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Jüdische Presse · 1921-09-02 · 31 (2.9.1921) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
31 (2.9.1921)
Date
1921-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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■ ■""■ ■ ^■ f%nLP#<4* JUDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. 7ÄT /< v ■>/ Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. - Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Turnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 300*—, Ungarn K 250'—, Tschechoslowakei Kc. 70*—, Deutschland Mk. 80'—, Schweiz Frcs. 10'—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 600*—. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, K6. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10* — . Fürs Ausland 100 Prozent. Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. * Nr. 31 | Wien-Bratislava, 2. September 1921 »Kann 2* too nDDopna - na-i jyjd | 7. Jahrg. V % -\^> N In üom Karlsbader Kongreß Viel steht auf dem Spiele. Letzten Endes ist dieses Viele doch nur eines: es handelt sich darum, ob die Führer der zionistischen Bewegung den Mut haben, der Wahrheit ins Auge zu schauen, den Mut haben, diese Wahrheit ihren Getreuen zu sagen Und auch darum, ob diese Getreuen die Kraft haben, die Wahrheit zu ertragen. Zur Wahrheit gehört aber auch, daß die Führer das mehr oder minder fein besaitete Instrument der Volksseele, Avie man es nennt, meistern zu können, einzugestehen, daß der Zionismus auch seiner Ideologie nach nicht den Anspruch erheben kann, die Judenheit, geschweige denn das Judentum zu umfassen. Würde einmal diese Binsenwahrheit klar erkannt sein, so wäre für manches Gute und Schöne der Weg geebnet, so könnte es nicht mehr vorkommen, daß die Anhänger anderer Ideologien mit Schmutz der Straße und mit dem bei der Lampe ersonnenen Raffinement verfolgt werden. Letzten Endes bedeutet ja jede Konzession an die materialistische Weltanschauung den schwersten Schlag gegen das Judentum, denn setzt man alles auf die Macht der Zahlen, so stürzt eine Bewegung dann zusammen, wenn die Zahl der Münze nicht mehr gleichen Schritt hält mit der statistisch errechneten Zähl der Stimmen. Gewiß bedarf es in dem Jahrhundert der Organisationen für die Idee, die lebendig in Erscheinung treten wird, gewisser materieller Mittel, und es kann sein, daß aus Mangel an diesen Mitteln die Idee zeitweilig darauf verzichten muß, vertreten zu sein. Allein es besteht dann wenigstens die Gewißheit, daß aus diesem Nichtvertretensein keine Enttäuschung und keine Verschärfung zu keimen brau<jhtT - da immerin absehbarer Zeit neue-Kämpfer in .die Schranken treten werden. Anders ist es, wenn von vorneherein nur brutale Machtverhältnisse erstrebt werden. Wir verzichten als Außenstehende auf die sehr billige Untersuchung der Frage, ob zurzeit im Zionismus Katastrophenpolitik getrieben wird. Wäre dies aber der Fall, so würde eine Genesung sofort in Erscheinung treten, wenn jener obenerwähnte Mut vorhanden ist. Wir hoffen und wünschen, daß in Karlsbad Grundstein zu. einer Erkenntnis gelegt werde, welche — um mit Herzl zu sprechen — die Rückkehr zum Judentum bedeutet. Dann wahrhaft müßte alles Kulturgeplänkel verstummen und man Würde begreifen, daß man selbst das äußere jüdische Geschick nicht messen kann und nicht messen darf an den brutalen Geschehnissen einer Zeit, welche unter hochtönendem Phrasengeklingel eine Periode darstellt, wie sie materialistischer bis jetzt noch niemals in der Weltgeschichte vorhanden war. Man möge eines nicht vergessen: Bei allem, was uns trennt, bei allem, was an Himmelsferne zwischen unseren Anschauungen steht, es sind Kinder jüdischer Mütter, die in Karlsbad tagen. Man wäre fast versucht, zu beten, daß dhsen Kindern jüdischer Mütter die große Mutter Keneseth Jisroel mahnend zur Seite stehe. Würde man aber bewußt solche Brüder und Schwestern von der Arbeit am Heiligen Lande ausschließen, die das Judentum als das primäre ansehen, so wäre Karlsbad ein Unglück. Darum stehen ernste Juden fast atemlos in Erwartung dessen, was sich dort ereignet. Jetzt entscheidet sich die Frage, ob Parteiinteressen oder selbstloses Wollen das Steuer führen. P. K.v Palästinensisches aus England. (Brief aus