Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 31 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 JÜDISCHE PRESSE Seite 223 Greil Lackenbacher und viele andere, deren Aufzählung zu viel Raum in Anspruch nehmen würde. Auch aus Wien er-Neustadt, waren mehrere Damen und Hörren zur Mitarbeit nach Baden gekommen. Um 9 Uhr waren die „Rayons8 bereits verteilt, die meisterhaft arrangierten Blumenstände an den verschiedensten Plätzen der Stadt besetzt, und die Straßen und Spazierplätze des Kurortes von der Schar mit Sammelbüchsen, Fähnchen und schlagenden Argumenten ausgerüsteten und wohlinstruierten Sammeltruppen „unsicher gemacht". Stündlich kamen telephonische und 'mündliche Meldungen in das Hauptbureart von besonders guten Erfolgen. Dort saß längs eines Tisches ein Komitee würdiger Herren und Damen, mit nichts Anderem beschäftigt, als dem Entleeren gefüllter Büchsen und dem Sortieren großer Stöße von Geldnöten. Der Erfolg war glänzend. Das Endresultat ist zur Stunde noch nicht genau bekannt. Aber schätzungsweise sind eine Million Kronen erreicht worden. Auch in Vöslau arbeitete eine besondere Sammlergruppe eifrig und erfolgreich mit an der Erreichung dieses schönen Resultates. Um 11 Uhr vormittags erschien der Bürgermeister der Stadt Baden, Harr Nationalrat Josef Kollmann, im Waisenhause zu einer offiziellen Besichtigung der Anstalt. Von Seiten des Badener Komitees des Waisenhauses waren erschienen: Se. Ehrw. Herr Oberrabbiner W. Reich, die Herren Alexander Braun, Präsident der Kultusgemeinde, Adolf Raab, Präses der Chewra Kadischa, Grünwald, Lakenbacher und der Direktor des Waisenhauses, Philipp Friedmann. Ferner als Vertreter des Wiener Komitees Herr Josef Brody und der Aguda Herr J. J. Braun. In der Vorhalle des Waisenhauses begrüßte der Oberrabbiner den Bürgermeister - in einer herzlichen Ansprache, worin er der Genugtuung der Badener Judenheit über den Besuch des Bürgermeisters Ausdruck "gab. Es sei für die Anstalt, sowohl, wie für die gesamte jüdische Bürgerschaft von Baden ein Ehrentag, da der oberste Vertreter Dtut$cD9$krreicfc. „Deutschnationaler" Edelsinn. Wir wollen darüber nicht viele Worte verlieren. Aber erzählt soll es werden. In Baden wurde zugunsten von armen, unschuldigen Kindern, die ihre Eltern im Kriege und' durch den Krieg verloren hatten, eine Geldsammlung veranstaltet. Ein Waisenhaus soll von dem Gelde erhalten und junge, unschuldige Kinder sollen darin durch die Agudas Jisroel erzogen und gepflegt werden. Man zwang niemand zum Geben. Aber die Veranstalter wandten sich an alle, die edlen Herzens sind. Und es waren deren viele, viele. Es soll aber bekannt werden, daß es in Baden auch solche gibt, die zwar nicht eben edlen Herzens sind, aber — „deutschnational". In der Nacht von Samstag auf Sonntag fand man an allen Säulen und Bäumen, an joder freien Wandfläche ein glänzendes Dokument dieser „treudeutschen" Gesinnung prangen. Ein schreiendes Plakat mit folgendem Wortlaut: „Achtung! Deutsche! Keinen Heller für die jüdischen Kinder!" Kann die deutsche Nation, kann das wirklich deutschgesinnte, an der deutschen Kultur genährte deutsche Volk schwerer beleidigt werden als durch solch eine Aufforderung? Glücklicherweise denken sehr Viele über das, was nach deutscher Sitte recht und billig ist, anders, als die noblen „Deutschnationalen" von Baden. Sympathisch berührte es besonders, daß ein geistliche)- Würdenträger von Baden schon in den ersten Morgenstunden unter ausdrücklicher Berufung auf dieses Plakat und unter Betonung, daß er damit nichts gemein haben wolle, dem Komitee eine Spende für den Sammeltag übermittelte. Option. Die Frage der Option der in Oesterreich ansässigen und hier nicht „ heimatsberechtigten" Juden hält die Gemüter der gesamten Judenschaft Oesterreichs in Erregung. Der Großteil der österreichischen Juden verhielt sich gegenüber den Friedensverträgen über den Schutz der Minoritäten