Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 35 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 846 JÜDISCHE PRESSE Nr. 35 Trotz all dem erprobtem Gemeinsamkeftsgefühl, das dem Tnorajuden innewohnt, haben wir auf dem Gebiete, das allen Juden am meisten gemeinsam ist, der Liebe zum Lande unserer Väter, dem Sitze unserer vergangenen und zukünftigen Größe nichts Sinnfälliges leisten können, weil uns die Möglichkeiten nicht gegeben waren. In kostspieligen Experimenten, die sich bis nun alle als verfehlt erweisen, hatte die Orthodoxie weder Geld noch Gewissen, zumal sie für Lehre und Leben große Aufwendungen der Wohltätigkeit machen mußte. Nun ist die Zeit gekommen, wo Erez Jisroel aufgebaut werden kann, wo das Gebot der Thora Erez zu besiedeln erfüllt werden kann, ohne daß wir alle Mittel daran erschöpfen. Nun tritt an uns die gebieterische Pflicht heran, für der Jischuw Erez Jisroels im Geiste der Thora die größten Opfer zu bringen. Die Agudas Jisroel hat im Laufe dieses Jahres durch berufenste Kreise Studien in Erez Jisroel gemacht: Es sind bedeutende Schöpfungen auf gewerblichem, industriellem, kaufmännischem'und landwirtschaftlichem Gebiete in Vorbereitung. Es bedarf nunmehr der materiellen Unterstützung der ganzen Orthodoxie und aller Juden, die das Land unserer Väter fördern wollen. Der Keren Hajischuw der Agudas Jisroel wird in seiner Gänze ausschließlich zu produktiven Unternehmungen verwendet. Die Aguda arbeitet mit gewissenhafter Oekonomie und vorsichtig und hofft zum Aufbau Erez Jisroels ihr Bestes beizutragen, als Vorbeitung für den großen Tag, wo der g-ttliche Wille die großen Massen seines Volkes zurückleiten wird in das Land, von dem die reine G-tteserkenntnis, die reine Sittenlehre sich in die ganze Welt verbreiten wird *THK Wl T!K TT!TJT Kinn DTD Gemeinschaft. (Zu Rosch-Haschouoh 5682 von Jacob Joel Braun). „Wie der Hirt seine Herde prüft" ... Einzeln läßt Er seine Geschöpfe an Midas Hadin und Midas Horachamim vorbeiziehen; einzeln wird jede Tat und jede Gesinnungsbekundung gezählt, geprüft und gewogen .. . Schicksalsschwere Augenblicke für das Individuum, für das Einzelwesen, da es als Persönlichkeit beurteilt werden soll... Gezählt, geprüft und gewogen nach dem Maßstabe eines Weltenrichters, des Einzigen, vor dem Wahrhaftigkeit allein bestehen kann am Tage der Zeitenwende . . . „Kann des Schofars Ruf ertönen, ohne" daß das Volk erbebe?" ... Zahllose Fäden werden zu einem Ganzen zusammen gesponnen, tausend unscheinbare Gedanken und Gefühlsregungen, unbeachtete Handlungen, die Millionen werden aneinander gefügt und als Lebensäußerungen einer geschlossenen verantwortungsbewußten Persönlichkeit gewertet und dem „Gesar — Din" unterworfen , .. „Wer wird leben, wer sterben, wer durch Schwert, wer durch Hunger, wer in seiner Vollreife, wer vorzeitig8.. . . Der Strich wird gezogen, über den ganzen Menschen wird entschieden, er selber besiegelt sein Schicksal. . . „Und über die Staat engebilde wird an demselben Tage beschlossen" ... Staaten, Länder, Völker, die tausendfältigen Gruppierungen der Menschen, sie alle erscheinen vor dem Richterstuhle des Weltenlenkers . . . Auch sie schulden Rechenschaft für das, was sie sind, an dem Maßstabe ihrer Daseinsaufgabefgemessen. Sein und Sollen werden einander gegenüber gestellt und auch über sie fällt der „Gesar—Din" .'