Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 39 (11.11.1921)
- Date
- 1921-11-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 278 JÜDISCHE PRESSE Nr. 39 erscheint zurzeit keineswegs befriedigend. Angesichts der bekannten seit einiger Zeit auch auf manche entscheidende staatliche Faktoren stärker einwirkenden Bestrebungen droht die Gefahr, daß das historische Judentum politisch vergewaltigt und ohne Rücksicht auf seine überwiegende religiös orientierte Mehrheit in eine politischeNationalität umgewandelt wird. Die gegen dieses größte Unrecht, das dem jüdischen Volke zugefügt werden kann, zu ergreifenden Maßnahmen wurden besprochen. Im Vertrauen auf die unbezwingbare Gesinnungstreue der breiten religiösen Schichten des Judentums hat die Aguda im Einvernehmen mit den führenden religiösen Autoritäten aller Länder, die in ihr organisiert sind, Schritte unternommen, um falsche Vorstellungen von der Wesensart der jüdischen Gemeinschaft zu berichtigen und jedenfalls die drohende entwürdigende Bevormundung durch eine Minderheitsorganisation zu verhüten. Trotz der gegenwärtig nicht gerade günstigen Lage ist zu erhoffen, daß es den Führern schließlich doch gelingen werde, eine Rechtsverkürzung der jüdischen religiösen Massen hintanzuhajten und dem traditionellen Judentum vor dem Forum der Völker Gehör zu verschaffen. In der Palästina-Frage wurden Mitteilungen der englischen Regierung zur Kenntnis genommen und weitere politische und kolonisatorische Aktionen in Erwägung gezogen. Von den vorgelegten Projekten wurde eines akzeptiert und der palästinensischen Vertretung der Aguda zur fachmännischen Begutachtung und Realisierung übermittelt. In organisatorischer Beziehung konnten beachtenswerte Fortschritte konstatiert werden. Eine Neuorganisierung des Wiener Zentralbureaus wurde beschlossen und für die endgültige Konstituierung des großen „Rabbinischen Rates" die Vorarbeiten fortgesetzt. Ueber die Entwicklung der neugegründeten amerikanischen Aguda-Organisation sowie über das bisherige Resultat der Sammlungen für den „Keren Hajischuw* wurden günstige Berichte entgegengenommen. Das Budget für das Wiener Zentralbureau wurde festgesetzt und dank der Opferwilligkeit einiger Gesinnungsgenossen bereits auch gesichert. €inc amerikanische Stimme über den Zionistenkongreß und das amerikanische Wiederaufbauwerk. Interview der „JPZ" mit Mr. Bernard Horwich (Chicago). Der Präsident des „Chicago Joint Relief Committee", Mr. B. Horwich, Delegierter des XII. Zionistenkongresses, teilte dem Herausgeber der „Jüdischen Pfeßzentrale Zürich" seine Eindrücke über den Kongreß mit. Als Zionist steht er zwischen der Mack- und Weizmann-Gruppe. Seine nachstehenden Ausführungen dürften besondere Beachtung finden: „Wenn ich mir das Niveau der früheren Kongresse vergegenwärtige, so diängt sich mir der englische Ausdruck „below average" auf. Dieser Kongreß steht unter dem Durchschnitt der früheren. Vielleicht ist aber meine Meinung auch von dem Umstand beeinflußt, daß die Juden Amerikas von diesem Kongreß sehr viel erwartet haben, zumal ja die politische Verwirklichung des Zionismus bereits erfolgt ist, und die weiteste Oeffentlichkeit nunmehr von diesem Parlament des jüdischen Volkes die Aufrollung konkreter Fragen für den Aufbau Palästinas und die Festlegung eines grandiosen Arbeitsprogramms und des Sammelapparätes zur Aufbringung der hierzu Hoiroo unserer Stadt, ein bekannter Gaon, schickte zu uns und bat uns, daß wir ihn besuchen sollten. Ich ging als Begleiter des Gastes mit. Dieser verblieb dort einige Stunden, man bueitete eine Landkarte von Erez Jisroel auf dem Tische aus und diskutierte über jeden Punkt. Der Moire Hoiroo bewies große Bewandertheit. Trotzdem er nie aus dem Städtel draußen gewesen, kannte er jedes Dörfchen auf der Karte, nicht bloß dessen Namen und Lage, sondern Details, z. B. welcher Tannai und Amoräer dort gewohnt hat, wann es erbaut worden ist und wieviel Einwohner es habe. Der Moire Hoiroo begleitete uns selbst nachhause und seine