Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 39 (11.11.1921)
- Date
- 1921-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JUUIM.HE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion imd Administration: Wien, H., Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tarnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für OsterreichK 800'—, Ungarn K 250'-, Tschechoslowakei Kc. 70«-, Dentschland Mk. 60--, Schweiz Frcs. 10**-, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 800*—. Einzelnummer d.-ö. K 15 —, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10*— Fürs Ausland 100 Prozent Tenerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 39 i Wien-Bratislava, 11. November 1921 «sann jwn ' m mxmF& " n-yz 7. Jahrg. England und die Orthodoxie, Vielleicht klingt diese Ueberschrift etwas stolz, aber doch wohl nur für den, der in der Politik nur die Aeußerungen brutaler Machtverhältnisse diskontiert. Das ist Englands Art nicht. Im Gegenteil, wer nach greifbarer Erklärung für Englands Größe sucht, wird sie darin finden, daß in bewundernswerter Weisheit die englische Politik „loheniach dowor koton" auch die noch so fernliegenden Imponderabilien im Leben der Völker aufs genaueste beobachtet und in den politischen Kalkül eingestellt hat. Um so mehr sind wir verpflichtet, nach den Motiven zu spüren, welche England bewegen, für den Augenblick sich in jüdischen palästinensischen Fragen lediglich der zionistischen Organisation bedienen zu wollen. Da sind viele Möglichkeiten gegeben. Zunächst ein Außenpolitisches. Je mehr England und der High Commissioner gehalten sind, den Wünschen der Araber Rechnung zu tragen, um so ungefährlicher ist es, als Kompensation den Versuch zu machen, die innerjüdische Position der zionistischen Partei zu stärken. Wenn die Zionisten damit zufrieden sind, das, was ihnen gegenüber den Arabern versagt bleiben muß, gegenüber den Juden erreicht zu sehen, so wäre dies ein sehr billiger, und gerade deshalb in seinen Konsequenzen sehr teuerer Triumph. Es wäre eben, wenn nur dieses Motiv bei Herbert Samuel gesprochen hätte, eine Wendung in der englischen Palästinapolitik, welche eben dann feierlich darauf verzichtet hätte, Palästina zu einer Heimstätte für das jüdische Volk zu machen; die Balfour-Erklärung hätte sodann die so lange ersehnte Interpretation definitiv erhalten und in ihren Auswirkungen eine rein zionistische Deutung gewonnen, und San Remo wäre parteipolitisch ausgemünzt. Man hätte dann lediglich sich höflich dafür zu bedanken, daß der arabische Gegensatz sich antijüdisch gebärdet, während ihm doch lediglich ein parteipolitisches Wollen als Objekt entgegengestellt ist. Wäre diese Klarheit von vornherein gegeben gewesen, es wäre besser um vieles bestellt. Allein, wohin verlieren wir uns? So kurzsichtig und widerspruchsvoll kann Englands Politik nicht sein, sie kann so ihren besten Traditionen. nicht untreu werden. Es eröffnet sich deshalb die weitere Möglichkeit, daß man in Dowring Street der in Ziffer 4 des Mandatsentwurfs vorgesehenen jewish agency (jüdische Agentur) nicht diese überragende Bedeutung beimißt. Und wir können es Churchill nicht verargen, wenn er die jüdische Psyche darin nicht kennt, daß sowohl bei den jüdischen Massen ein ungeheurer Respekt vor jedem mit behördliche* Kompetenz ausgestatteten Glaubensgenossen vorhanden ist, als auch anderseits eine gewisse Neigung zur Ueberschreitung der in dem behördlichen Auftrag gesteckten Grenzen nicht geleugnet werden kann. Es kann zwar auf Seiten der zionistischen Partei das Bewußtsein leben, auf Gedeih und Verderb mit England verbunden zu sein, sicher ist. doch das nicht auf Seiten Englands der Fall. Wir glauben vielmehr, daß England wirklich neben der politischen Seite der Balfour-Erklärung von dem Gedanken getragen war, einem ideellen Ziele zu dienen, den Juden helfen wollte und will. Und angesichts dieser für England