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Jüdische Presse · 1921-10-14 · 36 (14.10.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
36 (14.10.1921)
Date
1921-10-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 256 JÜDISCHE PRESSE Nr. 36 Unsere Jagend Zaghaft, leise tastend näherte sich die Aguda anfänglich der zarten Seele unserer Jugend. Vieles war zu gewinnen, wenn es gelingt, den Funken der Begeisterung für die großen Ideale der Agudabewegung im Herzen der Jugend zu einer Glut zu entfachen. Aber manches stand auch auf dem Spiele. Ein Jahrhundert der traurigsten Erfahrungen lehrte die Führer der Agudas Jisroel der Jugend gegenüber die größte Vorsicht walten zu lassen, als sie daran gingen, den Agudagedanken in die breiten Schichten des orthodoxen Judentums hinein zu tragen. Eine Bewegung sollte die Aguda werden, umfassend und hineingreifend in das tausendfältige Leben eines Volkes, das auf eine dreitausendjährige Geschichte zurückblickt und das sich auch unter den geistigen Schwankungen der Gegenwart seiner unwandelbaren Zukunftsziele bewußt bleiben soHte. Eine Bewegung, deren Wogen durch einen festen Damm unverrückbarer Grundsätze in Grenzen gehalten wird. Wird die Jugend und die Eigenart einer solchen Bewegung Verständnis entgegenbringen? Wird sie es können? Die Erfahrungen des letzten Jahrhunderts mahnten zur Vorsicht. Haben die Abfallsbewegungen der jüngst vergangenen Jahrzehnte in ihren verschiedenen Äußerungsformen nicht auch' im Leben dieser Jugend ihren besten Nährboden gefunden? Liegt es nicht im Wesen der leicht entzündbaren jugendlichen Seele, daß sie, einmal von einer Bewegung erfaßt, keinen Halt mehr kennt und weit hinaus über die ursprünglichen Ziele dahinflutet? Diese Fragen und Bedenken quälten die Geister als der A&udagedanke in die Welt hinaus gesandt wurde. Und doch. Die Jugend mußte heran. Alle Versuche, daß beinahe unmündig gewordene, gesetzestreue jüdische Volk zur Selbständigkeit, zum Selbstbewußtsein und zur selbstgewollten zielsicheren Lebensbetätigung zu erwecken, würden scheitern, wenn es nicht gelänge, die Jugend für die Bewegung zu' sichern. Man war sioh darüber im klaren, nur die Jugend würde die Bewegung für die Dauer im Schwünge erhalten und nur aus ihr würden der Agudas Jisroel jene aktiven Arbeitskräfte zuströmen, die keine Bewegung missen'kann. Die Entwicklung der Agudas Jisroel seit ihrer Gründung vor 9 Jahren bis auf den heutigen Tag hat gezeigt, daß unsere Jugend die Hoffnungen, die an sie geknüpft wurden, in vollem Maße bestätigte. Vom ersten Tage an war es vornehmlich die Jugend, die Söhne und Töchter derjenigen, die sich ihr Judentum den Reformbestrebungen des vorigen Jahrhunderts unter unsäglichen Opfern förmlich abringen mußten, die Söhne und Töchter andererseits derjenigen, fdie in unseren Tagen den kulturreformatorischen, nationalistischen Strömungen sich heldenhaft entgegenstemmen, sie haben den Agudagedanken in seiner ganzen Tiefe und in seiner vollen Bedeutung für die zukünftige Gestaltung des Gemeinschaftslebens intuitiv erfaßt und zum Bestandteil eines lebensvollen Arbeitsprogrammes gemacht, Wo immer an die Jugend Anforderungen gestellt wurden, sie hat' sie erfüllt. Und wo immer die Jugend sich zusammenfand, um ihre Tatkraft in den Dienst der großen Sache zu stellen, sie hat der Aguda zum Sie^e verholfen. Ueberau1 wo man die Jugend zur Arbeit aufrief, sie war zur Stelle und hat mit bewundernswertem Eifer sowohl die 0 r g a n i s a t i o n kampferfüllten Daseins. .Er lebt von seiner Feder und sein Leben ist eine lange Reihe von Fasttagen und — was noch schlimmer ist — von Erniedrigungen. Er ist ein geschätzter Schriftsteller, doch sein Verdienst reicht nicht einmal