Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 37 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 266 JÜDISCHE PRESSE Nr. 37 Commission ernannt worden ist, die wir nicht anerkennen, noch irgend ein Gesetz, das sie erlassen hat. Wir verlangen eine Regierung, die vom Volk erwählt, dem Volke verantwortlich ist.* „Welche Garantien sind vorhanden, daß eine solche Regierung, die notgedrungener Weise aus einer starken Majorität von Nichtjuden sich zusammensetzen würde, nicht antijüdisch sein würde?" „Erstens die Tatsache, daß die Araber niemals antijüdisch waren. Wir lebten mit Ihrem Volke friedlich und glücklich beisammen und es ist kein Grund vorhanden, weshalb dies nicht auch weiterhin so sein sollte. Aber wir halten die gegenwärtige jüdische Einwanderung ökonomisch und politisch schädlich für die Eingeborenen. Wir sind bereit, jenen Juden, die alte Einwohner Palästinas sind, die gleichen Rechte wie den Unsrigen im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl einzuräumen. Aber über allem steht unser guter Wille, der die größte Garantie bietet, und dies ist etwas, das gegenseitig sein muß. Wir verlangen von den Juden die gleiche Sympathie, die wir ihnen entgegenbringen." »In welcher Weise sollte die jüdische Einwanderung die einheimische Bevölkerung schädigen?" «Jeder, der heute Palästina besucht, kann leicht sehen, daß der Eingeborene durch den neuen Immigranten verdrängt wird. Die Neuankömmlinge haben Arbeiten übernommen, die früher durch unsere Leute ausgeführt wurden und das Problem der Arbeitslosigkeit ist in Palästina so akut geworden, daß wir genötigt waren, moslemitisch-christliche Hilfsorganisationen zu bilden. Es ist wahr, daß die Arbeitslosenkrisis über die ganze Welt verbreitet ist, aber die Neueinwanderung nach Palästina während der gegenwärtigen Wirtschaftskrise unter Obhut der Regierung und der Zionist Commission ist ein neuer Faktor in der ohnedies schon schlechten Lage, die nicht vom Lande ertragen werden kann. Dazu kommt, daß die Neuankömmlinge unzufrieden sind mit ihren Verhältnissen: wir wissen, daß es viele unter ihnen gibt, die sich beklagen und die gern dorthin zurückkehren würden, woher sie gekommen sind, wenn sie Geld zur Rückreise erlangen könnten, wie man ihnen solches zur Herreise gab. Politisch ist der Neuankömmling für die Eingeborenen schädlich, da er revolutionäre Theorien aus Osteuropa mitbringt, die er in Palästina zu verbreiten sucht. Und schließlich müssen Sie gestehen, daß die Balfour-Deklaration nicht im Interesse der Eingeborenen Palästinas gemacht worden ist." „Wenn man Ihren Forderungen nachkommen würde, was wäre dann mit der Balfour-Deklaration und der feierlichen Zusage der britischen Regierung und der Alliierten; zählen diese für nichts?" „Was ist die Balfour-Deklaration uud was meint sie? Niemand weiß es, weder jene, die sie machten, noch jene, die sie empfingen. Sie ist vag und kann interpretiert werden wie man es wünscht. Aber die Interpretation, die ihr Dr. Weizmann und seine Gesinnungsgenossen gegeben haben, daß »Palästina so jüdisch werden soll wie England englich ist', ist eine Interpretation, gegen die wir energisch protestieren müssen, eine Lösung, die von der Bevölkerung Palästinas nie geduldet werden wird. Wir wünschen keinen jüdischen Staat in unserem Homeland, noch möchten wir — wie dies bei verschiedenen Gelegenheiten ernstlich suggeriert