Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 31 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 222 JÜDISCHE PRESSE Nr. 31 den Beziehungen und Lebensanschauungen der palästinensischen Araber besser vertrauten palästinensischen Judenheit schleunigst nach London zu berufen und sich mit cler Delegation friedlich und freundschaftlich auseinanderzusetzen und mit ihr gemeinsam Auswege aus dem nationalistisch-politischen Sumpfe zu suchen, tritt er ihnen wie ein Machthaber entgegen. Er erläßt Enunziationen, stellt Bedingungen und Vorbedingungen auf, ohne von irgendeiner Seite hierzu eine Ermächtigung zu haben. Er spricht davon, „daß die Zionisten sich mit den Arabern in dem Besitze Palästinas teilen sollen". Er spricht von Zionisten, weil er sicher weiß, daß im besten Falle die Zionisten seine Politik billigen würden urftl vergißt, daß in Wirklichkeit den Zionisten nichts, absolut nichts am Besitze Palästinas versprochen wurde. Was in der Balfour- Deklaration, in San Remo erklärt wurde und was im endgültigen Palästinamandat dokumentarisch für die Dauer niedergelegt sein wird, gilt dem jüdischen Volke und den Zionisten nur insoferne, als sie in gleicher Weise wie die Antizionisten Glieder des jüdischen Volkes sind. Wohigemerkt Glieder und n icht Vormünder. Was Wunder, wenn Hen Jabotinsky, der Chef des „Publizistischen Departements der zionistischen Organisation" Pressevertretern gegenüber sehr pessimistische Erklärungen abzugeben sich genötigt sieht. Die englische Regierung habe die „Vorschläge" der zionistischen Organisation bezüglich des Schutzes in Palästina (?? — Ist damit etwa die jüngst von den „Heerführern" in Prag beschlossene Errichtung einer „Jüdischen Legion8 gemeint? Red.) und der Aenderung in der Verwaltung (Die Absetzung Herbert Samuels? Red.) noch Anwesend 180 Delegierte aus 181 Gruppen. In Rücksicht auf die bedeutenden Kosten hatte fast jeder Delegierte die zulässige Höchstzahl von fünf Stimmen. Abgesehen von den Vertretern der größeren und kleineren Ortsgruppen waren eine Reihe hervorragender Träger des Agudagedankens aus anderen Ländern erschienen. Insbesondere überbrachte R. Ber Friedmann, der Sohn des Czortkower Rabbi, die Grüße des Wiener Zentralrates. Nach einer Ansprache des Vertreters der Frankfurter Ortsgruppe Leo Wreschner und einer warmen Begrüßung seitens des Vorstandes der Synagogengemeinde „Israelitische Religionsgesellschaft", Herrn Adolf Stern, referierten die Herren Rabbiner Dr. Kohn und Rosenheim über die Tätigkeit des Zentralrates und seines geschäftsführenden Ausschusses seit der Wiener Tagung. Der gerade aus Amerika heimgekehrte Führer der Amerikadelegation, Herr Dr. Meier Hildesheimer aus Berlin, erstattete, lebhaft begrüßt, einen vorläufigen kurzen Bericht über seine Eindrücke und Erlebnisse in Amerika. Es machte auf die Anweseneen einen vorzüglichen Eindruck, daß Dr. Hildesheimer einen vollen moralischen Erfolg und einen hervorragenden Anfang des finanziellen Erfolges feststellen kann. Alsdann begann die offizielle Berichterstattung durch den Verbandsvorstand (Rabbiner Dr. Auerbach, Halberstadt) den K r i e g s w a i s en f o n d s, die Finanz Verwaltung (Gottfried Goldschmied, Halberstadt), die Palästinazentrale (Dr. Siegfried Oppenheim er, Frankfurt a. M.) und die Jugendorganisation (Leo Münk, Köln). Herr Münk teilt mit, daß die deutschen Jugendgruppen durch den Deutschen Gruppenverband an den Rabbinischen Rat die Anfrage richten werden, ob es gestattet sei, die Kräfte der Jugend in den Dienst der Propaganda zu stellen oder ob es richtiger Bei den ukrainischen Tlttcbtlingett * in Hischincff. Anläßlich unserer Anwesenheit in Kischineff haben wir es selbstverständlich nicht verabsäumt, das Leben der Flüchtlinge aus der Ukraine zu studieren. Wir haben sie gesehen und gesprochen. Es war uns unsagbar traurig zumute. Schlichte, brave, arbeitsame Menschen haben in dürren, einfachen Worten, an deren Wahrhaftigkeit man nicht zweifeln könnte, erzählt, wie sie sich glücklich retten konnten vor dem Untergang in der ukrainischen Hölle. Da hat einer in einem Nebensatz uns mitgeteilt, daß er aus Tetiew stamme und mit ihm sich noch 1000 Seelen retten konnten vor dem Brande, dem die Gemeindesynagoge mit der gesamten jüdischen Einwohnerschaft, 5000 an der Zahl, zum Opfer gefallen sind. So sind ganze Gegenden durch den Bürgerkrieg zwischen Bolschewiken und Kontrarevolutionären verödet worden. Die Juden waren stets die Leidtragenden. Die Trauer, solche Kunde aus erster Quelle hören zu müssen, wird durch den Umstand gelindert, daß nebst der rohen, verheerenden Hand des Bedrängers sich auch die helfende, schützende des Bruders fühlbar macht. So gelang nicht angenommen, obwohl sie deren Berechtigung anerkennt. Mit anderen Worten: Die zionistische Leitung hat es bei der englischen Regierung „noch" nicht durchsetzen können, ihr zu einer freundlichen Aufnahme beim Zionistenkongreß behilflich zu sein. Die englische Regierung weiß offenbar bessere Wege, um ihr gegebenes Wort zum Wohle der Juden einzulösen ate die zionistischen Politiker. Sie muß ein sehr sonderbares Bild von den politischen Fähigkeiten der zionistischen Leitung gewonnen haben, als sie die jetzt durch Jabotinsky der Oeffentlichkeit preisgegebene Forderung der Zionisten zur Paiiamentsfrage in Palästina erfuhr. Herr Jabotinsky erzählt nämlich den Pressevertretern, die Exekutive der Zionisten könne die vorgeschlagene Konstitution für Palästina nicht annehmen, es sei denn, daß den außerhalb Palästinas wohnenden Juden dasselbe Recht zuerkannt werde, wie der palästinensischen Bevölkerung selbst und daß den Juden in dem zukünftigen palästinensischen Rat die Hä 1 fte der Mandate eingeräumt werde. Was soll man, was soll die englische Regierung von einer politischen Körperschaft denken, deren prätenziöse Leitung in einer politisch so komplizierten und verwaltungstechnisch so schwierigen Frage nichts Gescheiteres zu ersinnen weiß? Kolonialminister Churchill hat der Araberdelegation neuerdings erklärt, daß von einer Desavouierung der Balfour-Deklaration keine Rede sein könne. Keineswegs sei er dazu berechtigt, dies könnte gegebenenfalls auch nur durch das Gesamtkabinett geschehen, wie die Balfour-Deklaration seinerzeit ebenfalls mit Zustimmung des Gesamtkabinetts abgegeben wurde. Ein Ausweg müsse auf Grundlage dieser Deklaration gesucht werden. sei, die an und für sich knappe Zeit der noch in Ausbildung begriffenen Jugend ganz dem Lernen zuzuführen. Die Nachmittagssitzung war fast gänzlich durch die Generaldiskussion über die Berichte ausgefüllt. Im Anschlüsse daran hielten Rabbiner Moschko witsch (Köln) und Halb er stamm (Köln) ein Referat über gewisse religiöse Schwierigkeiten, die sich im Verhältnis der in Deutschland lebenden Ostjuden zu den Gemeinden herausgebildet haben. Es wurde eine Kommission eingesetzt, welche die sehr ernste Frage prüfen und eine allseits befriedigende Lösung finden soll. Erst in später Abendstunde konnte man in die Beratung des dem Delegiertentag vorliegenden .