Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 35 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 JÜDISCHE PRESSE Seite 247, Kommen wir dem Ideale »Sie sollen alle einen Bond bilden" näher? Roseh-Haichana-B«tra«htung «ines Afthiisteii. Die Einheit als jüdisches Ideal. Die herrlichsten Stellen der heiligen Schrift und der späteren jüdischen Literatur gipfeln in den Schilderungen einer Epoche, in der alle Gegensätze zwischen den Menschen geschlichtet, Krieg, Haß und Feindschaft auf immer begraben, Eintracht und Friede alle Lebewesen erfüllen und sie zu einem Bunde „aguda achas" vereinen. Dieses Ideal lebt in den Herzen vieler und bildet ein Gemütspostulat der großen Massen, gerade in den Zeiten unaufhörlicher leidenschaftlicher Gehässigkeit. Doch haben die Denker der letzten Jahrhunderte in ihrer stillen Denkarbeit für die moderne Menschheit andere Ideale erdacht, im Gegensatze zu diesem (Seelen)bunde, der allen Streit in Ruhe und Ordnung untergehen läßt, haben sie das rastlose Streben, das Ringen und Kämpfen — nicht für materielle, sondern für ideale Werte — als den Idealzustand der Gesellschaft bezeichnet. So lautet schon ein von Lessing erzählter Ausspruch, wonach er den Kampf um die Wahrheit wertvoller hält als die Wahrheit selbst. In diesem Sinne bezeichnet Ehering, der große Rechtstheoretiker, den Kampf um das Recht als das Wertvolle, Erstrebenswerte, nicht das Recht selbst. Ebenso gilt der Kampf um die Freiheit mehr als die Freiheit selbst, als ein Völkerideal, als ein ruhmvolles Streben der sich entwickelnden Menschheit. Die moderne Generation, die in den Lehren dieser Denker erzogen wurde, kannte daher dieses Ideal der geruhsamen Einigkeit nicht, ja sie verwarf es als einen Zustand, welcher Erschlaffung, Trägheit und Kraftlosigkeit im Gefolge hat. Nicht Ruhe, sondern Bewegung, Kampf, Rivalität können die Kräfte der menschlichen Gesellschaft anspannen und sie zum Fortschritte zu antreiben. Es gibt somit zwei konträre Ideale von der menschlichen Zukunft, die durch die gegensätzliche Auffassung von der menschlichen Vergangenheit bedingt sind. Steht man auf dem Standpunkte der Heiligen Schrift, daß in der Urzeit der Menschh eit ein Paradies, still, freundlich, geruhsam, für sie bereitstand, das nur durch menschliche Sünde in eine Hölle von Haß, Zwietracht, Kampfund Blut verwandelt wurde, so ist es;ja konsequent, wenn man sich ein Ideal der menschlichen Zukunft denkt, daß mit dem Urbeginn der Welt in Einklang steht Selbstverständlich setzt diese Auffassung, von der Urzeit und der Zukunft der menschlichen Gesellschaft voraus, daß die Urquelle des menschlichen Glückes außerhalb der Menschheit -liegt* dessen teilhaftig zu werden das erstrebenswerteste Ziel der Menschheit ist. Hat - man einmal die moralische Vollendung erreicht, dieses g-ttlichen Glanzes teilhaftig zu werden, so ist dieses Erfülltsein von dem g-ttlichen Glänze ein Zustand, der die Menschen beglückt und befähigt, in diesem Glücksgefühle mit all ihren Mitbrüdern friedlich vereint der Quelle dieses g-ttlichen Glanzstromes sich zuzuwenden und in diesem Glückszustande zu beharren. So ist das jüdische .Ideal „Sie mögen einen Bund bilden" als Bedingung geknüpft an den zweiten Teil des berühmten Satzes „um den Willen ihres Schöpfers aus vollem Herzen zu erfüllen". Bis diese Bedingung nicht erfüllt ist, ist ja selbst für jene, die dieses Ideal als eine religiöse Satzung hinnehmen,, geboten, für. dieses Ideal des Friedens kämpfen. So gehört also auch dieses