nicht gerade hoffnungsfroh. Er war der Ansicht, es sei besser sich auf eine Verfassungsurkunde zu stützen, als auf „Minoritätsrechte", die von außen dem Staate auferlegt werden. Der Standpunkt jedoch, den der Minister des Innern, Waber, vertritt, entrechtet viele Tausende von Juden, die Jahrzehnte hindurch in Oesterreich wohnen, hier Steuer bezahlen und das Wohl des Landes fördern, aus keinem anderen Grunde, nur weil sie Juden und nicht nach der Definition Wabers Arier reinsten Schlages sind. Die Bestätigung dieses nach Ansicht der hervorragendsten, vorurteilsfreien Juristen gänzlich unbegründeten Standpunktes durch den Verwaltungsgerichtshof drängt die Juden vor die Notwendigkeit, sich zur Wehr zu setzen und ihr Recht durch einen Schritt beim Völkerbunde zu wahren. Die österreichische Judenheit wird sich genötigt sehen, beim Völkerbund eine amtliche Interpretation der betreffenden Bestimmungen des Friedensvertrages zu verder Behörde erscheint und damit den Gedanken der Toleranz und der Menschenliebe ohne Unterschied der Partei und Konfession kundtut. Bürgermeister Ko 11 mann antwortete hierauf in wenigen, aber tiefempfundenen Worten. Er sei stolz darauf und lege Wert darauf, im besten Sinne des Wortes „Bürgermeister" zu sein. Er betrachte es als seine Pflicht, in seinen Amtshandlungen das Wohl und die Interessen aller Bürger der Stadt mit allen Kräften zu fördern und jedes Bestreben, das der Menschenliebe dient, zu unterstützen. Er habe dieses Waisenhaus vom Anbeginn unterstützt und sei nun um so mehr bereit, auch in Zukunft dieser Institution seine Mithilfe zu gewähren, als er sich überzeugt habe, daß sie einem großen Liebeswerke gewidmet ist. Hier werden Kinder von Menschen erzogen und gepflegt, die für die große Sache des Vaterlandes gestorben sind. Wenn sich an den Pforten eines solchen Hauses der Menschenhaß nicht bricht und nicht alle Menschen an dem Liebeswerke teilnehmen, so sei eine solche Menschheit nicht des Lebens würdig. Er freue sich, in Vertretung der Stadt hier zu erscheinen und danke für die warme Aufnahme, die er hier fand. Direktor Fried mann richtete an den Bürgermeister namens der Anstalt und der Verwaltung Worte der Begrüßung. Er legte die Geschichte des Waisenhauses dar und wies ebenfalls auf die Bedeutung des Hauses als Sinnbild der Menschenversöhnung nach so vielen Jahren des Bruderhasses und des Brudermordes hin und bat den Bürgermeister, der Anstalt auch fernerhin in ihrer Ausgestaltung und weiteren Entwicklung behilflich zusein. Hierauf folgte die Besichtigung aller Räume und Einrichtungen der Anstalt. Der Bürgermeister schenkte während des Rundganges jeder Einzelheit die größte Aufmerksamkeit; er besichtigte die Betten in den Schlafräumen, prüfte die in Zubereitung befindlichen Speisen in der Küche und drückte wiederholt seine Zufriedenheit aus mit allem, was er sah. Es wurde hierauf ein kleiner Imbiß eingenommen und der langen, damit sie in ihrem selbstverständlichsten Reehte nicht verkürzt werden. Sie betrachtet es als ein Hohn auf den Geist der Republik, wenn ein Teil der Bevölkerung, nämlich die Juden, unter dem Vorwande eines Paragraphen des Friedensvertrages entrechtet'wird. Das alte Regime kannte zumindest de jure keinen Unterschied unter den Staatsbürgern. Und jetzt soll solch ein unmöglichersRechtszustand geschaffen werden. Den Schikanen der christlichsozialen Beamtenschaft konnten die Juden ihre Beharrlichkeit entgegenstellen. Gegenüber der Auslegung der betreffenden Rechtsbestimmungen durch "den Venvaltungsgerichtshof gibt es nur ein Mittel: Den Appell an den Völkerbund. Die österreichische Judenheit empfindet es als moralische Schmach, zu solch einem Schritt gezwungen zu sein. Sie weiß aber einen anderen Weg nicht, wie dem Antagonismus des Ministers Waber gegen die Juden zu begegnen und ihre elementarsten Interessen zu schützen, wenn Oesterreichs Volk der schädlichen Tätigkeit des