Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 38 (4.11.1921)
- Date
- 1921-11-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 JÜDISCHE PRESSE Seite 273 Agudas Jisroel um Hilfe. Die Agudas Jisroel speiste diese Flüchtlinge am Tage der Intervention auf eigene Kosten aus, intervenierte aber gleichzeitig im Bundesministerium für Inneres. Dank der Einsicht der im Ministerium mit dieser Fürsorge betrauten Herren Bezirkshauptmann Alzner und Pilz gelang es dem Vertreter der Agudas Jisroel, den jüdischen Flüchtlingen rituelle Kost zu verschaffen, und zwar in der Weise, daß die jüdischen Flüchtlinge von nun an seitens der Fürsorgeaktion des Miniseriums Anweisungen an die Soziale Fürsorge der Agudas Jisroel anstatt wie bisher an die Gemeinschaftsküche erhalten werden. So werden die jüdischen Flüchtlinge jetzt in der Mittelstandsküche Einheit ausgespeist. Wer ist zur Vornahme des Aufgebotes israelitischer Ehe berechtigt1? In manchen Kultusgerneinden auf dem Lande war man lange Zeit im Unklaren darüber, in wessen Kompetenz die Vornahme des Aufgebotes isr. Ehen falle. Dies führte in K. ... zu Unstimmigkeiten zwischen dem Vorstande und dem Rabbiner der betreffenden Gemeinde. Das Kultusministerium entschied diesen Streitfall wie folgt: An den Vorstand der K .... er israelitischen Kultusgemeinde zu Händen des Herrn Vorstehers L. M. in K. Seine Exzellenz der Herr k. k. Minister für Kultus und Unterricht hat im Einvernehmen mit dem h. k. k. Ministerium des Innern und der Justiz laut höh. Erlasses vom 20. Mai 1880, Z. 16642 ai 1879 Ihrem Rekurse gegen den hoohortigen Statlhnltereierlaß vom 27. August 1879, Z. 5186 ai, 9. Mai 1879, Z. 3083, ausgesprochen, daß die Vornahme des Aufgebotes israelitischer Ehen sowie die Entgegennahme der diesbezüglichen Anmeldungen und die Ausstellung von Zeugnissen über die vorgenommene Verkündigung in die Kompetenz des betreffenden israelitischen Seelsorgers falle und die Kultusgemeindevorsteher sich hierbei jeder Ingerenz zu enthalten haben — , keine Folge zu geben und die angefochtene Statthalterei-Entscheidung hiermit zu bestätigen befunden. Hiezu veranlaßte Se. Exzellenz den Herrn k. k. Minister für Kultus und Unterricht neben der in den Entscheidungen der ersten und zweiten Instanz angeführten Gründen hauptsächlich die ErwUgung, daß die Vornahme des Eheaufgebotes ebenso wie die Ingerenz bei der Schließung und Trauung der Ehe nicht zu den inneren Angelegenheiten der Religionsgenossen gehört, deren selbständige Besorgung durch autonome Organe derselben durch Artikel 15 des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dez. 1867, über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger überlassen ist, sondern sich vielmehr als eine -im staatlichen Auftrage vollzogene Funktion qualifiziert, welche grundsätzlich den Seelsolgern, also bei Israeliten nicht dem Kultusvorstande, sondern den Rabbinern und Religionslehrern, welche allein den Seelsorgern anderer Konfessionen gleichzustellen sind, zusteht. — Außerdem kommt hervorzuheben, daß es als ein durchgreifender, insbesondere auch in den Bestimmungen der § 70—74 des allgemeinen bürgerl. Gesetzbuches vertretener Grundsatz unseres Eherechtes erscheint, daß das Aufgebot von demselben Funktionär, respektive einem der Funktionäre vorgenommen wird, welche zur Trauung berechtigt sind und daß ebenso auch die Bestimmung im § 130 allg. bürg. Gesetzbuch, wonach die Rabbiner und Religionslehrer für die Einhaltung der das jüdische Eherecht betreffenden Vorschriften überhaupt verantwortlich gemacht werden, darauf hinweist, daß diesen Funktionären auch das Aufgebot der jüdischen Ehe überlassen ist. — An der Gültigkeit dieser Entscheidung hat sich durch den