Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 37 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 JÜDISCHE PRESSE Seite 26 7 - lichem, von Kreaturhaftem glimmt. Die Tragödie dieses Sohnes der ohne Erziehung, verwahrlost, auf der Stufe des Halhtiers geblieben i^t. Voll scheuer, begehrlicher Zärtlichkeit zu der Stiefschwester, die mit den neuen Schuhen des prliicklieheren Liebhahers vor seinen Augen glitzert. Bis die getretene Kreatur sich aufbäumt und den Trunkenbold von Vater erwürgt. Man kann auch Lied und Beschreibung im Cr >gramm nachlesen, das eine hochdeutsche Inhnllangabe enthält. Alles ist das Spiel. Es offenbart Milieu und Schicksal. Dieser alte Säufer des Ghaim Schneiur mit dem versunkenen Blick und dem lallenden Singsang, diese kranke Mutter der Frieda Blumenthal, von einer Durchseeltheit des Spiels, diese girrende, glitzernde, schwarze Raislder Sonja Alomis und dieser Mendel, diese Kreatur, hilflos in seiner Liebe und hilflos in seiner Wut, dieser Mendel des Alexander Asro. lieber das Stück kann man nichts sagen, wenn man die Sprache nicht versteht. Vielleicht ist es ganz gut, daß man die Worte nicht kennt. Denn vielleicht ist das Stück herzlich schwach und wird nur durch das Spiel so stark. Vielleicht ist es überhaupt das Stärkste an dem Erlebnis, daß man vor etwas ganz Fremdem sitzt, vor einer fremden Welt. Als ob man durch die Judengassen von Wilna reitet. Sind das die Eindrücke, die wir von Wilna, dem „Jerusalem Litauens" dem großen Publikum vermitteln sollen? Wir wissen nur vom Wilnaer Gaon: in unseren Häusern bildet die klassische Talmudausgabe von Wilna den Stolz der Bibliothek! Das Zentralorgan der Misrachi rühmt sich dessen, daß ein Führer der Misrachi Mitbegründer dieses Theaters sei; ist das thoratreu, ist es überhaupt nur jüdisch-patriotisch, solche Eindrücke als aus cchtjüdischem Milieu geschöpft, zu verbreiten? Da die Herren Misrachiführer in ihren eigenen Parteiangelegenheiten Amrazim sind, wollen wir sie daran erinnern, daß auf der ersten konstituierenden Weltkonferenz der Misrachi der Schriftsteller Jawetz in seinem offiziellen Referate über Literatur im Namen der Misrachi Protest gegen solche Entartung des jiddischen und hebräischen Schrifttumes erhoben hat. Wo bleibt der gerühmte Fortschritt, den Misrachi angeblich auf dem Gebiete religiöser Durchdringung des Zionismus gemacht haben soll, wenn das Zentralorgan in den Elulmonaten seinen Jüngern Woche für Woche empfiehlt, ja nicht zu versäumen, sich „Newejle" anzusehen! CrKlärung. Wir erklären, daß wir mit dem in der „Jüdischen Volkszeitung" (Jahrgang II, Nr. 31) erschienenen Leitartikel „In eigenener Sache" Herrn Samuel Bettelheim in seiner persönlichen Ehre nicht verletzen wollten. Bratislava, 20. Oktober 1921. Redaktion der „Jüdischen Volkszeitung". NACHRICHTEN. Deut$cfto$ferreicb. „Haderech". Hebräisches Organ der Aguda. III. Jahrgang, i\r. 13. Verlag „Aguda", Wien, II., Malzgasse 12a. Inhalt: Aufruf des Keren hajischuw. Unter dem Titel „Chowossenu le-amenu" setzt sich der glänzende hebräische Journalist Gh. J. Eiß mit seinem ganzen Temperamente für die Unterstützung der ukrainischen Juden ein. Redakteur Schönfeld betont in einem zweiten Artikel: „A mo tibone hoorez" die Notwendigkeit, mehr Taten als Politik beim Aufbau Palästinas zu beweisen. Es folgt eine Besprechung des Werkes „Die Idee des Agudismus" (von Isak Breuer) aus der Feder des