Ideal zu den menschlichen Gütern, die erst erkämpft werden müssen. Der Unterschied zwischen diesem jüdischen Ideal der Aguda achas und dem modernen Ideale des ewigen Kämpfens und Ringens bleibt aber immer ein gewaltiger. Bei dem jüdischen Ideale ist dieses ' Ringen ein zeitlich beschränktes, ein notwendiges Uebel, ein Mittel zur Erreichung des Zweckes, hingegen jenen, die sich die menschliche Urzeit schon in Kampf und Hader vorstellen und keine außermenschliche Kraft als antreibendes Motiv anerkennen wollen, bleibt der Kampf als Selbstzweck, der dauernde Kampf das Zukunftsideal. Doch ungeachtet dieses im Grunde unfriedlichen. Endideals unternehmen die Völker in der Periode der Kriegsmüdigkeit Versuche das jüdische Friedensideal zu verwirklichen. Versuche rnr Verwirklichung. Diese theoretische Auseinandersetzung soll durchaus keinen Abbruch tun dem grandiosen Versuch auf dem Wege der Verwirklichung des jüdischen Ideals, welcher durch Schaffung des Völkerbundes den Nachkriegsmenschen sich offenbart, es soll hier nicht genörgelt werden an der Schaffung dieses Bundes, wie weit es ernst mit dieser Körperschaft ist. Gerade wir Juden, erfüllt von unserem Urideale des einzigen Bundes der Aguda achas, sind nur allzu gerne geneigt, diesen Versuch einer Verwirklichung ernst zu nehmen. Dabei wollen wir es für uns festhalten, daß /es zur Schaffung dieses Bundes erst kommen könnte, nachdem Klarheit in das Verhältnis der Völker und Nationen zu einander geschaffen worden ist. Solange Existenz und Existenzberechtigung der Völker, selbst des kleinsten Völkchens, noch nicht anerkannt sind, solange man bestrebt ist, durch andere Prinzipien, die dieses primitive Recht verdrängen und unterdrücken, zu verwischen, könne selbstverständlich von einem Völkerbunde nicht gesprochen werden. Erst die Klarheit in dem Verhältnis der Völker zueinander auf Grund der Anerkennung ihrer Daseinsberechtigung könnte dieses Ideal verwirklichen, mögen die heutigen Formen der Verwirklichung noch soviel Anlaß zur Skepsis geben. Nebst diesen Tatsachen wollen wir noch den Umstand festhalten, daß für die Idee des Völkerbundes und die Schaffung ihrer notwendigen Vorbedingungen schon früher gekämpft wurde, immerhin wurde dieser Kampf damals von den Machthabern als störend, revolutionär, frevelhaft empfunden und als Zwietracht säend verurteilt, und darum selbstverständlich mit allen Mitteln bekämpft. Wie in der großen historischen Welt geht der gleiche Prozeß auch im jüdischen Volke vor. Auch hier wurde im letzten Jahrhundert das Selbstbestimmungsrecht des edelsten Teiles unseres Volkes verdunkelt durch Machthaber, die es gewußt oder mindestens instinktiv gefühlt haben, daß dieses Selbstbestimmungsrecht das Ende ihrer Herrschaft über die jüdischen Massen bedeutet. ,Die ständige Unterdrückung der thoratreuen Massen hat sie aus ihrer Beharrlichkeit herausgeführt, sie haben es verstehen gelernt, ihr Recht nach eigener Fasson selig zu werden und die jüdischen Institutionen, den Aufbau des jüdischen Volkes nach ihren Pinzipien, die mit jenen der heiligen Schrift, der überlieferten Tradition identisch sind, obwohl von den Voreltern ererbt, dpch erst neu erkämpfen zu müssen. Dieser Kampf ist in vollem Gange. Dieser Kampf wird als Zwietracht säend von den Mächthabern empfunden. Doch vergessen sie die Tatsache, solange keine Klarheit in das Verhältnis eines Volksteiles zum anderen geschafft wird, solange die einzelnen TeiJe des jüdischen Volkes'nicht nach Weltanschauungen, nicht