Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 36 (14.10.1921)
- Date
- 1921-10-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 JÜDISCHE PRESSE Seite 257 Die heilige Thora auf Parment geschrieben. Aus dem Hebräischen von Rabbiner Dr. Abrahamsolln. Schwingt hoch den Pokal; wir wollen ihn leeren! L'chajim, Ihr Brüder der Thora zu Ehren! Der g-ttlichen Thora, die heilig und teuer Von G-tt uns gegeben am Sinaj im Feuer; Ihr gilt dieser Trunk, ihr galt diese Nacht Die wir mit Lernen und Beten durchwacht. Stimmt an, laßt erschallen die heiligen Lieder L'chajim ülscholeum euch, jüdische Brüder Danken wir freudig dem Schöpfer, dem Lieben Für unsere Teuro auf Parment geschrieben. Die heilige- Teuro auf Parment geschrieben, Ist uns denn noch mehr als diese geblieben? Freunde, sie haben sich von uns gewendet; Feinde, die haben gemordet, geschändet l Geraubt und geplündert, verwüstet das Land Gepeitscht uns von dort mit Schimpf und mit Schand, Geblieben ist Nichts; viel haben wir besessen, Die Sprache der Mutter, sie wurde vergessen Der König verjagt, die Priester vertrieben Nichts, nichts als der Glaube, der war uns geblieben, Nichts als nur die Teuro in zitt'riger Hand Sie leuchtet und leitet von Land uns zu Land Was haben wir gelitten? Doch sind wir geblieben Durch die Teuro auf Parment geschrieben. Brüder! Kommt her zum Weltengerichte 1 Brüder, prüft nach ihre große Geschichte! Ihre blinkenden Blätter; ihr könnet doch lesen? Sie sind voll von Mord und Raubritterwesen Unsere Geschichte, groß wie die Erde Geschrieben ward sie mit blitzendem Schwerte Nicht mit Tinte! Mit Blut und mit Zähren Gedruckt ist dies Buch im Golus, im schweren Gebunden . ward es in Ketten aus Eisen Sie mögen nur kommen; wir werden's beweisen! Sie haben uns gequält, gepeitscht und getrieben Wegen der Teuro auf Parment geschrieben! 2000 Jahre! Das gellt in den Ohren! Jahrtausend zwei! Seit Zion verloren. Siebzig Geschlechter blühenden Lebens Hofften auf Rettung, auf Hilfe vergebens Sie haben gelitten; wir sind noch ein Rest Wir leben, wir feiern ein heiliges Fest. Doch still l Ich schweig. Ihr wißt es doch gut, Es ist Euch vererbt ins Mark und ins Blut Was haben wir geopfert, dem Feinde gegeben! Gold und Gut und Ruhe und Leben Chana, die Mutter, ihre Kinder sieben! Für die heilige Teuro, auf Parment geschrieben. Und geht es uns besser? Wie ist es noch heute? Sind wir schon Menschen — wie andere Leute? Wallen müssen wir, gehen und wandern Getrieben von einem, gejagt von dem ander'n Von keinem geliebt, jedem zur Last Von vielen verhöhnt, geächtet, gehaßt. Wohin das spähende Auge sich wendet Nur eine Frage: Wie das nur endet? Doch eines konnten, durften sie nicht rauben Die Liebe zu ihm, zum heiligen Glauben Drum, hoffet und baut auf G-tt, den Lieben Und auf seine Teuro auf Parment geschrieben. Schwingt hoch den Pokal, wir wollen ihn leeren! L'chajim, Ihr Brüder der Thora zu Ehren! interessierten. Zum Gluck vorüber, denn die Arbeiten der zünftigen Wissenschaftler blieben nur allzuoft im Historischen und Philologischen stecken und entbehrten so der lebendigen Frische, die sich auch dem Laien hätten genießbar machen können. Was uns in den letzten Jahren an Untersuchungen über den letzten Sinn des Judentums, über seine Voraussetzungen und Grundlagen, seinen Inhalt und seine Ziele geboten wurde, das ist nicht trockene Gelehrtenarbeit, sondern der Ausdruck eines tiefgefühlten Bedürfnisses, über letzte Lebensfragen Klarheit zu gewinnen. Es ist nicht schwer, die Ursachen dieser Erscheinung aufzuzeigen. Sie ist die natürliche Folge einer Wandlung, welche die jüdischnationale Bewegung schon in den ersten Jahren ihres Bestehens erfahren hat, einer Wandlung, die erst schüchtern und kaum bemerkbar eintrat, dann aber immer weitere Kreise zog und schließlich eine gänzliche Umwandlung