Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 34 (23.9.1921)
- Date
- 1921-09-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 240 JÜDISCHE PRESSE Nr. 34 Herzen von Tausenden." Die Rede Sokolows, die er „gut ^gelaunt mit munterem Lächeln" begann, war nichts als eine Imitation der auf allen Kongressen obligaten Nordau-Rede über „Die allgemeine Lage der Juden". Man erkennt das Nordau'sche Vorbild sehr deutlich. Allein Nordau bezweckte mit dieser Rede, die Unmöglichkeit der Lösung der Judenfrage im Golus zu demonstrieren und die Notwendigkeit der territorialen Konzentrierung des jüdischen Volkes in einem eigenen Staatswesen darzutun. Sokolow hingegen, der Präsident der judischen Delegation in Paris, verficht ja den Standpunkt, daß das von der Friedenskonferenz zu garantierende judisch-nationale Minoritätsrecht die Judenfrage im Golus zu lösen vermag. Die katastrophale Verschlechterung der Lage der Juden beiastet die Verantwortlichkeit des kühlen, blonden, zierlichen, wohlgelaunten, munter lächelnden Sokolow! Er unterhält ein teures Bureau in Paris, das berufen war, die .Theorie der Lösung der Judenfrage durch nationale Minoritätsrechte zu verwirklichen. Welchen minimalsten Erfolg hat dieses Bureau aufzuweisen? Oder herrscht nicht geradezu ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der hoffnungslosen Verschlimmerung der Ostjudenfrage und der heillosen Reklamepolitik der jüdischen Nationalisten? Mit der Darstellung der Tollständigen Gleichgültigkeit der europäischen Mächte hat Sokolow sich selbst eine heftige Oppositionsrede gehalten. Der wohlgelaunte, munter lächelnde Sokolow hat wohl, wie seine Communicrues besagen, erfolgreich in Angelegenheit der Schließung des jüdischen Fried* hofes in Smyrna interveniert, allein, das reicht gerade hin, ihn zum Ehrenmitgliede der Smymaer Ghewra Kadischa. zu qualifizieren, lohnt aber als einziger Erfolg nicht die immensen Kosten des Pariser Bureaus und deren Leiter! Welch ein paradoxer Widerspruch liegt in der gleichzeitigen Klage über die vollständige Hoffnungslosigkeit der Lage der Juden im Osten und dem Lob des jüdischen Minoritätsrechtes, das der gut gelaunte, munter lächelnde Sokolow — zugestanden, mit Recht — als das Pendant zur Balfour-Deklaration preist! Zum Schlüsse sieht sich Sokolow gar veranlaßt, der tschechoslowakischen Republik dafür zu danken, daß sie den nationalen Charakter des Judentums "anerkannt habe! Die letzten Berichte des Herrn Sokolow scheinen da sehr alten Datums zu sein, sonst müßte er erfahren haben, daß die Führer des Religionsjudentums hier die ihnen zukommende Würdigung als leitende Faktoren des jüdischen Lebens gefunden haben, und daß selbst im östlichsten Teil der Republik die letzte Hoffnung der Jüdisch-Nationalen geschwunden ist. Diese unwürdige Anbiederung an Persönlichkeiten, die augenscheinlich jeder Stellungnahme aus dem Wege gehen, ist das charakteristische Merkmal der volksbeglückenden Tätigkeit des kühlen, gut gelaunten, munter lächelnden Hüter Israels. Die Erwiderungen. Das Sprichwort: „Kratze an dem Russen und es kommt der Tartare zum Vorschein8, hat selten eine solche scharfe Illustration erfahren, als in der Debatte über den Rechenschaftsbericht am XII. Zionistenkongreß. Waren die zwei Eröffnungsreden noch das Produkt der Beratung und Ueberlegung, so trat in der Duplik der Herren Weizmann und Sokolow die eigentliche Wesensart der Herren in die Erscheinung. Diese Verteidigungen der Führer suchen ihresgleichen an Ungeschiffenheit, Humbug, Selbstüberhebung, Unverantwortlichkeit und brutalem Egoismus. Man beachte den Anfang der Weizmann'schen Erwiderung: „Ich habe mit Geduld die vielen Reden angehört...!8 Das wagt doch kein Hottentottenhäuptling mehr zu Wasser stieg ihm bis