nach Prinzipien gegliedert sind, solange können sie 'keinen Bund bilden, der. nach außen hin das jüdische Volk einheitlich repräsentieren könnte. Agudas Jisroel nimmt für sich in Anspruch, durch ihre Prinzipien diese Klarheit in das jüdische Volk getragen zu haben. Agudas Jisroel will vor allem die zersprengten Glieder des jüdischen Volkes, die das Vertrauen in die unverbrüchliche Geltung des G-ttesgesetzes nicht verloren haben, zusammenschließen, um so geeint der Forderung Geltung zu verschaffen, daß alle jüdischen Aufgaben im Geiste dieses unverbrüchlichen G-ttesgesetzes gelöst und geleitet werden. Werden die übrigen Voljcsteilej die dieses Prinzip für sich nicht anerkennen wollen und sich eine andere Organisationsbasis suchen, diese Tatsache anerkennen und auf Grund dieser Erkenntnis den. Zusammenschluß der nach Weltanschauung und nach Prinzipien organisierten Volksteile erstreben, so scheinen, die Voraussetzungen, vorhanden, die die Schaffung eines einheitlichen Bundes ermöglichen, und in diesem Sinne nimmt Agudas Jisroel für sich in Anspruch, dem £lten Ideale deo; Agudas achas die jüdische Welt mit einem Schritte näher gebracht zu haben. Doch ist diese Art der Verwirklichung des Ideals von Aguda achas bloß etwas vorübergehendes. Wir dürfen es keinen Atigenblick außer acht lassen, dä das heilige Ideal unserer frömmsten Gebete ih diesen ernsten Tagen wird erst erreicht werden können, falls der Zusammenschluß aller Juden vorerst und dann äller Menschen auf Grund des unverbrüchlichen G-ttesgesetzes versucht und vollzogen sein wird. J. P. €rste Konferenz der ßesetzestrenen von Böhmen, mähren and Schlesien in Brünn. Sonntag, den 18. September, fand in Brünn die erste Konferenz der gesetzestreuen Juden statt. Etwa 100 Delegierte aus den meisten Gemeinden der drei Länder waren erschienen. Die Konferenz wurde in Anwesenheit von zirka 200 Personen, Delegierte und Gäste, eröffnet. Herr Rabbiner Dr. Nürnberger hielt in hebräischer und deutscher Sprache die Begrüßungsrede. Es wurden in das Bureau gewählt: Vorsitzender Dr. Max Beer (Mähr.-Ostrau), Stellvertreter Dr. Jeiteles und Markus Ungar (Prag), Schriftführer Dr. Josef Flesch und A. Steiner (Brünn). In den Permanenzausschuß wurden gewählt die Herren: Dr. Baß (Oderberg), Dr. Nürnberger (Ung.-Brod), Dr. Beer (Mähr.-Ostrau), S. Gierer (Jägerndorf), Max Hickl (Brünn), Dr. Sal. Lieben (Prag), A. Steiner (Brünn), Jak. Schön (Ung.-Brod), G. Springer (Boskowitz), M. Stiegel STroppau),' Gh. J. Schönberg (Mähr.-Ostrau), Markus ngar (Prag). An den Präsidenten Masaryk wurde ein Huldigungstelegramm abgesandt. Hierauf erstattete Doktor Beer das Referat über: „Die Lage der gesetzestreuen Juden." In ausführlicherweise entrollte der Referent ein gar trauriges Bild über die Zustände und Verhältnisse in unseren Ländern. Herr Doktor Nürnberger sprach über Organisation und Richtlinien, Herr Direktor G. Springer und Markus Ungar (Prag) hielten ihre Referate: „Programm", Herr Dr. S.Lieben über: „Hilfe für ukrainische Waisenkinder." In der Nachmittagssitzung sprachen die Herren: Dr. Theodör Haas für die Brünner Kultusgemeinde, Dr. Pollak, Wien, für die Agudas Jisroel, Dr. Karl Sonnenfeld für den „Jüdischen Nationalrat", Wilh. Sonderling für den „Esra", Mal Ticho für die „Ghewra". Hierauf wurde das Finanzreferat von Herrn Hickl erstattet. Ein Appell des Referenten hatte zur Folge, daß zirka 12.000 Kronen für > den Gründungsfonds gezeichnet wurden. An der Debatte über die einzelnen Referate beteiligten sich die Herren S. Gierer, Dr. Josef Flesch, Dr. Freifeld, Dr. Jeiteles, Dr. Hrdliökä, W. Sonderling, Moritz Spiegel, A. Steiner, Karl Bäck, Rabbiner Friedmann, Prof. Lieben. Hierauf wurden die Wahlen in das große Exekutivkomitee vorgenommen. Es erschienen als gewählt: Dr. Alt (M.