Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 30 (26.8.1921)
- Date
- 1921-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 216 JÜDISCHE PRESSE Nr. 30 ström doch immer noch eine gewisse Beachtung findet, auch hier hat das Uebel sich eingenistet, auch hi«r wagt man zu opponieren. Hat man da jüngst in Prag gerade den Palästinensern solch wertvolle Konzessionen gemacht. Nicht 3000, wie . in anderen Ländern, sondern schon 300 Scheckelzahler sollen das Glück genießen, einen Delegierten aus Palästina zum Kongreß zu entsenden. Und wirklich hat man es zu 21 Delegierten, also zu der Höchstzahl von 6300 Scheckelzahlem gebracht. Unter diesen 21 sind aber — oh Schrecken! — nur 3 Weitzmanntreue und außerdem 4 Weitzmanntreueste aus der Klasse der Misrachisten, 10 an der Zahl sind die Vertreter der diversen Arbeitergruppen. Und von diesen muß man schon manches Unangenehmen gewärtig sein. Aber damit noch nicht genug, wagt es der „Verband der Kolonisten und Städter von Erez Jisroel", dem Kongreß ein Memorandum zu übermitteln, worin in fünf Punkten kurz und bündig der Zionistenleitung ihre Fehler vorgehalten werden. Da wird ihr gesast, daß 1. das zionistische Palästinaamt sich bisher um die Meinung der palästinensischen Bevölkerung den Teufel feschert hat und die Beamten von palästinensischen Dingen einahe so wenig verständen wie vom Geiste des Judentums. 2. Man hielt bisher den jüdischen Bürgersmann für einen unerwünschten Auswuchs des palästinensischen Lebens und unterband jede Privatinitiative. 3. Man hat die jüdische öffentliche Meinung absichtlich getäuscht und ihr die Wahrheit über die Beziehungen der palästinensischen jüdischen Bevölkerung zu der zionistischen Organisation vorenthalten. 4. Man hat es nicht verstanden, dem Sinne und den Wünschen der gesamten Judenschaft Palästinas entsprechend zu den Arabern freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten. Und 5. Man ist entrüstet über die Spaltung, die man unter den amerikanischen Palästinafreunden künstlich hervorgerufen hat. Das sind Hammerschläge. Es kommt nun darauf an, was aus härterem Stahl ist, der Hammer oder der Schädel, auf den er niedersaust. Der Karlsbadev Kongreß wird die Antwort bringen. Aber die Welt, und in dieser weiten, breiten Welt die große Masse der Judenheit, wird trotz alledem von allen diesen Dingen nicht mehr verstehen als zuvor.' Barschoj. . flaiidataaungeii. Diese Woche steht Deutschland im Zeichen von denkwürdigen Tagungen der Agudas Jisroel. Sonntag hielt der .geschäftsführende Ausschuß der Agudas Jisroel im Sitzungszimmer der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. eine Sitzung ab, zu der außer den Mitgliedern des geschäftsführenden Ausschusses auch Herr Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer (Berlin), der soeben aus Amerika zurückgekehrt ist, teilnahm. In der Sitzung wurden die laufenden Angelegenheiten der Gesamtorganisation gründlich durchberaten und die Richtlinien für die Arbeit während der nächsten Wochen beschlossen. Mit großem Interesse und allgemeiner Befriedigung wurde der Bericht Dr. Hildesheimers entgegengenommen. Ihm sowohl, als den anderen noch in Amerika verbliebenen Delegierten der .Aguda wurde für die autopfernde Arbeit, der sie sich im Interesse des orthodoxen Judentums unterzogen, Dank gezollt. Am gleichen Tage tand in den