für den zehnten Teil seiner Bedürfnisse;' darum ist or gezwungen, alltäglich von neuem um das tägliche Brot zu kämpfen. Er ist schon abgestumpft, die Ungewißheit, wovon er den kommenden Tag leben werde, peinigt ihn nicht mehr; seine größte Sorge ist die nächste Stunde, die nagende Erwartung, wie man über das Heute hinwegkommt. Und'wenn er am Morgen erwacht, starrt er in alle Winkel seiner Stube, nachsinnend, was man noch versetzen, bei wem man eine Anleihe machen könnte. Jeden Morgen eilt er vom Hause fort, mit der dunklen Hoffnung, irgendwo Geld zu bekommen. Zuerst geht er in die Universität, in die umliegenden Kaffeehäuser, um einem Bekannten zu begegnen, bei dem er „etwas kriegen" könnte. Doch die Bekannten, die er findet, sind zumeist arme Studenten, denen er bereits „eine Kleinigkeit" schuldet. Und dann irrt er wieder durch die Gassen und grübelt nach, Vie er sich die kleinste Summe verschaffen könnte. Wahnwitzige Gedanken durchfluten sein Gehirn. Er will nun mehrere Bürger aufsuchen, die ihn stets mit Zuvorkommenheit behandeln. Heute — scheint es — werden sie ihm gewiß nicht Nein sagen. Und weshalb sollte er nicht wagen, sie um Geld anzugehen? Sie sind ja keine wilden Tiere! Er wird, ganz und gar nicht verlegen, einen von ihnen ansprechen, um eine Anleihe ansuchen, mit der starren Zuversicht, nicht abgewiesen zu werden. Dieser Mut währt nur solange, als er sich in seiner Gasse befindet und die Worte zurechtlegt, die er gebrauchen wird. Wenn er in die Wohnung gestärkt als auch den gedanklichen Gehalt der Bewegung vertieft und zu einem System ausgebaut. Nirgends aber haben sich bis heute irgendwelche Nachteile gezeigt. Unsere Jugend weiß, daß sie in allen ihren Lebensäußerungen ges^etzestreu zu sein hat und dieses Thorabewußtsein gibt ihr jene Gemessenheit und Zurückhaltung, die allein die Agudas Jisroel von allen anderen Geistesbewegungen in der jüdischen Gegenwart kennzeichnet. Fangen wir mit D e u t s c h 1 a n d an, wo zuerst Jugendgruppen entstanden sind und diese zu einer straffen Jugendorganisation zusammengefaßt wurden. Wer hätte es vor Jahrzehnten erwartet, daß in dem Urlande der Reformbewegung eine Organisation entsteht, in der sich viele Tausende junger jüdischer Menschen ohne Einschränkung zum G-ttesg'esetze bekennen und Lebensbetätigung und Lebensanschauung bis in die äußerste Konsequenz gemäß den G-ttesgesetzen zu gestalten entschlossen sind? Die Ausblicke in ein hoffnungsfrohes Werden und Neuerblühen jüdischen Geisteslebens in Deutschland sind gerade infolge der Jugendbewegung der Aguda ungemein günstig geworden. Ein Blick in die „Blätter", die Agudabeilage des „Israelit", beweist dem Leser, welche Fülle von Anregungen und Tätigkeiten unserer Jugend in Deutschland zu verdanken ist. In Polen haben entgegengesetzte Bewegungen mit den verführerischsten Mitteln sich der Jugend zu bemächtigen gesucht. Tausende und Abertausende sind in den letzten Jahren auf Abwege geraten. Und es wird, wenn nicht Wunder geschehen, viele Jahre erbitterter Kämpfe und umsichtiger Arbeit bedürfen, um die besseren unter ihnen dem jüdischen Lebenswandel und der jüdischen Gedankenwelt abermals zuzuführen. Die Aguda hat aber dem Fortschreiten des Verderbens durch die Schaffung der Aguda- Jugendorganisation einen Damm gesetzt. Schon sondert sich der Kreis der treugesinnten Jugend zu eigener Lebensbetätigung ab und schon zeichnen sich deutlich die Umrisse einer Entwicklung, die einem geistigen Aufwärts die Wege weist. In ihrer hebräischen Zeitschrift „Diglenu" besitzt die polnische Jugend ein Organ, das nicht nur als Bindeglied zwischen den einzelnen dient, sondern auch ein sehr deutliches Spiegelbild des Seelenlebens der thorabeseelten Jugend in Polen bietet. Man lese diese Zeitschrift und schöpfe daraus die Erkenntnis, daß in Polen eine gesetzestreue Jugend im Heranwachsen ist, die zu den besten Hoffnungen berechtigt.