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Jüdische Presse · 1921-09-30 · 35 (30.9.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
35 (30.9.1921)
Date
1921-09-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, IL, Malzgasse 12 a. — Telephon Nn 49.054. Tschechoslowakei': Bratislava, Turnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß.: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für OsterreichK400'r-, Ungarn K 250*—, Tschechoslowakei Kc. 70'—, Deutschland Mk. 60*—, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 600«—. Einzelnummer d.-ö. K 6 -, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10'— Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 35 Wien-Bratislava, 30. September 1921 .tcann Wjk 10 nuep-e - 'im n-y: I 7. Jahrg. w =w= Rosch-haschono. Jte= Wallende weiße Gewänder des Abendlandes, feierliche, seltsam wehmutsvolle Melodien, herüberklingend aus alten märchenhaft schönen und stolzen Zeiten, Laute einer fremdartigen,Sprache, die aber doch vertrauter als die Muttersprache klingt, unbestimmte, wie das irisierende Farbenspiel ineinanderflutende Hochstimmungen weihen die Erstlingstage des neuen jüdischen Jahres. Wenn sich dem Knaben im Märchenbuche plötzlich die Kyffhäuser-Höhle erschloß und der arme Sohn des in Hunderten von Splittern zerfallenen deutschen Reiches das Bild Barbarossas und seiner Tafelrunde in aller Herrlichkeit als Wirklichkeit erschaute, hat er nicht Wunderbareres erblickt, als der Sohn des jüdischen Volkes, der das> Straßenbild des zwanzigsten Jahrhunderts verlassend, heute in das Bes-haknesses eintritt. Das „Volk der Priester" erscheint an diesem Tage wieder, wie eine Vision aus der Urzeit. Alle sind sie da; die Innigglaubenden und die Seelenlosen, Opferfreudige und Sybarithen, Glaubenshelden und Genußsklaven. Noch wirkt das urzeitlich einfache Signal des Instrumentes aus der Zeit der Vorgeschichte sammelnd selbst auf die an der Pheripherie des judischen Glaubenslagers lebenden TeiXeiuh&e^ Schofars führt sie, die Auseinanderstrebenden, die fremden Idolen fröhnenden, treu vergessen eh Söhne eine,s Stammes zusammen,, unbewußt einer gewaltigen, unzerstörbaren geschichtlichen Macht huldigend. Die draußen im Leben die ewigen Ideale ihres Volkes zum Tagespreise verschachern und blasphemisch .den Volksglauben an den Ewigkeitswert unser ererbten Glaubensgüter verhöhnen, sie stehen an diesem Tage da in der altjüdischen Gewandung, wie sie noch am Siegesobelisk Salmenessers verewigt ist. Und sie flüstern mit unsäglicher Innigkeit die Sprache ihrer Ahnen und werden angerufen bei ihren biblischen Namen. Das Gebot des gewaltigsten aller Erdengesetze, faßt sie mit von Jahr zu Jahr steigender Macht zusammen und nötigt sie, zumindest den Erstlingstag des Jahres zu weihen den drei talmudischen Postulaten: der Unveränderlichkeit des Namens, der Sprache und der Gewandung! Nichts ahnend von der eigenen Größe, versammelt sich da ein Volk, umweht vom Geiste seines großen Dichters, dessen Gluten sich in den unsterblichen Vers ergoß: „Schüttle ihn ab, erhebe dich vom Staube, umhülle dich mit dem Festgewande unseres Volkes." Es ruht im ganzen Volke der sündige Kampf ums Leben, der traurige Bruderkrieg, der die um dieselben Quellen des Erwerbes streitenden Volksgenossen jahrüber heimsucht. Bedeckt mit dem Gewände der stammesbrüderlichen Gleichheit sind nun alle gesellschaftlichen Differenzierungen, welche gerade dieses zur Brüderlichkeit geschaffene Volk mit raffinierter Lieblosigkeit pflegt. Das Büchlein am Betpult, diese Anthologie der Volkssehnsucht und G-ttestreue, in welche fromme Dichter aller Generationen ihren flammenden Glaubensstolz eingetragen haben, spricht wieder seine zaüfoerhafte Sprache zu den schwach gewordenen Nachfahren, die allzu oft ohnbewußt wie der Stift der Sprechmaschine die Zeichen des Buchen in gedankenlose Laute