Ministers nicht ein Ende zu bereiten weiß. •Große Seadas Mizwo in Wien. Anläßlich der 50. Bris Mila des neugegründeteu Vereines „Jüdischer Hund" veranstaltet ein Komitee eine Seudas Mizwo, deren Einladung lautet: Anläßlich der 50. litis Milah findet s. G. w..Sonntag Bosch Ghodesch Elul 5081 (4. September 1921), um 10 Uhr vormittags, eine groi/e'Seudas Mizwo im Snalo der Talmud Thora, II., Malzgasse IG, statt. Nachdem uns in dieser ernsten Zeit das große Glück zuteil wurde, so große Mizwous ausführen zu können, so wird es jeden Juden, dem der wahre Bestand des Judentums am Herzen liegt, aufrichtig freuen, an dieser Seudas Mizwo, die gleichzeitig eine Seudas Rosch Chodesch ist, teilzunehmen. Das Komitee der „Ghewre Bris Milah": Kommerzialrat S. Bondi, Menachem Felsenburg, Kultusvorsteher O. März, Obmann Wolf Pappenheim, Dr. J. Reiniger, Akiba Schreiher, S. Schreiber, J. Steinfeld. Ungarn. Heerführer im Woltkriog; übor die ung-arischon jüdischen Soldaten. Aus dem Anlasse, daß die Fester israelitische Religionsgemeiude im Herbst den im Weltkrieg gefallenen Helden jüdischer Konfession und den jüdischen Opfern der Gegenrevolution eine solenne Trauerfeier zu veranstalten gedenkt, hat sich die Zeitschrift „Egyenlöseg" an drei hervorragende ungarische Heerführer im Weltkriege mit einer Anfrage um deren Meinung über die jüdischen Frontsoldaten gewendet. Das zitierte Blatt veröffentlicht nun in seiner jüngsten Nummer die ihm zugegangenen Antworten dreier Generale der gewesenen österreichisch-ungarischen Armee. Der frühere ungarische Landesverteidigungsrninister Baron Alexander Szurmay schreibt unter anderem: „Wir begehen die Gedächtnisfeier toter jüdischer Helden, die dem Vaterlande den größten Tribut, den ihres Lebens, entrichtet haben, denn hätten sie ihre schwere Pflicht nicht getreulich erfüllt, so würde vielleicht jetzt keiner von ihnen im Grabe schlummern. Es wäre somit von den Lebenden, also von jenen, die die große Sturmflut nicht hinweggefegt hat, unbillig, undankbar und ungerecht, würden sie anders handeln. Es ist ein wichtiges Landesinteresse, daß der wahllose Heldenkult sobald als möglich allgemein werde; zum Schaden der Landesverteidigung haben wir in dieser Hinsicht ohnehin schon viel versäumt. Durch den Heldenkult ziehen wir neue Helden auf, und auf diese staatserhaltenden und sichernden Stützen — und zwar auch auf die jüdischen Helden — ist unser unglückliches kleines Land jetzt mehr als je angewiesen.4 Bürgermeister zeichnete zur Erinnerung seinen Namen in das $ Goldene Buch" der Anstalt ein. Um 5 Uhr nachmittags sah man eine allen Volksschichten angehörende Menge dem Waisenhause in der Germergasse zuströmen. Die allgemeine Besichtigung des Waisenhauses begann. Vorher schon hatte der Präsident des Waisenhauses, Herr J. J. T h u m i m, eine kleine Schulprüfung bei den Waisenkindern abgehalten und mit Befriedigung die schönen Lehrerfolge, die bisher bei ihnen erzielt wurden, konstatiert. Das Waisenhaus und seine Einrichtungen fanden ausnahmslos von allen Seiten volle Anerkennung. Im Garten wurde ein Büffet von zum größten Teil gespendeten trefflichen Leckerbissen und Erfrischungsgetränken unter Leitung von Frau Johanna Schiff aufgestellt und von den Damen Frau Paula Pappenheim, Frau Recha Braun, Fräulein Schiff und den Schwestern Kollmann vorzüglich verwaltet. Herr Oberrabbiner Reich richtete an die Anwesenden herzliche und aneifernde Worte. Hierauf sprach ein unter den Gästen erschienener Rabbiner von New York, Dr. Kratz, begeistert von der Anstalt, die er hier kennen gelernt hat. Er hat nur einen Fehler ausgesetzt, nämlich den Mangel einer gleichen Anstalt zur Erziehung von Waisenmädchen. Er versprach, nach seiner Rückkehr in Amerika die Mittel hierzu der Agudas Jisroel zur Verfügung zu stellen, indem er hoffe, im nächsten Jahre der Einweihung des Agudas Jisroel- Mädchenwaisenhauses in Baden in der gleichen befriedigten