens den paar, Herren, die die zionistischen Blüten in erster Entwicklung ge-' knickt haben, -für weitere zwei Jahre lang das Schicksal der Organisation und ihres Fonds ausliefern. Wozu also das ganze Gerede? Weizmann hat diesmal Recht, es war die verdammte Pflicht des Kongresses, zu schweigen. Ein geistreicher Kanzelredner hat einmal in einer Sukkotpredigt das Thema „Koheleth" behandelt und die Frage aufgeworfen, warum es denn in dem Kapitel über „Alles hat seine Zeit* kein.-Mittelding zwischen- Schvvpigan und Reden gibt. Man kann weinen und man kann lachen, das Mittelding ist: We8er weinen, noch lachen. Man kann bauen und man kann niederreißen, das Mittelding ist: Weder bauen, noch niederreißen. Zwischen Reden und Schweigen gibt es keine solche Einschiebung, da heißt es: Entweder oder. Und doch gibt es auch hier ein Mittelding, erklärte der Redner. Das wäre: Leeres Stroh dreschen. Dem 12. Zionistenkongreß gebührt der Ruhm, dieses Mittelding zwischen Reden und Schweigen aller Welt ad oculus geführt zu haben. Weder die sich so lange hinziehende Debatte über den Tätigkeitsbericht der Leitung, noch der Firma Brüder Felsenburg, die dem Vereine Raum zur Verfügung stellte, wo die Verteilung der Kleidungsstücke bestens vorgenommen werden konnte. Auch der sozialen Fürsorge dqr Jöbl. Kultusgemeinde Wiens, durch deren Entgegenkommen es ermöglicht wurde, Schuhwerk zu billigem Kaufpreis zu erstehen, um es an die Armen kostenlos abzugeben, sei dankbare Anerkennung gezollt. Um diesen mannigfachen Aufgaben nur halbwegs gerecht zu werden, war die -Vereinsleitung stets bemüht, die finanziellen Mittel zu stärken. Durch Sammlungen bei freudigen' Familienfesten sowie durch Veranstaltungen geselliger Natur gelang es, größere Beträge für die Zwecke des Vereines aufzubringen. Besonders erwähnt sei ein kunstgeschichtlicher Vortragsabend des Herrn Prof. Max Eisler, der seinen Zuhörern viel Schönes und Wissenswertes übermittelte und zugleich der Vereinskasse ein bedeutendes Reinerträgnis einbrachte. Besonders erwähnt sei auch eine größere Dollarspende, die durch Intervention der Frau Anna Preis dem Vereine „Frauenhilfett zufloß. Noch vor der demnächst stattfindenden Generalversammlung des Vereines „Frauenhilfe" des Adas Jisroel sei ehrend gedacht der großherzigen Gründer und Stifter, der getreuen Mitglieder und. edlen Spender, für ihre Leistungen und Zuwendungen. Die derzeit ungeheuer großen Druckkosten gestatten es nicht, jedem einzelnen der verehrten Mitglieder einen Rechenschaftsbericht zukommen zu lassen. Dieser knappe Auszug aus der jungen Vergangenheit des Vereines möge ihnen gezeigt haben, wieviel bisher geleistet wurde und wie dringend es ihrer Mitarbeit und Unterstützung bedarf, damit die Tätigkeit des Vereines nicht «erlahme auf dem Wege, den die Not der Zeit und die andauernde Ungunst der Verhältnisse ihm aufzwingen. Helfet dieses Liebeswerk fördern und weiter ausgestalten! Und in dem reichen Blütenkranze des Wohltuns sei auch diese leuchtendste Blume edler Menschenliebe — die Frauenhilfe der Adas Jisroel! Chodosch. die Diskussionen über die Palästinafragen der Organisation, den Keren Hajesod usw. haben ein positives Resultat ergehen. Selbst die Festlegung des Budgets, auf welche die Herren so stolz sind, ist bloß eine Formalität, da es des* Leitung an jeder Handhabe mangelt, die erforderlichen Summen nötigenfalls aufzubringen. Wenn man auf freiwillige Spenden, unter welchem Titel immer, angewiesen ist, so kann man auch ein Milliardenbudget aufstellen, ohne sich über dessen Durchführung graue Haare wachsen zu lassen. Von den bisherigen Kongressen war der 12. der unfruchtbarste. Bis zum Kriege hatte die große Tam-Tam, das Blasen und Trompeten noch irgend einen Sinn. Der 12. Kongreß sollte seine Arbeit ohne äußeren Pflanz, ohne die Tausende DetmclwtcrreicD. Der Czortkower (Jroßrabbiner schl. hat sich für einige Zeit nach Özortkow begeben. Wir erinnern uns bei dieser Gelegenheit gerne an den außerordentlichen Einfluß, den der Aufenthalt des Czortkower Großrabbiners auf das ganze religiöse Leben in Wien