wurde — nach anderen arabischen Ländern wie Mesopotamien, Arabien oder Transjordanien auswandern; keine Macht der Welt kann uns dazu zwingen." So sprach Musa Kazim Pascha und ich fühle deutlich, wie weit die Politik Jabotinskys und Zangwills von dem Pfade der Gemeinschaft und des guten Willens uns geführt hat. Dann intervenierte Mr. Shammas: „Vergessen Sie nicht, wie viel christliches und mohammedanisches Blut für Palästina vergossen worden ist. Die Kirche des Heiligen Grabes und die Omar-Moschee und andere religiöse Zentren und Altare, Heiligtümer der Christen und Mohammedaner der ganzen Welt, sind in Palästina durch die zionistische Politik bedroht." „Also opponieren Sie gegen die Juden oder gegen den jüdischen Nationalismus?" „Es wäre lächerlich, zu sagen, daß wir antijüdisch sind. Wir selbst sind Semiten und haben immer in einem freundschaftlichen, ja brüderlichen Verhältnis mit den Juden Palästinaas gelebt. Selbst heute noch sind sie uns lieb, aber wir können das Bestreben des Zionismus nicht akzeptieren, uns unser Land fortzunehmen und einen jüdischen Staat daraus zu machen." „Sie sprechen fortgesetzt von einem jüdischen Staate', aber würdin Sie Einwände machen, daß Palästina ein Land wird, in dem die jüdische und arabische Bevölkerung Seite an Seite mit. gleichen Rechten und Pflichten lebt?" „Die nichtjüdische Bevölkerung muß vorwärts sehen und die Gefahr erkennen, die am Horizonte sichtbar wird. Die Zionisten mit ihren Zeitungen und ihren Konferenzen sprechen so, als ob Palästina heute schon ein jüdischer Staat wäre und alle Unternehmungen, die jetzt in Palästina gemacht werden, zielen auf dieses Ideal ab. Aus diesem Grunde ist unsere Delegation heute in London. Wir betrachten die Juden, die immer mit uns gelebt haben, als Palästinenser, wie wir es selbst sind, als unsere Landsleute und Mitbürger, aber der Jude, der heute in Jaffa landet, kann nicht als einer der Unsrigen angesehen werden und nur die palästinensische Bevölkerung kann sagen, was für sie gut und was ihr schädlich ist." „Würde ein Jude in den Augen einer arabischen Regierung in Palästina nicht präjudiziell werden? Nehmen Sie zum Beispiel an, daß ein Jude und ein Aegypter — beide Ausländer — gleichzeitig in einem Hafen Palästinas landen. Würde der Jude nicht dem Aegypter gegenüber in eine besondere Kategorie eingeräumt werden?" „Das ist eine Frage, die durch das palästinensische Parlament entschieden werden müßte. Wir können natürlich nicht sagen, welches seine Entscheidung sein würde." „Aber das ist ja in der Tat der Kern der ganzen Frage und ich denke, daß Ihre Delegation wissen sollte, wie die Bevölkerung Palästinas über diese Angelegenheit denkt." „Kein Vertreter einer anderen Zeitung, mit dem wir diese Frage behandelt haben, hat auf eine weitere Antwort bestanden und wir sehen nicht ein, warum unseve Antwort Sie unbefriedigt lassen soll," sagte Mr. Shammas. „Für andere Zeitungen ist die Palästinafrage und der Zweck Ihrer Delegation eben eine nebensächliche Angelegenheit, wie sie alltäglich vorkommt, aber für das jüdische Volk ist Palästina eine Lebensfrage, die es berührt als sein ureigenstes Sein und seine Zukunft als Rasse. Es ist deshalb wesentlich, daß Sie mir offen sagen, ob Sie wirklich einen Unterschied machen würden zwischen einem Juden und einer Person irgendeiner anderen Nationalität, so daß die Judenheit genau weiß, wie die