umsetzen. Aber es wächst in unserer Zeit in der emporsprießenden Generation die Zahl der Volkssöhne, welche der heiße Sehnsuchtshauch des Machsors aus fühllosen Pygmalionsstatuen zu lebensstarken Jüngern der Traditionsliebe wandelt. Und sie höher geartet -schafft zum Mitempfinden und zum" Erkennen des großen g-ttlichen Willens der von den Poetonim des Machsors in allen Stilformen des Ortes und der Zeit unseres Golus erhalten und fortgepflanzt wurde in einer wundersamen Kette, die vom Schma des Sohnes Amrams, den jPsalmen des großen Betlehemiters, über die Gebete des Synhedrion und der babylonischen Weisen und die Hymnen französischer und spanischer geistlicher Dichter reicht, daß sie durch neuentsprungene Quellen der G-ttesbegeisterung, wie Jericl^orosen wunderbar wiedererblühen. Und daß sie erahnen lernen die große Schuld des einzigen Volkes, das sich selbst treulos, seiner Ahnen unwürdig, dahinlebt als mißachteter Unfreier unter ihren nationalen Daseinsbedingungen ergebenen freien Völkern. \ Da mischt sich in den Chor der Gedankenlosen von Jahr zu Jahr mit gesteigerter Kraft der leidenschaftliche Tenor tiefer, heißer Empfindung und fies starken Willens zur großen Umkehr, wenn sich an diesen Tagen in der ganzen Oiaspora tausendfach die Bundeslade öffnet, sich das »büßende Volk erhebt und Millionen von gegen slcH geballten Fäusten auf das sündige Herz schlagen: „Unser Vater und König, wir sündigten vor DirJ" S. B. , Jörn hasikoron. Von Wolf Pappenheim (Wien). Der Beginn eines neuen Jahres sei uns Anregun einen Rückblick auf die abgelaufene Zeitperiö» *T zu werfen, Einkehr zu halten, zu prüfen, ob v \ denn auch im verflossenen Jahre unserer Aufga als Menschen und Juden entsprochen haben, ob r in der gebotenen moralischen Entwicklung fortgeschritten sind. Niemals noch trat an das Judentum, besonders an das gläubige, der Imperativ, so kategorisch heran, für G-ttes Willen und für Menschenwohl zu wirken, wie in unseren Tagen, wo die materiellen und geistigen Zerstörungen des 'Weltkrieges, die ganze Welt an den Rand des ph ysischen und seelischen Unterganges gebracht hat. Die drei Säulen der Welt, Thora, G-ttesdienst und Wohltun sind ins Wanken gekommen und nur die angestrengteste Betätigung unser aller kann die entstandenen Risse .. heilen, die wankenden Säulen festigen. — Thora! Die Wiederaufrichtung der Jeschiwos und Talmud Thoras in Polen, Litauen und dem alten. Ungarn hat glücklich Fortschritte gemacht, aber die überaus rühmlichen Anstrengungen müssen verdoppelt werden, nur Nennenswertes zu erreichen. In Erez Jisroel wird, Dank der amerikanischen Hilfe der kleine Rest erhalten; das Valutaelend der Länder, die Erez Jisroel in erster Linie betreuen, macht unsere Hilfe fast illusorisch. Awaudo! Die Erziehung unserer Jugend macht Fortschritte zum Guten, der Geist des echten unverfälschten Judentums erhält und verbreitet sich langsam aber mit Macht nach allen Enden der Diaspora. ~ Gemilus Ghassodim! Auf diesem Gebiete ragt Amerika und in Europa die Orthodoxie hervor. Während die thoralosen Organisationen und Einzelpersonen imm.er engherziger werden, zeichnet sich die orthodoxe Judenschaft durch eine beispiellose Opferwilligkeit' aus für Thora-Lehrstätten aller Ab- . stufungen, für Sabbatheiligung und für Wohltun, das sich in den verschiedensten Formen äußert, wie Existenzgründung, Krankenpflege, Waisenfürsorge und Armenversorgung. All diese" Opferwilligkeit genügt aber nicht im Entferntesten dem ungeheuren Bedürfnisse und unsere Anstrengungen müssen vervielfacht werden, um einen merklichen Erfolg zu erzielen. Kultur. (Sehnsucht und Erfüllung.) Es geht ein großes Suchen durch die Welt, zwar oft verdunkelt durch Not oder Genuß, oft getrübt durch Entartung valutarischen Denkens und Wollens, aber trotzdem — es ist vorhanden und geht durch die Welt. Oberflächliche Beobachter pflegen das so auszudrücken: , Der