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Jüdische Presse · 1921-10-14 · 36 (14.10.1921) · page 5

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
36 (14.10.1921)
Date
1921-10-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36 JÜDISCHE PRESSE Seite 359 NACHRICHTEN. Deutscböstwcicb. Besuch yon Großrabbinern im Badener Aguda- Waisenhaus. Der Hußyatiner Großrabbiner besuchte jfmgsthin das Waisenhaus, wohnte dem Unterricht der unteren Klasse bei und frug nach der Lebensweise der Kinder, deren Verköstigung, wie auch über die sanitären Vorrichtungen des Hauses, er sprach seine größte Zufriedenheit aus und verließ nach einstündigem Aufenthalte die Anstalt. Am selben Tage besuchte Großrabbiner, von Kopyczynce in Begleitung seines Sohnes des Rabbiners Abraham Herschel das Aguda Waisenhaus. Gegen abend verrichtete er das Minchagebet im Kreise der Waisenkinder; ein erhebender Anblick war es, als der große Maniin alle Kinder um sich scharte, sie nicht anders als' „Zoin Kodoschim" benannte und nicht genug Liebkosungen für sie wußte, besonders erfreut war er, zwei Waisenkinder aus seiner Gemeinde Kopyczynce hier anzutreffen. Nachdem er noch einige Tausend Kronen für den K. W. F. spendete und einige Hundert Kronen für Schabbosobst den Kindern gab, verließ er das schöne „Mikdosch meat". Zur Industriellenkonferenz. Herr Nochern Rosenfeld, Fabrikant aus Warschau, einer der führenden Faktoren der agudistischen „Schlome Emune Jisroel" in Polen, ist nach Rosch haschono in Begleitung seiner Frau von Wien nach Erez Jisroel abgereist, um in Ausführung der Beschlüsse der Industriellenkonferenz in Wien, die Errichtung von Industrien zu bewerkstelligen. Die besten Wünsche zum Gelingen begleiten Herrn Rosenfeld auf dem Wege. Die „Morgenzeitung" rettet wieder. Die „W. M." bringt an erster Stelle die fettgedruckte Nachricht, daß sie in Erfahrung gebracht hätte, daß die Frontvereinigung Ausschreitungen gegen die Juden plane und daß die zionistische Organisation (!) bereits Schritte gemacht hätte, um die Regierung, darauf aufmerksam zu machefn. Die „W. M.", — in ihrer bekannten provokanten Weise —* mäcmV die Regierung für alle Ausschreitungen verantwortlich"" (!) und bittet die jüdische Bevölkerung sich ruhig und nicht provokant zu verhalten. — Die jüdische Bevölkerung gibt diese Mahnung an den Aufgeber zurück und bittet die „Morgenzeitung", sich stille und nicht provokant zu verhalten. Dieser Bericht ist schon provokant genug. Ist die zionistische Organisation, die sich nirgends irgendwelcher Sympathie erfreut, geeignet, ist sie kompetent, in solchen Fragen das Judentum zu vertreten? E s ist A u f g a b e d e s Oberrabbiners von Wien, im Einvernehmen mit der Kultusgemeinde, in ihrer Eigenschaft als Leiter der Kultusgemeinde, die nötigen Schritte zu tun, ohne die große Glocke ihrer Leistungen läuten zu lassen. Das Oberrabbinat und die Gemeinde sind anerkannte unpolitische, geachtete Vertreter des Judentums, die zionistische Organisation keines der"drei! Wir bitten den Herrn Ohqrrabbiner, sich an sein Amt zü erinnern. Es geht nicht an, daß alles, was das Oberrabbinat, hauptsächlich kraft seiner Stellung leistet und leisten kann, gewaltsam für das ohnedies überlastete Konto der zionistischen Partei gebucht wird. Die Habenseite des Kontos als Oberrabbiner ist etwas schwach. Wir müssen in aller Achtung offen benennen, daß uns die Haltung des Wiener Oberrabbiners ein psychologisches Rätsel ist. Das Wiener Oberrabbinat ist nach dem 'englischen Ghefrabbinat vielleicht die angesehenste Rabbinerstellung der Welt. Große Aufgaben und Möglichkeiten sind dem Inhaber dieser Stellung gegeben, wenn sie, in alter, würdiger Form verwaltet würde. YVelche heillose Prahlerei ist es, wenn die „W. M." flunkert, sie hätte der