. . Gemeinschaften haben ihre eigenen Schicksale. „Welche wird dem Schwerte preisgegeben, welcher wird Frieden beschieden, welcher wird Lebensbefriedigung welche unter anderen Zonen und Zungen, vor längstentschwundenen Zeiten die Menschheit beglückt haben, daß die wahren Dichter Werke schufen, die ihre Wirkung ohne Rücksicht auf Grenzpfähle ausüben. Im Gegenteil, man wäre beinahe berechtigt zu sagen, daß nur das Internationale, das allgemein Menschliche in der ästhetischen Kultur bleibende Werte gestaltet hat. Freilich hat auch diese Kultur ein gleißend Geheimnis, das Geheimnis der Lüge, sobald man glaubt Disharmonien mit einer Täuschung ausgeglichen zu haben, sobald man durch das Spiel der Formenschönheitt die ästhetische Kultur verflacht. Nur wenn man erkannt hat, daß manches, alles, was menschlichem Erkennen sich zunächst als häßlich,, als des Schönen Widerspiel aufdrängt, letzten Endes nur mit einem in das Ewige, Unvergängliche gerichteten Blick betrachtet zu werden hraucht, um ihm Untertöne wahrer Harmonie zu entlocken, nur dann überwindet man jene Hemmungen und ahnt, was es heißt, wenn wir im Malchijoth um eine Offenbarung der Schönheit des Ewigen * beten, Schönheit, die in Einheit sich darstellt. Doch am dräuendsten erhebt sich gegen die Menschheit eine dritte Welt der Hemmungen, die Welt, welche den Unterschied zwischen Gut und Böse in Erscheinung treten läßt, die Weithin welcher scheinbar sich der üjrfolg an das Böse heftet. Die Versuche diese Hemmungen zu überwinden, nennt man ethische Kultur und hat damit die höchste gespendet, und welche wird Mangel erleiden müssen?•• ... Die Millionen Einzelleben, die die Gemeinschaft in sich schließt, werden gezählt, geprüft und gewogen und darnach über Wohl und Wehe der Gesamtheit abermals entschieden... Auch das „Volk" als solches wird gewertet. Wehe ihm, wenn es zu leicht befunden wird, mochte auch beim „Gesar—Din" über die Einzelwesen Midas Horachamim vorgeherrscht haben! Die Gemeinschaft hat ihre eigenen Aufgaben, ihre eigenen Lebensziele und wird selber für sich zur Verantwortung gezogen." Und auch über die Staatengebilde wird an demselben Tage beschlossen" . .. * * * Die Millionen jüdischer Einzelmenschen erbeben vor der Schwere des Gerichtstages, sie halten Einkehr. „AI chet .. . al chet..." Wer hat nicht Verfehlungen eine Menge gegen sich selber, wessen Taten, Handlungen, Gedanken und Gefühle stimmen samt und sonders mit dem Lebensziele überein, das der Schöpfer ihm gestellt? Und deshalb . . . „al chet... al chet" ... Und „Keneseth Jisroel", die große Gemeinschaft, der G-tt selber den Lebensweg vorgeschrieben, die, wie kein zweites Volk auf.Erden, eine fest umrissene, von allem Weltgeschehen sich deutlich abhebende Aufgabe bis ans Ende aller Zeiten durch die Geschichte zu tragen hat, gedenkt auch sie in diesen Tagen des Weltgerichtes, vor dem sie Rechenschaft legen soll? Ist sie nicht ein eigenes Gebilde mit eigenen Aufgaben und eigenen Lebensäußerungen? .. . Schofartöne erschallen in der Stadt. Die jüdische Gemeinschaft wird vor den himmlichen Thron gerufen ... * * * Die jüdische Gemeinschaft! Ist sie noch? Zeigen ihre Lebensäußerungen als Gesamtheit, als verantwortungsbewußte Gemeinschaft noch die Zuge einer Einheitlichkeit, das Gepräge jenes Volkes, das einst unter Schofartönen seinen Eintritt in die Völkergeschichte anzeigte? Was immer auch" auf Erden geschehen sollte, Keneseth Jisroel war berufen, ihren Weg zu gehen und ihre Wahrheiten zu künden. ^Vd und wie offenbart sich in unseren Tagen diese Gemeinschaft? Sind überhaupt noch Lebensäußerungen vorhanden, die sich vernünftigerweise zu einem Ganzen zusammenfügen lassen? Sie ist Nation, Trägerindes G-ttesgesetzes. Was tat sie, was tut sie, um auch als Gemeinschaft damit Ernst zu machen, wie es unsere Väter so oft taten, als es galt, den gegen sie anstürmenden Wogen des g-ttentfremdelen Weltgeschehens Trotz