Krieg und seine Folgeerscheinungen haben einen vollkommenen Bankerott der Kultur herbeigeführt. Und nun heischt die in jedem Herzen glimmende Sehnsucht nach Schöpfung von Ewigkeitswerten irgend eine Erfüllung und irrend kam man auf den Ausweg einer Lüge, der Lüge von einer Nationalisierung der Kultur. Daß diese Lüge, auch in jüdischen Kreisen, einen solch verhängnisvollen Siegeszug antreten konnte, liegt daran, daß man den Inhalt des Wertes Kultur vergaß. Einige Aufklärung mag als Richtpunkt dienen. Und es mag der inneren Einkehr in diesen Tagen des Ernstes und der Sühne frommen, wenn man sich dadurch über die Beziehungen klar wird, die sich zur Umwelt ergeben. . Zunächst, das Unbestrittene. Das Wort Kultur heißt eigentlich Bebauung des Bodens, Erfüllung der Aufgabe, welche der Allmächtige dem ersten Menschen in bezug auf sein Verhältnis zur Natur gegeben hat. Es sind unzählige Hemmungen, welche diese Natur dem Streben der Menschen entgegensetzt; alles Werk, welches zur Ueberwindung dieser Hemmungen geschieht, ist Kultur, technische Kultur vom ersten' primitivsten Werkzeug an bis zur Erfindung des künstlichen Stickstoffes, von der Rundung des ersten Rades an bis zum lenkbaren Luftschiff, der Stab des Müden und die Prothese des Verstümmelten; alle sogenannten exakten Wissenschaften sind Hilfen und Voraussetzungen der technischen Kultur. Es leuchtet ein, daß es ein Unding wäre, von einer nationalen Färbung und Artung der technischen Kultur zu reden, welche in ihrer Vor-, aussetzung und ihrer Entfaltung höchstens von klimatischen Unterschieden bedingt ist. Das Gegenteil etwa könnte behauptet werden, des Inhalts nämlich, daß der mehr oder minder große Grad der Hemmungen in ihrer mehr oder minder freundlichen Färbung der Alltagsfürsorge, der/Befriedigung der Notwendigkeit des Lebens, den Grund Charakter der jeweiligen Nationen bestimmt. Hier liegen Geheimnisse der Geschichte geborgen, welche selbst durch stärkste Anspannung nationalen Willens nicht im vollen Urnfang ergründet werden können und hier ergeben sich ungeahnte Zusammenhänge zwischen technischer Kultur und anderen Kulturgebieten. Der Ausspruch unserer, alten Weisen s. A., daß alles Verständnis der heiligen Thora nur dem unbeirrten Forschen einer von Manna gespeisten Generation vorbehalten blieb, ist ein lapidarer Ausdruck dieses Zusammenhanges. Und so weit wir Irdisches in den Tagen des Ernstes und der Sühne erflehen dürfen, strebt es dem einen Ziele zu, daß die ewige Allgüte uns in der Ueberwindung der Hemmungen mit Vatertreue helfe, um nicht unser ganzes Leben in den letzten Endes kämpf- und krieggebärenden Bestrebungen der technischen Kultur verödet stehen zu müssen. Wie tief ist doch an'gesichts dieser Erkenntnis der Wortlaut unseres Sichronoth-Gebetes, indem gesagt wird, daß die jeweiligen Bestimmungen die medinoth, die Träger dieser Hemmungen betreffen ClfcH'1 *D DWön byi). Wenn aber die technische Kultur alles überragt, dann beginnt Krankheit und Sterben des Besten im Menschen. Denn tief in jeder Brust verankert schlummert die Sehnsucht nach Harmonie, die Abscheu vor Dissonanzen. Da sind schlimme Hemmungen im Geschehen, welche die Empfinduhgswelt zu zerreißen drohen und welche der Volksmund mit den Begriffen schön und häßlich auszudrücken pflegt. Seit Lemechs und Zillahs Kindern bemüht sich die Menschheit diese Gegensätze auszugleichen oder sich mit Hilfe der Phantasie in eine, Welt der Harmonie hineinzuträumen. All diese Versuche kann man füglich unter dem Namen der ästhetischen Kultur zusammenfassen; ihr Werk ist Kunst im weitesten Sinne des Wortes. Daß die ästhetische Kultur wahrlich nie national sein kann, beweist eigentlich schon die geschichtliche. Tatsache, daß, sei es durch Mode, sei es durch geläuterten Geschmack, man immer wieder auf ästhetische Ideale zurückkommt,

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