Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 34 (23.9.1921)
- Date
- 1921-09-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 34 JÜDISCHE PRESSE Seite 241 Blutuntersuchung, die bei allen vorgenommen wurde, daß sämtliche Kinder auch in dieser Beziehung gesund sind. Die Blutuntersuchung wurde im Serotherapeutischen Institut in Wien ausgeführt. Doktor Buttenwieser beabsichtigt im November 1921 nach Polen und den polnisch besetzten Gebieten der Ukraine zu fahren, um die gesundheitlichen und hygienischen Verhältnisse an .Ort und Stelle zu prüfen. Nach allen Informationen besteht leider kein Zweifel, daß die Zahl der ukrainischen Waisen viele Tausende beträgt. Da der Transport dieser Kinder aus Polen mit Schwierigkeiten verbunden ist, bitten wir die Familien, die in hochherziger Weise sich bereit erklärt haben, für diese Waisen zu sorgen, sich noch einige Wochen zu gedulden, bis ihre Wünsche erfüllt werden können. Hingegen ist es dringend erwünscht, daß in der Zwischenzeit in allen Ländern, Städten und Dörfern, wo jüdische Gemeinden sich befinden, fleißig Geldmittel, Wäsche, Kleider usw. gesammelt werden, damit der Kriegswaisenfonds beim Eintreffen der Kinder der großen Aufgabe, die er sich gestellt hat, gewachsen ist. Auch bitten wir weiterhin um Angabe an die Andressen des Kriegsweisenfonds der Agudas Jisroel Halberstadt und Agudas Jisroel Wien, IL, Malzgasse 12 a, welche Familien bereit sind, durch Adoption oder Bestreitung der Erziehungsunkosten in Familien- oder Waisenhäusern diesen un|flücklichen Kindern eine Lebensmöglichkeit zu gewahren. Für die Ernährung der ukrainischen Flüchtlinge und Waisenkinder wurde vorübergehend durch den Joint gesorgt, dessen weitere Fürsorge aber bekanntlich in Frage gestellt ist. NACHRICHTEN. DeutscDosiweicb. Die Industriellenkonferenz der Aguda in Wien. Nach zweitägiger eingehender Beratung hat die Konferenz die Gründung der „Industrie - Gesellschaft m. b. H." beschlossen. Es wurden bereits bedeutende Beträge gezeichnet. Eine Gesellschaft von Fachmännern aus der Reihe der Gründer geht demnächst nach Palästina, um die vorgeschlagenen Industrien nach Maßgabe des Resultates der Versuche zu realisieren. Sukzessive werden auch andere Pläne in Behandlung gezogen. Es wird eine Geschäftsstelle in Palästina und eine Zentrale in Europa errichtet. Weitere Vorschläge werden angenommen und geprüft. Auch können noch Zeichnungen für die Industriegesellschaft gemacht werden.'j 5 Jabotinsby wirbt in Wien. Sonntag hat Wladimir Jabotinsky hier eine geheime Sitzung mit den Mitgliedern des Verbandes jüdischer Kriegsteilnehmer abgehalten. Es ist zu erraten, was Wladimir Jabotinsky damit beabsichtigt hat. Wir werden auf diesen Fall noch ausführlicher zurückkommen. 25 Waisen bekleidet. Das wohlbekannte Kleiderhaus M. Neumann (Wien) hat dem Badener Waisenhaus der Aguda 25 Knabenanzüge gespendet. Besten Dank . für diese großherzige Widmung im Namen der beschenkten Waisenknaben drückt hiemit aus der Vorstand. ' 200.000 Kronen für das Waisenhaus. Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Winkler (Kopenhagen) übermittelt uns > als das Resultat seiner Sammlung für das Kriegswaisenhaus der Aguda ö. K 200.000. Es ist dies eine der größten Zuwendungen für unser Institut und drucken wir dem Vermittler den besten Dank für seine edlen Bemühungen aus. Der Vorstand. Besuche in Badener Waisenhaus. Landesregierungs" sekretär Baron Dr. Max Lütgendorf, Vorsitzender des Wirtschaftsamtes Baden und Umgebung, hatte die Liebenswürdigkeit, unser Waisenhaus in Begleitung des Herrn Professor Dr. Kohn zu besuchen. Im Vestibül des Hauses bildeten die Waisenkinder Spalier, an deren Spitze Direktor R. Friedmann den Gast mit