zum Munde. Die Kräfte begannen zu erlahmen. Wäre nicht G-ttvertrauen in ihm gewesen, er wäre in Verzweiflung verkommen. Seine Strenggläubigkeit, die ihm gerade in seinem Geschäftszweige jede Bewegungsfreiheit raubte, war doch sein Glück und seine Stütze. Da, im zwanzigsten Jahre seines Ringens, erwuchs ihm ungeahnt eine Erlösung. Es eröffnete sich ihm ein Wirkungskreis, der seiner Fähigkeit, seines Geisteslebens würdiger war und weit die Tore der Hoffnungen aufsperrt, die einen Ausblick auf eine sonnige, mit G-ttes Hilfe sorgenlose Zukunft eröffnet. Sie erraten ja, daß dieser Mann neben Ihnen sitzt, und ich will es Ihnen nicht verheimlichen, daß der Abschluß unseres Vertrages für. mich eine Erlösung aus schwerer Not bedeutet. Zum ersten Male nach vielen, vielen Jahren, daß ich mich wieder von einem Glücksgefühl durchströmt fühle. Und wie sich die befreite Seele dankbar zum Himmel richtet, erscheint mir hier das wundervolle Zeichen g-ttlicher Verheißung vor den Augen. Ich habe wahrhaftig ohne Worte den Segen des Regenbogens gesprochen, den Dank an den ,der seines Bundes gedenkt und seine Verheißung erfüllt'. Ich will es als gutes Omen für das Ende der traurigen Zeit und den Anbruch einer schönen Zukunft betrachten.8 , Der andere schwieg betroffen. Dann drückt« er dem Aelteren die Hand und sagte herzlich: „So sei's denn, ich selbst will mein Bestes tun, um den Regenbogen nicht zu desavouieren!" seinem Stamme zu sagen! Auf den Vorwurf, daß er dem englischen Interesse mehr diene als dem jüdischen, antwortet er mit einem Ammenmärchen, England hätte gar kein Interesse an Palästina; und mit der kindisch-sentimentalen Argumentation,' die den im russischen Ghetto Erzogenen eigen ist, heuchelt er: „England mit seinem weltumspannenden Blicke hat^mehr als^ jede andere Nation verstanden, daß di6 Judenfrage wie ein Schatten über der Welt herumspaziert als eine ungeheure Kraft des Aufbaues (siehe Aufbau Palästinas 1917—1921) und eine ungeheure Kraft der Destruktion. England hat uns verstanden und darin liegt vielleicht ein kleines Verdienst von uns, daß wir dazu beigetragen haben, daß es uns versteht." (Hat England nicht schon in den Jahren 1902—1906 mit den Zionisten wegen der Ueberlassung von El-Arisch und Uganda unterhandelt?) „Ich kann dem Kongreß sagen und kann es auch belegen, daß es noch keinen Juden gegeben hat, der stolzer zu den Mächten gesprochen hat als wir. Noch im Jahre 1918, während wir in Palästina unter Kanonendonner arbeiten mußten (Welche Helden!) verlangte der zionistische Kommissär von der englischen Regierung die Rückgabe der Tempelmauer an das jüdische Volk (!) ferner die Begründung der jüdischen Universität (!) und die Uebergabe eines großen Teiles der brachliegenden Ländereien". Diese gewaltige politische Leistung ist allerdings in einem Telephongespräch mit einfacher Gebühr von Jedermann zu erledigen gewesen! Und der Erfolg dieser stolzesten Haltung in der ganzen Geschichte? Darüber informiert Weizmann in verblüffend kindischer Weise: „Dazu haben wir Simon geholt, wir haben ihm alle Karten (!) in die Hand gegeben und alle Möglicnkeiten (welche Möglichkeiten?) und haben gesagt, sei fertig am 2. Juni, wenn am 1. Juni uns das Mandat erteilt wird. Und dieser 2. Juni kam und es vergingen Wochen, Monate und ein Jahr und du warst nicht fertig.8 (Ist das ein Kaffeehausgespräch, oder die Parlamentsrede des Natipnalführers 'nach 8 jähriger Pause? Wie primitiv, wie unwahr!) „Darum ist meine Arbeit auf das Diplomatisieren heruntergesunken!" (Was versteht Weizmann denn Arges unter Diplomatisieren? Mit „Diplomatisieren" haben Benes, Jonescu, Pasics unerhörte Erfolge erzielt, die sie selbst nie erträumt haben!) Dann kommt er auf die Meuchelung Brandeis zu sprechen, und