des Gedankens der jüdischen Renaissance bewirkte. Der Zionismus war in seinen Anfängen vorwiegend politisch — sozial orientiert. Er wollte jenen jüdischen Massen, die nicht den Willen oder die Möglichkeit hatten, sich zu assimilieren, deri Weg nach einem, friedlichen Dasein auf eigenem Grund und Boden weisen. Man wies zwar mit allem Nachdruck darauf hin, daß es sich hier um nicht weniger handle als um die Neubelebung des erstarrten jüdischen Volkskörpers auch in kultureller Beziehung; man verwahrt sich mit Entschiedenheit dagegen, den philanthropischen Bestrebungen früherer Zeiten gleichgesetzt zu werden. Aber das Ziel war doc^ dasselbe, wenn es auch nicht durch private Fürsorgetätigkeit, sondern mit den Mitteln der hohen Politik erreicht werden sollte. Bald aber wurden Stimmen laut, die deutlich zu erkennen gaben, daß dieser, man möchte fast sagen, defensive Charakter des jüdischen Nationalgedankens nicht befriedigte. Hatte man erst einmal begonnen nachzudenken, so mußte man auch daraufkommen, . daß man Jude ist, nicht weil und solange es dem bösen Nachbarn nicht gefällt, einen daran vergessen zu lassen, nicht aus einer Kampfesstimmung gegen feindliche Kräfte heraus, sondern weil tief in der eigenen Brust etwas Dunkles und Geheimnisvolles, etwas Unerfaßbares und Unerklärbares ruhte, das allem Streben nach Assimilation an die anderen spottet und das sich keineswegs im Gefühl der Solidarität mit den unschuldig verfolgten Brüdern erschöpft. War man aber einmal so weit, das Judentum nicht bloß als soziales Problem zu erfassen, dann mußte man auch eines Tages die Entdeckung machen, daß es eine ungeheure Summe von geistigen Kräften in sich berge, von denen man eigentlich nichts Rechtes wußte. Man wurde^ unzufrieden. Man begann einzusehen, daß das Bekenntnis zum Judentum eine sinnlose Phrase sei, sö lange man nicht anheben könne, was denn eigentlich das Besondere seiner geistigen Struktur ausmache; {und daß das Wort von einer jüdischen Kultur eine leere Begriffshülse ohne Inhalt sei, s.o lange einem das Wesen dieser Kultur gänzlich verschlossen blieb. Und da man von dem Judentum, wie es bisher die Jahrhunderte hindurch verstanden und gelebt worden war, nichts wußte oder nichts wissen wollte, so suchte man nach neuen Formeln, auf die das ,Wesen das Judentum* gebracht werden konnte. — Der Weltkrieg, der in vielen Menschen das Verlangen nach Selbstbesinnung und Verinnerlichung abgewägten Worte, aus denen ein sächliches'„Nein" hervorlugte, stechen ihn förmlich und sein höfliches, abwartendes Lächeln verletzt und erbittert ihn. Obwohl er derlei Szenen schon oft erlebt hat, treffen sie ihn dennoch jedesmal .wie ein Peitschenhieb. Und jedesmal, wenn er eine"~abschlägige Antwort erhalten hat, scheint es ihm, als würde sich die Erde vor seinen Füßen auftun und ihn mit tausend Augen anglotzen. Er geht nach Hause. Mit dem beklemmenden Bewußtsein, daß alle Vorübergehenden wissen, was ihm heute widerfahren ist, beschleunigt er seine Schritte. Aber im Angesichte seiner Wohnung erinnert er sich, daß ihn seine Familie erwartet, daß sie noch nichts gegessen hat, und er macht kehrt — er muß irgendwo Geld auftreiben. Von einer beruhigenden Ahnung getrieben, eilt er in eines der kleinen Kaffeehäuser, welche die ärmlichen Studenten beherbergen. Er weiß aus Erfahrung, daß man bei ihnen leichter etwas bekommen kann als bei dem Bourgeois,. Sein Instinkt hat ihn nicht betrogen. In einem kleinen Kaffeehaus trifft er den Mediziner Rosenbaum. Rosenbaum fristet sein Dasein von einer bescheidenen Monatsrente, dte ihm seine alte Mutter zugesichert hat Hastig geht er auf den Studenten zu und bittet ihn um fünf Gulden. Es sei dringend, am ersten werde es ihm zurückerstattet. Seine zitternde, in Wehmut gehüllte Stimme wirkt auf Rosenbaum und der Bitte des Studenten, ihm das