Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 36 (14.10.1921)
- Date
- 1921-10-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tarnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K400*—, Ungarn K 250'-, Tschechoslowakei Kö. 70«-, Deutschland Mk. 60*-, Schweiz Frcs. 10--, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 600*—. Einzelnummer d.-ö. K 6 -, Kc. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10' Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 36 Wien-Bratislava, 14. Oktober 1921 «wm nwi v rrnDCsrc - rrn ,tjd 7. Jahrg. SJXJJKKOS* Baut nochmals nach Väterart die Nomadenhütte, die leichtgezimmerte, das Wahrzeichen eures Ahasverlooses! Sukkos hieß schon die erste Station des ewigen Wandervolkes. Sukkos wird auch die letzte sein, wie in dem vorbildlichen Schicksale Jaakows, der aus dem Golus Aram vervollkommnet an Leib,' Seele und Erwerbsleben in Sukkos den Boden der Väter betrat und wieder nach Abrahams Ar^ den Namen des Ewigen anrief. Eine Mahnung ist Sukkos an die Vergänglichkeit des Volksglückes im Golus. Niemand aus unserem Volke wurzelt so fest im Dasein des Golus, daß •er nicht stündlich gewärtig sein dürfte, von dem trügerischen Frieden aufgescheucht zu werden von dem schrecklichen Baskol: „Ze midirat kewa!" Sukkos traurigster Art sind auch jetzt errichtet an allen Wegscheiden der in unseren Tagen so übermächtig gewordenen Goluswanderungen! Konzentrationslager . . . Auswandererhallen . . . Flüchtlingsbaracken . . . Quarantänen ... sie sind erfüllt mit Kindern unseres Stammes, sie bilden ein herzerschütterndes Memento der Wandelbarkeit unseres Glückes in der Diaspora! Von eurer symbolischen Sukko gedenket ihrer, der vielen edlen Familien, die einst mit aller Innigkeit des Ostens ein g-ttgeweihtes Haus geführt hatten, von dem Wirbel mit aneinander ringender Stürme des Krieges und der Revolutionen herausgerissen wurden „vom festen Wohnsitz in die Unbeständigkeit", ein; achnterzensjiei^eafc^ durchkosten. '' Wehojisso ach someach! In den Freudenkelch des Jomtow mfechet den Wermutstropfen brüderlichen Mitfühleris! — Als Fest des Einsammelns des Feldreichtums galtChag hoosif, in seinem goldenen Zeitalter' als" Israel seine Volkskraft aus fruchtbringender Arbeit auf dem eigenen Erdreich geschöpft hat. Aber auch in der Gegenwart bedeutet Ghag hoosif für so viele die frohe Rückschau auf den ansteigenden Weg des Gelingens. Ueber Tausende,von Häusern in Israel hat sich das Füllhorn des Glückes in ungeahnter Reichlichkeit ergossen, während Hundertlausende jüdischer Brüder von derselben Welle in den Abgrund gerissen wurden, welche jene auf den Gipfel des Wohlstandes emporgetragen hat. Wohl niemalsin der Geschichte unseres Volkes hat das Schicksal solche Gegensätze des Glückes zwischen den Kindern Abraham, Isak und Jakob geschaffen, wie in unseren Tagen, niemals hat das g-ttliche Gebot des brüderlichen Ausgleiches, der an den Schoiosch regolim in Erscheinung treten soll, solche Bedeutsamkeit erlangt, wie in den festlichen Tagen, denen wir entgegengehen. „Jedermanns Gabe sei wie der Segen des Ewigen, den er dir verliehen hat." 0, begeht doch keine Hinterziehung der g-ttlichen Steuer des Maasser, wenn ihr festlich vor dem Antlitz des Ewigen hintretet! Gebet den Armen und Unglücklichen, den Kindern G-ttes ihren gebührenden Anteil an dem Segen, den ihr himmlischer Vater für sie heischt. Der höchste Wert des im Kampf ums Leben Errungenen besteht in der erworbenen Möglichkeit, Glück zu spenden. Er gibt dem Ringen nach irdischen Gütern die Weihe des Sittlichen! - Jomim towim bedeute uns die Tage