führt zur Begründung der Tatsache, daß er den von der Londoner Konferenz gewählten Ehrenpräsidenten abgemurkst hat, nichts anderes an als: „Als ich fertig war, hat Brandeis mit mir über das Wetter gesprochen. Damit war Brandeis für mich fertig8 sagt er wie ein autokratischer Niam-Niam-Häuptling, der in einer Laune den Kanzler köpfen läßt; und herrscht den Kongreß an: „— und für Sie auch!8 und die Mamelukengesellschaft, die innerlich gerne bereit wäre, Weizmann auf Brandeis zu tauschen spendet „lebhaften Beifall8. Er faselt weiterhin etwas von einer Grenze die „wir8 bekommen sollen, und die „wir* leider nicht bekommen haben. Welche Grenze besitzen „wir8, diejenige einzige in der Welt durch welche wir nicht einwandern dürfen? Warum sollen „wir" die Grenzen erweitern, durch welche wir nicht einwandern dürfen? Solange das Einwanderungsverbot besteht, hat kein Zionistenführer das Recht für das Mandat oder Grenzerweiterung einzutreten, wenn nicht jene zionistische Autorität, welche in einem — wie Weizmann sich plebejisch ausdrückt — „Käseblättchen8 die beiden Zionistenführer englische Agenten genannt hat, Recht behalten soll? Was soll England zu dem immerhin schweren Schritte de,r Aufhebung des Einwanderungsverbotes veranlassen, wenn Chaim Weizmapn und Nochern Sokolow ohnediesnach Washington und Genf reisen, um für das Mandat und die Grenzerweiterung zu agitieren — auf Kosten der zionistischen Organisation? Die bange Hauptfrage des Kongresses, die Araberfrage schneidet Weizmann mit einer — wir wissen keine andere Bezeichnung — Asuskeit an: „Dieser Kongreß hätte erst die Araber entdeckt." Er spricht behaglich von sich, daß er auch mit Feysul verkehrt hätte, und daß dieser damals zionfreundlich war, ohne für sich qMe Konsequenzen zu ziehen, warum Feysul, der Papst, Frankreich zu Zionistenfressern wurden. Er gibt keine andere befriedigende Antwort auf die brennende Araberfrage, als den sentimentalen Gefühlsausbruch: »Ich habe alles gegeben was ein Mann geben kann. (Er, der arme Pinsker Bachur, hat Millionen zionistischer Gelder für Weltreisen I. Klasse, zu die ihn niemand ermächtigt hat, vergeudet und lebt mit Sokolow in Saus und Braus!) Geben sie den zehnten Teil, was ich gegeben habe." Und der Kongreß, der an dieser Stelle Herzl sich opfern sah, klatschte Beifall, wie er ihn nie dem Gründer des Zionismus gezollt hat! (Der Artikel wird fortgesetzt.) Der erste jüdische Uolkskongrcr). (Epilog zum Karlsbader Kongreß). Bitte nicht zu erschrecken. Es liegt uns wahrlich sehr ferne, unsere Leser in dieser Zeit der inneren religiösen Sammlung mit politischen Sorgen zu belasten. Wir wissen auch ganz genau, daß es gar keinen Zweck hat, in den Taumel drapierter Kongr^se hinein eine Mahnung zur Selbstbesinnung zu rufen. Genau so wenig Zweck, wie zu den Zeiten Sabbatai Zewis. Als ob der Kotau vor der programmatischen Thoraleugnung, vor der Entg-ttung des jüdischen „Volkes" weniger schlimm, weniger destruktiv wäre, wie der Uebertritt zu einer anderen Religion. Als ob das souveräne Stillschweigen über die Tatsache, daß nur und ausschließlich aus dem Verhältnis zu seinem Schöpfer die jüdische Gemeinschaft das Recht auf ein Volkstum ableiten kann und darf, besser wäre als Thoraleugnung! Als ob das widerliche Kokettieren mit Volksbegriff und nationalistischen Ansprüchen mehr wäre, als bedenkliche Annäherung an Volksverrat! Aber, wie bereits gesagt, zurzeit ist dies alles ein Ruf in die Wüste, genau wie zu den Zeiten Sabbatai Zewis. Psychologisch freilich klar und entschuldbar. Sabbatai Zewi schloß sich an die Chelminetzkischen Verfolgungen an, unsere Verwirrung wurzelt in den menschheitschändenden, der von den Mächten der Welt schmunzelnd geduldeten Untaten im Osten und im Westen. Könnte es anders sein? Haben wir die Macht, uns und die Welt zur Gesundung zu führen? 