Regierung die Entdeckung mitgeteilt, was die Vereinigung beabsichtige. Hat die Regierung mit ihrem Heer von Polizisten und Detektiven nicht bessere Kenntnis aller Vorgänge von geheimen Umtrieben, die nicht nur für jüdische Kaffeehäuser, sondern für ganz Zentraleuropa wichtig sind, als das Bureau in der Zirkusgasse? Wozu gehört diese Provokation denn anders, als wieder um Stricker-Propaganda, die über Wohl und Wehe des Judentums unbekümmert hinübertrampelt? Die Plenarsitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Zentralrates der Aguda findet anfangs November in Wien statt. Auf der Tagesordnung stehen sehr wichtige Agenden und ein umfangreiches Material wird zur Aufarbeitung vorliegen. Der rabbinische Rat der Aguda wird vor Ende des bürgerlichen Jahres zusammentreten. Der, Ort der Zusammenkunft wird noch später bestimmt werden. Trauerandacht. Der Verein Chesed schel Emes veranstaltete ini Vereinsbethause, IL, Kleine Schiflgasse 8, am 9. Oktober, 4 Uhr nachmittags, eine Trauerandacht für die verstorbenen Mitglieder. Die Funktion vollzog Herr Rabbiner Dr. Bach und Oberkantor Grob. Spendet für den kchivafonds! Ungarn. Ein Mißgriff des „Egyenlosäg.8 Wohl in Unkenntnis der amerikanischen Verhältnisse hat der „Egyenlöseg" in der letzten Nummer eine Erklärung der „Föderation der ungarischen Juden in Amerika" abgedruckt, die behauptet, daß Herr Morris Engelmann sich auf seiner Europareise als Delegierten der genannten Föderation ausgegeben hätte, und hinzufügt, daÄ dies ein Mißbrauch gewesen wäre und daß Herr Morris-Engelmann nichts als ein Assekuranzvertreter sei. Demgegenüber können wir erklären, daß es unwahr ist, daß sich Herr Morris Engelmann als Vertreter der „Föderation der ungarischen Juden" ausgegeben hat. Die boshafte Bemerkung, daß Herr Engelmann nichts als ein Assekuranzagent sei, ist ebenso häßlich als unwahr. Her," Morris Engelmann ist seit der Gründung Mitglied der Exekutive des Joint in New York und Finanzsekretär des Central- Relief-Committees. Als solcher hat Herr Engelmann seine Reise unternommen. Wir sind öfter an verschiedenen Orten mit Herrn Engelmann zusammengekommen und haben an der Hauptsitzung, die Herr Engelmann abgehalten hat, teilgenommen. -Es war da überhaupt keine Rede von einer „Föderation der ungarischen Juden". Es ist sehr bedauerlich, daß »Egyenlöseg* auf diese Erklärung hereingefallen ist, und einen Mann, der unter den ersten Organisatoren des amerikanischen Hilfswerkes gilt und seit 18. August 1914 ununterbrochen an dem grandiosesten Hilfswerke mitarbeitet, besonders aber stets für das Judentum im Gebiete Altungarns gewirkt hat, derart grundlos und derb beleidigt. Dem Präses der ungarischen Föderation in New York, an welcher die Orthodoxen in Amerika nicht mehr teilnehmen, ist wieder einmal sein Temperament mit dem Kopfe durchgegangen, denn eine solche unmotivierte Beleidigung wird nach den amerikanischen Gesetzen sehr strenge bestraft. Wir hoffen, daß „Egyenlöseg" genug loyal sein wird, diese unsere Information zur Kenntnis zu nehmen und zu bringen. Antisem als Erzieher. Niemals war in Budapest der Andrang zu den Bethäusern an Rosch haschono so groß wie in diesem Jahre. Die isr. (neol.) Gemeinde berichtet, daß in diesem Jahre in 53 Bethäusern gebetet wird. Die Zahl der steuerzahlenden Mitglieder der isr. Gemeinde ist von 21.000 (1919) auf 53.000 (1921) gestiegen. Ein ungarisches jüdisches Kriegswaisenheim. In Balkäny im Szabolcser Komitat haben einige edle jüdische Menschenfreunde unter Führung ihres Obberrabbiners Kisiel Lichtenstein ein Waisenheim für Kriegswaisen errichtet, das den ihrer Ernährer und Erzieher beraubten Waisenkindern eine sittlichreligiöse, fromm-jüdische Erziehung angedeihen läßt. Das in einem eigenen Gebäude untergebrachte Heim besteht