der Guten, Tage der Brüderlichkeit in Wort und Tat, Tage der Abkehr vom werktäglichen, rohen Existenzkampfe und Erhebung zur sittlichen Größe des biblischen Judentumes. Und schmücket die fromme Hütte mit einfachem, aber farbenreichem Zierrat; laßt eure Kinder die Seligkeit eurer Kindheit wieder erleben und sie mitschaffen am Bau und an der Ausschmückung der Sukko* Aus billigem,- buiit^a Bapiere lehiÄ'Ö heilifeev Zeichen und Sprüche bilden. Unnachahmliche Festesfreude liegt in dem ansprichslosen Interieur! Raum ist auch in kleinen Hütten für ein glückvolles, g-ttgefälliges Leben. Die sieben heiligen Tage, die ihr ferne von euren im angestrengten Wetteifer um Prunk und Kostbarkeit, oft um den Preis der Seelenruhe errungenen Wohnungen verbringen sollet, sie sind geweiht durch das Wesen antiker Einfachheit; sie ziehen vorüber als Mahner zur Anspruchslosigkeit. Und nehmet die Frucht vom Hodorbaume, Palmgezweige, die Myrthe und auch die Weide und zaubert in die freudlose Goluswelt die Illusion, das Land rauschender Palmen und duftender Myrthsn, goldener Paradiesäpfel und wogender Bachweid* Den gera beena de-sitna! Die Palme, das Symt des Friedens, ist eure Lanze, eure einzig Waffe! Ueber eurem Altar darf kein Mordstahl g schwungen werden. Das Schwert ist das Attrib«„ Esaus, deine Waffe ist die Palme, die „ungespaltene, raubfeindliche und unverwelkliche",' deine Legion sind die mit; der Friedenspalme Bewaffneten und dein Friede erblüht aus dem Vöikerfrieden. Bm. Die Väter. (Laubhüttenballade.) Die Herbstnacht streichelt kühl die Aeste — Die Sukah harret ihrer Gäste--- Die Sukah harrt der heil'gen Väter Das Mondlicht rieselt durch den Aether--- Das Mondlicht fällt in bleichen Wogen Die Väter kommen schon gezogen---1 Die Väter schreiten schon zur Hütte Du abeY-hörest kaum die Schritte--— t Du hörest kaum die heil'gen Greise Sie sitzen da und seufzen leise---- Sie sitzen da an Deinem Tische — Doch plötzlich' rauscht es im Gebüsche — — - Es rauscht und reißt das Laub vom Dache — „0, fürchte nicht, wir halten Wache.--« „0, fürchte, nicht" — die Väter .flüstern — 4> „Üiid mag es tausendmal so knistern — «v ' - - Und mag es tosen, mag es stürmen — Wir bleiben hier um Dich zu schirmen--- Wir bleiben hier und halten Wache — 0, fürchte nicht des Feindes Rache ..." Der stumme Kämpfer. Eine Skizze von Ä. Loubetzky.* Ich sah ihn zum erstenmal, in der „Gass". Mein Bekannter, der mich durch die Stadt führte, zeigte mir ihn aus der. Ferne. Als ich stehen blieb und ihn vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete, war es, als ob Häuser und Gassen verschwunden wären. Ich sah nur ihn, sein Gesicht, sein Gewand. Und ich wußte sogleich, daß ich ihn erkannt hätte, ohne auf ihn aufmerksam gemacht zu werden; denn das Gesicht, das Gewand, die Bewegungen dieses Menschen glichen vollständig dem Bilde, das ich mir von ihm gemacht hatte. Mein Begleiter zupfte mich ungeduldig beim Aermel, aber ich konnte mich nicht entschließen, weiterzugehen. Wie festgewurzelt stand ich da, ihn mit meinem Blick begleitend! Und meine Träume regten sich: denn der Lebende, den ich jetzt sah, besaß etwas von dem Zauber, der unsere Traumbilder so wahr macht. Er war mittelgroß und schwarz gekleidet. Sonderbar, daß alles, das ich an ihm sah, schwarz war. Haar, Farbe des Gesichts, Kleider, Masche, Hut — von tiefem, stumpfem Schwarz. Eine stille Ehrfurcht wehte mich an. wie vor einem Leidtragenden. , Er schritt schon die letzten ^äuser der „Gass" entlang und noch immer ruhte mein Blick auf ihm. Und als er um die nächste Ecke verschwunden war, sah ich noch sein