Dinge stehen." „Wir können nur sagen, daß wir unsere Existenz als Nation über alles stellen, und wir müssen alle Faktoren, die sie bedrohen, ins Auge fassen. Wir müssen an unsere ökonomischen und politischen Rechte denken und müssen sie gegen jedermann wahren, der uns unseres Heimatlandes berauben möchte. Wir wünschen, daß unser Land sich entwickelt, daß seine wirtschaftlichen und Erziehungs-Institutionen wachsen, aber alle diese Dinge müssen durch ein das Volk vertretendes Parlament kontrolliert werden," „Wenn die britische Regierung sich weigert, ihr Versprechen vom November 1917 zu brechen, welches ist dann die Haltung Ihrer Delegation und die Ihres Volkes?" „Wir können nicht glauben, daß die britische Regierung, die immer gerecht vorgegangen ist, jetzt ihre traditionellen Grundsätze der Selbstbestimmung und Freiheit in der Verwaltung unseres Landes brechen würde. Wenn ein solcher Kurs eingeschlagen würde — entgegen unserer Annahme —, so leugnen wir nicht, daß dies eine sehr schlechte Wirkung im Lande auslösen würde." Die konservatiHiidlscbe Partei. In Podskarpatka-Rus hat sich die konservativjüdische Partei konstituiert und hat sogleich der ganzen sogenannten „Vereinigten (?) jüdischen Partei" den Boden entzogen. Dieses schlaue aber verwerfliche Manöver, unter der Flagge der „VJ.P." jüdisch-nationalistische Politik zu treiben, ist damit erfolgreich paralysiert worden. Die konservativjüdische Partei betont den religiösen Charakter des Judentums schreitet auf alten, gebahnten Wegen und isoliert das Judentum nicht in nationaler Beziehung. Sie beruft sich auf den garantierten Schutz religiöser Minoritäten, ein Recht, das allgemeine Geltung hat und dessen Unterstützung seitens des ausländischen Judentums nicht übelgenommen wird, wie dies bei der Betonung der über die Grenzen der Länder reichende nationale Zusammengehörigkeit ja der Fall ist. Sie bedeutet Organisation aber nicht Partikularismus. Das ist die Ursache des raschen Erfolges der konservativ-jüdischen Partei in Karpathenrußland und des mit ihrer Begründung eingetretenen Zerfalles der sogenannten »Vereinigten jüdischen Partei". Jede Verletzung der Rechte eines Juden oder Einschränkung antisemitischen Charakters "kann als konfessionelle Verhetzung stigmatisiert, erfolgreicher bekämpft werden, als im Namen des jüdisch-nationalen Minoritätsrechtes, das schon an sich eine ungeklärte Frage bedeutet, und auch im anderen Falle wirkungslos wie alle Beziehungen auf ein solches Recht bleiben würde. ßaeft dem XII. Zionistenkongrcft. Kritische Bemerkungen von J. Kreppel. I. Mit Pauken und Trompeten wurde der XII. Zionistenkongreß seitens der Parteipresse begrüßt. Noch nie ist eine jüdische Zusammenkunft mit derartigen Hoffnungen begleitet worden. Selbst Nichtzionisten, ja sogar Antizionisten versprachen sich manches von dieser Tagung. So sehr es richtig ist, daß die Zionisten trotz allem Tamtams bloß einen kleinen Bruchteil des jüdischen Volkes repräsentieren, so muß anderseits der Umstand, daß die offizielle nichtjüdische Welt dazu gebracht worden ist, die Zionisten als die sogenannte „Jewish Agency" zu betrachten, auch die Andersgesinnten dazu veranlassen, die Entwicklung innerhalb des Zionismus mit anderen Augen als bisher zu betrachten. Erfolge des Zionismus — wenn sie es tatsächlich sind — können den Juden zum Heil gereichen, Mißerfolge bringen dem Gesamtjudentume