- In Ostgalizien erblickt die Jugend ebenfalls täglich mehr in der Aguda ein geistiges Kraftzentf um, aus dem sie mit Liebe schöpft. Auch die ostgalizische Agudajugend hat sich in der hebräischen Zeitung „H an e z a ch" ein vollwertiges Sprachrohr geschaffen. In jüngster Zeit hat auch,in der Slowakei die gesetzestreue Jugend begonnen, sich um die Fahne der Aguda zu sammeln. In der soeben erschienenen „Die jüdische Jugend" bemüht sie sich, den Agudagedanken publizistisch zu vertreten. Ueber kurz oder lang wird auch die slowakische Agudajugend den Beweis erbracht haben, daß sie wohl imstande ist, das Vätererbe treu zu bewahren und es mit starker Hand in eine neue Zeit hinüberzutragen. Und nun meldet sich auch die Agudajugend im Lande unserer Väter, in Erez Jisroel, zum Worte. Mit einer umfangreichen hebräischen Zeitschrift „Kol Jisroel" tritt sie vor die Oefferltlichkeit. Diese Zeitschrift trägt den Charakter der gesamten Aguda an sich. Sie beginnt mit hochrangigen Chieines Bekannten tritt, verpufft sein Mut. Wenn er seine Bitte vortragen soll, kann er die Zunge nicht bewegen; wie ein Bleikiumpen lastet sie auf dem Ganzen. Bei dem einen verbringt er eine Viertelstunde, bei dem anderen einige Minuten. Und durch den liebenswürdigen Empfang überrumpelt, verläßt er sie alle, ohne sein Anliegen vorgebracht zu haben. Er selbst hat heute noch nichts gegessen. Geld, Geld — der einzige Gedanke, welcher wie ein gehässiger Wurm in seinem Hirn wühlt. Und daheim warten Weib und Kinder. Und da taucht ein Bekannter auf, dessen Weg er selten kreuzt. Neue Hoffnung packt ihn. Er beschließt, bei ihm Geld zu borgen. Er spricht sich Mut zu; voller Freude, dem Bürger gerade heute begegnet zu sein. Dieser freut sich, „den Dichter wiederzusehen" und erzählt, er habe ihn schon einigemale besuchen wollen. Er erkundigt sich, warum er sich nirgends blicken lasse, ob er viel arbeite, ob man in der nächsten Zeit eine größere Arbeit von ihm erwarten könne. Die. Teilnahme seines Freundes sucht er durch übertriebene Höflichkeit zu übertrumpfen und mit jedem seiner Worte tastet er über die Brücke, auf welcher er zu seinem Anliegen gelangen will. Er beginnt dem Gespräch eine Wendung zu geben, um von seinen wirtschaftlichen Verhältnissen erzählen zu können. Er berichtet von Unglücksfällen, die ihn getroffen haben. Aber so oft er seine Bitte vorbringen will, gebricht es ihm an den passenden Worten. Und obwohl er mit einem dunklen Instinkt fühlt, daß er bei diesem Bekannten Geld bekommen müsse, wenn nicht auch seine Familie den ganzen Tag fasten sollte, bricht sein Entschluß jede Sekunde von neuem zusammen. dusche Thora der hervorragensten palästinensischen Autoritäten, denen sich die jüngste Jugend gleichfalls mit talmudischen Scholien und Bemerkungen anreiht. Den zweiten Teil der Zeitung bilden Aufsätze und Nachrichten zu den Tagesfragen — gewissermaßen die Anwendung auf das Leben der Gegenwart aus den Lehren des ersten Teiles. Wer sich die Ueberzeugung schaffen will, daß auch in Palästina immer noch eine Jugend lebt, die trotz aller Anfechtungen den Weg der Thora nicht zu verlassen gedenkt, lese den „Kol Jisroel". Betritt man die Versammlungsräume der Agudajugend in Oesterreich, in Beigien, und neuerdings auch in den Vereinigten Staaten, bemerkt man ein reges Leben pulsieren, das ganz ausgefüllt ist von dem Wunsche, auf allen geistigen und sozialen Gebieten die Aufgaben zu verwirklichen, die die Aguda ihrer Jugend setzt. Die Aguda hat sich in ihrer Jugend nicht getäuscht. Sie ist stolz auf ihre