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Jüdische Presse · 1921-09-16 · 33 (16.9.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
33 (16.9.1921)
Date
1921-09-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 234 JÜDISCHE PRESSE Nr. 3B der feierlichsten Stunde des Kongresses möglich . war, welche Schlüsse sollen da auf die Redlichkeit *tind Korrektheit der inneren Maschinerie der gegenwärtigen zionistischen Organisation gezogen werden? Was Wunder, wenn nach dieser gelungenen Belastungsprobe der Liebedienerei der Delegierten jede Maske fallen durfte und die gefeierten Führer in den Ring traten und einen gröblichen Boxerkampf um den Preis der Mandate untereinander ausgefochten haben. Ein Boxerkampf? Ist dieser zu roh scheinende Vergleich gar zutreffend? Selbst der Boxerkampf hat seine strengen Gesetze, die nicht „über die Dauer des Ringkampfes außer Kraft gesetzt werden können", und das Publikum des Ringkampfes, das wahrhaftig nicht aus gewählten Vertretern eines hohen Ideales besteht, würde stürmisch „fowl!" rufen, wenn eines dieser Gesetze übertreten würde. Am XII. Zionistenkongreß gab es nicht einmal Boxerpublikumsehre! Die gewählten Delegierten des Volkes standen neugierig im Kreise herum wie Zigeuner um ihre balgenden Primasse, bereit, dem Stärkeren zuzujubeln nnd den auf dem Boden Liegenden das Seinige zu versetzen. Wer von den 500 Volkserwählten bewies einen Akt der Selbstverleugnung, wer ist, vielleicht mit Ausnahme einiger Poalezionisten, die allerdings noch einer anderen Organisation verantwortlich sind, gegen die Leitung für eines der vielen verletzten Prinzipien eingetreten? Der Kongreß ward da zu einer wahren Messe für Mandate, Positionen und Subventionen! Schamlos trat der Nepotismus nackt auf die Bühne. „Und sie waren alle miteinander nackt und schämten sich nicht!" III. Urteile aas dem eigenen, engsten Kreise. Ist das bisher Gesagte über Gebühr und, jenseits gerechter Gegenständlichkeit, von zu ungerechter Schärfe? Hören wir das Urteil führender Zionisten selbst. Man spricht auf diesem Kongresse in höchst unparlamentarischer Weise von der amerikanischen und französischen Zionistenleitung als von einer „Oppositionspartei". Allein Brandeis, Nordau, Marmorek gehörten keiner anderen oppositionellen Partei an, sondern waren Mitglieder der Exekutive selbst. Angriffe der Opposition werden nur halb geweriet, ihr ist eine Art Kriegslüge oder -Übertreibung eigen, oder die Freiheiten des Klageanwaltes. Anders aber in diesem Falle. Hier traten der Ehrenpräsident der Organisaton "und die berühmtesten Mitglieder der solidarischen Exekutive gegen die Kollegen auf. Die Brandeis-Partei veröffentlicht in der Nummer vom 21. August des „Jewish Chronicle" ein Memorandum, das von dem Vorsitzenden des Jüdischen Kongresses, dem gewesenen Präsidenten der zionistischen Organisation, Amerikas, dem Richter Julian Mack, ferner vom Professor der Harvard-Universität Felix Frankfurter, Rabbi Stephen Wise, dem berühmten Philantropen und Präsidenten des Kongreßkomitees Nathan Strauß, der bekannten Philantropin Mary Fels, dem Gelehrten und gewesenen Mitglied des Herzl'schen Aktionskomitees Dr. Harry Friedenwald, dem alten Zionistenführer J. de Haas und Robert Szold unterschrieben ist. Das Memorandum ist nicht etwa ein Artikel, der in einem hitzigen Momente von einem Einzelnen geschrieben ist. Es ist das wohlerwogene Werk von verantwortlichen, der großen Oeffentlichkeit wohlbekannten Persönlichkeiten. Dieses Dokument enthält eine niederschmetternde Kritik nicht nur der Tätigkeit, sondern auch der Person Weizmanns und Sokolows. „Die wahre Ursache der würde? Den Verzicht auf die Balfour-Deklarätion, das wäre mein persönlicher Standpunkt und nicht der offizielle Standpunkt der Aguda, die jawohl auf dem Boden der Balfour-Deklaration