Geld des Mietzinses wegen pünktlith zurückzuerstatten, nicht achtend, rennt er froh, glückselig, heiter heimwärts. Und den Abend verbringt er in Ruhe und Sorglosigkeit. Er hat fünf Gulden. Er hält sich für einen Rentier und kehrt zu seiner literarischen Arbeit zurück. weckte, hat diesen Bestrebungen Resonanz verliehen. Auch in Kreisen, die nicht jüdischnational gesinnt sind, begann es sich zu regen, und so < ist mit der Zeit eine ansehnliche Literatur angewachsen, aus der man das Interesse für derartige Fragen bereits erstorben glaubte, der Wunsch rege geworden ist, sich über seine Beziehungen zum Judentum klar zu werden. Es ist deshalb zu begrüßen, wenn nun auch von jüdisch-traditioneller Seite der Versuch unternommen wurde, zu diesem Probleme Stellung zu nehmen. Jakob Rosenheim, der bekannte Führer in der Agudas Jisroel-Bewegung, hat sich dieser Aufgabe unterzogen. Seine- Aufsätze, die im „Israelit" zu diesem Thema veröffentlicht wurden, liegen nun gesammelt in Buchform vor. (Jakob Rosenheim: „Beiträge zur Orientierung im jüdischen Leben der Gegenwart." ~ * Die ersten Abschnitte des Buches sind Martin Buber gewidmet, der unter den heutigen jüdischen Literaten unstreitig der Bedeutendste ist. — Um zum Wesen des Judentums vorzudringen, sucht Buber vor allem die> Eigenart des orientalischen Geistes zu erfassen. Während dem Occidentalen die Gestaltung seines Weltbildes eine Anlegenheit des prüfenden Verstandes ist; bedeutet sie dem Orientalen ein persönliches Erlebnis. Der Occidentale sucht die Welt offenen Sinnes in sich aufzunehmen, — er ist der sensorische Mensch. Der Orientale will sie seelisch ergreifen, — er ist der motorische Mensch. Aus dieser Besonderheit des orientalischen Geistes, welchen der am reinsten repräsentiert, ergibt sich dann das be- So hat er die ganze Zeit in der großen Residenzstadt gelebt. Sein Dasein, eine Kette von Erniedrigungen und Entbehrungen, ficht ihn nicht an. Er hält es für natürlich und gesetzmäßig. Ich bewundere die Kraft dieses Menschen, dem die trostlosen Verhältnisse seine literarischen Pläne und Träume nicht rauben können. Ich studiere seine Schöpfungen und in alle"h Winkeln erkenne ich Spuren der Not. Manchmal kommt es vor, daß der Funke eines Gottbegnadeten in ihm aufflackert; dann aber fällt er müde und zerschlagen in seinen trostlosen Zustand zurück. Lernen kann, er nicht mehr. Es fehlt ihm Ruhe und Gleichmut. Sich in Gedanken zu vertiefen, seinen Vorstellungskreis durch Lektüre zu erweitern, gestattet ihm der Kampf um die Notwendigkeiten des Tages nicht. Die Phrase berauscht ihn, reißt ihn fort, täuscht ihn über Schlünde und Abgründe. Ich besuche ihn oft und bin Zeuge seines Verfalls, seines Niederganges. Er aber fühlt nnd versteht nicht das Verwelken seines Willens. Er erzählt mir von seinem Schaffen, von seiner Zukunft. Er lebt von den Tagen, die dahin sind und glaubt, daß seine Zeit erst kommen wird. Er dichtet sich in Pläne über jüdische Literatur, über jüdische Kunst und jüdisches Leben hinein. Und die ganze Schönheit dieser Dinge geht in Phrasen auf, Er aber wird erregt, glüht und fiebert, wenn er von diesen Plänen erzählt und seine Augen glänzen voll Schaffensfeuer. Herr des Himmels! Fühlt er denn nicht den Todeskampf seiner zermarterten Seele? Wir veröffentlichen hier ein uns zur Verfügung gestelltes Feuilleton des jüngsthin auf tragische Weise verstorbenen hebräischen und deutschen Schriftstellers Lubetzky. Er war sondere Merkmal der jüdischen Religion, die ja nur als Erzeugnis des schöpferischen Volksgeistes gewertet wird. Es ist nach Bubef' die bis aufs äußerste gesteigerte Subjektivität des gläubigen Menschen, die dem Judentum seine Note verleiht. Auch dem sittlichen Tun wird jede objektive Grundlage entzogen. Nicht was geschieht, sondern wie es geschieht, ob es in menschlicher