Zerfall dec Monarchie nichts geändert, da die bezüglichen eherechtlichen Bestimmungen, was Oesterreich anbelangt, nicht geändert wurden. Adolf Fried. Vom Vorstand der Israel. Kultusg-emeinde. An den Bibelschulen der Kultusgemeinde, XX., Othmargasse 46, und II., Rembrandstraße 32, werden für die untersten Klassen der Volksschule Abteilungen für den hebräischen Unterricht nach der Methode ibrith b'ibrith eröffnet. Aufgenommen werden Knaben und Mädchen der 1—3. Klasse der Volksschule. Die Anmeldungen für diesen Unterricht sowie für die Abteilungen des Bibel- und Liturgieunterrichtes der 4. und 5. Klasse der Volksschule und der Bürgerschule erfolgen bei dem Religionslehrer des Kindes an den öffentlichen Schulen. Der Unterricht ist unentgeltlich. Cscbecboslowakei. Delegiertentag. Der für den 28. Tischri (30. Oktober d. J.) angekündigte Delegiertentag der Agudas Jisroel-Jugendgruppen in der Slowakei mußte infolge der eingetretenen Verhältnisse bis auf weiteres aufgeschoben werden. Die Jugendgruppen mögen die erhaltenen Instruktionen genauest befolgen, die erhaltenen Fragebögen erledigt je früher retournieren, die fälligen Beiträge entrichten und schließlich zur Belebung der Gruppe beitragen. In erster Reihe ist auf dem Gebiete des pniH IMyb jetzt in den Wintermonaten dafür zu sorgen, daß die Qi'-fljr^ zahlreich besucht werden und die Jugend durch die pmn gestärkt, für sie geeint eintrete. Für andere Aktionen soll auch weiterhin intensiv gearbeitet werden. Der neue amerikanische Botschafter. Der bekannte Diplomat, Schriftsteller und Journalist Mr. Lewis Einstein, ein angesehener amerikanischer Jude, wurde zum amerikanischen Botschafter für die Tschechoslowakei ernannt. Deutschland. Eine deutsche Uebersetzung von Jehuda Halevi. Ein großer Teil der hebräischen Dichtungen Rabbi Jehuda Halevis, der durch die bekannten Heine- Uebersetzungen in die deutsche Literatur eingeführt wurde, ist soeben in einer neuen deutschen Uebersetzung von Emil Bernhard erschienen. Zahlreiche deutsche Blätter, darunter auch einige antisemitische, würdigten das große dichterische Schaffen Rabbi Jehuda Halevis in begeisterten Aufsätzen und Feuilletons. Ludendorff zeiht das Weltjudentum der Schuld an Deutschlands Zusammenbruch. Demnächst soll ein neues Buch von Ludendorff, betitelt „Krieg und Politik", erscheinen, in welchem der Verfasser zu beweisen sucht, daß nicht die Heeresleitung, sondern das Hinterland für Deutschlands Niederlage verantwortlich ist. In diesem Buche wird den Sozialdemokraten, dem Zentrum und den Demokraten vorgeworfen, daß sie systematisch auf Deutschlands Niederlage hingearbeitet haben. Eine Hauptschuld jedoch trifft die Juden, von denen Ludendorff nach einer Mitteilung der Zeitschrift „Die Glocke" folgendes sagt: „Mit Frankreich und England Hand in Hand arbeitete die Oberleitung des jüdischen Volkes. Vielleicht führte sie Beide. Sie sah den kommenden Weltkrieg als das Mittel an, ihre politischen und wirtschaftlichen Ziele durchzusetzen, den Juden in Palästina ein Staatsgebiet und Anerkennung als Volk zu erwerben und ihnen in Europa und Amerika eine überstaatliche und überkapitalistische Vormachtstellung zu verschaffen. Auf dem Wege zur Verwirklichung dieses Zieles erstrebten die Juden in Deutschland dieselbe Stellung wie in jenen Ländern, die sich ihnen schon ergeben hatten. Dazu brauchte das jüdische Volk die Niederlage Deutschlands. Schulbefreiung an Feiertagen in Hessen. Dem' orthodoxen Rabbinat in Darmstadt ist es nach jahrzehntelangen Bemühungen endlich gelungen, eine Erweiterung der Ministerialverfügung vom 31. Oktober 1876 über die Befreiung der israelitischen Schüler an den Feiertagen dahin zu erwirken, daß nunmehr auch an den