Schaden. Die Pogrome im heiligen Land haben jüdisches Blut gekostet, jüdisches Hab und Gut zerstört. Sie waren keine zionistische, sondern eine allgemein-jüdische Sache. Der Haß der Araber, die Gegnerschaft des Vatikan, die Intriguen Frankreichs — sie richten sich nicht gegen Weizmann und Sokolow, sondern gegen das Gesamtjudentum. Das Gesamt Judentum leidet heute an der verfehlten Politik der zionistischen Führer und deswegen muß selbst der Gegner angesichts dieser Fehler mit Trauer anstatt, wie üblich, mit Schadenfreude erfüllt sein. Die Vorgänge am XII. Zionistenkongreß haben aber nur allzu sehr zu ernstem Nachdenken Anlaß gegeben. Man muß sich fragen: wie ist es möglich, daß Männer, die soviel politische Fehler begehen konnten, daß eine Organisation, die selbst in einer der denkbar günstigsten Konjunkturen nichts erreichen konnte, die Führung in jüdischen Dingen beanspruchen und teilweise innehaben können? Drei Kardinalfragen waren es, die den Kongreß zu beschäftigen halten und die duroh die beispiellose Ungeschicklichkeit der Weizmann und der Sokolow so kompliziert geworden sind: die Araberfrage, die Vatikanfrage und die französische Frage. Man verfolge nun mit der größten Aufmerksamkeit die Verhandlungen des Kongresses, die programmatischen Erklärungen der Führer, die Beschlüsse und man suche auch nur den Schein eines Lösungsversuches. Nichts und wieder nichts. Glauben die Herren Weizmann und Sokolow, daß sich die Araber mit ihrer Versicherung, ihren Interessen nicht nahe treten zu wollen, zufrieden geben? Und glaubt Herr Sokolow vielleicht, mit der Verbreitung des Märchens, der Papst habe ihn zu einer Konferenz in der Palästinasache „eingeladen", die öffentliche Meinung noch einmal derart täuschen zu können, wie mit der seinerzeitigen Meldung, der Papst habe Sokolow in Audienz empfangen und ihm versichert: wir werden gute Nachbarn bleiben? Damals, wurde mit einer offenkundigen Lüge operiert und auch das heutige Gerücht ist in der erwähnten Form eine bewußte Lüge, woran auch der tragikomische Umstand nichts ändert, daß gewisse zionistische Provinzblättchen die Sache ihren Lesern mit großer Freude auftischen. Und glaubt schließlich jemand im zionistischen Lager, es sei möglich, die englisch-französischen Gegensätze in Syrien mit irgend einer Deklaration aus der Welt zu schaffen? Es war demnach eine unerhörte Sorglosigkeit seitens der Führer, vor dem Kongreß zu erscheinen, ohne zur Lösung dieser drei Fragen, von welchen untei den heutigen Verhältnissen das Schicksal des Zionismus abhängt, auch nur etwas tatsächliches sagen zu können. Freilich, das Verbrechen — in politischen Dingen ist jeder Fehler mehr als ein Verbrechen — des Weizmann und Sokolow liegt darin, daß sie, die sich als politische „Genies" anstrudeln lassen, diesen drei Fragen von Anbeginn nicht die gehörige Aufmerksamkeit zuwandten, obzwar es an warnenden Stimmen nicht gefehlt hatte. (Der Schreiber dieser Zeilen hat die traurige Genugtuung, nach dieser Hinsicht wiederholt gewarnt zu haben.) Sie, die in London, gewissermaßen an der Quelle gesessen sind, die angeblich im Foreign Office aus und ein zu gehen pflegten, wußten nichts von den Versprechungen, die England den Arabern gemacht hat, sie wußten nichts vom Sykos-Picket-Vertrag, der die französischen Interessen in Palästina anerkannt hat, sie waren taub und stumm nach allen Richtungen, haben