steht. Davon wollte Ussischkin nichts hören. Die «iurückziehung der Balfour-Deklaration wäre eine nationale Schande und würde das Judentum in Palästina in den Augen der Araber herabsetzen. Man müsse nur in Massen einwandern. Auf meine Frage, wie der wahnwitzige Beschluß der Aufstellung der jüdischen Legion geschehen konnte, erklärte Ussischkin, daß er dagegen gekämpft hätte. Er informierte sich eingehend über die leitenden Personen der Aguda. Er interessiere sich wenig für Golusvorgänge und in Palästina sei noch wenig von der Aguda zu sehen. Die jüdischnationalistische Politik in Golus interessiere ihn nicht, er finde sie aber begreiflich. Ich wies auf die schweren Schäden hin, die diese unglückselige Politik dgr Palästinasache zufüge und auf die böse Demoralisation des Zionismus, wo er mit nationalistischer Politik verquickt werde. Das einzige Entschuldbare daran wäre der instinktive nationale Selbsterhaltungstrieb der irreligiösen Zionisten, dem die Methoden des Religionsjuden besser entsprächen. — Es gab noch eine Menge von Neo-Zionisten da, junge Herrchen, die „den Josef nicht kannten". Merkwürdig, wie sich selbst die Physiognomie der Nationalhelden geändert hat. Die schwärmerisch in die Welt, über den Alltag hinausblickenden Gesichter sind verschwunden, kluge Advokatentypen, die scharf nach ihrem Vorteil auszulugen scheinen, sind an ihre Stelle getreten. Der Zionismus hat sich durchaus verjüngt, verjüngt wie Faust, der müde der jKrms der zionistischen Sache liegt in dem Kampfe einer kleinen Gruppe von starrsinnigen Männern um die vollständige Beherrschung der Bewegung mit welchen Mitteln immer." Das Memorandum enthält folgenden Appell: „Wir sind dessen sicher, daß, wenn alle Zionisten die ganze Wahrheit erfahren und ermessen werden, sie nicht länger diese systematischen Konspirationen und dieses schamtose Streben .nach Macht dulden würden, noch aber als endgültig hinnehmen werden, den zeitweiligen Triumph der Intriguc und Usurpation! Zionismus ist eine Sache der Moral! Geistige Kräfte, nicht Gewalt werden seine Bestrebungen zur Erfüllung bringen. Wir haben keine Armee, kerne Marine, keine Jlegierung zur Verfügung! Wir basieren einzig auf der Begeisterung, auf dem Glauben und Opfer des jüdischen Volkes und auf der Würdigimg unseres großen Appells der Moral seitens der ganzen Welt! Eine solche Sache muß aber rein von inneren Intrigen, rein von persönlichen Ambitionen und frei von moralischer Haltlosigkeit sein. Eine solche Beivegüng muß geführt werden von Männern von moralischer Festigkeit und vertrauenswürdigem Charakter; Männer, frei von den Kabalen und Praktiken jämmerlicher politischer Agenten." Das ist das wohlerwogene Urteil der Kollegen im Amte! In derselben Nummer des „Jewish Chronicle* veröffentlicht der Präsident der zionistischen Organisation Frankreichs, der berühmte Bakteriologe und engste Herzl-Freund Dr. Alexander Marmorek, einen heftigen Artikel gegen Weizmann. Der Artikel schließt mit den Worten: „Die Atmosphäre, die jetzt über den Zionismus waltet, ist dumpf und erstickend, ein Gemisch von Intriguen, schamloser Uebertreibung und Arroganz bedeckt alles wie eine Wolke giftiger Gase, verwirrt die Geister, zerstört die Moral und tötet den Enthusiasmus der zahllosen ehrlich wollenden Zionisten, die von der offiziösen Presse irregeführt und kontinuierlich enttäuscht tverden." „Es gibt keine ehrliche öffentliche Meinung mehr in den Reihen des Zionismus" lautet der vernichtende Schlußsatz. Der Kongreß hat dieser bitteren Wahrheit die Approbation verliehen. Als sich 348 Männer erhoben haben, um Weizmann und Sokolow noch Dank und Vertrauen zu votieren, das war die Illustration zur Klage Marmoreks: „Es gibt keine ehrliche öffentliche Meinung mehr in den Reihen des Zionismus." (Der Artikel wird fortgesetzt.) üölkerrcebt. Je