dunkles, stummtrauriges Bild vor mir und ich trug es mit durch die bunte, fremde Stadt. Mein Begleiter bemerkte meine wachsende Unsicherheit und schlug vor, heimwärts zu gehen. „Siehst du ihn oft?" fragte ich ihn beim Abschied. * Nach dem heb. Original , Perach nowel*. „Wen?" gab er zurück. „Nun ihn, den Schriftsteller!" sagte ich zögernd, Mein Bekannter schaute mich verwundert lächelnd an, denn jetzt begriff er meine Zerstreutheit. „Du bist noch ein Kleinstädter," sagte er heiter, „der im Augenblick berauscht ist. Schmierergibt es genug hier. Sie sterben Hungers und kein Hahn kräht nach ihnen." Ohne alle seine Witze über mein Kleinstädtergemüt abzuwarten, verließ ich ihn, niedergeschlagen, verbittert. Und ein unbeschreiblicher Haß stieg in mir auf, ein verzweifelter Haß gegen die große Stadt, deren rauschende Kampfeswellen den Einzelnen zermalmen und verschlingen. , Dies war die erste Begegnung mit dem jüdischen Schriftsteller, den ich seit Jahren kannte. Ich weiß nicht, wann ich seinen Namen zum erstenmal gehört habe, aber ich weiß, daß er schon sehr , lange in meinem Herzen lebt. Und von allen bekannten und berühmten Namen ist sein Name der einzige, an den sich die teuersten meiner Gedanken knüpfen. Seit langem habe ich aufgehört, mich für die jüdische Literatur zu interessieren. In meinen freien Stunden beschäftigte ich mich mit anderen Dingen, Aber die Götter, welche in meinem Herzen leben, stammen aus der jüdisohen Welt. Wahrlich, viele fremde Götter aus fremden Welten, die ich bewundere, sind durch mein Herz gezogen. Lieb sind mir nur meine jüdischen Götter. Und unter ihnen steht „er" an erster Stelle. Bekannt wurde ich mit ihm durch die jüdischen Zeitungen. Viel hat er nicht geschrieben. Bisweilen flatterten ein paar Zeilen über jüdische Fragen auf, ein Feuilleton, ein Bild und doch kennt man seinen Namen. Sein eigenartiger Stil, seine reiche, farbige Sprache, bescheiden bei all' der Pracht und Fülle, seine neuen Gedanken über uns Juden — man erkannte sogleich, daß der Schreiber kein akademischgebildeter Theoretiker war, sondern ein -Mann voll des inneren Lebens. Viele Jahre sind vorbei, seit ich seine Schriften gelesen habe, aber ihr Eindruck lebt in mir und wenn ich mir über den Wel t seiner Arbeiten Rechenschaft ablegen will, die Macht seines Geistes erwägena, so sehe ich in ihnen das Werk eines Schriftstellers mit einer weichen, großen, erhabenen Seele, deren banges Leiden er vor den Menschen verbirgt, um es in seine Skizzen und Erzählungen umzuformen. Jedesmal, wenn ich seine Schriften las — ich erinnere mich wohl — kam es mir vor, als ob die jüdische Welt in atemloser Spannung den nächsten Morgen erwartete, wo die Fortsetzung seiner Arbeit erscheinen sollte. In einer engen, düsteren Gasse eines ärmlichen Stadtteils wohnte er, im letzten Stockwerke. Krumme finstere Holzstiegen, ein dunkles Vorzimmer, ein kleines niedriges Zimmer — das war sein Heim. Als ich zum erstenmal an seine Tür klopfte, glaubte ich in ein Grab einzudringen. Ein mageres, blasses Weib, das wie , ein bewegliches Knochengerüst erschien, öffnete. Nichts gab's an ihr zu sehen, nur die Augen. Und auch bei den anderen im Zimmer bemerkte ich nichts als die Augen. Seine Augen, die Augen seiner Frau, die Augen der Kinder, alle hatten denselhen Ausdruck: offen, verwirrt, fragend. So blicken die Augen der Armut und des Leidens. Ich wurde ein häufiger Gast bei ihm. Fast jeden Abend stieg ich die dunkeln Treppen hinauf und oftmals besuchte ich ihn auch am Tage. Die ganze Zeit hindurch beobachtete ich seine Lebensführung und war Zeuge seines qualvollen,