Freude über den Besuch strahlte über seinem Antlitze. Zwei Wochen weilte er bei uns im Städtel und zwei Wochen hat man im Ganzen vergessen an dem werktäglichen Hü-ho. Unser Reden und Denken bewegte sich um den Erez Jisroel Jid. Schmerzlich war der Abschied und mit thränenden Augen „gesegnete" man sich von ihm. Noch lange nach seiner Abreise fühlten wir Bachurim uns wie von einem ewigen Glück verabschiedet, wie von einem schönen Traum erwacht. Aber die Erinnerung an ihn führte uns zurück in einen Wald voll zauberischen Bäumen uud zu einem Meere lebendiger Reminiszenzen. Ot, so hat einmal Ghibas Erez Jisroel im glauben- J treuen Judentum ausgesehen, so wurde ein „Erez Jisroel Jid" gefeiert — und heute? (Aus dem Jiddischen im „Zydu gyvenimas" Kowno.) notwendigen gewaltigen Finanzmittel erhofft hat. 1 Statt dessen hat man auf dem Kongreß viel zu viel darüber debattiert, wer als guter und wer als schlechter Zionist zu gelten habe, sich^viel zu lang mit Kritisieren und Theoretisieren abgegeben, Fragen rein religiöser Natur breitgetreten und darüber die Methoden und Mittel für die reale Aufbauarbeit vernachlässigt. Persönliche Fragen, wer in die Exekutive kommen soll, Differenzen zwischen den Fraktionen nahmen einen viel zu breiten Raum ein. Mit den Generaldebatten und der breitspurigen Kritik der Exekutive hat man allein vier Tage verloren, Dinge, die man in einem Tage hätte erledigen sollen. Man hat hierfür viel zu viel edlen Eifer und. wertvolle Arbeitsenergie verschwendet und mußte natürlich dann die praktischen Arbeiten in etwas ermüdetem Stadium durchgaloppieren. Der so bedauerliche Konflikt mit Amerika wurde zwar sehr eingehend erörtert, aber leider ist kein Weg des Friedens betreten worden und das wird natürlich die Keren Hajessod-Arbeit in Amerika ungeheuer erschweren. Die meisten Delegierten, mit denen ich Gelegenheit hatte zu sprechen, bedauerten aufrichtig diesen Zustand. Wir werden mit allen Kräften trachten müssen, nach unserer Rückkehr nach Amerika den Boden für einen Frieden vorzubereiten und ich wünsche sehnlichst, daß es uns gelingen möge, goldene Brücken zu schlagen. Bei dieser Gelegenheit sei auch auf eine unrichtige Einschätzung des amerikanischen Juden durch unsere europäischen Brüder hingewiesen. Die meisten Europäer halten die amerikanischen Juden für reiche Leute, wenn nicht für Millionäre und für „ame haarazim". Diese Ansicht basiert auf einem großen Irrtum. Die jüdischen Massen in Amerika sind zwar besser gestellt als in Europa, müssen aber schwer und fleißig arbeiten, oft sogar sehr hart kämpfen. Sie sind aber trotz des harten Existenzkampfes im Durchschnitt freigebiger als die Europäer. Freigebigkeit und Gastfreundschaft sind zwei amerikanische Nationaltugenden, die bei den Juden sich besonders entwickelt und gesteigert haben. In sehr zahlreichen Fällen gibt der amerikanische Jude nicht vom Ueberfluß, sondern von seiner Hände Arbeit und seinem Wochen- oder Taglohn, ja oft halbiert er diesen geradezu mit seinem notleidenden Bruder in Europa. Diese Tatsache sei hier deshalb besonders hervorgehoben, weil wir ja jetzt erneut an die fast erschöpfte Freigebigkeit der jüdischen Massen werden herantreten müssen, um den Großteil der für den Aufbau Palästinas notwendigen Summen in Amerika aufzubringen. Man wird alle verfügbaren Kräfte des gesamten amerikanischen Judentums für die gewaltige Sammelarbeit zu einem ungeheuren Energien apparat mobilisieren und vereinigen müssen, um günstige Resultate zu . erzielen. Um während der letzten sieben fetten Jahre die respektable Summe von 40 Millionen. Dollar, die das „Joint Distribution Gommittee" gesammelt und verteilt hat, aufzubringen, war eine rastlose und konzentrierte Zusammenarbeit der gesamten amerikanischen Judenheit notwendig. Damit nun das Doppelte dieser Summe von den Juden Amerikas in den jetzigen mageren Jahren erzielt werde, wird man sich kaum" den Luxus leisten können, auf die wertvolle Mitarbeit aller Kreise ohne Ausnahme zu verzichten und sich nur auf die Zionisten allein zu beschränken. Um die Amerikaner zu weiterem Die im Hotel Continental am 31. Oktober stattgehabte Versammlung, über welche wir schon kurz berichtet haben, hat einen glänzenden Verlauf genommen. Von auswärtigen Gästen waren anwesend: die Herren Jakob Rosenheim, Dr. Isaak Breuer und Großindustrieller Leo Wreschner (Frankfurt), David Schlesinger^ und andere. 