„Frankfurter Programms" eintreten. Der Referent, Rechtsanwalt Dr. Breuer, verzichtete angesichts der vorgerückten Zeit auf ein besonderes Referat. Als erster Redner nahm Dozent Dr. Wohlgemuth (Berlin) das Wort, um einige Bedenken gegen den ersten Teil und gegen Einzelheiten des Programms zu entwickeln, worauf Dr. Breuer kurz erwiderte. An die Tagimg schloß sich ein von der Frankfurter Ortsgruppe -dargebotener gemeinschaftlicher Abendimbiß der Delegierten an. Am Dienstag früh wurde dann in der Diskussion fortgefahren. An derselben nahmenteil: Dr. Kohn, Rosenheim, Dr. Klein, Dr. Moses Auerbach, Dr. Emanuel Carlebach u. a. Die tiefliegenden gedanklichen Differenzen wurden zum Austrage gebracht und es wurde schließlich beschlossen, daß von einer Abstimmung Abstand genommen werden solle. Hingegen wurde der Ortsgruppe Frankturt a. M. der Auftrag erteilt, die praktischen Forderungen des Programms in das Leben umzusetzen. Nach Erledigung einiger Formalien und der Wiederwahl des Gesamtvorstandes wurde die Sitzimg geschlossen. es der Kischineffer Judengemeinde dank der energischen und aufopferungsvollen Tätigkeit des Herrn Oberrabbiners Zirlsohn bei der rumänischen Regierung Schutz und Zuflucht für die ukrainischen Flüchtlinge zu erwirken. Es leben jetzt in Kischineff zirka 30.000 Flüchtlinge, die heute schon ungestört ihrer Hände Arbeit nachgehen können. Sie haben sich auch aus eigenen Kräften organisiert und einen Selbstschutz geschaffen. Aus unseren Unterhandlungen mit den Leitern ihrer Organisation möchte ich nur einige Grundzüge zur Orientierimg mitteilen. Diese Zentralorganisation der Flüchtlinge in Bessarabien nennt sich „Central Relief Commitee" und vertritt die einzelnen Lokalorganisationen, welche nach einstigen Gemeinden und Landsgemeinschaften zusammengefaßt sind. Dieses Central Relief Committee vertritt die Flüchtlinge nach außen, verkehrt mit den großen amerikanischen Hilfsaktionen und hat auch eine ausgezeichnet arbeitende statistische Abteilung, wo man über alles Wünschenswerte sofort Auskunft bekommen kann. In Bezug auf die Waisenfürsorge vertritt das leitende Komitee folgende Ansicht: Vor allem sei es die dringendste Pflicht des Judentums, für jene Waisenkinder zu sorgen, die in ungeheuer großer Zahl in der Ukraine zurückgeblieben sind und nun in Waisenhäusern von der Sowjetregierung als „Versuchsmaterial" zu einer bolschewistischen Erziehung verwendet werden. Es sei zu fürchten, daß diese Kleinen dem Judentum gänzlich verloren gehen. Man müßte mit allen Mitteln trachten, diese Kinder vor dem Untergang zu retten. Ferner sollte es für jene Kinder, die schon außerhalb der Ukraine sind, in der Nähe ihrer einstigen Heimat, also in Polen und in Bessarabien ermöglicht werden, sie bei Familien oder in Waisenhäusern unterzubringen. Denn es würde für die Kinder, besonders für die erwachseneren, eine große seelische Erschütterung bedeuten, wenn sie gänzlich aus ihrer Umgebung gerissen würden. Als weitere Möglichkeit kommt der Abtransport der Kinder in Waisenhäuser oder zu Familien in West- oder Zentraleuropa in Betracht. Sollte dies geschehen, so will das Komitee selbstverständlich dafür Sorge tragen, daß für die moralische und materielle Entwicklung der Kinder von Organisationen entsprechend gesorgt wird. Unsere Delegierten haben den Herren selbstverständlich mitgeteilt, daß der erste Weg nicht gleich gangbar ist, da dazu diplomatische Unterhandlungen notwendig sind. Auch würde er finanziell über unsere Kräfte gehen. Der zweite Weg ist auch uns sehr wünschenswert, und wir werden bei den entscheidenden Faktoren auf dieses Moment hinwirken. Momentan gangbar ist nur der dritte Weg, denn es zeigt sich ein geradezu ergreifendes Mitgefühl in den Zentral- und Weststaaten Europas für die Errettung der