sich weder um die Geschichte noch um die Erfahrungen der Weltpolitik gekümmert — und werden dennoch als politische „Genies" gefeiert ... Es scheint, ein Stiefelputzer bei einem tüchtigen Politiker versteht viel mehr von Politik, als diese „Genies*. Das traurigste an der Sache ist, daß auch diejenigen, die die politische Hilflosigkeit der Weizmann und Sokolow erkannt haben, daß gelbst diejenigen, die die bisherigen Fehler offen eingestehen, keinen Moment lang daran dachten: die richtige Lösung der Krise wäre eigentlich die Beseitigung derjenigen, die diese Fehler verschuldet haben, Kein Volk der Welt, und wären es Montenegriner oder Albanesen, würde es dulden, daß die Männer, die es in die Sackgasse geführt haben, weiterhin die Führer bleiben. Im zionistischen Lager wußfe selbst Herr Stricker, der in einem Kongreßartikel die begangenen Fehler in aller Offenheit aufgezählt hat, beim Kongresse nichts besseres zu tun, als die Rolle des Kochlöffels zu übernehmen und eine „Arbeitsgemeinschaft" zu schaffen, deren Aufgabe es einzig und allein war, Weizmann und Sokolow zum Weiterverbleiben bei der Macht zu verhelfen. Die große Zeit hat fürwahr ein sehr kleines Geschlecht vorgefunden. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, mit Weizmann und Sokolow durch anderthalb Jahrzehnte zusammen gearbeitet und ihre Kapazität genau kennt, der weiß, daß sie weder moralisch, noch geistig dazu prädestiniert sind, Führer zu sein. Sokolow ist sicherlich ein sehr tüchtiger Journalist, aber er hat nichts von einem ernsten Politiker in sich. All sein Tun und Lassen ist auf den Effekt des Tages berechnet und wenn er seine diplomatischen Fähigkeiten mit dem Tragen eines Monokels zu bekräftigen sucht, so mag er es sich gesagt sein lassen, daß das Monokel heute selbst in aristokratischen Kreisen nur ein Beweis für Blasiertheit ist (freilich, den jüdischen Massen kann man mit einem Einglas noch immer imponieren und ein zionistisches Blättchen hat dasselbe tatsächlich als Ausdruck der diplomatischen Fähigkeiten Sokolows bewertet). Wie es mit Weizmanns chemischen Kenntnissen bestellt ist, gehört nicht hierher. Vielleicht hat seine Erfindung N. R. T. tatsächlich England vor den Folgen des Ubootkrieges geschützt (Kleine Kinder glauben es gerne). Aber unter allen Umständen ist er politisch ohne jede Bedeutung. Keine einzige seiner Handlungen zeigt von politischer Fähigkeit. Er hat auch nichts von einem Führer in sich. Er wird von Hintermännern geleitet und ist allzu oft der Sklave derjenigen, denen er befehlen soll. Dabei fehlt ihm jed es Verantw ortlichkeitsgefühl. Ein „Erfolg" ist ihm immer alles, mag morgen Unheil daraus erwachsen. Weizmann und Sokolow wären in normalen Zeiten nie zu einer Führerrolle gelangt. Der elfte zionistische Kongreß würde einfach gelacht haben, hätte man ihm diese Männer als Führer vorgeschlagen. Die Kriegswelle hat sie in die Höhe gebracht. Das wäre kein Unglück, wenn sie sich nur bewährt hätten. Das ist aber nach keiner Richtung der Fall. Sie stecken beide bei der englischen Regierung tief in der Kreide und haben nur einen sehr geringen Einfluß. Wenn Menschen überhaupt imstande wären, die gegenwärtige Krise des Zionismus mit Erfolg zu lösen — Sokolow und Weizmann kommen hiefür keineswegs in Betracht. Der Kongreß aber hatte nichts besseres zu tun, als diese Männer bei jeder Gelegenheit anzustrudeln und