London.) Wir werden immer noch in Presse und. Gesellschaft mit der hier weilenden arabischen Delegation beschäftigt. Man spricht und schreibt über Einzelheiten und Einzelfragen dieser Delegation eigentlich viel mehr als die große aligemeine Interesselosigkeit gegenüber Palästinafragen in der englischen Judenheit erwarten ließ. Vielleicht ist aber diese ausführliche Informierung der Oeffentlichkeit für die jüdische Frage von Nutzen. Denn endlich wird man auf Grund der neugewonnenen Einblicke in das politische Getriebe der Palästinafrage zu der Einsicht gelangen müssen, daß die Behandlung von Fragen der gesamten jüdischen Gemeinschaft und die Vertretung des jüdischen Volkes „nach außen" doch mit einem viel höheren Maße von Verantwortlichkeitsgefühl verknüpft ist, als sie jener Gruppe von nationalistisch-zionistischen „Kulturpolitikern" zugetraut werden kann, die seit einer Reihe von Jahren beinahe ohne Widerspruch sich diese Würde aneignet*Man -t fängtar*f- V-erglekhe--^»«»astelleni Man vergleicht die Geschicklichkeit, die kluge Taktik, die Umsicht und die Zielsicherheit, mit der unsere Gegner, die unzivilisierten Sendboten der panarabischen Nationalisten, absolute Neulinge auf dem Parkettboden der Weltpolitik arbeiten mit der Stümperhaftigkeit und Kurzsichtigkeit, nur auf Augenblickserfolge und eitle Selbstverherrlichung eingestellte „politischen Methode" der zionistischen Vertretung des jüdischen Volkes. Unter den Sachkennern der jüdisch-politischen Fragen gibt es nur eine Meinung über die Politik der Zionisten: Sie ist schlecht. Das ist aber nicht neu, jedenfalls nicht für den Eingeweihten. Daß aber die Araber gut arbeiten — leider gut — das ist eine Erkenntnis, die man erst jetzt zu gewinnen beginnt und die in vielen Herzen die schwerste Sorge um die Zukunft des seit Jahrhunderten von, der gesamten Judenheit unter den größten Opfern errichteten städtischen und landwirtschaftlichen Jischuws im heiligen Lande auslöst. Wie die in erster Reihe an der Araberfrage interessierte palästinensische Judenheit dieses Problem behandelt zu wissen wünscht, darüber herrscht hier vollständige Unklarheit. Man weiß nur zwei Dinge: 1. Die zionistische Leitung vertritt die Anschauungen des Großteils der autochtonen palästinensischen Judenheit mit nichten. 2. Ohne die Einmengung der zionistischen „Vormünder" hat sich viele Jahrzehnte hindurch in immer aufsteigender Linie im heiligen Lande eine von heißer Liebe zu Erez Israel erfüllte jüdische Bevölkerung in Palästina seßhaft gemacht und in friedlichem Nebeneinander mit der — allerdings in gleicher Weise wie die Juden damals religiös und noch nicht „nationalistisch" orientierten — arabischen Einwohnerschaft an dem Aufblühen des Landes mit Erfolg gearbeitet. Wie sie es gemacht, welche Methoden sie dabei angewandt, welche Beziehungen sie dabei verwertet haben, darüber erfährt man einstweilen nur selten etwas. Welchen politischen Wert die gemeinsame religiös eLebensstimmung von Juden und Arabern und die aus dieser Lebensstimmung heraus erwachsende seelische Beziehu[ng zu Palästina besitzt, das wird die große Welt erst erfahren, wenn einmal die palästinensische Judenheit ein klein wenig Rückgrat bekommt und sich von der so unglückseligen politischen Bevormundung durch ein winziges Häuflein von zionistischen Politikern befreit. Daß es auch in dieser Hinsicht auch zu dämmern beginnt, fängt man bereits an zu glauben. Die Leser dieser Zeitung haben hierüber in unserem vorwö.chentlichen Brief manches erfahren. Dämmerung ist indessen noch nicht Tag. "Einstweilen treibt Dr. Weitzmann, gestützt auf das Mandat seiner Beamten und engsten Parteifreunde sein unverantwortliches Spiel weiter. Ihn bekümmert es wenig, daß der Z i on i s t und von den Zionisten noch vor wenig Monaten beinahe vergötzte Herbert Samuel von dem oben erwähnten Dämmerzustande herausgetreten und die Dinge im heiligen Lande bei klarem Tageslichte zu betrachten beginnt. Des High Gommissioners Person gegenüber läßt Dr. Weitzmann freilich immer noch gnädig Duldung und auch noch ein wenig Wohlwollen walten. Die Verwaltungspolitik Herbert Samuels hingegen erkennt er bereits als antizionistisch. Die Majorität der palästinensischen Judenheit ist jedoch daran, ob der High Gommissioner der