schönen Worten begrüßte und besonders um das Interesse der ersten Person des Wirtschaftsamtes bat. Baron Lütgendorf antwortete, er werde sein Möglichstes tun, um das Waisenhaus mit Lebensmitteln zu unterstützen. Hernach besichtigte er jeden einzelnen Raum der Anstalt, sprach seine größte Zufriedenheit aus und schrieb sich in das „Goldene Buch" ein. Zum Schluß unterhielt er sich mit den Waisenkindern, fragte jedes einzelne nach der Provenienz und wieso es Waise wurde und nach einer Stünde verließ er sehr befriedigt das Haus. — Herr Bernhard Gold st ein, Wien, hatte die Güte, unser Kriegswaisenhaus zu besuchen; er wählte gerade die Mittagsstunde, um die Speisen, die den Kindern verabreicht werden, selbst zu besichtigen. Das gute Essen, die schönen Mehlspeisen gefielen Herrn Goldstein besonders gut; er sprach seine Bewunderung über die Reinlichkeit und Pedanterie ' in den Räumen des. Hauses aus und spendete bei dieser Gelegenheit 40 Bettdecken dem Waisenhause, die er auch bereits übermitteln ließ. Möge dem großen Wohltäter auf diesem Wege die größte Anerkennung ausgesprochen sein. , Generalversammlung der Wiener „Aguda". Die in der vorigen Nummer unseres, Blattes für den 22. Elul (25. September 1921) ausgeschriebene Generalversammlung der Wiener Mitglieder der Agudas Jisroel findet nicht an diesem Tage statt, sondern wird auf ein noch näher zu bestimmendes Datum verschoben. Einschreibungen.' Für die „Jesod Hathora« und den Kindergarten finden Sonntag, den 15. Elul (18. September 1921), vormittags von 9 bis 12 Uhr, in der Direktionskanzlei, II., Nestroygasse .11, statt. Nachträgliche Anmeldungen können unter keiner Bedingung berücksichtigt werden, da dies den gedeihlichen Fortgang des Unterrichtes stört. Der Unterricht in sämtlichen Klassen beginnt Donnerstag, den 22. September (IQ. Elul), präzise 2 Uhr nachmittags, im Schulgebäucje, II., Malzgasse 16. Deutschland. * Synagogengemeinde contra Kultusbeamten. Der Lehrer M. Steinhardt schreibt im Hamburger „Isr. Farn.« folgenden Artikel, der auch in unserer Gegend, aus welcher Herr Ster stammt, interessieren wird: Seit dem Jahre 1905 amtiert Herr Juda Ster in der Breslauer Gemeinde,. anfangs als Geflügelschlächter und später als Maschgiach (als Aufseher bei den Metzgern); im Jahre 1915, mithin nach zehnjähriger Amtstätigkeit, wurde er auf Lebensdauer angestellt. Ster gehört der orthodoxen Richtung an; er hat seine Lehrerprüfung abgelegt und ist als tüchtiger Lehrer und auch als jüdischer Gelehrter wohlbekannt. Sein Buch „Die talmudische Pädagogik als Wegweiser für Schule und Haus" (Breslau 1915) hat über die Fachkreise hinaus weitgehende Beachtung gefunden. Widrige Umstände haben ihn zurzeit veranlaßt, die untergeordnete Stellung in Breslau anzunehmen. Sie war anfangs mit 1200 Mark jährlich und zuguterletzt mit 3312 Mark (!!) einschließlich der Teuerungszulagen dotiert. Daß jemand mit solchem Hungerlohne nicht die Familie zu ernähren vermag, liegt auf der Hand. »Es gelang ihm jedoch, auf Grund seines Könnens und Wissens durch Privatunterricht einigermaßen sein Leben zu fristen. Durch irgendwelches Vorkommnis, das ich nicht ganz zu ergründen vermag, hat er sich nun vor einiger Zeit, wie das im jüdischen Gemeindeleben leider vorkommt, die Ungunst eines einflußreichen Vorstandsmitgliedes zugezogen, und die Folge war, daß der Vorstand Ster das Amt kündigte, obwohl er doch auf Lebenszeit angestellt ist. Allerhand angebliche „Verfehlungen" im Amte, die man, wenn man mit der Laterne zu suchen beginnt, schließlich jedem Beamten nachzuweisen vermag, bildeten den Grund zu der Amtsentlassung. Das Gericht hat diese angeblichen „Verfehlungen", wie ich vorweg bemerken will, in drei Instanzen geprüft