0 ja, wir müßten nur jüdisches Wollen an den ersten jüdischen Volkskongreß anknüpfen, wie er uns urkundenmäßig vorliegt. Darum ist wohl eine schlichte Erzählung am Platze, eine „biblische Geschichte Noch war Israel ein „Volk" ohne Land, gewiß mit dem g-ttlich verbrieften Recht auf ein Land, Taber die Krämervölker Kanaans, der oberste Rat 'Moab und Midjans und all der großen und kleinen Randstaaten Kanaans mochten vielleicht in ihrem politischen Kalkül es sich überlegen, ob man nicht den Schwur des Allmächtigen zu Nutz und Frommen grandioser Kabinettsweisheit wandeln könnte unter der grotesken Eideshilfe eines Bileam und sonstiger Diplomaten. Aber immerhin, noch war Israel ein „Volk" ohne Land. Und die Gefahr war nicht gering, daß gerade der erste Schritt ins verheißene Land Ziel und Inhalt des „Rechtsanspruches" oder der „historischen8 Ansprüche auf das Land vergessen lassen könnte. Wie war dieser Möglichkeit vorzubeugen? Da trat Moses, da traten neben ihm und auf des Ewigen Geheiß die Priester und Leviten vor Israel, die Priester und Leviten, denen ein Recht auf Landbesitz versagt blieb und die doch das Wesen der jüdischen Gemeinschaft am vollendetsten darzustellen berufen waren. Sie traten hin und sagten : Heute wirst du zum .Volke und also berufen wir den ersten Kongreß. Tagesordnung: Verfassungsurkunde. Kongreßordnung: sechs Stämme auf Garisim, sechs auf Ebal. Und alsdann sollten die Bedingungen veriüntiei - mrrcie«,- uiiict—dxsiien, Segen oder Fluch werden würde. Es verlohnt sich wohl, diese Bedingungen zu charakterisieren. Elf Punkte sind es und betreffen zumeist Dinge, die sich der Oeffentlichkeit entziehen, sicher nicht irgend eine Manifestation des Volkslebens. Und der Kongreßbeschluß? Ein elfmaliges Amen des ganzen Volkes. Damit hat der erste jüdische Weltkongreß folgendes beschlossen: Für jedes Abweichen von der Thora, auch für die geheimsten Vorgänge im Innenleben jedes einzelnen Volksgliedes, auch für die sittliche Entartung der Individuen, auch für den Toni der im Hause zwischen Eltern und Kindern herrscht, ist die Gesamtheit verantwortlich. An das Tun des Einzelnen knüpft sich Segen oder Fluch für das Ganze; um wieviel mehr wird Fluch geboren, wenn das Ganze gutheißt: Abkehr von der Thora, um wie entsetzlicheres Unheil ist es, wenn ein Kongreß, ein jüdischer Kongreß anders tagt, als unter dem Zeichen der Thora. Und wenn Menschen angesichts dieses Unheils keine Tränen mehr haben, dann weinen die Engel, weil der Amenbeschluß des ersten jüdischen Volkskongresses vom Ewigen in Vollzug gesetzt wird.--— Also wird das Volkstum der jüdischen Gemeinschaft konstituiert und auf Bedingungen aufgebaut, welche losgelöst vom Land waren, im Gegenteil, die Beziehungen zum Land wurden in ein unerreichtes Wechselspiel gebracht zu dem Segen oder Fluch, die das Volk selbst sich schafft. Also ward auf diesem Kongreß der Grundriß zur jüdischen Kultur gezeichnet. So war es der Wille des Allmächtigen, so berief Moses den ersten Kongreß. Höchst unmodern, höchst reaktionär, nicht war? P.K. Beriebt über den ßcsuniilKitszustand ukrainisch er Waisenkind er. Dank des liebenswürdigen Entgegenkommens des Herrn Oberstabsarzt Dr. Chajes in Wien konnte der Ausschuß des Kriegswaisenfonds der Agudas Jisroel durch Herrn Dr. Buttenwieser füufzig ukrainische Waisen, die vor kurzem nach Wien gebracht worden waren, ärztlich untersuchen lassen. Abgesehen von erheblicher Unterernährung ist der Gesundheitszustand der Kinder im allgemeinen ein guter. Entgegen der in manchen Laienkreisen geäußerten Befürchtung über eine Zunahme venerischer Erkrankungen auch bei jüdischen Kindern in Polen und der Ukraine während des Krieges ergab die