ehrenvollen Annahme kann man es nur bedauern, daß hier eine nicht ganz zutreffende Konzeption über Wesen und Wollen der Judenheit vorzuherrschen scheint; freilich auch dies ohne Schuld Englands. Denn wenn es die Juden widerspruchlos geduldet haben, daß man die Identität von Judenheit und Judentum bewußt gestört, ja geleugnet hat, was sollen dann englische Politiker denken und planen? Schließlich wäre auch der Erwägung Raum zu geben, daß man in London glaubt, die Liebe zum heiligen Lande wäre in jedem jüdischen Herzen so stark, daß man selbst um den Preis vollständiger Entrechtung des Judentums, selbst um den Preis einer Helotenstellung des religionstreuen Teiles der Judenheit den letzten Heller in den Dienst des Wiederaufbaues Palästinas stellen würde. Da möchten wir in aller Geradheit und in aller Klarheit folgendes sagen und wir glauben, daß dies England frommt und dem Judentum zur Ehre gereicht. Gewiß, die Orthodoxie kann und wird »sich mit dem Gedanken abfinden, daß in Palästina unter der Wucht der jewish agency das Galuth Schechina, das Exil des Idealen, eine grausame Fortsetzung findet und daß bei dem Vorherrschen der Parteipolitik selbst das materielle Galuth in erschwerter Form Platz greift. Wir haben schon Schwereres erduldet und überstanden. Es hat eben anders nicht sollen sein. Aber es schmerzt uns um Englands Willen. Der wahre Jude diskontiert in seinem Dank das Wollen und es wird dem britischen Reich unvergessen bleiben, daß es diesen grandiosen Versuch, historischer Gerechtigkeit in die Wege leitete. Woran es lag, daß man dabei nicht einmal an Vespasions Staatsklugheit anknüpfte, der ein Jabne erstehen ließ, woran es lag, daß moderne Politiker nicht neben einem Cyrus und Darius in die Tafeln der Geschichte eingegraben werden darf, — das mag man in London untersuchen. Gewiß hatte auch Cyrus weitblickende Politik, aber er hätte die von seiner jewish agency nicht ausgeschlossen, die den Tempel des Ewigen bauen wollten. Und letzten Endes hatte die persische Politik es nicht zu bedauern, daß sie den religiösen Wiederaufbau Palästinas als ersten Faktor in ihr Wollen und in ihre Kundgebung aufnahm. Es war die Pflicht der Orthodoxie, Dankespflicht gegen England, Ehrenpflicht gegen sich selbst, England die Möglichkeit zu bieten, Palästina zu einem heiligen Land, zu einer Heimstätte der Bibel zu machen. Wir haben dieser Pflicht genügt. Saget nicht, das, was wir gesagt, wäre vermessen und stolz. Das ist es wirklich nicht. Aber ehrlich ist es. P. K. Die jmm;^H*ÖW«tf* der jfgudas Jisroel. Vom 1. bis 3. November fanden in Wien mehrere Sitzungen des Geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Jisroel statt. Außer den Wiener Mitgliedern des Geschäftsführenden Ausschusses nahmen auch die Herren Jacob Rosenheim, Leo Wreschner und Dr. Isaac Breuer und einige Gäste an den Sitzungen teil. Den Gegenstand der Beratungen bildeten vornehmlich aktuelle politische, organisatorische und finanzielle Fragen der Gesamt-Aguda. Auf prund der Berichte über die mit den in Betracht kommenden Regierungsvertretern gepflogenen Verhandlungen wurde die politische Rechtslage des Judentums eingehend erörtert. Diese €in €rez Jisroel 3il (Erinnerungen.) Von Sch. Schönfeld (Wien). Im Bes-hamidrasch sitzen wir und lernen, lernen. Draußen kalte Winternacht. Das ganze Städtel liegt in einer tiefen Decke von Schnee , eingehüllt, ein Blick durch das Fenster hinaus verliert sich in eine unendliche, weiße Fläche. Ringsum schweigende Stille, die die kleinste Bewegung hörbar macht. Hie und da schlägt der Wind an den Fenstern des Bes-hamidrasch entlang, dann mischt sich das Klingen der Scheiben fast harmonisch in die Melodie der Talmudweise. Beim Ofen steht ein Tisch, daran sitzen Jiden, Händler, Melamdim und sohmusen mit wohliger Gemütlichkeit über städtische und Weltangelegenheiten. Wir Bachurim sind Tri einem „harben Teumim" vertieft und jede Minute springt