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Jüdische Presse · 1921-10-28 · 37 (28.10.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
37 (28.10.1921)
Date
1921-10-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzg-asse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnorgasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschiaß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Osterreich K 400*—, Ungarn K 250'—, Tschechoslowakei Kö. 70*—, Deutschland Mk. 60*—, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawion 25 Dinar, Polen Mk. 800*—. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kc. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10'— Fürs Ausland 100 Prozent Touerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. * Nr. 37 i Wien-Bratislava, 28. Oktober 1921 osnn nwi d nvaoDjna " nn mra 7. Jahrg. Unser KHnterfeldzua* Ganz anderer Art als der Kampf anderer Völker um ihre Erlösung oder um die Wahrung ihrer nationalen Güter ist der mit den Waffen des Geistes geführte Kampf unseres jüdischen Volkes. Wenn dort der Winter sich der Fortsetzung des blutigen Ringens hindernd in den Weg legt und die Schneedecke wie eine weiße Friedensfahne winkt, wenn dort die Wintersaison die Erschwerung aller Operationen, die Vervielfachung aller Anstrengungen bedeutet, ja, oft alle Kampfbegeisterung mit tötendem Eiseshauch erstarren macht, so ist uns in unserem, durch die Macht der Idee siegenden geistigen Ringen der Winter ein Helfer und Förderer. Wie gemeinsame Not überall Anstoß zur Geselligkeit ist und Mensch an Mensch reiht, schließen die Unbilden der Außenwelt die Gesellschaft als solche enger aneinander. Zur harten Strenge der Jahreszeit gesellt sich uns noch die Herbheit der Gesefcichtszeit, in der wir leben. Das Bedürfnis des Zusammenschlusses gewinnt, da sich auch die Natur unfreundlich anläßt, an Stärke, und wo dann Drei oder gar Zehn an einem Tische zusammenrücken, webt Geist um Geist Werke g-ttlicher Kultur, da reiht Seele sich an Seele und baut immer sich auf zu einer sittlichen Schöpfung irgend einer Art. So sei uns der Zeitraum, in welchem die Erde ihren Winterschlaf durchlebt, die Jahreszeit der edelsten, geistig-schöpferischen Geselligkeit. Wo die Thoralosen sich zur Pflege hochentwickelter gesellschaftlicher Kultur vereinigen, schaffen wir an dem zweite Epoche hebt nun an, mit unseren höheren Zwecken muß jeder Mensch unter uns mitwachsen. Von jedem Einzelnen ein Weniges geleistet, wächst das Geleistete zum großen, befreienden Werke empor. Noch immer ist die vorwurfsvoll klingende Mahnung angebracht: „Und nun, Israel, was verlangt der Herr, dein G-tt, Von dir?" Ungleich geringer sind die Opfer, die wir um unser Volksdasein zu bringen haben, als die heroischen Opfertaten anderer Völker. Uns ist es beschieden, dem höchsten Ideal mit den geringsten Opfern zu dienen. Ein gewaltiges Erbgut an sittlicher Kraft und geschichtlichem Werte, von Ahnen überliefert, vor denen die Menschheit anbetend zu Füßen kniet, wirkt für uns, bahnt uns die Wege. Noch geschieht das Wunder, daß die Bundeslade der Tradition, die allen Völkern der Erde heilig wird, alle Hindernisse auf unseren Wegen hinwegräumt. Ist es unumstößliche Erfahrung, daß gerade kleine Opfer am schwersten zu erlangen sind? Oder mangelt uns nur stets das Bewußtsein der Größe des Momentes? Wir stehen in einem großen historischen Kampfe, der weithin in die Jahrhunderte sichtbar bleiben wird. Unsere Tat wird für Generationen den Weg bestimmen und ihr irdisches und seelisches Wohl und Wehe beeinflussen. Solche Zeiten mögen es gewesen sein, als die große Hillel die klassische Parole für jedermann ausgegeben hat: Wenn nicht ich, iver denn; ivenn nicht jetst, ivann denn? B. Interview mit der arabischen Palästina-Delegation in Condom Werke der Versittlichung der Gesellschaft nach den ewigen Gesetzen unserer Lehre. V>MMi»TB^^ sügen Winteranbaues Worte des Wunsches und * * '" ' " -" der eindringlichen Mahnung hervor. Unsere Idee ist ja uralt, aber die Formen, die wir bilden müssen, um die Idee