Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 33 (16.9.1921)
- Date
- 1921-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion nnd Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. Tschephoslowakei: Bratislava, Tumergasso 14. Erscheint joden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 400*—, Ungarn K 250«—, Tschechoslowakei Kc. 70*—, Deutschland Mk. 80-~, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 600-—. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kö. 1'50. Die 8 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10* — Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr« 33 I Wien-Bratislava, 16. September 1921 .x'ann bhx r< rrnoDjnö " nn ,tj» | 7. Jahrg. Sir Rcrbcrt Samuel Sowohl auf dem Kongreß in Karlsbad wie in einzelnen Auslassungen der Presse wird ein Kesseltreiben gegen Sir Herbert Samuel veranstaltet, dessen letzter Zweck sehr undurchsichtig ist. Sollten die Herren, die es gesagt haben, wirklich darüber unterrichtet sein, daß die englische Regierung mit den Maßnahmen Sir Herbert Samuels nicht einverstanden ist, so ist es zum mindesten seltsam, daß diese Tatsache zur Kenntnis der politischen Welt, auf einem Umwege gelangte. Es bleibt auch rätselhaft, daß die englische Regierung etwas gewährt haben sollte, weil sie unter dem Eindrucke der „öffentlichen Meinung" von Karlsbad gezwungen wird, ihrem Oberkommissär den Laufpaß zu geben. Wir fürchten allerdings, daß die zionistischen Arrangeure mit diesem Resultate sehr unzufrieden wären, denn es ist kaum anzunehmen, daß der eventuelle Nachfolger politische Maßnahmen beschreitet, die England in ungeahnte Konflikte reißen müßte. Wir halten die Politik der großen Worte für das größte Unglück, das überhaupt in Palästina sich ereignen könnte. Solche große Worte erzielen zwar auf dem Kongreß gewünschten Augenblickserfolg, sie sind aber andererseits Zeugnis eines derartigen Mangels an Verantwortlichkeitsbewußtsein, das in der jüdischen Geschichte einzig dasteht. Man fragt sich, ob denn die Herren auf Grund von Versprechungen, die in der Vergangenheit liegen, berechtigt sind, derartig gegen einen Mann zu sprechen, den sie bis in den Himmel gehoben und fast mit einem Nimbus umgeben haben. Man vergißt es allzugerne oder läßt es allzugerne vergessen, daß Palästina zunächst eine engliche Position ist, und daß es eine Unklugheit wäre, zu glauben, daß dieser Wasche 4mdem^etzee^ Stellung eingeräumt werden könne. Vielmehr wird jeder Oberkommissär — und das ist Binsenweisheit — gezwungen sein, Palästina so zu regieren, daß der geradlinige Weg London—Bombay oder London —Kairo dadurch keine Störung erleidet. Die Juden könnten bei Zurückstellung größenwahnsinniger politischer Ansprüche sich selbst und dem Oberkommissär eine bedeutende Erleichterung verschaffen. Das geschieht aber nicht damit, daß man die Araber etwa auf den Rang der Indianer stellt und sie so bis aufs Blut reizt. Wer es gut meint mit Juden, sollte entweder schweigen oder doch sehen, daß politische Aspirationen nicht solche Gedankenkomplexe durchkreuzen, die nun einmal — ob mit Recht oder Unrecht — in der Welt größere Beachtung beanspruchen als die jüdische Frage.' Wann immer die Orthodoxie Gelegenheit hatte — und diese Gelegenheit war sehr spärlich und wurde durch Intrigen in Jerusalem" meistens zu verhindern gesucht — dem Oberkommissär ihre Anschauung vorzutragen, gewann sie die Ueberzeugung, daß Sir Herbert Samuel sich ehrlich bemüht, objektiv zu sein. Wenn trotzdem die* souveräne Orthodoxie sich bisher peinlich zurückhielt, bestimmte politische Forderungen zu stellen, so geschah das deshalb, weil der Zeitpunkt noch nicht gekommen war, da es einem Vertreter der englichen Regierung vergönnt ist, in den Bahnen eines Cyrus zu wandeln. Wir werden es sehr bedauern, wenn jüdische Kreise durch eigene Schuld diesen Zeitpunkt hinausschieben würden. P. K. Der XII. Zionistenftongrefiii. Die