-Budwitz), Dr. BaJ3 (Oder-, berg), Oberrabbiher Dr. Brody (Prag), Karl Beer (Holleschau), Karl Bäck (Ung.-Brod), D. M. Beer (M.-Ostrau), Oskar Bogad (Brünn), Sam. Gierer (Jägerndorf), W. Gzuczka (Gaya), Dr. Josef Flesch (Prag), Dr: Freifeld (Straßnitz), Rabbiner Friedmann (Horaädowitz), Samuel Frühmann (Brünn), Jak. H.'Glück (Ung.-Brod), Max Hickl (Brünn), Ober- Postrat Dr. Hrdliöka (Brünn), Dr. Isidor Jeiteles (Prag), Dr. Berthold Jeiteles (Prag), Prof. Doktor E. Lieben (Prag), Prof. Dr. Sal. Hugo Lieben (Pfag), Lehrer Leopold Löwinger (M.-Ostrau), Rl Meisl (Brünn), Rabbiner Dr. Nürnberger (Ung.-Brod), Dr. Sicher (Nachod), W. Sonderling (Brünn), Jakob S. Schön (Ung.-Brod), Gh. J, Schönberg (M.-Ostrau), Max Spiegel (Troppau), A. Steiner (Brünn), Doktor Stransky (Brünn), D. Unger (Brünn), M. H. Unger (Teplitz-Schönau), Markus Ungar (Prag). S.Werner (Raubowitz), Sam. Zobel (Boskowitz), Heinrich Zaitschek (Brünn). — Es wurde weiters der Beschluß gefaßt, daß sämtliche konservativen Rabbiner Mährens, Schlesiens und Böhmens dem großen Exekutivkomitee angehören. In das engere Exekutivkomitee wurden gewählt: Dr. Max Beer (M.-Ostraü), Obmann, Direktor Gustav Springer (Boskowitz), Kassier. Das Zentralbureau befindet sich Brünn, Adlergasse 12. NACHRICHTEN. ■ ■ , DeuticftSiterreicD. Jubiläum. Schriftsteller J. K r e p p e 1, gewesener Redakteur der .Jüdischen Korrespondenz", begeht am 10. Oktober 1921 den 25. Jahrestag seiner publizistischen Arbeit. „Jesod Hathora", SohulTerein der „Adas Jisroel". Seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist es her, daß die „Jesod Hathora8 in Wien gegründet worden ist. Den damaligen Verhältnissen entsprechend, wurde sie nur als ein ganz kleines Schulwesen gedacht. Die'Zahl der Schüler war sp gering, daß zwei Lehrer den Unterricht in sämtlichen Klassen erteilen konnten. Erst mit der Erstarkung der Orthodoxie in Wien, insbesondere aber durch die große Anzahl der Kinder unserer Ostbrüder, die der Krieg hiehergebracht, mußte zu einer ganz bedeutenden Erweiterung geschritten ,werden. Weder die Schulräume, noch die vorhandenen Lehrkräfte waren für eine solch große Schüleranzahl, die sich nun meldeten, ausreichend. Nach großen Bemühungen ist es dem Vorstande gelungen, in modernen und hygienischen Schulräumen die große Zahl der Schüler unterzubringen, und nun konnte das Schulwesen den nunmehrigen Anforderungen entsprechend umgeändert und an die# Erricntün^ des Kindergartens — .fast der einzige von einer orthodoxen Gemeinde erhaltene — gedacht werden. Mit der Errichtung des ganztägigen Gemorehkurses wurde das )Verk gekrönt. Es ist an dieser Schule für Knaben und Mä'dchen jeglichen Alters die beste Möglichkeit geboten, jüdisches Wissen und jüdische Lehren im streng religiösen Geist zu erlangen. Hand in Hand mit. der Vergrößerung des Schülwerkes stiegen auch die Ausgaben ins Unermeßliche und die „Jesod Hathora" steht nun am Ende ihrer Leistungsfähigkeit, und wenn ihr nicht rasche Hilfe zuteil wird, müßte sie den Unterricht einstellen. Es ergeht daher an alle Freunde und Gönner der Schule die eindringlichste Bitte, anläßlich der hohen Feiertage große Spenden der „Jesod Hathora* zukommen zu lassen, denn es gibt sicherlich keine