Ben-Isch-tom (R. Ghaim H. Thumim). Eine anziehende Skizze aus dem Bessarabischen jüdischen Leben von Awischai (Appelbaum) füllt den Feuilletonteil. Die kritische Rubrik „Misnagdenu" steht auch diesmal auf gewohntem Niveau. Die Rundschau „Beolomenu" bringt ausführliche Berichte aus Jeruscholajim, Tewarje, Wien, Bratislava, New York, Boston, Warschau, Lodz, Frankfurt usw.' C$clKcDo$lo&>akä Rabbinerwahl. Wie wir bereits berichtet, wählte die orthodoxe Gemeinde in Velke Topolcany mit großer Begeisterung Oberrabbiner Emanuel Sofer aus Maros-Väsärhely, Präsident der,. Siebenbürger orthodoxen Landeskanzlei, zu " ihrem Oberrabbiner. Oberrabbiner Sofer, der durch sein tiefes jüdisches Wissen und große Gelehrsamkeit weit berühmt ist, ist ein Enkel des berühmten Budapester Rabbi Sußmann Sofer und ein Schwiegersohn des Oberrabbiners Ehrenfeld in Mattersdorf. Die Wahl erweckt in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Freude und Genugtuung. Deutschland. Berufung. Herr Professor Dr. Michael Guttmann in Budapest hat einen Ruf an das Jüdisch-theologische Seminar in Breslau als Nachfolger des jüngst verstorbenen Seminar-Rabbiners Dr. Horowitz erhalten und angenommen. Professor Guttmann steht im 49. Lebensjahre und hat sich durch eine Reihe von Veröffentlichungen auf dem Gebiete der Talmudwissenschaft, insbesondere durch die ersten zwei Bände einer von ihm verfaßten talmudischen Enzyklopädie einen bedeutenden Namen gemacht. Eine Erweiterung des Lehrstoffes am Seminar wird insofern eintreten, als auch neuhebräische Sprache und Literatur gelehrt werden wird. Dr. Guttmann war ein langjähriger Zögling der Preßburger Jeschiwa. Ein wichtiger Grund nur sofortigen Entlassung. Der Geschäftsführer einer Münchener Gesellschaft wurde ohne Kündigung entlassen, weil er Mitglieder des Aufsichtsrates durch antisemitische Aeußerungen vor dem Personal beleidigt habe. Die Sache beschäftigte nun das Handelsgericht. Der Geschäftsführer bestritt, daß ein wichtiger Grund vorliege, der zur außerordentlichen Kündigung des Anstellungsvertrages berechtigte und erhob Klage auf Fortzahlung seines Gehaltes; gleichzeitig beantragte und erwirkte er eine einstweilige Verfügung, wonach ihm ein Gehaltsbetrag von 2000 Mark zugesprochen, bezüglich eines mehrverlangten Betrages von 3000 Mark sein Antrag aber abgewiesen wurde. Die beklagte Gesellschaft erhob gegen diese einstweilige Verfügung Widerspruch und stellte Widerklage auf gerichtliche Feststellung, daß die außerordentliche Kündigung zu Recht bestehe. Nach Vernehmung einer Zeugin erließ das Gericht Urteil auf Aufhebung der einstweiligen Verfügung; ferner wurde die Klage in der Hauptsache abgewiesen und festgestellt, daß die außerordentliche Kündigung zu Recht besteht. In den Urteilsgründen wurde ausgeführt, der Kläger habe sich einer schweren Beleidigung des Aufsichtsrates schuldig gemacht, so daß diesem weitere geschäftliche Zusammenarbeit mit dem Kläger nicht zugemutet werden könne. Das Verhalten des Klägers stellte sich als wichtiger Grund dar, der die sofortige Entlassung rechtfertige. Ungarn. Suspendierung einer Hallerschen Verordnung. Der Ungarische Landesrabbinerverein hatte beim Unterrichtsminister gegen zwei Verfügungen der Hallerschen Mittelschulverordnung Stellung genommen: dagegen, daß die jüdischen Studenten an den hohen Feiertagen von Sukkoth und Pessach vom Unterrichte nicht dispensiert werden, und dagegen, daß