aus drei Schlafsälen, einem Speisesaal,* aus Lehrsälen und einer Küche. Allenthalben blitzt und blankt es vor Reinlichkeit und Ordnung, die Verköstigung, über die die Gattin des Oberrabbiners und die Damen des Nyirbätorer israelitischen Frauehvereines die Aufsicht führen, ist streng religiös, tadellos und geschmackvoll. Die Zöglinge, die neben den weltlichen be-, sonders in den jüdischen Kenntnissen — Thora, Raschi, Talmud, Mischnajes — unterwiesen werden, haben hier einen vollen Ersatz für ihr einstiges Elternheim gefunden. Bis vor kurzem konnte das Balkänyer Waisenhaus Dank der, aufopfernden Fürsorge seiner Leiter und der regelmäßigen Subvention des American Joint-Distribution Commite'e seiner edlen, menschenfreundlichen und eminent religiösen Aufgabe vollauf entsprechen; ob dies auch morgen der Fall sein wird, hängt von der Opferwilligkeit des Judentums des Auslandes ab. Oberrabbiner K. Lichtenstein wendet sich deshalb mit einejn warmen Aufruf an die jüdische Gesellschaft des Auslandes, deren Aufmerksamkeit er auf die unter seiner Leitung stehende, eine so bedeutende Lücke ausfüllende Institution lenkt. Franen als Religionslehrer. Die Pester israelitische Religionsgemeinde beschloß,' in Zukunft den Religionsunterricht an den Mädchenschulen hierzu geeigneten weiblichen Lehrkräften anzuvertrauen. Zu diesem Behüte wird die Gemeinde Lehrkurse zur entsprechenden Ausbildung dieser weiblichen Lehrkräfte organisieren. In diesen Kursen werden die Teilnehmerinnen Thora-Propheten- und Psalmenstudien obliegen, in die Uebersetaung der Gebete, in die Geschichte des Judentums, in der hebräischen Grammatik und in der Methodik des Religionsunterrichtes unterwiesen werden. Deutschland; Ein Jude als Better des Badischen Großherzogshauses. Im Badischen Landtage hielt der Staatspräsident Trunk, herausgefordert durch eine deutschnationale Interpellation, eine Rede. Der Staatspräsident fragte die Deutschnationalen, wo sie in den gefährlichen Novembertagen 1918 gewesen seien. „Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November die groß herzogliche Familie im Karlsruher Schloß bedroht gewesen ist, habe ich vergeblich darauf gewartet, daß sich von den vielen Hunderten von Offizieren, die .damals in Karlsruhe wohnten, ein einziger zum Schutze des Großherzogs einfinde. Der damalige Minister des Innern, Dr. Ludwig Haas, ein Jude, hat an der Spitze von 40 Soldaten für den Schutz des Großherzogs sorgen müssen, sonst hat sich darum überhaupt niemand gekümmert." Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hielt am Sonntag in Hamburg seine Jahresversammlung ab. Au Vertretern des Staates Hamburg waren anwesend u a. Senator Nöldecke und Grünwald sowie einige Bürgefschaftsmitglieder. Der Vorsitzende Dr. Gotheim betonte die Notwendigkeit, den Antisemitismus zu bekämpferr im Interesse der Zukunft des deutschen Volkes. Leider segle der Antisemitismus unter der Fahne des Patriotismus. Unter den Begrüßungsansprachen war bemerkenswert die des Vorsitzenden des Bundes Jüdischer Frontsoldaten Hamburg, Dr. Urias. Als Hauptredner sprach Hauptpaslor Felden aus-Bremen über die Methoden des Antisemitismus und führte aus, daß die jetzt in Deutschland grassierende Form des Antisemitismus die Juden gerade dazd treiben könnte, die Lust an der Mitarbeit am Staate zu verlieren. Bei der Diskussion brachte ein Arbeiter ein geheimes antisemitisches Rundschreiben der Deutschnationalen an die Arbeiter zur Kenntnis und erklärte, daß die Arbeiter nicht' mehr so dumm seien, auf dem Umwege über den Antisemitismus sich an den Wagen der Nationalisten spannen zu lassen. Die Arbeiter stünden nur dem Kapitalismus gegenüber, ganz gleich, ob der einzelne Kapitalist Jude oder Christ sei. Polen. Prozentnorm. Mit Rücksicht auf den Beginn der