da ein anderer auf und bemüht sich aus Leibeskräften, den anderen von der Richtigkeit seiner Meinung zu überzeugen. Da entsteht ein Geschrei von zugleich streitenden Stimmen, daß die Jiden beim Ofen, die in einem wichtigen Schmus vertieft waren, gezwungen sind, einzuhalten, weil sie uns nicht übertönen können. Mit einem Male wird es still — alle Stimmen schneiden mit einmal ab. — Ein Kreischen von Rädern, wird draußen hörbar, die sich durch tiefen Schnee mühen. Die Neugierde wächst, als man erhorcht, daß der Wagen gegen das Bes-hamidrasch strebe. S'teitsch? So spät in der Nacht ein Wagen und gar auf dem einsamen Wege zum Bes-hamidrasch, auf dem man niemals einen Wagen sieht, außer dreimal im Jahre, da Jasek, der „Strusen" (Hausmeister) des Bes- Hamidrasch hieher fährt: Erew Schwuos mit einer Ladung von Schwuos-Grün, Erew Jörn Kippur mit Heu, den Fußboden zu belegen und Erew Sukkos mit Laub für die Bes-hamidrasch-Sukko, und auch diese kamen nur am Tage zu der vom Gabbai bestimmten Stunde. Daher erweckte das plötzliche Geräusch des auf das Bes-hamidrasch zustrebenden Gefährtes die größte Spannung. Wie wir da uns vergaffen, öffnet sich die Türe und es erscheint eine Gestalt, die uns von übernatürlicher Schönheit dünkt. Der erste Eindruck war, daß das keine Figur sei, die im Gfolus geboren, erzogen und entwickelt war. Sie glich vielmehr jenen legendären Gestalten, von denen wir träumten, wenn wir von Schimschon hagibbor, Awner ben Ner oder Jiftoch hagileodi gelernt haben. Wir wußten aber erst dann sein Exterieur abzuschätzen, als wir uns von unseren Plätzen erhoben und ihn mit Scholom alechem bestürmten. Im Momente war er von einer Doppelkette umringt, gebildet aus uns Bachurim und den Juden vom Ofen tisch. Eine hohe Stirne mit tiefen Furchen, ein langer Bart, der bis zur Hälfte seines Körpers reichte, ein paar schwarze, tiefliegende Augen von einem mildlieben Ausdruck bilden das Gesicht. Besonders imponierte uns Kindern des Ghetto die freie, hohe, schlanke Gestalt, die uns an die Figur des Schoul hamelech erinnerten. Gar als wir hörten, daß er ein „Erez Jisroel-Jid8 sei, begann unsere legendenvolle Phantasie frei zu spinnen. Bald besorgten wir ein gutes Abendmahl und wer nur konnte, war bemüht, die Sude zu verschönern. Beim Essen versanken wir gar in ein Meer von biblischen Visionen. Als er zu erzählen begann von Erez Jisroel im allgemeinen und von jedem Städtchen im besondern und als er Chewjjon, Zefass, Meoras Machpela, Jeruscholajim und Kossei hamarowi, die alten verklungenen Märchen wiedererstehen ließ, warfen wir Bachurim einander froh-überraschte und doch von so viel Gläubigkeit erfüllte Blicke zu. Bis spät in die Nacht hinein sind wir wie hypnotisiert um ihn gesessen und Haben jedes Wort verschlungen, alles um uns herum vergessend; die Kinderjahre tauchten in unserem Geiste auf, als wir auf des Großvaters Knien der Geschichte der Akeda, von Pharao, von Josef und Mizraini lauschten und anderen Mären, die wir mit den Kinderjahren verschwunden wähnten. Als wir heinigingen, wies der Zeiger gegen drei Uhr morgens. Die ganze übrige Nacht träumte ich wachend die ganze Bibelgeschichte durch. Ich verstand zum erstenmal, welche lebendige unsterbliche Kraft in den toten Ossios wirkt. Tags darauf hob eine wahre Jomtow-Stimmung an. Als man erfuhr, daß ein „Erez Jisroel Jid" angekommen sei, kam Groß und Klein, um ihm willkommen zu heißen. Jeder hielt es für eine Mizwa, mit „ihm selbst* zu sprechen. Gegessen und geschlafen hat er bei uns. Mein Stolz und Hochgefühl war grenzenlos. Ich ließ niemanden Unwürdigen zu ihm hinein, ich kam mir wie ein Potentat vor; eine Kleinigkeit: Der „Erez Jisroel Jid" logierte bei uns! Reb Eisik, der Moire Schiff5 Pelzwarenhaus Wien, I. Bez., Bauernmarkt Nr. 24 JEcke Fleischmarkt, Telephon 67.302 Große Auswahl in Damenpelzmänteln, Füchsen, Herrenpelzen. Modernisierungen, Reparaturen in eigener Werkstätte.