letzten beiden Pessachtagen, am Schmini Azeres und Sim'chas Thauro die Schüler dem Unterricht fernbleiben dürfen. Damit ist einer in allen gesetzestreuen Kreisen Hessens von jeher überaus schmerzlich empfundenen Notlage abgeholfen worden. Ungarn. Josef Krausz. Im Kampfe gegen die karlistischen Truppen fiel auch der jüdische Soldat Imre Krausz (Klaus). Das Leichenbegängnis fand unter Beteiligung aller jüdischen Körperschaften statt. Die Regierung und die Armee sandten Kränze. Bei dem Begräbnis der anderen Gefallenen hielt auch der Präsident der israelitischen Gemeinde eine Trauerrede. Die jüdischen Geiseln der Räteregierung. In Budapest erschien anfangs Oktober ein historissh interessantes Buch über die Geiseln, welche die Regierung Bela Kuns aus der bürgerlichen Gesellschaft aushob und in Haft behielt. Auf Grund dieser authentischen Darstellung kann festgestellt werden, daß [unter den im Budapester Sammelgcfängnisse verhaftet gewesenen 386 Geiseln 54 Juden waren. Dasselbe Verhältnis bestand auch in allen anderen Städten. Eine Mensa in Kisvärda. Unter Leitung des verdienstvollen Oberrabbiners Moses Rosenbaum ist in Kisvärda eine Mensa gegründet, worden, in der Talmudisten und Ortsarme umsonst verköstigt werden. Siebenbürgen, Jiddisch als Unterrichtssprache. Die hiesige jüdische Gemeinde hat infolge der Androhung seitens der Behörden, die .jüdischen Schulen mit ungarischer Unterrichtssprache zu sperren, in ihre Volksschule Jiddisch als Unterrichtssprache eingeführt. Der Uebergang zum Hebräischen konnte mangels an hebräischen Lehrern und Lehrbüchern nicht sogleich bewerkstelligt werden. J. G. B. Die jüdische Presse Siebenbürgens protestiert gegen die Nichteinladung der Repräsentanz der Siebenbürger Juden zum Empfang der Königin in Cluj. Die Presse sieht hierin eine Mißachtung der jüdischen Bevölkerung seitens der Landesbehörde. Sperrung aller Schankhäuser. Der Magistrat verfügte die Sperre aller Schankhäuser im inneren der Stadt, wodurch zahlreiche jüdische Familien erwerbslos wurden. „Uj Kelet" fordert, daß man ihnen wenigstens die Lokalitäten zurückgebe, damit sie sich einem anderen Gewerbe zuwenden können. , Minister Groza über Antisemitismus. Der rumänische Minister für Siebenbürgen, Groza, äußerte sich anläßlich seines Besuches $n Klausenburg, einem Mitarbeiter des „Uj Kelet" gegenüber, unter anderem, über die in der letzten Zeit häufiger werdenden antisemitischen Hetze in Klausenburg, durch welche die Juden stark beunruhigt sind, daß seiner Ansicht nach diese bedauerlichen Exzesse nicht das Werk von Rumänen und Magyaren sind, sondern von der „Internationale der Dummen", von dem unverantwortlichen Pöbel in Szene gesetzt werden. Er betrachte das ganze nicht nur als ein gegen eine Minderheit, sondern als ein gegen das Ansehen des Staates, gegen seine Autorität versuchtes Attentat, und sei entschlossen, dagegen mit jenen scharfen Mitteln anzukämpfen, welche solche gefährlichen Versuche erforderlich machen. Rumänien, Zur Judenfrage in Rumänien. Eine Deputation der Alliance Israelite Universelle hat dem rumänischen Außenminister, Take Jönescu, während seiner Anwesenheit, in Paris unt^r anderen folgende Beschwerden und Bitten vorgebracht: In die rumänische Konstitution ist Artikel 7 des Friedensvertrages von Saint Germain, nach dem alle Juden, die Rumänien bewohnen und keine andere Nationalität für sich in Anspruch nehmen, ohne Formalitäten als Rumänen anerkannt werden, noch nicht aufgenommen worden. Im Gegengenteil gibt nur die Verordnung von Bratianu, der für jede Naturalisation eine individuelle Eingabe des Petenten vorgeschrieben hat, und diese Verordnung bezieht sich nur auf Altrumänien, während für die Aufnahme von Juden als