mehr sich die Formen der menschlichen Vergesellschaftung mehrtsn; desto größer wurde auch das Gebiet, das von dem Rechtsgedanken und den daraus sich ergebenden Rechtsnormen zu umfassen war, wobei wir für den Zweck dieser Darstellung unter Recht das Allerprimitivste verstehen wollen, die Regelung der Beziehungen zwischen den einzelnen Gliedern der jeweiligen Gesellschaft. Erklärt das Familienrecht Pflichten und Rechte der einzelnen Familienglieder, das gemeine Recht dieselben Relationen zwischen den einzelnen Bürgern des jeweiligen Staates, so sollte das Völkerrecht die Beziehungen zwischen den einzelnen Völkern regeln. Daß es zu einem wirklichen Völkerrecht noch nicht gekommen ist, darf man wohl als männiglich bekannt annehmen, man hat sich schlecht oder recht mit Konventionen oder Verträgen beholfen, die im gegebenen Moment sich wirklich als ein Fetzen Papier erwiesen haben. Der Grund liegt tiefer. Das Familienrecht hatte schon Philosophie, und auch der Theologie ist, und nichts wie glühendheiß genießen will. Inmitten dem großen, vielen Lärm um Nichts geschah eine stille, aber umso wertvollere Tat. Engelmann war da und versammelte einen Kreis glaubenstreuer Führer, um einen neuen Grundstein für ein großes Werk der Wohltätigkeit zu schaffen. Kein Gommunique, keine prahlerischen Vor- und Nachberichte gingen davon in die ganze Diaspora, aber tausend Dankgebete und Segenswünsche werden davon noch in später Zeit zum Himmel steigen und diese Tat wird eine der Karlsbader Quellen sein, deren Heilkraft Tausende von Familien segnen werden. * * - * Karlsbad! Uralte Familiensage von wundersamen Jungbrunnen, von g-ttlichem Wallfahrtsort Bresthafter und Todeskranker . . . Neben dem heiteren Festleben verwöhnter Glückskinder spielen sich kleine erschütternde Tragödien ab . . . von v'erg-tterten Familienoberhäuptern, die das Schicksal von den Ihrigen zu entreißen droht und betend den Heiltrank schlürfen, um vielleicht noch ein Jahr dem Tode zu entrinnen. Hier weilte schon der große Preßburger Parneß um die Wende des 18. Jahrhunderts, ohne die Heimat wieder zu sehen, hier fand der große Rabbi Markus Benedikt den Tod statt Heilung. Uebersprudelnde Lebenslust und bittere Resignation versammeln die bunteste Menschengesellschaft um den glühenden Geyser des Sprudels, den der Urahn in frommer Bewunderung quellen sah. So unmittelbar, so elementar, so ewig, so segensvoll wie alles Wollen des G-ttes von Sinai. in seinen ursprünglichsten Formen einen Träger der Rechtsexekutive, sei es in der patriarchalischen Form oder in den Aeußerungen des Familienrats. Daß der Staat einer solchen Exekutive bedarf, und daß beim Versagen dieser Exekutivgewalt auch das Recht und die Rechtspflege Not leidet, wissen wir armen Kinder dieser Zeit, in der, wie man zu sagen pflegt, alles aus den Fugen ging, am allerbesten. Es fehlt eben an der Autorität, welcher sich die Völkerfamilie zu beugen gewillt ist, es fehlt an der Exekutive, mit welcher etwa der Völkerbund als eine Art überstaatliches Organ auszustatten wäre. Es bedarf wohl keiner langen Auseinandersetzung, daß sowohl die legendären vierzehn Punkte Wilsons, noch die momentanen Bestrebungen auf einen internationalen Gerichtshof auch im entferntesten nicht eine derartige Autorität zu konstruieren in der Lage sind. In einer Zeit, in der Nationalismus zur Siedehitze des Chauvinismus entartet, leider, leider selbst in jüdischen Kreisen, seine Orgien feiert, wäre alle Mühe vergebens, in den Lügenkonzern der Sonderinteressen einen Einschlag weltbezwingender Wahrheit zu fügen. Aber deshalb verzweifeln? Nein. Denn, daß es ein Völkerrecht gibt, geben wird, das wissen wir. Wir wissen es aus Micha (IV, 1—3), daß „am Ende der Tage" das beglückende Thora wollen eine autoritative, dominierende Stellung im Völkerleben