ausgeübt hat, an die stille, aber bedeutende philantropische Tätigkeit, die nicht ausschließlich Glaubensgenossen zugute kam, und vor allem an die ersprießliche Tätigkeit im Rate der Aguda und in allen strenggläubigen Institutionen. Hoffentlich wird der Aufenthalt in Gzortkow neues Leben der ganzen Gegend einflößen und erfreuen wir uns bald wieder der Mittätigkeit in unserem hiesigen Kreise. Gesellige Abende der Wiener Aguda. Die in voriger Nummer angekündigte neue Veranstaltung der Agudas Jisroel beginnt am 16. Marcheschwan (17. November) und wird von da ab regelmäßig jeden Donnerstag abends in einem besonderen Raum des Restaurant „Wienea", II. Obere Donaustraße 91, stattfinden. An diesen Abenden treffen sich Wiener und auswärtige Agudisten zur zwanglosen Aussprache über aktuelle, lokale und allgemein jüdische Angelegenheiten. Für jeden Abend ist -auch ein kurzes Referat über irgend eine der zu behandelnden Fragen bereits vorgesehen. Mitglieder der Agudas Jisroel und durch sie eingeführte Gaste sind willkommen. Für Speise und Trank ist gesorgt, jedoch ohne Zwang. Ungarn. Delegation der Pester israelitischen Gemeinde nach Amerika. Wie wir bereits vor Monaten mitgeteilt haben, begibt sich der Präsident der Pester israelitischen (neol.) Gemeinde nach Amerika. In seiner Begleitung gehen jedoch Rabbiner Dr. Elias Adler und Dr. Emil Zahler. Die Delegation wird, wie die Wiener amerikanische Botschaft mitteilt, Montag, den 5. Dezember, vormittags, vom Präsidenten Harding im Weißen Haus in Washington offiziell empfangen werden. Wir können nicht umhin, wieder mit Empörung auf die Haltung der unglückseligen „W. M." hinzuweisen, welche diese Delegation in einem mit persönlichen Beleidigungen gespickten Artikel bedenkt. Wir stehen der neologen Gemeinde prinzipiell gewiß noch ferner als die „W. M.\ aber hier handelt es sich um eine dem „Judentume zugedachte" Ehrung seitens des Präsidenten, die man nicht zu durchqueren versuchen soll. Es wäre vielmehr angemessener gewesen, wenn Herr Oberrabbiner Ghajes seinerzeit als geistliches Oberhaupt des österreichischen Judentumes nach Amerika gegangen wäre, in welchem Falle er mit ungleich größeren Ehren empfangen worden wäre. Es wäre nicht nur für den österreichischen Staat, sondern auch für das Judentum, auch für das ostjüdische Element' in Oesterreich, zur Ehre, zu Nutz und zu Frommen gewesen, wenn er gemäß der alten, guten politischen Tradition, deren Verlust wir blutig beweinen, als guter Jude und guter Bürger seines Staates, für beide plädiert hätte, wie es alle großen Führer, auch die zionistischen in den Westländern, tun. Im Sanatorium der orthodoxen Gemeinde in Budapest fand die Enthüllung des Bildes des Primararztes Dr. Rosenak statt. Dr. Dach und Rabbi Dr. Hermann Abrahamsohn würdigten die Verdienste des Oberarztes. Feierlicher Abschied der Bachurim. Im Festsaale der orthodoxen Gemeinde in Budapest fand ein Bankett zu Ehren der nach den verschiedenen Jeschiwos reisenden Budapester Jünglinge statt. Oberrabbiner Koppel-Reich gab in bewegten Worten der Freude darüber Ausdruck, daß nun auch die Reichen ihre Kinder wieder auf Jeschiwos senden. > Rabbi F. Sussmann führte aus, daß Jiro ohne Thora wie Leib ohne Seele sei. Es sprachen noch die Herren Rabbi Groß, Samuel Stern, Mayer Klein, Dr. Großmann, Ringwald. Im Namen der Bachurim dankte Andor Spiegel, während J. Kraus, Wolf und Simon Sussmann, Frank, Kohn, Lustig Thoraworte sagten. Der Prozeß des „Mult es Jöyö". Die jüdische Kunstzeitschrift „Mult es Jövö* hat gegen die einer katholischen Gesellschaft gehörende Hornyanskysche Galerieg5ste, ohne die Aenßerlichkeiten, seine Arbeit leisten, wie es übrigens alle internationalen und interstaatlichen Kongresse tuen. Aber unsere Herren Zionisten sehen im Schatten das Wesen, sie yerwechseln Zweck und Mittel, und sie haben es so weit gebracht, daß Bialik, auf die Frage, womit sich der Karlsbader vom Wiener Kongreß unterscheide, nicht anders antworten konnte als: Der Wiener Kongreß war der elfte, der Karlsbader der zwölfte. Als Ludwig XVII. nach der Niederzwingung