Voflbürger Neurumäniens noch keine Bestimmungen getroffen wurden. Das Eigentum der Juden ottomanischer Staatsangehörigkeit ist sequestriert und im Augenblick mit Liquidation bedroht. Sechzig jüdische Schulen in Altrumänien, welche von jüdischen Institutionen gegründet und erhalten worden sind, sollen nunmehr von der rumänischen Regierung mit Geldmitteln unterstützt werden. Der Minister gab der Delegation die Versicherung, daß Rumänien sich anstrengen werde, diese Fragen im weitesten Geist der Gerechtigkeit zu regeln. Was die Naturalisation betrifft, werde diese dem Vertrag gemäß geregelt werden. Ukraine. Brand in Tschernobyl. Die Stadt Tschernobyl ist total abgebrannt. Die ganze jüdische Bevölkerung, zirka 15.000 Seelen, ist obdachlos. Italien. Einstein hielt am 24. Oktober in Bologna seinen ersten Vortrag über die Relativitätstheorie. Der Andrang war so groß, daß das Publikum aus der,, überfüllten Aula des Gymnasiums in den Lesesaal der Bibliothek wandern mußte, der auch sofort gedrängt voll war. Einstein wurde mit minutenlangem Beifall aufgenommen. Der Vortrag soll auf die studentische Jugend großen Eindruck gemacht haben. Zwei weitere Vorträge folgen. Trankreicb. Erfindung der Deutschen. Der ehemalige französische Minister Denys Gochin veröffentlicht im „Figaro" vom 14. Oktober seine Kriegserinnerungen und erwähnt unter anderem eine Unterhaltung, die er mit dem verstorbenen Grand-Rabbin von Frankreich, Alfred Levy, hatte. Bezüglich des Zionismus habe sich der damalige Grand-Rabbin geäußert: „Keiner von unsxnimmt diese Frage ernst. Sie werden in Paris keinen meiner Glaubensgenossen finden, der von der Rückkehr nach Jerusalem träumt. Es handelt sich da um eine Erfindung des deutschen Rabbinates." M. Alfassa ist interimistisch zum Generalgouverneur von französisch Zentral-Afrika ernannt worden. €n<jlanl Die Frage des Palästina-Mandates im englischen Unterhause. In einer im Unterhause gehaltenen Rede verwies Sir H, Joynson-Hicks auf die Forderungen der arabischen Delegation, mit der er persönlich zusammengekommen sei, und meinte im Zusammenhang damit, daß insofern dieBalfour-Deklaration keine Modifikation erfahre, die Möglichkeit von Unruhen oder von noch etwas mehr als Unruhen in Palästina vorhanden sei. Er forderte die Regierung auf, weder das Mandat in seiner gegenwärtigen Form zu veröffentlichen, noch die Balfour-Deklaration in ihrer gegenwärtigen Form durchzuführen,' bevor das Unterhaus zu seiner neuen'Session im Februar zusammentrete, damit es Gelegenheit habe, zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. Amerika. Der neue Präsident des jüdischen Seminars in New York. Dr. Gyrus Adler, der nach dem Tode Dr. Salomon Schechters die Stelle des Präsidenten des jüdischen theologischen Seminars übernommen hat, hat sich bereit erklärt, auch für das kommende Jahr diese Stelle beizubehalten. (Dr. Adler ist auch im Joint hervorragend tätig.) Rabbiner als Gesandter. Der Rabbiner von Ohio, Josef Kornfeld, wurde zum Gesandten der , Vereinigten Staaten in Persien ernannt. (Den Namen nach zu urteilen ist es gar nicht ausgeschlossen, daß der neue Gesandte seine ersten Studien auf der Preßburger Jeschiba absolviert hat. Aus einem Preßburger Bachur läßt sich bekanntlich auch alles machen.) Die Einwanderung. In der Zeit vom 1. August bis 14. September sind 693 neue Einwanderer nach Palästina gekommen. Samuel und der Zionistenkongreß. Durch die jüdischen Blätter geht eine Nachricht, wonach sich Samuel in zufriedener Weise über den Kongreß geäußert hätte und besonders die taktvolle Behandlung der Araberfrage gerühmt hätte. Wir erkühnen uns, diese Nachricht derb anzuzweifeln. Von Staatsoberhäuptern pflegt man wichtige politische Aeuße-