der damalige Minister Haller die Enthebung der jüdischen Mittelschüler vom Schreiben an Sabbattagen willkürlich aufhob. Unterrichtsminister Dr. Vaß teilte hierauf dem Rabbinervereine in einer Zuschrift mit, daß er die Enthebung der jüdischen Hörer vom Unterrichte an den Hauptfeiertagen von Pessach und Sukkoth angeordnet habe. Dem zweiten Ansuchen, die jüdischen Studenten auf deren Wunsch vom Schreiben an Sabbaten zu dispensieren, gab der Minister insoweit Folge, daß er dies für das laufende Schuljahr gestattete, jedoch betonte, daß im kommenden Schuljahre an den hauptstädtischen Schulen die Haller-- sehe Beschränkung wieder in Kraft treten werde. Er empfiehlt deshalb jenen Eltern, die den Dispens vom Schreiben an Sabbaten beanspruchen, ihre Kinder im kommenden Schuljahre ins Budapester jüdische Gymnasium einschreiben zu lassen. Polen. Vitos, der .Antisemit. In einer Rede, die der gewesener polnische Premierminister dieser Tage in Bialistok hielt, erklärte er, daß die Entwertung der polnischen Valuta auf eine Machination der Juden, zurückzuführen sei und forderte' die Anwesenden auf, die Juden zu boykottieren. Rabbiner Meir Schapira in Gliniany ist zum Rabbiner von ,Sanok gewählt worden. Schweix. Mandatskommission beim Völkerbund. Der Völkerbundsrat nahm in seiner Sitzung vom 10. Oktober den Bericht der ständigen Mandatskommission entgegen. Der vom Präsidenten der Kommission Teodoli vorgelegte Bericht befaßt sich jedoch nur mit Französisch Kamerun, Französisch Togo, Britisch Tanganjika, Belgisch Ostafrika und Südwestafrika, während auf die Prüfung der Berichte über Palästina und Mesopotamien verzichtet wurde, da der Zustand der Ungewißheit betreffs dieser beiden Länder zurzeit eine Behandlung dieser Angelegenheit nicht als fruchtbringend erscheinen läßt. Die Anregungen der, Kommission werden den Regierungen mitgeteilt werden und wird der Rat definitive Beschlüsse darüber fassen, sobald er die Bestimmungen über die Anwendung der Mandate festlegen wird. „J. P. Z." Amerika. Beratung jüdischer Philanthropen. Am 24. und 25. September fand auf Grund einer Einladung von Julius Rosenwald und Louis Marshall in Chicago eine Zusammenkunft prominenter jüdischer Persönlichkeiten statt, um über das nächste Sammelwerk des Joint Distribution Gommittee zu beraten. Der bezügliche Bericht wurde von Felix M. Warburg erstattet, der die Lage der Juden in den Pogrom- und Kriegsländern schilderte. An der Diskussion beteiligten sich Henry Morgenthau, Louis Marshall, Julius Rosenwald, General Abel Davis und David A. Brown. Es wurde beschlossen, die Summe von 14 Millionen Dollar für baldige Hilfe für die Juden in Sowjetrußland und in anderen osteuropäischen Staaten zu schaffen. Die 200 Teilnehmer waren Gäste des bekannten jüdischen Philanthropen Rosenwald. Hardings Neujahrswunsch an die Juden. (JPZ) Präsident Harding übermittelte anläßlich des Rosch Haschanah Festes durch die New Yorker „Jewish Tribuna" folgende Botschaft an die" Juden: „Aus Anlaß'der Feier des Rosch Haschanah Festesfreue ich mich, meine besten Wünsche und mein Wohlwollen für die jüdische Bevölkerung in den Vereinigten Staaten und ihre Glaubensbrüder in der ganzen Welt zum Ausdruck bringen zu können Wir können uns nicht oft genug der großen Dienste erinnern, welche das jüdische Volk der Welt geleistet hat und noeh heute leistet. Es ist ein gutes Gefühl, zu wissen, daß wir in einer Zeit leben, in