Stimmung persönlich anwohnen zu können. Am Samstag wurden die Spenden bei Verlesen der Thora vorn Vorstande dem Waisenhause gewidmet. Die Spenden ergaben einen großen Betrag, in der Hauptsache durch das Beispiel des auch sonst um das Waisenhaus und die Veranstaltung der Sammlung sehr verdienten Herrn Karl Salz er angeeifert. Alles in allem, es war ein schöner Tag in Baden. Die Sonne senkte sich über den Wipfeln der Bäume und die Versammlung ging in dem Bewußtsein auseinander, daß es doch nichts Schöneres gäbe, als das Bewußtsein, Gutes gestiftet zu haben. Feldmarschalleutnant Baron Geza Lukachich äußert sich über die jüdischen Soldaten: „An der Front, also auf dem Schlachtfelde, ist bei mir gegen Offiziere und Mannschaften jüdischer Konfession keine Klage geführt worden. In den meisten Fällen waren die Vorgesetzten über die konfessionelle Zugehörigkeit ihrer Subalternen 'gar nicht unterrichtet, denn während des Krieges hatten wir keine Zeit, uns mit dergleichen zu befassen. Die Leitung sah nur darauf, ob der Soldat seine Pflicht erfülle oder nicht Ich lernte die jüdischen Soldaten als ebenso gute Krieger einschätzen, wie die Angehörigen anderer Glaubensbekenntnisse. Es ist nicht vorgekommen, daß etwa gegen jüdische Soldaten vom Gesichtspunkte des persönlichen Mutes Klage erhoben worden wäre. Ich entsinne mich nicht, daß gegen jüdische Soldaten wegen Feigheit oder Fahnenflucht verhältnismäßig öfter das Verfahren eingeleitet worden wäre, als gegen Soldaten, die einer anderen Religion angehörten. Während des Krieges wurde nur eine einzige Beschwerde laut, die inu ersten Augenblick den Anschein ernsten Charakters hafte: daß nämlich von den jüdischen Soldaten verhältnismäßig mehr den Bureaus und Kommandos zugeteilt waren, als von anderen Soldaten. Nach Ueberprüfung dieser Beschwerde kamen wir dahinter, daß sie ihre Ursache -in der außerordentlichen Eignung und Brauchbarkeit der jüdischen Soldaten im Bureaudienst habe und daß die Betreffenden auch dort nützliche und pünktliche Arbeit verrichtet haben. Die jüdischen Soldaten aber, die während des Krieges an der Front waren, haben sich als gewissenhalle, tapfere und wackere Kämpfer bewährt: das kann und darf auch nicht geleugnet werden." Fel.lmarschalleutnant Desider v. Molnär berichtet über eine Heldentat des Reserveleutnant Karl Grün bei Gorlice, der hierbei den Heldentod erlitten hatte, und schließt diesen Bericht mit den Worten: „Keines einzigen unter meinen jüdischen Soldaten oder Offizieren aber, der sich feige geführt hätte, vermag ich mich zu erinnern. So viel jüdische Soldaten ich kannte, bo viel brave, tapfere ungarische Jungen waren es." Deutschland. Matthias Erzberger. Aus Berlin wird die Ermordung des bekannten Zentrumführers Erzberger gemeldet. Er ist einem politischen Morde zum Opfer gefallen. Es ist nicht hier der Ort, die politische Bedeutung dieser Persönlichkeit für die Gestaltung der inneren und äußeren Verhältnisse des Deutschen Reiches während der letzten Jahrzehnte zu schildern. Es wird von Anhängern und Gegnern jener politischen Richtuug, der Erzberger mit seltenem Eifer diente, jetzt nach seinem Töde anerkannt werden, daß er eine hervorragende Persönlichkeit war, der die Impulse für sein Schaffen aus einer geläuterten, in Gemüt und Seele verankerten Weltanschauung schöpfte und bei aller Liebe zu dem Vaterlande den größeren Kreis der Menschheit niemals aus dem Auge verlor. Uns Juden war er ein warmer Freund. Er billigte nicht alles, was Juden „liberaler" Richtung taten und dachten. Aber für das Judentum, das er aus der Geschichte seit Abraham bis in die allerjüngste Zeit hinein kennen lernte und für die Bestrebungen, die darauf hinausliefen, dem religiösen Judentum und der religiösen Idee des Judentums in Gesetz und Verwaltung Geltung zu verschaffen, hatte er nur Wertschätzung und sehr oft tatkräftige Unterstützung übrig. Das sei ihm nicht vergessen. NACHRICHTEN.