Napoleons wieder in Parii einzog, erklarte er: Nichts hat sich geändert, Frankreich hat nur einen Franzosen mehr. Auch im zionistischen Lager hat sich trotz der jüngsten Weltereignisse nichts geändert. Es gab nur einen Kongreß mehr. Buchdruckerei einen Schadenersatzprozeß angestrengt, weil die genannte Druckerei am 4. August 1910 (nach dem Zusammenbruche des Sowjets) den Vertrag für gelöst erklärt hat, mit der Motivierung, „daß sie jetzt für einen Juden nicht arbeiten könne8. „Mult es Jevö" wurde in den zwei ersten Instanzen abgewiesen, die Kurie hat aber dieses Urteil aufgehoben und ausgesprochen, daß die erwähnte Begründung nicht zur einseitigen Lösung des Vertrages hinreiche und hat den Schadenersatzanspruch anerkannt. Deutschland. Srjumfeier. Der Talmud verein des Beshamidrasch, Ostendestraße 18, in Frankfurt a. M., veranstaltet am 24. November im großen Saale des Zoologischen Gartens einen Sijum. Der bereits über 200 Mitglieder zählende Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, das Thoralernen in die breite Oeffentlichkeit zu tragen. Das wird dadurch erreicht, daß jedes Mitglied einen Traktat vom Talmud übernimmt, den es allein oder mit anderen im Laufe des Jahres auszulernen sich verpflichtet. Auf diese Weise wird jedes Jahr der ganze Talmud im Kreise, der Mitglieder ausgelernt und nach Ablauf des Jahres ein Sijum veranstaltet. Panl Nathan — Sozialdemokrat. (JPZ) Berlin. - R. - Der bekannte deutsch-jüdische Politiker Dr. Paul Nathan, der Führer des „Hilfsvereins der deutschen Juden", der in der deutschen demokratischen Partei eine große Rolle spielte und wiederholt als Demokrat hervortrat, gibt bekannt, daß er aus dieser Partei ausgetreten und in die sozialdemokratische Partei eingetreten ist. Begründet wird dieser aufsehenerregende Schritt damit, daß die demokratische Partei in der letzten Zeit unter dem Drucke der deutschen Volkspartei immer mehr nach rechts abschwenkt. Tatsächlich wurde auch Paul Nathan in der letzten Zeit wiederholt wegen seines Judentums zurückgesetzt, z. B. bei der Aufstellung von Kandidatenlisten zu den Wahlen. Siebenbürgen. Zwei neue Aguda-Waisenhäuser. Wie wir in unserer vorigen Nummer berichtet haben, hat die Agudas Jisroel in Großwardein ein geeignetes Haus angekauft, um dort ein Waisenhaus zu errichten. Das Haus wird bereits entsprechend umgebaut und mit allem Komfort eingerichtet. Der unermüdlichen Tätigkeit von Agudafreunden in Bethlen ist es nun gelungen, auch in Bethlen ein Haus mit 40 Joch Feld anzukaufen, wo ebenfalls mindestens 100 Waisenkinder, zum großen Teil aus der Ukraine, untergebracht werden sollen. In einem anstoßenden Objekt werden verschiedene Werkstätten und eine Talesfabrik errichtet, die zur beruflichen Ausbildung der Zöglinge dienen werden und durch deren Reingewinn die laufenden,, Ausgaben gedeckt werden sollen. Amerika. Hadoar. Die erste Nummer des neuen hebräischen Tagblattes „Hadoar" in New York ist am 1. November erschienen. „Hadoar" erklärt im Programmartikel, kein Parteiblatt zu sein, aber auch nicht zu den gewissen parteilosen Blättern zu gehören, die jede Stellungnahme scheuen. Es hat ein Programm: Renaissance der Sprache, des Volkes und des Landes. In der ersten Nummer _ dominieren freilich nicht nur die Zionisten allein, sondern sogar nur die Weizmänner. Abe Goldberg und Scheinkin preisen darin die Balfour-Deklaration. Es ist wohl begreiflich, daß ein hebräisches Tageblatt in New York ohne die Unterstützung der zionistischen Partei kaum reüssieren kann. Hoffentlich wird „Hadoar" so weit seine Unabhängigkeit bewahren können, daß auch den anderen Parteien Gerechtigkeit werden wird. Die erste Nummer verrät keinen religiösen Geist, aber auch nicht das Gegenteil. Eine Filiale der Jüdischen Nationalbank wird in New York eröffnet werden. Diese Bessura towa geht der zionistischen Delegation voran und wird bei dem praktischen Sinne, der heute im Zionismus waltet, dazu dienen, die Freundlichkeit des Empfanges der Delegation sehr günstig zu fördern. NACHRICHTEN.

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