Karlsbader Messe. Die Maske ist gefallen. Die Verantwortlichen, Gewissenhaften sind aus der Organisation verjagt, hinausgeekelt oder mit einem Banditenstoß beseitigt. Bezahlte Sekretäre sorgten seit Jahren dafür, daß kein Mann von Rückgrat sich in der Organisation erhalten könne. Mit der Beseitigung Brandeis' hat die Charkow-Clique ihr Letztes und Bestes ge- 4eistek*So-kon»te^iehH^^ noch ein Grad von Selbständigkeit erhalten. In der sozialistischen Föderation gibt es tatsächlich noch etwas Gesinnung. Erbärmlich ist die Haltung der Misrachi, welche kraft ihrer numerischen Stärke und größeren sittlichen Macht an diesem Kongresse zu einer großen befreienden Tat berufen gewesen wäre, wenn sie charaktervolle Führer besessen hätte. Allerdings waren die wackeren Misrachiführer von der durch sie repräsentierten „Ehre der Thora" derart durchdrungen, daß sie die Forderungen stellten, der Präsident des Kongresses möge ein Misrachist sein und der Professor Pick war augenscheinlich bereit, für die Ehre der Thora das Opfer zu bringen und Vorsitzender des Kongresses zu werden. Allein der große Faiseur Stricker, der seinen ganzen Intellekt auf Wahlmache eingestellt hat und auf diesem Gebiete tatsächlich Spezialist von Bedeutung geworden ist, faßte die Misrachi, die ihm doch in Wien liebedienerische Gefolgschaft leistet, beim Genick und warf sie brutal vom ersten Platze herunter. In seinem Leibblatt, der „Wiener Morgen-Zeitung", bramarbasiert Stricker täglich übei seine Falstaff-Heldentaten am Kongresse. Er, der gewesene Reichsratsabgeordnete, scheut sich nicht, zu erzählen, daß er „gegen jede Tendenz irgend einer Partei oder Gruppe, aus der Präsidentenfrage eine Parteifrage zu machen!!, arbeitete, wo doch jeder im Bereiche der Zivilisation lebende Politiker es für natürlich hält, daß gerade im Interesse der Parteilosigkeit jede Partei im Präsidium vertreten sein müsse. Misrachi, die unter allen Umständen auf die zweite Präsidentenstelle Anspruch hatte, erhielt gar keinen Anteil an der wirklichen Leitung des Kongresses. Hingegen ging der Präsident des Kongresses aus einer gröblichen Verletzung der zionistischen (Verfassung hervor. Die einsige Person, die laut zionistischem Organisationsstatut nicht Präsident des Kongresses sein darf, nämlich der Präsident der Exekutive, Sokolow, ivurde zum Präsidenten des Xll. Zionistcnkongresses gewählt! Die „Wiener Morgen-Zeitung" bringt darüber in Nr. 933 folgenden denkwürdigen Satz: „Da Herr Solcoloiv nach den Bestimmungen des Statuts nicht den Vorsitz Übernehmen darf, tvirä das Äktions- ♦ 7i#wite0~gleichzeit^ Kongreß auch beantragen, für die Tagungsdauer den bezüglichen PtinJct des Statutes außer Kraß zu setzen." Man höre: Für die Tagungsdauer! Also nach der Tagungsdauer tritt dieser Punkt wieder in Kraft? Ist dieser Punkt denn anders als gerade nur für Tagungsdauer gedacht? Ist das nicht der häßlichste Akt einer Präsidentenwahl in der Geschichte aller Parlamente und Kongresse? Wenn diese schimpfliche Gewalttat vor der breitesten Oeffentlichkeit in Karlsbad und Itlaricnbad. Fast muteten diesmal die beiden Orte wie zwei wichtige strategische Positionen im Kampfe um das Judentum an. In Marienbad waren die großen Vorkämpfer für das glaubenstreue Judentum konzentriert, während drüben um den Sprudel herum das jüdischnationalistische Lager mit aller' Macht mobilisierte. Wie in biblischen Zeiten trafen sich die Größen Israels beim Brunnen und mancher Bund ward auch hier geschlossen und erneut. Der hohe Ernst der Zeit umschattete die idyllische Freude an dem proeul negotiis. Am unteren Ende der Marienbader Kolonnade, etwas entrückt dem weltlichen Treiben, sah man manche ehrwürdige Gestalt wandeln. Da schreitet der Preßburger Raw an der Seite des Piestanyer in ernster Beratung die Kolonnade hinunter, mitunter gesellte sich ihnen der Kaschauer, der Beregszaszer oder Suranyer Raw. Die Rabbeim sind