einnehmen wird, daß Broterholung durch Kampf (denn das ist die' Bedeutung von milchama, dieser schlimmsten Form des sogenannten „Kampfes um das Dasein") ein Ende gefunden haben wird, ja sogar, daß der Gedanke an eine solche Möglichkeit geschwunden sein wird, weil Rechtsformen, nur in der Thora, nur in G-ttes Wort verankert, die Beziehungen zwischen den Völkern regeln werden. Aber warten, wirklich verzweifelnd warten "bis an das Ende der Tage? Nein, nein und ja nicht wähnen, daß eine neue Thora vom Allmächtigen gegeben werden müßte, um diese Normen zu lehren. Ja nicht wähnen, als ob nicht alles schon in unserer heiligen Thora alles, alles klar zu Tage liegt, was das Glück der Menschheit durch ein reines Völkerrecht aufbauen könnte. Darum ist es Wahnsinn und Verbrechen an der Menschheit, wenn jüdische Kreise den Weg zu diesem Glücke verschütten. Zunächst ein klares, offenes Wort. Die Thora beansprucht in den sogenannten sieben noachidischen Geboten normgebend für alle Menschen zu sein. Unter diesen „sieben Punkten", welche sämtliche Grundlagen der Sittlichkeit darstellen, ist auch der nach Forderungen der Rechtspflege für alle Formen der menschlichen Vergesellschaftung, von den primitivsten bis zu den kompliziertesten, (Vgl. Ramban zu Gen. XXXH, 33; weitere Quellenangabe und Ausführungen müssen einer wissenschaftlichen Darstellung vorbehalten werden.) Und es ist sicher, daß „am Ende der Tage" die Durchführung dieses Punktes der sieben noachidischen Gebote das wahre Völkerrecht geben wird. Wenn allerdings in unseren Tagen nicht einmal alle Juden die.se Norrngebung der Thora als bindend anerkennen und es vorstehen, in den Spuren des Geschlechtes vom babylonischen Turmbau zu gehen, und aberwitzigen, jedes sittlichen Inhaltes baren Nationalismus zu künden, ja, wie kann man dann erwarten, daß fremde Völker sich der Autorität der Thora auch auf diesen Gebiete willig beugen. Aber deshalb schweigen? Nein und dreimal nein. Nicht die Judenheit, nein, die Thora muß vor dem Völkerbund erscheinen,- stolz und normgebend, die Thora muß den Völkerbund grundlegend festigen. Und wehe dem jüdischen Volke, wenn es seine Beziehungen zu anderen Völkern anders zu regeln sich vermißt, als einzig und allein nach diesen Normen, wehe den Führern und Verführten, die eine so herrliche Gelegenheit, wenigstens in einer Beziehung, g-ttlichem Völkerrecht zum Siege zu verhelfen, versäumen oder gar bewußt aus egoistischen Interessen vernachlässigen. Was wir fordern dürfen und müssen? Thorawort lehrt es. Strenges Verbot bannt ammonitische und moabitische Männer aus dem jüdischen Familienkreise, weil sie Brot und Wasser vorenthielten, weil sie (vergleiche Sifri) für die Darbietung von Brot und Wasser sittlichen Sturz als Gegenleistung verlangten. Sie hätten es als Völkergastpflicht auffassen müssen, ohne Eingriff in die sittliche Eigenart der Wandernden.* Hier haben wir ein Kapitel aus dem Völkerrecht, vielleicht Paragraph eins (Es ist Pflicht), aus dem sich alles andere mit ungezwungener Leichtigkeit ergibt. Es ist Pflicht jedes Volkes, die guten, sittlichen Seiten in einem anderen Volke zu fördern, es ist Pflicht jedes Volkes, ohne politischen Zwang dem anderen Volke die Existenzmöglichkeit zu bieten. Stellen wir uns einmal vor, daß alles Weltgeschehen auf diese Gedanken eingestellt, alle Verträge von diesem Geist diktiert werden; was wäre dann noch für das Glück der Menschheit zu tun? Nun war Israel an die Grenzen Amnions und Moabs geschickt worden, um diesen Völkern die Möglichkeit zu geben, ihr Volkstum unauslöschlich in die Rubrik der guten Völker einzuschreiben . . . Nun ist Israel in alle Völker gesandt, um diesen * So ist wohl der Ausdruck Q*1p, der an Stelle des gewöhnlichen jfi3 steht, zu erklären.

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