zu, bieten? y Sie ist Religionsgemeinschaft. Was tat sie, was tut sie, um die Wahrheiten, die ihr Innerstes durchglühen, die sich in allen ihren Kundgebungen offenbaren sollten, über all den kleinen und kleinlichen Tagesfragen hinweg, aufs Panier zu erheben?, Sie ist Kult Urgemeinschaft. Wer sieht; wer hört noch etwas von nationalem Schaffen, von kulturellem Wollen der jüdischen Gemeinschaft im Geiste des G-ttesgesetzes? Sie soll auch politische Gemeinschaft sein. Hören wir Forderungen, vernehmen wir politische Kundgebungen, die auch nur die geringste Kontinuität mit dem besitzen, was Israel einst als Volk unter den Völkern war? * * * Wenn die Gemeinschaften, die Völker und Staatengebilde vor die Schranken des Gerichtes gerufen werden und ihre Taten alle zusammengefaßt gezählt, geprüft und gewogen werden, wird Keneseth Jisroel ebenfalls Einschau halten in ihr eigenes Leben in¬ Beute der Kultur überhaupt bezeichnet. Ach, es ist ein so rührendes, ergreifendes Bild, wie Menschenkinder auf diesem Gebiete ringen, ach, es ist so entsetzlich traurig zu sehen, wie oft ein Sturm der Leidenschaft alle Errungenschaften zerstört und vernichtet. Da beginnt ein neues Suchen, zum mindesten die Grenzmarken zwischen Gut und Böse deutlich zu markieren; denn von dieser Kennzeichnung hängt das Werk der ethischen' Kultur, die Erziehung zur Innehaltung dieser Grenzmarken ab. Und hier, ausschließlich hier, ruhen die Wurzeln der Kraft einer jüdischen Kultur, denn mühelos haben wir im g-ttlichen Wort Weisung zum Weg aus dieser Welt der Hemmungen.' Sieger und Führer auf diesem Gebiet sein, das ist jüdischnational, Sieger im Kampfe gegen jene toderzeugende Irrung, welche glaubte, jenseits von Gut und /Böse der Menschheit einen Platz anweisen zu dürfen. Drum wurzeln und gipfeln alle Gebete dieser Zeit in dem Erkennen und Bekennen, wann und wie wir, wir, der Einzelne und die Gesamtheit dieses Gut gewahrt, diese Grenze eingehalten haben. Darum dringt so erschüttert, in den Schoferoth, in unser Gemüt die Erkenntnis, daß die sichtbare Welt des Jüdischnationalen nur und ausschließlich geschaffen werden kann, wenn die unsichtbare Welt der Jüdischnationalen, unsere ethische Kultur uns zum Panier geworden. Anders nicht. Was suchet Ihr noch? Ist's nicht das Höchste was Ihr gefunden? P. K. mitten dem Völkerwahn der Gegenwart und wird ein Millionenvolk das Haupt auf die Örnst senken, „al chet. . . al chet* . ..? Der Tag der Versöhnung. orrby -isDnn cm Von Samuel Bettelheim. Wenn der hehre Thorawille wahrhaftig lebendig in unserem Tun walten würde, und unser tägliches Gelübde: wir wollen darin|atmen Tag und Nacht, sich zur verwirklichten Lebensregel gestalten könnte, wie müßte da der Sabbat aller Sabbate, der Jörn hakodosch, diese wundersam erhabene Spanne Lebens, die wir „von Abend zu Abend8 der höchsten seelischen Erhebung weihen, deren der Menschengeist fähig ist — wie müßte da dieser Tag wie ein reinigender Sturm in die schwüle Atmosphäre überhitzter Parteilejdenschaft unseres Lagers fahren, wie müßte das eherne Gebot der Versöhnung, das Jahrtausende lange das Volk des harten Nackens in sein Joch zu fügen vermochte, zur befreienden Tat der Entspannung der stets bis zur Unmöglichkeit gesteigerten, durch-den unseligen Golusstarrsinn zu ratlosen Verwicklung getriebenen „Zerfahrenheit in Israel* führen! Die gewaltigen Proportionen des Gegenwartslebens erheischen die Uebertragung der guten kleinen Sitten des Ghettos auf das Größenmaß der weltumspannenden Diaspora. Wie der Fromme im alten Miniaturleben der Kehilla dem Nachbar am Bußtag Versöhnende Hand geboten hat, bevor er es wagte für sein sündiges