trotz aller Kritik das Schicksal der Palästinasache ihren Händen weiterhin anzuvertrauen. Der Kongreß ist damit sich selbst untreu geworden. Allerdings, der Kongreß, der der Verlesung der Balfour- Deklaration durch den englischen Gesandten zujubelte, obwohl diese Deklaration längst nichts mehr als ein Fetzen Papier ist, der es nicht empfunden hat, daß diese Verlesung nichts anderes als ein laueg loresch (spottet des Armen) ist — dieser Kongreß konnte sich zu keiner ernsten Tat aufraffen. Kritische Rundschau. „Newejle." Newela heißt „Aas", für den Frommen gar „unreines Aas8 und der damit erregte üble Eindruck wird nicht besser, wenn das Wort in jargonisierter Form als „Newejle" von unzähligen Theaterzetteln als Titel winkt. Er winkt nicht bloß von Theaterzetteln, sondern auch aus dem Anzeigenteil des Zentralorgans des „Misrachi", die angepriesene Urquelle alles Thoralebens in Erez Israel, aus der die bösen Aguda-Rabbiner nicht schöpfen wollen. Aber auch der redaktionelle Teil dieses Blattes beschäftigt sich in der wohlwollendsten Weise mit der „Newejle"; in einem langen Feuilleton erschöpft sich die Begeisterung eines misrachischen Thorajüngers und er empfiehlt den Lesern (auch den Gedolim und Zadikim, deren Anhängerschaft sie sich rühmen? Auch den agudistischen Rabbinern, deren Anschluß sie hoffen?) hereinzuspazieren. Vergleichen wir den Eindruck, den „Newejla" auf die misrachistischen Thorapächter ausübt, mit einer Besprechung im „Berliner Tageblatt", das bekanntlich ebenso frei vom Vorwurfe des Antisemitismus ist, als über jeden Verdacht erhaben, das Misraehi- Blatt an Znius übertreffen zu wollen. Wenn wir die Kritik des „Berliner Tageblatt" wörtlich, bis auf eine für uns unreproduzierbare Stelle, abdrucken, müssen wir unsere Leser darum um Entschuldigung bitten, wenn dies tun, um die Kluft zwischen agudistischer und neomisrachistischer (In Reines Zeiten war dies auch im „Misrachi" undenkbar.) Anschauung drastisch hervorzukehren : „Newejle" von Perecz Hirschbein. E. V. Erinnerungsbilder tauchen auf. Dunkle, schmutzige, zerfetzte Gassen, wie ein spuckhaftes Gekritzel von Bleistiftstrichen« Gassen, Löcher, Geruch und Gebärden, Gebärden . . . Ganze Gassen voll Gebärden, feilschend, zeternd, jammernd, zwinkernd — ein Theater von grotesker Komik, auf diesem Hintergrund des grausigen Theaters von Blut und fahlen Nächten. Theater — man lacht. Und steht plötzlich ganz ernst, irgend etwas greift nach dem Herzen: Theater? Aus Schmutz und Lumpen Gebärden, weiß, menschlich, stumm klagend; hilflose Blicke aus großen zurückgekrochenen Augen, Hundeblicke getretener, geschundener Kreatur. Irgendwas greift nach dem Herzen. Girrend, glitzernd, geil, blank und schwarz schlängelt etwas vorbei mit nackter Schulter aus Lumpen. Ein schmieriger Bart schiebt sich einem ans Ohr: „Wulln der Härr Laitnant . . .? Aus einem Kellerloch lallen eintönig klagende hebräische Weisen . . . Erinnerungsbilder. Krieg. Judengassen einer östlichen Stadt. — Man sitzt in diesem Theater in der Kommandantenstraße und versteht nur selten mal ein Wort dieser gutturalen Sprache. Aber man sieht, sieht . . . Gebärden, Blicke, Bewegungen — von solcher Echtheit, solcher Innerlichkeit und solcher Ausdrucksfähigkeit, daß man versteht. Daß man sich zurechtfindet in diesem Milieu von Keller, Schmutz und Fusel, aus dessen fauligem Dunkel dieses scheue Licht von Mensch-