8 ObmariD Päppenheim eröffnet mit einem Rückblick auf die Tätigkeit der Aguda, referiert über die sehr erfolgreiche Waisenhausaktion und hebt die Tätigkeit der Herren J. J. Thumim, Präsident der Waisenfürsorge-Organisation, Akiba Schreiber, Pi'of. Eisler, Nissenbaum, Adler, Brody, Türkl und anderer hervor. Rednei\ geißelt diejenige jüdische Presse, welche von Parteileidenschaft verblendet, sich dazu hinreißen ließ, jüdische Wohltätigkeitsaktionen vor der Oeffentlichkeit herabzuwürdigen. Redner gibt ein Gesamtbild der Tätigkeit der Aguda und erteilt das Wort den einzelneu Referenten. In seinem mit großem Beifall aufgenommenen Tätigkeitsbericht über da* Erziehungs wesen der Aguda bemerkt Referent Rabbiner Ch. H. Thumim (Kolomea) zunächst, daß er sich nur auf die lokale Tätigkeit der Aguda auf diesem Gebiete beschränken will. Es wäre zu umfangreich, sämtliche Leistungen, die die Aguda auf dem Gebiete des Ghinuch und der Stärkung des Thoralernens in allen Ländern, besonders aber in Polen und Litauen geleistet hat, aufzuzählen, um gar nicht zu sprechen von der großzügigen Aktion, die die Aguda zur Förderung des Jeschiwowesens mifin m*"Q rniDftm in ^K*!^'1 y^lH nun m Angriff genommen hat. Der Krieg und seine Folgen brachte eine Flut von Flüchtlingen mit ihren Kindern nach Wien, die hier keine nach polnischem Muster eingerichteten Ghadorim vorfanden und es bestand die Gefahr, daß diese Kinder dem Thorastudium entfremdet werden. Da griff die Aguda segensreich ein. Es wurden in den meisten Bezirken Wiens für die Flüchllingskinder Chadorim eingerichtet, in denen ungefähr 1500 Kinder von Aleph-beth bis zur Gmoro gründlichen Unterricht erhielten. Mit .größter Mühe und finanziellen Opfern gelang es der Agüdas Jisroel, diese Chadorim zu erhalten und auszubauen. Dank der Anstrengung der Adas Jisroel gelang es für so manche Schule die behördliche Bewilligung zu erlangen. Auf die Initiative der Aguda, wurde auch eine Chinuch- Geben anzuspornen und sie auch in dieser schweren Zeit der Krisis zu Opfern zu bewegen, wird es besonders notwendig sein, daß auch Europa voll und ganz seine Pflicht erfülle und nicht alle Lasten auf die Schultern des amerikanischen Onkels allein abzuwälzen trachtet. Die amerikanische Judenheit steht heute außer vor der Pflicht, den Löwenanteil für den Aufbau Palästinas aufzubringen, vor gewaltigen mannigfachen Aufgaben, und es harrt ihrer eine ungeheure Arbeit auf verschiedenen Gebieten der Hilfe innerhalb und außerhalb Amerikas. Die schwere Krisis, die heute Amerika heimsucht, hat seit den letzten 40 Jahren nicht ihresgleichen gehabt und die Juden leiden unter diesen schweren Verhältnissen ganz besonders. Die amerikanische Regierung macht alle Anstrengungen, um Industrie und Handel wieder aufzurichten und wenn sie nicht viele Banken gestützt hätte, damit diese wieder ihrerseits Handel und Industrie stützen können, hätten sehr viele Zusammenbrüche erfolgen müssen. Die Preise fast aller Waren sind rapid um 50—80 Prozent gesunken, und jetzt sind zwischen der Regierung, den Finanziers und Industriellen Verhandlungen im Gange, um den Handel wieder auf normalere Basis zu stellen. Deshalb betrachtet es momentan der jüdische Kaufmann geradezu als Glück, wenn er, ohne jeglichen Nutzen, sich nur über Wasser halten kann. Die Prohibition des Alkohols hat zahlreiche Juden der Spiritus- und Weinbranche existenzlos gemacht. Am meisten leiden durch die Krise die Branchen, in denen die Juden sehr stark vertreten sind, wie Textil, Konfektion, Rauchwaren, Galanteriewaren, Lederwaren, Seide, Juwelen, Metalle und Baumaterialien. Glücklicherweise sind Anzeichen vorhanden, die