Golusleben Verzeihung von dem Allerhöchsten zu erflehen, so erwächst für alle Führer in Israel der vertausendfachte Imperativ in diesen Tagen, die uns aus dem Elend des Golus-hanefesch für einige weihevolle Momente empor 'zu heben vermögen, zu jener sittlichen Höhe, die unsere g-ttbegnadeten Owos errichtet haben, Versöhnung zu suchen. Aus der gewaltigen Fülle der leidenschaftlichen Akzente unseres Jomkippurgebetes leuchtet als Leitmotiv die aus dem Mikro kodesch geholte g-ttliche Apostrophe: „Denn an diesem Tage versöhnt Er euch, damit Er euch rein gestalte von euren Verfehlungen, vor dem Ewigen sollt ihr rein gestaltet werden". Dieser in der Wüste Sinai erschollene Willensausdruck des Ewigen führt die Ungeberdigen, die Widerstrebenden, die einander Hassenden mit unbezwingbarer Macht noch nach Jahrtausenden in eine Versammlung, unter einem anerkannten Führer zusammen. Sie alle, die Mehadrin, dieFrommen, die Nationalen, die Voraussetzungslosen, sie sprechen einheitlich wie Israel am Sinai,, das Amen nach allen Bekenntnissen der Souveränität der Thora, die sie draußen im Leben oft verneinen wollen. Umalächra baal-kprcho jaane omen! Der Vertreter des bösen Prinzipes spricht an diesem Tage unzählige Amen zu dem verläugneten, ewigen Bekenntnisse nach. Das schmerzliche Sinnen nach dem Problem der Einheit Israels, hier wird ihm Erleuchtung, und Wegweisung. Einheit gibt es nur um Namen dessen, der die Einheit des. Weltalls bedeutet. Die erhabene Bedeutung des Jomkippur verliert ihren Hochwert, wenn von diesem Tage nicht ein Schimmer hinüber gerettet wird-ins folgende'werktägliche Leben. Jomkippur gilt nicht für denjenigen, der diese Form der Einheit an dem nächsten Tage wieder verleugnet. Das Prischus des Thorajuden, von dem Gegner als. Versündigung gegen die Einheit Israels verschrieen, hört für den idealen Moment auf, wenn der Leichtfertige die Souveränität des Thoragesetzes anerkennt, dann ist es jenem nicht langer Gewissenslast, sein Gebet „mit dem Uebertreten zusammen" zu vereinigen. Diese Reinheit, diese auf dem gemeinsamen Bekenntnis der Führerschaft des Thorageistes beruhende Einigkeit, ist die Lehre des großen Tages, sie könnte segensreich hinauswirken in das von unseligen Kämpfen heimgesuchte Volksleben, sie könnte unser Volk mit unvergleichbarer Begeisterung entflammen und ihm die große sittliche Kraft verleihen, der es bei seinen gewaltigen Aufgaben nicht entraten kann! Sie allein und keine andere! En os elo Thora! gestehen selbst Jene, die es selbst ehrlich versucht haben, das große Rätsel der Menschheitsgeschichte, das Judenproblem nach den Methoden anderer Völker zu lösen. Ein Tag ist uns losgelöst von der Schande des Goluslebens, an dem wir einig in G-tt, über alle irdischen Leidenschaften erhaben, wie gleiche Kinder gleicher Eltern, restlos in derem Geist aufgehen. Als Auswirkung dieses Tages ringt sich zum Schluß inniger als je in einheitlichem Chore, das Credo Israels, das Bekenntnis des „Echod" aus rein gewordenen Seelen. Ein Schofarton antwortet wie ein Widerhall aus der Urzeit und die Gemeinde fühlt sich freudig erhört und erwidert erlö^stj: leschono haboo. Wenn sich der Charakter des Tages ausweiten könnte zum leitenden Gedanken des Jahres, aus dem einen „guten Tage" des Jomtow sich das erflehte „gute Jahr" des Schono towo entwickeln könnte, das g-ttliche Achdus des Jomkippur zum im Zeichen der Thora waltenden Bruderbundes des Jahres, dann würde der schwache Klang des Jomkippur Schofars anschwellen zum Schofar godol, nach dem hundert Generationen sehnsüchtig aushorchten, und leschono haboo würde sich vom Gebete zum Erlebnis wandeln!