Bedingtheit oder g-ttlicher Unbedingtheit in erdschwerer Gebundenheit oder ekstatischem Selbstvergessen geschieht — nur das ist entscheidend. Nicht der Inhalt einer Handlung ist maßgebend für die Beurteilung ihres sittlichen Charakters, sondern die seelische Haltung des handelnden Individuums. „Glühen ist mehr als Wissen" — dieses Wort eines christlichen Mystikers könnte man Bubers Auffassung vom Wesen des Judentums an die Spitze setzen. Nur in dem aggadischen Midraschim, im lurjanischen Kabbalah und mystischem Ghassidismus äußert sich rein und frei von allen Verzerrungen das religiöse Pathos. Alle Bestrebungen, das praktische Handeln und die theoretische, aufs Metaphysische gerichtete Spekulation des jüdischen Menschen in bestimmte Bahnen zu lenken, also Halachah und Religionsphilosophie sind bedauernswerte Verirrungen, die den Aufstieg zu reineren und. freieren flöhen hemmen. Und es mutet fast grotesk an, wenn Buber erzählt, mit welchem Entsetzen er die .Nachricht gelesen habe, in einer Kolonie des neuen Jischub sei ein Verein gegründet worden, der — man denke — das Studium des Talmuds, seinen Mitgliedern zur Pflicht mache ... Hat Buber, in dessen Brust noch ein Funke von einer der hervorragendsten hebräischen Kunstkritiker und wohl einer der besten Kenner jüdischer Musik. Er war ein Wahrheitssucher; er wünschte nichts'mehr als „Brot zum Essau und Kleider zum Kleiden* und seinem Beruf, den er von der idealsten Seite erfaßt hatte, zu leben. Unser Feuilleton reflektiert den erschütternden Kampf des Geistesgroßen mit den Atrocitäten des Lebens. Da widerfuhr ihm das Schicksal des armen Fischers in Macbeth, dem die Hexe einen Goldklumpen ins Netz spielt. Als er durch das Eingehen des Wiener jüdL> ■ sehen Tagblattes die letzte Möglichkeit geistigen Schaffens verlor, zwang ihn der Befehl des Lebens, sein Genie auf die Lösung der Probleme des Züricher Kurszettels zu verwenden. Da hörten wir die seltsame Mär, das Lubetzky reich geworden wäre und flott an der Leiter der Millionen emporklimme. Ich finde ihn da einmal in dem bekannten Schottenring-Gafe, umringt von Kommittenten. Er läßt sie alle in Stich und ist bald, alles um sich her vergessend, in einer Meditation über jüdische Literatur und Politik versunken, kritisiert Birnbaum, Achad Haam und Sokolow. Er begleitet mich den Schottenring hinunter und beginnt sich bitter über — seine Lage zu beklagen. „Ich verschwinde oft auf acht bis vierzehn Tage von hier,* sagte er, „weil ich mich vor mir selber meiner Tätigkeit schäme, um einige Tage Achtung vor mir selbst zu gewinnen." Mitten in dem berüchtigten Mittagskorso ging da ein beneideter erfolgreicher Valutakünstler — er stand damals auf der Höhe seiner ^Erfolge — und stöhnte verzweifelt: „Ich versichere, daß mir bei diesem Leben so elend zu Mute ist, daß ich oft daran denke, mir das Leben zu nehmen!" - Ich sah ihn überrascht an. Das war keine Pose! Ich hatte ihn wahrhaftig niemals, nicht in der Zeit seiner bittersten, Not, so kummervollen Gesichtes gesehen wie jetzt. Ich frug ihn, warum er, der er stets die Herausgabe eines großen Verlagswerkes geplant hatte, nicht jetzt, wo ihm selbst alle Mittel zur Verfügung stünden, daran denke. Er beklagte sich über das jüdische Publikum. Wer nicht den Machthabern oder dem vulgären Geschmack des Publikums schmeichele, könne auf keinen Erfolg rechnen. Dann kam' der letzte Akt des Dramas: Lubetzkys Hexengold verschwand, wie im Märchen. Nochmals in den Wirbel physischen und seelischen Elends tauchen konnte er nicht mehr. Der g-ttlose Gedanke, der ihn selbst im Glücke plagte, war übermächtig in ihm im Unglücke. So schied er aus dem Leben, von dem er nie „Reichtum und Ehre, sondern' nur Weisheit" verlangt hatte, und das — wie immer — die Sünden der Zeit an ihm, einer der Besten seines Kreises, heimgesucht hat. S. B.