in Tat umzugießen, sind neu. Ein einziges Jahr dieses Schaffens liegt hinter uns, eine Der gelegentliche Londoner Mitarbeiter der „Jüdischen Preüzentrale Zürich", H. A. Goodman, suchte die in London weilenden Führer der palästinensisch-arabischen Delegation im Hotel Cecil auf, mit denen er nachstehendes Interview hatte. Musa Kazim Pascha entstammt der Familie der el-Husseini, die Generationen hindurch die Muftis und Majors für Jerusalem stellte, aus welchem Grunde gerade er als Führer der Delegation gewählt wurde. Mr. Mouin Bey el-Madi, der Vertreter Haifas, ist ein Levantiner, wie man ihn als Typus der Effendis unter der Jugend der begüterten Klasse im Osten oft finden kann. Die beiden Genannten sind Moslems, während Mr. A. M. Shammas der christlichen Kirche angehört. Der Letztgenannte scheint der führende Geist der Delegation zu sein, und alle Fragen, die der Vertreter der „JPZ" der Delegation vorlegte, wurden durch ihn nach vorheriger Besprechung mit seinen Mitdelegierten beantwortet. Mr. Shammas stellt einen Typ der Jerulamer Ghristeu dar, hat eine bessere Erziehung als seine mohammedanischen Kompatrioten genossen und ist der Führer in allen politischen „Affären1' don gekommen in Angelegenheit der arabischen Bevölkerung Palästinas, um ihre Sache dem britischen Volk und der britischen Regierung vorzulegen. Die Eingeborenen Palästinas lehnen das Prinzip der Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina ab, und wir wünschen unsere natürlichen Rechte zu wahren, die wir bedroht sehen durch solche Absichten, die uns unserer politischen und ökonomischen Rechte berauben wollen." „In welcher Form denken Sie sich „"die Wahrung Ihrer Rechte" und welche Schritte haben Sie bei der britischen Regierung unternommen, um diesen Zweck zu erreichen?" „Es gibt nur einen Weg, und das ist die demokratische Methode. Wir haben das Recht, zu fordern und zu erwarten, daß ein nationales Parlament durch die Bevölkerung Palästinas erwählt werde, das allein das Recht besitzt, Gesetze zu erlassen und die Regierung zu kontrollieren." „Halten Sie denn die Eingeborenen Palästinas für genügend reif, um ihre eigene Verwaltung zu erwählen?" „Selbst vor dem Kriege genossen die Palästinenser mehr Rechte als heute. Sie wählten ihre Mitglieder in das Parlament von Konstantinopel. Es gab Dorf-Vorsteher und organisierte Körperschaften in den Ortschaften und größeren Städten. Aber wie sieht das heute aus, obgleich wir Palästinenser prominente Positionen in der Administration von Aegypten, Syrien und dem Sudan einnehmen, und die Fähigkeit der arabischen Bevölkerung, ihre Kultur und Zivilisation zu entwickeln, auch vom High Gotnmissioner in seiner Rede vom 8. Juni wiederholt erwähnt worden ist, als er vom Verlangen des Volkes nach Bildung sprach." „Sie sind also mit dem gegenwärtigen Regierungssystem nicht zufrieden?" „Wie können wir das sein? Wir glauben fest an die Volksvertretung. Der gegenwärtige Advisory Council ist eine Körperschaft, die von der Verwaltung mit Hilfe der Zionis Der alte Kallewer. Zu seinem 100. Todestage. Von Leopold Grünwald (Budapest). Es geschah zu jener Zeit, als des Bai Scherns Jünger des Meisters Ideen mit Feuereifer verkündet haben und aus Kräften bemüht waren, dafür Anhänger zu werben. Hie und da verirrten sich Einzelne nach Ungarn, um dort eine oder die andere Seele für die große Sache zu erobern; man sehnte sich da und erwartete zuversichtlich, daß auch hier jemand erstehen werde, ein Großer, würdig genug, der Künder der Wahrheiten des Bai schems zu sein. Dieser providentielle Mann wurde von R. Leb Sores in der Person des Rabbi Eisek Taub entdeckt. Nach mühsamer Einführung und langsamer Entwicklung des Ghassidismus in Ungarn erlangte diese Richtung durch das Auftreten des „alten Kallewer" einen mächtigen Aufschwung und vermochte einen großen Teil des heimatlichen Judentumes unter seine Fahne zu versammeln. Unter dem „alten Kallewer" verstand man allgemein den wohlberühmten Rabbiner von Nagy-Kallö Rabbi Eisik Taub. Rabbi Eisik Taub wurde 1751 in Nagy-Kallö geboren, er war