Räumen der Aguda - Jugendgruppe eine Sitzung der Vertrauensmänner der Palästinazentrale statt. Es wurden die Vorbereitungen für die laut Beschluß des Zentralrates in den Monaten Elul und Tischri stattfindende allgemeine Sammlung zugunsten des „Keren Erez Jisroel* getroffen. Den Höhepunkt der Tagung bildete der Delegiertentag des „Gruppenverbandes der Agudas Jisroel in Deutschland", welcher am 22. August in der Frankfurt-Loge zusammentrat. Wir werden über diese bedeutsame Kundgebung des orthodoxen Judentums in Deutschland, die sowohl für die prinzipielle Seite der Aguda-Bestrebungen, als auch für die praktischen Ziele der Aguda von dauerndem Wert sein wird, ausführlich berichten. An dieser Stelle sei zunächst die genaue Tagesordnung bekanntgegeben, die allein schon beweist, wie umfassend die Arbeit der Aguda in Deutschland geworden ist. 1. Eröffnung durch den Vorsitzenden. 2. Bureauwahl. 3. Berichte: a) des Zentralrates (Referenten: die Herren Rabbiner Dr. Pinchas Kohn und Jakob Rosenheim). b) des Verbandsvorstandes (Referenten: die Herren Rabbiner Dr. Isaac Auerbach und Gottfried Goldschmidt), c) der Palästinazentrale (Referent: Herr Dr. Siegfried Oppenheimer), d) der Jugendorganisation (Referent: Herr Leo Münk), c) des Kriegswaisenfonds (Referent: Herr Hermann Schwab). 4. Allgemeine Aussprache über die Berichte. 5. Aufgaben der Ortsgruppen an Hand des Frankfurter Programms. Referat und Aussprache (Referent: Herr Rechtsanwalt Dr. Isaac Breuer). <>. Arbeitsteilung innerhalb Deutschlands. Referat und Aussprache (Referent: Herr Dr. Salomon Ehrmann). 7. Straffere Organisation der Ortsgruppen. Referat und Aussprache (Referent Herr Dr. Segall). 8. Wahl des Vorortes und des Verbandsvorstandes. Eine für das sich in den letzteren Jahren neu entwickelnde und G. s. D. nach Jahrzehnten stetigen Sinkens nunmehr aufwärts entwickelnde jüdische Leben in Deutschland sehr beachtenswerte Tagung hat vorige Woche in Fulda stattgefunden. Es ist dies die Versammlung der Führer und Führerinnen der „Esra"-JugendOrganisation. Es kommt nicht daranf an, ob all das, was dort gesprochen und beschlossen, worüber dort debattiert und verhandelt wurde in seinem absoluten Werte zu hoch oder zu gering eingeschätzt wird. Die Tatsache selbst, daß junge Menschen aus Stadt und Land sich zusammenfinden, um mit ernster Begeisterung über die Wege und die Mittel zu beratschlagen, die im gegenwärtigen Zeitpunkte die jüngste Jugend für Tauro und Mizwas, für jüdisches Handeln und jüdisches Denken zu gewinnen und zu erhalten geeignet sind, diese Tatsache allein bildet ein Ehrenzeugnis für die Arbeit der Aguda in Deutschland. Vom Fuldaer Rabbinat, vom Gemeindevorstand aufs herzlichste begrüßt, scharte sich die Jugend, die dort versammelt war, um ihre Führer, -zum Teil noch selber der Jugend angehörig. Die Referate von Dr. Josef Breuer (Frankfurt) und Dr. Leopold Herz (Fulda) zeigten Ausblicke in die nächste Zukunft und waren Wegweiser zu den Zielen des gesetzestreuen Judentums. Was Wunder, wenn in solch einer thorabegeisterten Stimmung das Referat von Moses Bamberger über „Lernen im Esra" in der Forderung ausklang, die Jugend Deutschlands möchte nunmehr mit dem „Lernen" in altjüdischem Sinne Ernst machen und dieses Lernen schon im ersten schulpflichtigen Alter ohne Rücksicht auf die von Staat und Gesellschaft und