der veraltete Vorurteile fast überwunden sind, und daß in Erkenntnis dieser Tatsache die Nützlichkeit des jüdischen Volkes für die gesamte Menschheit zusehends zunimmt." Weizmann gegen die jüdisch-nationalistische Landespolitik, In einem Brief Weizmanns an Untermeyer in New York macht Weizmann eine scharfe Wendung in seiner Politik und erklärt sich gegen den Diaspora-Nationalismus. (Brandeis erklärte, daß eines der Hauptgründe des Bruches mit Weizmann der Diaspora-Nationalismus war, für welchen Weizmann damals eingetreten ist. Es ist merkwürdig, daß die „Wiener Morgen-Zeitung" bisher von dieser Erklärung Weizmanns keine Notiz genommen hat??) Joint für Rußland. Am 22. September hat sich auf der „Berengaria" der erste Vertreter des Joint für die Hilfsarbeit in Sowjetrußland, Dr. Joseph Rosen, nach Europa eingeschifft. England. Grundsteinlegung einer Synagoge. Sonntag, den 14. Oktober, wurde im Beisein Lionel de Rothschild und Ghiefrabbi Herz der Grundstein der neuen Synagoge in Goldens Green, in Nordwest London, gelegt. Der Bau dieser Synagoge wird 29.000 Pfund Sterling kosten. Die Ifotlage der ukrainischen Flüchtlinge. Der Verband der ukrainischen Juden in London erhielt vor wenigen Tagen einen Bericht von seinem Vertreter in Kischinew über die neugeschaffene Lage der ukrainischen Flüchtlinge in Bessarabien. Im Bericht heißt es unter anderem: Die Lage der Heimlosen ist schrecklich. Fast 60.000 hungernde und nackte Menschen müssen auf Befehl der Regierung bis zum 15. November evakuiert werden. Während eines Zeitraumes von wenigen Wochen müssen die nötigen Dokumente, aber auch warme Kleider und Nahrung für eine solch große Zahl von. Heimlosen beschafft werden. Die Aktion wird einen Kostenaufwand von 10 Millionen Lei benötigen. Es ist Pflicht aller Hilfskomitees, sich zur Rettung der unglücklichen ukrainischen Flüchtlinge zu vereinigen. Nansens Botschaft an die jüdischen Organisationen. (JPZ) „Jewish Guardian" veröffentlicht folgende Botschaft des gegenwärtig in London weilenden berühmten Forschers Dr. Nansen, des High Commissioners für die Hilfe in Rußland: „Ich vertraue darauf, daß jede jüdische Organisation, die an dem Hilfswerk für russische Flüchtlinge interessiert ist, sich an der auf Initiative von Mr. Lucien Wolf angenommenen Genfer Resolution beteiligen und ihre Kräfte diesem dringenden und edlem Werke widmen wird. Als Oberkommissär fühle ich, daß durch die vereinigte jüdische Mitarbeit ein ungeheueres Gewicht von meinen Schultern genommen wurde. Ich werde jede sich darbietende Hilfe brauchen, um die darbenden Millionen in den Hunger-Arealen Rußlands'zu versorgen." London, 10. Okt. 1921. gez. Fridjof Nansen. Indien. Äeadings 60. Geburtstag. Der Vizekönig von Indien, Earl of Reading, feierte am 10. Oktober seinen 60. Geburtstag. Bei dieser Gelegenheit sei auf die vom Ministerium für Indien veröffentlichte Rede Readings verwiesen, die er vor einer Deputation von Punjaber Muselmanen gehalten hat. Reading kam dabei auf die englische Toleranz in religiösen Dingen zu sprechen, wobei er sich selbst als Beispiel hinstellte. Seine Anwesenheit als vom König bestimmter Vizekönig sei wohl ein Beweis für die religiöse Freiheit. Welchen Grund gäbe es denn, zu behaupten, daß irgend eine Aktion, die von der indischen Regierung, deren Haupt" er ist, unternommen wurde, gegen eine bestimmte Religion gerichtet sei. Jede Aktion, die die Regierung