also ein „Ungrischer"; sein Name hatte aber in weiten Landen einen guten Klang und alljährlich wallfahrteten Tausende und Abertausende nach dem Wohnsitze des verehrten Rabbi. Diese Huldigung galt nicht allein dem „Zaddik", sondern er war auch allgemein als ein großer Talmudgelehrter, als „Gaon" verehrt. Es ist eine wundersame Erscheinung, daß derjenige, den die Vorsehung zu einer großen Mission erkoren hat, auch dann den vorbestimmten Platz erreicht, selbst wenn sich die Bedingungen des Lebens ihm entgegenstellen; ein Zusammentreffen verschiedener Umstände stellt den Wagen seines Lebenslaufes stets zur rechten Zeit in das Geleise ein; im richtigen Momente zieht er die Aufmerksamkeit eines Großen auf sich, der mit seherischem Blicke die großen Fähigkeiten abschätzt, die nun zum richtunggebenden Faktor werden. So geschah es auch wahrhaftig im Leben des alten Kallewer. Die Eltern des Rabbi Eisik Taub waren arme Leute und konnten ihrem Sohne gar keinen Melamed halten. Wie die damaligen Melamdim auch ausgesehen haben! Unwissend, hohlköpfig, keine Ahnung von einer Methode! Der Knabe Eisikl ist wild aufgewachsen, wie alle Kinder der damaligen Zeit, denen das Los der Armut zugefallen war. Allein seine Mutter, die gute Reisel, deren der alte Kallewer später so oft mit solcher Pietät und kindlicher Zärtlichkeit gedachte, ihre Frömmigkeit und Tugenden preisend, sie sah selbst dazu, daß der arme Knabe, der mit vier Jahren schon den Vater verloren hatte, wenigstens bei ihr das Alephbeth und die Gebete erlerne. Mehr konnte die arme Witwe nicht leisten; als das Kind sieben Jahre alt wurde, schickte ihn die Mutter auf die Weide, um die Schafe zu hüten. Um diese Zeit herum kam eben der erwähnte R. Leb Sores (Sarahs) nach Ungarn, um eine Geldsammlung zu veranstalten. Von der langen Reise auf dem schlechten Wagen ermüdet, suchte der alte Rabbi, als er in die Nagy-Kalloer Gemarkung gelangte, einen schattigen Platz auf dem Wegrande aus, um seine durchgerüttelten Glieder auszuruhen, und er hielt gerade bei jener Wiese, wo Eisikl Taub seine Schafe hütete. Der Rabbi stieg vom Wagen, ließ sich im Schatten eines dichtbelaubten Baumes nieder und ließ das Pferd äsen. Der Knabe achtete nicht auf den Ankömmling, wohl aber der Rabbi auf den Knaben. Sein scharfes Gehör erfaßte .die zarte Stimme des Knaben. Er horchte gespannt hin und hörte die wundersamen Worte des Knaben: „Ribbono schel olam! Efscher, hast du auch ein paar Schäfelech, gib sie her, ich will sie dir hüten! G-tt, süßer G-tt, wie hab ich dich lieb!" Rabbi Leb Sores war von diesen seltsamen Worten tief ergriffen, er trat auf den Knaben zu und frug ihn, wessen Kind er sei. Dieser sagte ihm, er sei Reiseis Sohn, der Vater sei seit drei Jahren tot. Auf den Wunsch des Rabbis führte er ihn ins Haus der Mutter. Diese war eben mit der Zubereitung des Mittagessens beschäftigt, als der Knabe in Begleitung des Fremden in die Küche trat. „Mutter, es vist ein Schächter da, der mit dir sprechen will." (Damals galt jeder Jude, der in langer, polnischer Tracht einherging, als Schächter.) Die arme Witwe empfing den vermeintlichen Schächter mit herzlicher Gastfreundschaft und lud ihn ein, das kärgliche Mahl zu teilen. „Ich kam nicht zum Mittagmahl, sondern eine andere, wichtigere Sache führt mich her. Ich bin übrigens kein Schächter, sondern ein polnischer Rabbi. Euer Knabe hat mein Wohlgefallen erregt; ich kam, euch zu bitten, mir den Knaben anzuvertrauen; ich werde ihn unterrichten und mache einen Rabbiner aus ihm; ich bin überzeugt, daß er bei gehöriger Schule ein solcher werden wird." Freudentränen traten der guten Reisel in die Augen, als sie die Worte des fremden Rabbiners hörte, und obwohl sie ihn noch nie gesehen hatte, erweckte die ehrfurchtgebietende Gestalt mit dem schneeweißen langen Barte ihr vollständiges Vertrauen. Der Gedanke, daß Eisik gar einmal ein Rabbiner werden werde, zerstreute alle Bedenken und stillte den Trennungsschmerz. (Fortsetzung folgt.) Wien, I. Bez., Bauernmarkt Nr. 24 Ecke.. 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