Jugend. Roch. ßoscbana rabba, <fci> Zweitausend Jahre lang haben wir um die Herbstzeit den Palmzweig abgebrochen von den Wäldern des Libanon, den wir weder in den deutschen Eichenwäldern, noch in den Urwäldern Amerikas, noch am Rande des BakonyerWaldes, noch dort wo die Zitronen blühen, vergessen wollten. In der Endlosigkeit unserer Weltenflucht haben wir alle Spielarten der Flora angetroffen, aber nichts galt unserem Herzen teuerer als Esrog. Und wenn in den unfreundlichen Ländern des Exils der Herbst längst sein mürrisches Regiment angetreten hat, so haben wir mit Palmzweigen, Myrthen und Weiden uns den Reiz sonniger Erntezeit in Erez Israel vorgezaubert. Wir ließen den Ghaldäer spotten und es focht uns nicht an, der Perser dräute, wir überwanden ihn, wie das süße Gift hellenischer Kultur und die Gewalt des seelenlosen Römers. Dann traten wir die große Reise endlos in Zeit und Raum an, aber der Libanon ging mit uns ins Golus. Um die Erntezeit sandte er uns das Schnittergeschenk nach allen vier Enden der Welt nach. Selbst dem gefährlichsten aller Verhöhner unseres Glaubens, dem Feinde aus eigenem Stamme haben wir standgehalten* Unsere Armee, bricht wie das Heer Makduffs den Palmzweig vom Baume und Libanon rückt gleich dem Birnamwald sieghaft gegen die Tyrannei des G-ttlosen. Hunderttausend von in Bewegung gesetzten Palmzweigen rauschen Hallel und tausende Chöre singen den Gesang der Wallfahrer nach Jeruscholajim! Hoschana! Le-maancho, Elokenu, hoschana 1 Plony. Rosenbciin über ncojndiscbc Literatur.* Wer sich in der jüdischen Literatur der letzten Zeit umgesehen hat, der hat vielleicht mit Staunen bemerkt, welche Fülle von Publikationen wir besitzen, die sich mit Problemen jüdischer Geistigkeit befassen. Die Zeiten sind vorüber, wo derartige Fragen nur den kleinen Kreis gelehrter Theologen * Jakob Rosenheira:'Beiträge zur Orientierung im jüdischen Geistesleben der Gegenwart. Sänger & Friedberg, Frankfurt a. M. Er gibt sich den Anschein, als lauschte er jedem Worte seines Bekannten, als wäre jedes Wort für sein Schicksal entscheidend; aber seine Gedanken sind dem Gespräche fern. Eine einzige Frage quält ihn: wie soll ich's sagen? Indessen verstreicht die Zeit. Man spricht über vielerlei Dinge, immerfort kreist er mit seinen Bemerkungen um die Hauptsache herum. Es ist Mittag. Der Bekannte nimmt Abschied und von der Anleihe war noch nicht die Rede. Der Bekannte ist gegangen und ein unbezwingbares Verlangen erfaßt den Hungernden, ihn zurückzurufen. Er ruft. Der Bekannte bleibt stehen und freundlich lächelnd wartet er die Ansprache des Rufenden ab. »Mein Herr," beginnt er zögernd, »mein Herr ..." und ohne jeden Uebergang platzt er mit seiner Bitte heraus. „Arn ersten werde ich.es Ihnen zurückgeben. Ich benötige das Geld dringend. Ganz bestimmt am ersten ... es ist dringend ..." Ruhig hört ihn der Bekannte an und aus dem Ausdruck seines Gesichtes läßt sich schließen, daß er das Geld bekommen werde. Nach einem Augenblick aber sagt er, es tue ihm' sehr leid, jetzt sei eine schwere Zeit; wenn er in der Lage sein werde ... gewiß! Und nochmals verabschiedet er sich, eine Entschuldigung zwischen den Zähnen murmelnd. Der Dichter bleibt stehen, begleitet den Bekannten mit seinem Blick und fühlt, wie die ganze Welt vor ihm versinkt. Sein Gesicht flammt vor Scham, im Kopf und im Herzen hämmert es unbarmherzig. Die Gassen treten auseinander und die Alleen begrüßen die Vorübergehenden mit einem starken, heißen Rauschen. Ein stechender Schmerz nistet in seiner Brust. Es ärgert ihn nicht mehr, daß er kein Geld bekommen hat, nur die Demütigung vor dem „Bourgeois8 drückt ihn zu Boden. Die ruhigen, wohl-

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