und sie als unerheblich bezeichnet. Herr Ster hat unter dem Beistand tüchtiger Rechtsanwälte gegen den Vorstand auf Zurücknahme der Kündigung geklagt, und in drei Instanzen, zuletzt beim Oberlandesgericht, ist die Gemeinde unterlegen. Aber vor mehr denn einem Menschenalter sagte mir, dem-damals noch ganz jungen Lehrer, einmal ein im Dienste ergrauter Kultusbeamter:. Der Vorstand einer jüdischen Gemeinde hat immer recht. So' denkt auch ganz gewiß der Breslauer Vorstand; denn sein Mitglied und juristischer Vertreter, Justizrat Hirscherg, beabsichtigt, auch noch die letzte Instanz, nämlich das Reichsgericht, anzurufen. Ein solcher Prozeß verursacht natürlich nicht wenig Kosten; aber das schadet nichts; die kann die Gemeinde ja an den Gehältern der Gemeindebeamten wieder absparen. Die Taktik des Breslauer Vorstarides hierbei ist klar; ,es ist die englische Kriegsführung: Aushungern! Seit 20 Monaten hat man dem Kultusbeamten, dem man zu Unrecht gekündigt hat, natürlich sein Gehalt vorenthalten, und man hofft ihn durch Hunger;aufs Knie zu zwingen. Vergeblich haben einflußreiche Gemeindemitglieder, sich an den Vorstand mit einer bezüglichen Eingabe gewandt — Text und Unterschriften liegen mir vor — dieser Gewaltpolitik ein Ende zu machen; vergebens hat der verewigte Rabbiner Dr. Rosenthal — sein Andenken sei gesegnet — noch am Schabboß Schuwo des verflossenen Jahres in einer Predigt in der Storchsynagöge den Appell an die Gemeinde gerichtet, den vergewaltigten Kultusbeamten wieder in sein Amt einzusetzen. »Gewalt geht vor Recht", scheint die Parole des Gemeindevorstandes zu sein, und tatsächlich soll das Wort gefallen sein: „Wir sind „die Stärkeren, und wir wollen sehen, wer es am längsten aushält.* Es ist ein trübes Kulturbild, das dieser Prozeß entrollt; ein Gewaltstreich, wie man ihn doch selten nur in einer Gemeinde erlebt hat. In einer Großgemeinde wie Breslau kann es vorkommen, daß solche Dinge sich ereignen, ohne daß die große Masse der Gemeindemitglieder auch nur eine Ahnung davon hat. Ihr von der Sachlage Kenntnis zu geben, ist hauptsächlich der Zweck dieses Artikels. Daran aber knüpfe ich auch die Hoffnung und Erwartung, daß das jüdische Bewußtsein der Gemeinde sich regen und sie ihren Vorstand bedeuten wird, daß die Ehre der Gemeinde und die Ehre des Judentums gebieterisch eine Beendigung dieses Prozesses verlangt, und zwar auf der Basis, daß der seines Amtes zu Unrecht entsetzte Kultusbeamte schleunigst wieder in sein Amt eingesetzt wird. Der ßeichsbund jüdischer Frontsoldaten, der etwa 15.000 ehemalige jüdische Soldaten des deutschen Heeres umfaßt, die ihre Dienstleistung in der Frontzone einwandfrei nachgewiesen haben, hat seine Wirksamkeit in verstärktem Maße auf das erzieherische Gebiet ausgedehnt. Insbesondere gilt sein Kampf den üblen Auswüchsen des Luxus, der sich immer noch in weiten Kreisen des deutschen Volkes breit macht. In Verfolg dieses Zieles erläßt der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten folgenden beherzigenswerten Aufruf: .Das Elend und die Trauer, die der Krieg in Tausende und Abertausende gesenkt hat, die Entbehrungen und Krankheiten, die aus eingefallenen Wangen und schwächlichen Leibern schmerzliche Sprache reden, dies alles ist leider an zu vielen Deutschen eindruckslos vorübergegangen. Schrankenloser Aufwand und Putz machen sich breit. Frauen behängen sich mit glitzernden Geschmeiden, wo Tausende von Muttern um ihre im Kriege gefallenen Söhne weinen. Vermögen werden für Schmause reien und Ueppigkeiten verschleudert, wo Tausende von Kin dem dahinsiechen in bitterster Not. An diesem schmählichen Tun sind auch Juden b. teiligt. Während die erdrückende Mehrzahl von uns deutschen Juden