ukrainischen Waisenkinder. Die Herren, die das Elend in der Ukraine nicht nur mitfühlen, sondern selbst mitgemacht haben, vergessen persönliches Leid und Ungemach und arbeiten uneigennützig für die Interessen ihrer gepeinigten Brüder. Sie haben es von uns als moralische Stärkung empfunden, daß wir mit Hintansetzung aller Sonderinteressen für die Errettung der verlassenen Kinder sorgen wollen. J. P. Der jüdische Kinderbilfstag in Baden»Uöslau. Die Badener Judenschaft und die zahlreichen Kurgäste, die dort weilen, hatten letzten Sonntag ihren großen Tag. Es schien, als ob alle Gemüter von edleren Gefühlen durchglüht, als ob alle Herzen von dem Wunsche, Gutes und Edles zu schaffen, durchwärmt seien. Schon in den ersten Morgenstunden, da sonst die Kurgäste der Ruhe zu pflegen gewohnt waren, zeigte der Synagogenhof in der Grabengasse ein ungemein reges Leben. Der Jüdische Kinderhilfstag war kaum angebrochen und schon war eine muntere und arbeitsfrohe Schar jüngerer und älterer Damen und Herren von Wien nach Baden aufgebrochen, um ihren Teil an der Sammlung zu leisten. Im „Hauptquartier" des Sammeltages, dem Sitzungssaale der Kultusgemeinde, angelangt, fand sie sozusagen „getane Arbeit" vor. Alles war bereits vorbereitet, alles organisiert und umsichtig geordnet. Alles klappte. Herrlicher Sonnenschein leuchtete durch das satte Grün des Spätsommers hindurch. Gibt es Schöneres, gibt es Erhabeneres, als an solch einem Tage auf Gottes schöner Welt mit dazu beizutragen, daß das Häßliche und Widerwärtige, daß Not und Elend schwinde, daß die Tränen getrocknet und bedrückte Herzen aufgerichtet werden? Ein Komitee von Damen und Herren in Baden hat von Seiten der Waisenhausverwaltung die Mission übernommen, den Sammeltag zu organisieren und durchzuführen. Es muß an dieser Stelle gesagt werden, das gute jüdische Herz, die Freude am Wohltun offenbarte sich bei diesem Komitee im besten Sinne des Wortes. Jeder tat sein Bestes, jeder leistete, was er vermochte zum Gelingen des Tages. Es handelte sich um die finanzielle Unterstützung eines Kriegswaisenhauses der Agudas Jisroel. Aber es kamen nicht nur Agudisten, sondern in recht großer Zahl alle herbei, die es begriffen, was es heißt, ein Kind zu sein und Vater und Mutter nicht zu haben. Eine große Zahl junger Menschen aus Baden und aus den Reihen der Kurgäste leisteten dem energischen Kommando des trefflichen Leiters des Sammeltages, Herrn Bernhard Affenkraut, gerne Folge, ebenso wie eine zumindest gleiche Anzahl von männlicher und weiblicher Jugend auf den Ruf des leidenschaftlichen Gutestuers Herrn Moische Porges aus Wien herbeieilte. Das Badener Komitee war den ganzen Tag auf den Beinen und ihm ist cler schöne Erfolg zum größten Teile zu danken. Dem Badener Komitee gehören an die Herren: Kultuspräses Alexander Braun, Kultusvorsteher Adolf Raab, Bernhard Affenkraut, Leopold Kohn, Alexander Smetana, S. Mandl, Emil Kohn, Egon Flaschner, Willy Austerlitz, Architekt Alf. Früchter, Ludwig Grünwald, Norb. Fischer, Jakob Fischer, Brüder Reich und Samuel Spitzer. Dem Damenkomitee gehören an: Frau Kultusvorsteher Raab, Frau Rabbiner Dr. Güdemann, Frau Luise Freiwillig, Fräulein Thuinim, Fräulein Else Stroh, Frau Gurari, Frau Lily Fischer, Frau Jakob Fischer, Frau Johanna Schiff, Geschwister Jonas, Fräulein Hausmann, Fräulein Helene und Gisela Kohn, Frau Krishaber, Fräulein Sidonie Rezich, Fräulein Grete Austerlitz, Frau Dr. Lackenbacher, Frau Dr. Dorfner, Fräulein Uorläufiger Beriebt über die Uerbandlungen des Delegiertentages des Deutseben ßruppenverbandes der Agudas jisroel in franltfurt a. ID.