Inskriptionen an den Universitäten, veranstaltete die Lemberger nationaldemokratische Studentenschaft eine allgemeine Versammlung, in der mit Bezug auf die Zulassung der nichtpolnischen Studenten auf die Lemberger Universität eine Resolution gefaßt wurde, daß man bei den Inskriptionen in erster Reihe diejenigen berücksichtigen soll, die ihrer Militärpflicht Genüge getan haben. Auf den einzelnen Fakultäten solle eine Prozentnorm festgelegt werden. Polonisierung. Eine Delegation der zentralen jüdischen Schulorganisation in Polen intervenierte im Unterrichtsministerium wegen der vom Schulinspektor in Rowno gegen die jüdischen Schulen in Wolhynien angewendeten Repressalien. Dieser lasse neue Schulen nicht zur Legalisierung zu, schließe die bereits'bestehenden, oder ersetze die bisherige jüdische Unterrichtssprache durch die polnische, welches Vorgehen den konstitutionellen Staatsgrundgesetzen widerspreche. J. P. Z. Jiddisch als Muttersprache. Im Kommentar zum Gesetze über die Volkszählung befindet sich folgende Aufklärung zu § 16. des Gesetzes: „In Rubrik 14 soll angegeben werden die Sprache, die de facto seit Jugend benutzt wird. Zulässig sind alle Sprachen, die benutzt werden, also auch die Weißrussische und Jüdische. (Jargon.) Man darf auch zwei Muttersprachen angeben, falls man sich deren tatsächlich bedient." — Auf diese Weise ist bei der Volkszählung das Jiddische als offizielle Sprache>anerkannt worden. Rumänien* 1 Hilfswerk für Ukrainer Pogromwaisen. Wir erhalten aus Oradeamare die Nachricht, daß die Arbeiten für die Errichtung von Heimen für Ukrainer Waisen sehr erfolgreich fortschreiten. Der Aktion, welche unter aufopferndster Leitung der Frau Therese Ulimann und hervorragender Mitarbeit der Herren Kohn David, Freund Lajos und anderer eifrig betrieben wird, ist es bisher gelungen, die Grundlagen für die Errichtung von zwei Waisenhäusern zur Unterbringung Yon über hundert Kindern und einen beträchtlichen Fonds zu schaffen. Mit besonders hohen Geldspenden (55.000 Lei) und vielen Zusagen von Adoptionen hat sich die Stadt Arad beteiligt, wo sich die Herren Präsident Dr. Schütz, Irtoi Adler Andor, die Damen Eies Armin Tenner Jozef, Mairovitz Emil und Weiß Karoly besonders und mit großem Erfolge bemüht haben. Ein Menschenfreund in Gurahone beabsichtigt, ein eigenes Heim vfür dreißig Kinder zu erbauen und zu erhalten. Wir behalten uns vpr, in unserer nächsten Nummer einen ausführlichen Tätigkeitsbericht unseres transylvanischen Komitees zu bringen. Amerika. Davis droht. In Verbindung mit den vom Kongreßmitglied Siegel bei H&rding unternommenen Schritten wegen gewisser Erleichterungen für die Immigranten, erklärte Arbeitssekretär Davis, daß dies eine Diskreditierung des Immigrationsgesetzes bezwecke, jedoch dazu führen würde, daß die Einwanderungsbestim nmngen nicht abgeschafft, sondern die Einwanderung gänzlich verboten werden würde. Davis wiederholt die Üegel von Harding gegebene Antwort, daß die Hauptschuld an der schrecklichen Lage der Immigranten die Schiffsagenten tragen, die Einwanderer über die Quote hinaus ins Land bringen möchten: Er werde sich streng an das Gesetz halten. Nicht ohne Nordau. In New York fand eine Besprechung jüdischer Journalisten statt, beziehungsweise der weiteren Keren Hajessod-Arbeit, auf der unter anderen von den großen New Yorker Tageszeitungen „Morning Journal", „Tog" und „Jewish Times" vertreten waren, Es wurde beschlossen, gewisse Wünsche, beziehungsweise der nach Amerika zu entsendenden zionistischen Delegation zum Ausdruck zu bringen und vor allem äu betonen, daß die Teilnahme Nordaus an dieser Delegation unbedingt erwünscht sei. (Zu. Weizmanns politischem Genie scheint man doch kein Vertrauen zu haben.)

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