die harte Zeit toll Schmerz über das Unglück des Vaterlandes in Einfachheit und Bescheidenheit durchlebt, versündigen sich jene gegen der Stunde ernstes Gebot, und belasten so die deutsche Judenheit mit ihrer Schuld. Diesem schändlichen Treiben und der Gefahr, die es birgt, zu steuern, haben wir jüdischen Frontsoldaten, die wir mit unserem Leben nicht nur das Vaterland, sondern auch die Ehre des Judentums beschirmt haben, ein gewisses Recht. Wir werden diese Ehre nicht von einigen Gewissenlosen besudeln lassen. Ihr aber, die Ihr mit uns fühlt, kämpft mit uns! Jeder wirke ernstlich in seinem Bereiche, daß kein deutscher Judo seinem deutschen Vaterlande und seinem Judentum Unehre mache zur hämischen Freude des boshaften Gegners. Ruft jenen zu: Hinaus aus den Gaststätten der Völlerei! Fort aus dem Taumel wahnwitziger Vergnügungen! Herunter mit dem eitlen Tand! Zurück zur Einfachheit und zum Lebensernst! Reichsbund jüdischer Frontsoldaten.* James Simon, der verdienstvolle Vorsitzende des Hilfsvereins der deutschen Juden, wurde am 17. September siebzig Jahre alt. Seit über dreißig Jahren steht James Simon im Mittelpunkt der jüdischen Wohlfahrtsbestrebungen. Im Jahre 1901 begründete er gemeinsam mit Dr. Paul Nathan den Hilfsverein der deutschen Juden zur Unterstützung der ausländischen Juden, der in Osteuropa, besonders aber * im Orient, ein segensreiches Liebeswerk entfaltete. Außerdem sitzt James Simon im Verwaltungsrat der Jewish Golonization Association und zahlreicher lokaler jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen in Berlin. Sein besonderes Interesse gilt dem vorderasiatischen Orient. Gemeinsam mit dem Prinzen Heinrich zu Schönaich-Cärolath begründete er die Deutsche Orient-Gesellschaft, welche das bedeutendste Ausgrabungsuntemehmen der-ganzen Welt geworden ist und sehr Verdienstliches in Mesopotamien, Palästina und Aegypten geleistet hat., Die Zahl seiner Aemter in der allgemeinen Wohlfahrtspflege ist Legion. James Simon, c)em im Jahre 1910 anläßlich des Jubiläums der Universität Berlin der Ehrendoktor verliehen wurde, erfreut sich körperlicher und geistiger Rüstigkeit. PoUlt. „Die Juden hätten Pinsle angeaündet." Obwohl die Juäen am meisten von dem großen Pinsker Brand gelitten haben, erhebt die antisemitische Presse die ungeheuerliche Anklage, daß die Juden den Brand angestiftet hätten. England. Moses Brill. In London^ verstarb der jüdische Schriftsteller Moses Brill, Herausgeber der „Ha- Schulaniit*. Der Verstorbene war ein Sohn des Jechiel Brill, Herausgeber des „Halewonon", der eine Zeit lang als hebräische Ausgabe des „Israelit" ediert wurde. Jimerika. 4740 jüdische Emigranten sind im Juli im New Yorker Hafen angelangt, darunter auch ukrainische Waisen. Ueberfälle anf die Kolonien. " Die Kolonien am Jarden, besonders die Kolonien Poria und Jabniel, werden häufig von Beduinen heimgesucht und leiden stark durch die unsicheren Zustände. Ueberfall bei der Klagemaner. Jüngstens sind die zum Minchagebet zur Kossei hamarowi gehenden frommen Juden von Arabern attakiert worden. Einige wurden durch Stein würfe verwundet, die anderen mußten entfliehen. Agudas Jisroel in Tiberias. Berichten zufolge fand Moze Schabbos Nachum in Tiberias eine Augudaversammlung statt. Unter anderen sprach Oberrabbiner Kliers begeistert für den Zusammenschluß ^er gesamten Orthodoxie innerhalb der Agudas Jisroel. Er verurteilte aufs Schärfste die uhreligiösen Bewegungen und den Chillul Schabbos der Ghaluzim. Es wurde die Gründung einer orthodoxen Mädchenschule beschlossen und auf der Stelle 15 Pfund gesammelt. Außerdem verpflichteten sich ziemlich viele Leute zu monatlichen Beiträgen von einem Pfund für die Erhaltung der Schule. Bezalel.