parteipolitischen Zionistik gegenüber fördernd oder hemmend wirkt, herzlich wenig interessiert. Ihr liegt nur daran, daß sie in Frieden und Ruhe an dem Aufbau Erez Jisroels wirken und die Zukunft ihrer Kinder politisch und wirtschaftlich sichern kann. Wie wenig Hoffnung darauf besteht, dies je mit den heutigen zionistischen Methoden zu erreichen, beweist am schlagendsten das Verhalten der zionistischen Leitung während der letzten Tage in der Araberfrage. Anstatt eine Vertretung der Alteingesessenen mit Der Delegiertentag des Deutschen Gruppencerbande$. Während wir es dein Stenographen vorbehalten, den protokollarischen Bericht unserem Leserkreis zu unterbreiten, möchten wir nur einige Stimmungsbilder mitteilen. Den Auftakt gaben die Berichte des Zentralrates, Ussache und Wirkung entsprachen harmonisch. Der Zentralrat hat sich entschlossen, angesichts der Bedeutung des Deutschen . Gruppenverbandes an dem Aufbau der Aguda in ihren schwersten Zeiten aus seiner Reserve herauszutreten und über seine Tätigkeit und Pläne dem Deutschen Gruppenverband Bericht zu erstatten. Der Gruppenverband seinerseits zog aus dieser Tatsache die Folgerung, daß er sich entschloß, entsprechend dieser rühmlichen Tradition seine Kräfte nach wie vor in den Dienst des Ganzen zu stellen und es dem Zentralrat zu überlassen, einen wesentlichen Teil der aus Deutschland, fließenden Mittel in den Dienst der allgemeinen Aufgabe zu stellen. Ein zweites Bild: Der Führer der deutschen Jugendgruppen unterstellte der Versammlung eine der ersten Gewissensfragen unserer Tage. Er legte dar, daß in den Kreisen der deutschen Jugend und bei der Führung derselben tiefgehende Erwägungen darüber angestellt würden, ob es von höchster Warte aus angängig sei, einen Teil der freien Zeit der Propaganda und Vertiefung in die Agudaidee zu überlassen oder ob nicht jede freie Minute dem eigentlichen „Lernen" zu widmen sei. Die deutsche Jugendgrnppe würde eine entsprechende Frage an den Rabbinischen Rat richten. Es war etwas vom Geiste der Ewigkeit, der aus den Ausführungen des Referenten und aus der sich daran knüpfenden Diskussion sprach. Ein ganz neues Arbeitsgebiet eröffnet sich für die Aguda aus einem Antrag der Delegierten der in Deutschtand wohnenden Ostjuden, welche verlangten, daß die Aguda ihnen behilflich sein solle, die ganze Mentalität der deutschen frommen Gemeinden dahin umzustellen, daß dieselben sich entschließen sollten, den religiösen Wünschen- und Eigentümlichkeiten der Antragsteller im wahrsten Sinne Rechnung zu tragen. Es ist begründete Aussicht vorhanden, daß die am Schlüsse der sehr ernsten Beratungen gewählte Kommission es verstehen wird, den in der deutschen Gemeindeentwicklung vorhandenen Autoritätsmomenten Rechnung zu tragen und dabei doch in harmonischer Weise die Wünsche der Ostjuden ihrer Erfüllung entgegenzuführen. Gelingt Aguda dies, so beginnt ein neues Kapital in der Konstruktion und Geschichte der deutschen jüdischen Gemeinden. Es spricht für den Ernst der Beratungen, daß diese Erkenntnis Gemeingut aller Teilnehmer wurde. Wenn sich dieser Punkt der Beratungen letzten Endes zu rein praktischen Maßnahmen verdichten muß, stand der Schluß der Tagung im Zeichen sehr tiefgründiger theoretischer Erörterungen. Herr Dr. Isaac Breuer hat durch das „Frankfurter Programm14 ein Zeugnis seines tiefen Erfassens der Probleme unserer Zeit der Diskussion des Gruppenverbandes unterstellt. Es zeigt sich, da es vielleicht die reifste Frucht aller bisherigen Debatten über diesen Punkt war, daß die Stellungnahme zu diesem Programm bedingt ist von der Stellungnahme zum Golusproblem überhaupt. Schon diese eine Andeutung genügt, um das hohe Niveau der Debatte zu kennzeichnen. Schließlich wurde beschlossen, daß die Ortsgruppe Frankfurt mit der Aufgabe betraut werden soll, die aus den Theorien des Programms sich ergebenden praktischen Forderungen im Laufe der nächsten Berichtsperiode ihrer Verwirklichung entgegenzufahren und daß alsdann die Gesamtheit nach Maßgabe der erzielten Erfolge ihre Stellung zur Theorie festlegen soll. Es gereicht dem Deutschen Gruppenverband zur höchsten Ehre, daß er also mit zielbewußter Aguda- Arbeit Theorie und Praxis miteinander zu verbinden bemüht ist.

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