auf eine baldige Besserung der Lage schließen lassen. Natürlich beeinflußt die Krisis auch jede Sammeltätigkeit, sei es für Keren Hajessod, sei es für die inländischen amerikanischen charitativen Zwecke, sei es für das Rekonstruktionswerk des „JDC. Was letzteres anbelangt, so unternimmt bekanntlich das „JDC im Oktober eine 14 Millionen Dollar Kampagne. Das Joint Relief Committee, das in Chicago und im Westen Amerikas sich an der-Aufbringung der 40 Millionen Dollar des „JDC" mit 10 Millionen Dollar beteiligt hat, nahm es nun auf sich, neuerdings für die 14 Millionen Dollar Kampagne für das Rekonstruktionswerk des „JDC8 in Chicago allein anderthalb bis zwei Millionen Dollar zu sammeln. Um den großen Erfolg der seinerzeitigen Sammlungen haben sich, wie ich bei dieser Gelegenheit besonders erwähnen möchte, in Chicago hauptsächlich verdient gemacht: die Großmeister der J. O. B. B. Loge Adolph Kraus und deren überaus verdienstvoller Generalsekretär, Seelenfreund, General Abel Davis, der weitblickende Philanthrop Julius Rosenwald, Bankier A. G. Becker \\nd deßsen genialer durch und durch idealer Sohn Leutnant James H. Becker, Bankier M. E. Greenebaum, Albert D. Lasker, der kürzlich vom Präsidenten Harding zum Leiter des Navigation Shipping Board ernannt wurde, Rabbi Dr. Emil G. Hirsch, Albert Pick, Charles Rubens, S. J. Rosenblatt, Judge Harry M. Fisher, Nathan D. Kaplan, Max Shulman und Israel Cowen, die zu den edelsten und besten Menschen Amerikas gezählt werden können, auf die nicht nur die amerikanischen Juden, sondern auch die gesamte Judenheit stolz sein darf/ Sektion gegründet, der die folgenden Persönlichkeiten ange" hörten: Rabbiner Chaim Aron Friedmann, Rabbiner Katz' Rabbiner S. Neuwirth, Rabbiner Abraham Heschel, Isaak J- Thumim und Rabbiner Dr. Joel Pollak. Durch die Ghinuch- Sektion wurden ins Leben gerufen die n^llfl ^ÖlD J"I*"Ori unter dem Protektorate des Ehrw. Großrabbiner aus Czortkow, die fHin T)K unter dem Protektorate des Großrabbiners aus Husiatyn und unter der Leitung des Rabbiners Benzion Katz (Borszszow) und eines nD^W unter Leitung des Rabbiner Arak (Buszasz). Auch muß erwähnt werden die ^'XlD "'TlD'' und die miD TttTTl» <"e vom Ehrw. Oberrabbiner Fürst gegründet wurden und welche ebenfalls viel zur Verbreitung des Limud hathora in Wien beitrugen. Die Ghinuch-Sektion ist bestrebt, ein einheitliches Programm auszuarbeiten. Das Fundament für Limud hathora und Ghizuk Haemuna ist von der Aguda gelegt worden, an uns liegt es nun, darauf weiterzubauen, damit Wien ein wirkliches Mokam Thora werde. Referent appelliert in warmen Worten an die Versammlung, diese Unternehmungen der Aguda tatkräftigst nT"Ql "IttlfD zu unterstützen u. schließt mit den Worten: vnxy;rv »m Kultusvorsteher Siegmund Bondi, von stürmischem Beifalle begrüßt, referiert über die Wirksamkeit der Orthodoxie in der Kultusgemeinde. Die Versammlung hört das Referat, das von einer tiefen, selbstlosen Begeisterung für die Tradition getragen ist, mit Kundgebung der Sympathie an. Referent hebt hervor, daß es zum Beispiel zur Pessachzeit gelungen ist, den ganzen Mazzo-Betrieb den Anforderungen der Orthodoxie entsprechend zu gestalten und den sonstigen Bemühungen, um dem religiösen Geist Geltung zu verschallen, geht dann auf die Frage der religiösen Erziehung und den Einfluß der Orthodoxie über. Unter großem Beifall referierte hierauf Dr. Joel Pollak. über Palästina. Der Leiter der Sozialen Fürsorge, Herr Alfred Stroh, entwarf nach einigen historologischen Bemerkungen über die Entwicklung dieser Sektion, ein umfangreiches und übersichtliches Bild der vollbrachten und der im nächsten Jahre zu leistenden Arbeiten. Er berichtete von bedeutenden Erfolgen, welche das als gesonderte Untergruppe konstituierte „Schomre Schabos Gevverbeförderungs- und Stellenvermittlungsamt'' verzeichnen könne. Eine Rundfrage bei den einzelnen Unternehmern, welche Beamte und Arbeiter durch Vermittlung dieses Amtes angestellt haben und auch die stetig im An- Das Hduda°meetind.