exklusiver. Seltener wird die würdige patrizische, Erscheinung des Großrabbiners von Czortkow sichtbar, noch weniger der gefeierte Belser Rabbi, der, ermüdet von den Prüfungen der letzten Jahre, zumeist das Zimmer hütet, in dem es allerdings niemals stille wird von den Besuchern aus Nah und Ferne, worunter in den letzten Tagen auch ein Minister aus den Sukzessionsstaaten sich eingefunden hat. Ich tmf den wundersamen Greis auf das Sofa zurückgelehnt an, vermied es, den herzlichen Empfang zu einem taktlosen Interview auszunützen. Hingegen fehlt der berühmte Munkacser fast niemals in den Reihen der Kurgäste. Natürlich dreht sich die Konversation oft um die schmerzliche Tatsache des unbegreiflich erbitterten Kampfes zwischen zwei gefeierte Namen, und ein heißer Wunsch von Hunderttausehdeh ginge in Erfüllung, wenn dieses an den , unseligen Kampfe Eibenschütz-Emden gemahnende Zerwürfnis in „wohew besofo" endigen würde. Wer würde sich vermessen hier den Richter zu machen. Das steht nur dem Allmächtigen zu, von dem es allerdings heißt, „wehoelokim jewakesch es nir<ipf". Aus Transylvanien ist der Oberrabbiner Fuchs aus Großwardein da, dem eine wohlverdiente Ruhepause in der allzu kampfreichen Aufgabe seines Wirkungskreises zu gönnen ist. Auch der Unermüdliche, Allgegenwärtige ist da, Rabbiner Horowicz aus Jerusalem. Weniger plastisch heben sich die in ziviler Kleidung erscheinenden Rabbiner von Wien, Prag und Bukarest ab. Dr. Chajes im luftigen Panamastrohhut, Dr. Niemerover gar im Girardihut, während Dr. Brody (Prag) noch die gute Tradition der Preßburger Jeschiba verrät und mehr auf ein würdiges Habit hält. Hermann Struck sammelt da Kräfte und Impressionen. Die Figur des Piestanyer Raw, der wie Saul über die Menge ragt, interessierte ihn sehr. „Eine wandelnde Radierung," sagt er zu mir. „Sie wissen am Ende gar nicht wer das ist?" frage ich ihn. „Nein." „Das ist der Piestanyer Raw." Da mischt sich etwas Schrecken in die Bewunderung. „Das ist der Piestanyer Raw? Nun, mit dem würde ich nicht auf einen Niederwurf gehen." „Würde ich Ihnen auch nicht raten. Die slowakischen Jüdischnationalen haben es versucht und es hat ihnen übel bekommen." Ich war doch einmal begierig zu erfahren, wie eigentlich Struck, der doch feinsinniger Künstler und Misrachist von „Friedensqualität" ist, über die Demoralisation im misrachistischen Lager denkt, über die Lügen- und Denunziationskampagne der misrachistischen Hauptorgane. Aber selbst Struck weiß nicht was Verantwortlichkeit der Führer heißt. In Karlsbad auf der alten Wiese und bei Pupp da ward jüdische Geschichte gemacht. Es waren noch reichlich zehn Tage vor dem Kongreß, die Hauptdarsteller, waren noch außenständig. Aus der Menge der Köpfe ragt da mit einem Male das massige Haupt Ussischkins. Er ist einmal, man sage was man will, die einzige Persönlichkeit unter den Russen, und trotz der schärfsten politischen Gegnerschaft, die seit jeher bestand, herrschte stets ein herzliches Verhältnis zwischen uns Beiden. Wir frühstücken bei Pupp. Er fragt mich mit großem Interesse über meine Meinung von der zionistischen Leitung und ist augenscheinlich nicht im Mindesten darüber gekränkt, daß dieses Urteil für Weizmann und Sokolow wenig schmeichelhaft ausfällt. Auf meine Frage, warum die Leitung nach solch unerhörten Mißerfolgen nicht abdankt, meint Ussischkin, daß eine solche Pflicht nur bei Völkern bestünde, die bereits geregelte Staatseinrichtungen haben, die auch während einer Krise funktionieren. Die zionistische Leitung könne nicht wissen, ob ihr Rücktritt nicht zur Anarchie führe. Ich war allerdings der Ansicht, daß nichts Schlimmeres als die jetzige Leitung nachkommen könne. Welche Politik ich vorschlagen Wien, I.Bez., Bauernmarkt Nr. 24 Ecke Fleischmarkt, Telephon 67.302 Große Auswahl in Damenpelzmänteln, Füchsen, Herrenpelzen. Modernisierungen, Reparaturen in eigener Werkstätte. Schiff' Felzwarenhaus