den „praktischen Erfordernissen des Lebens" geforderten sonstigen Lehrgebiete am intensivsten betreiben. Es ist diese Forderung, wenn sie verwirklicht werden soll, ein vollständiger Bruch mit den bisher in Deutschland üblichen Erziehungsmethoden. Und das fordert die Jugend selber! Die anderen Referate, die auf der Tagung gehalten wurden, bewegten sich samt und sonders auf gleicher Höhe und trugen in gleicher Weise den Charakter einer bewußt erstrebten Höherentwicklung des Judentums in Deutschland. Erwähnenswert ist noch folgender Beschluß, der das Verhältnis der Esra-Führer und -Führerinnen zu der Agudas Jisroel kennzeichnet: „Der Esra unterwirft sich dem Waad Horobonim (der Agudas Jisroel). Jedes Mitglied des Bundesvorstandes hat das Recht, im Streitfall den Waad Horobonim anzurufen. Der Bundesvorstand hat die Pflicht, sich in schwerwiegenden Fragen mit rabbinischen Autoritäten in Verbindung zu setzen. Die Agudas Jisroel-Organisation entsendet einen Vertreter in den Bundesvorstand, der den anderen Mitgliedern desselben gleichberechtigt ist. Dieser soll Esra-Führer sein." * Bekanntlich ist die Esra-Organisation aus der Agudas Jisroel-Jugendorganisation in Deutschland hervorgegangen und hat den Zweck, die schulpflichtigen Kinder in Deutschland, die für die Agudas Jisroel-Jugendorganisation noch nicht reif sind, in die Lebensanschauung und Lebensführung des orthodoxen Judentums einzuweihen und für die Teilnahme an der Agudas Jisroel vorzubereiten. Möchten doch die Sachwalter des orthodoxen Judentums in allen Ländern mit dem gleichen Ernst und der gleichen Unermüdlichkeit mit den Mitteln, die in ihren Ländern zum Ziele führen, für das gemeinsame große Ideal ans Werk gehen, auf daß sie mit G. H. in kurzer Zeit auf gleiche Erfolge hinzuweisen in die Lage kommen! __ Modia. Der Kin<krbilf$tag Baden-Ufolau. Die Vorarbeiten für die am 28. August stattfindenden Sammlungen werden von allen Kreisen der Gesellschaft eifrigst gepflogen und wir werden, da wir auf die Mitarbeit unserer gesamten Gesinnungsgenossen, insbesonders der jungen Damen und Herren rechnen, mit Gottes Hilfe glänzende Erfolge zeitigen. Wir bitten jeden einzelnen, dem das Wohl und Wehe jüdischer Waisen am Herzen liegt, einen unter 365 Tagen diesem wohltätigen Werke zu widmen und in erster Reihe Freunde und Bekannte zur Mitarbeit aufzufordern, uns deren Adresse bekanntzugeben, beziehungsweise sie zu veranlassen, Sonntag von 7 Uhr früh an sich bei der Leitung in der Kultusgemeinde Baden, Grabnergasse, zu melden und in den Dienst der guten Sache zu stellen. Wir machen es jedem zur Pflicht, seine bekannten jungen Herren und Damen hiefür zu gewinnen, was, wie wir aus der Praxis bereits erfahren haben, jedem mit Leichtigkeit gelingt: je größer die Beteiligung ist, desto größer muß der Erfolg werden. Die Leitung des Sammeltages liegt in den Händen des bewährten Badener Philantropen Affenkraut. Ihm zur Seite stehen Frau Lilly und Else Fischer, Fräulein Rosa Thumim, Tony Schreiber. Das große Komitee vergrößert sich täglich. und wir werden die Namen erst nächstens bekanntgeben können. Frau Rätin Freiwillig, Frau Doktor Güdemann, Frau Gurarie, Frau Bankier Raab, Frau Oberrabbiner Reich, Frau Schmeidler und Frau Winkler sind einige wenige Namen aus dem großen Damenkomitee. Die Herren Oberrabbiner Reich, Kultuspräsident Braun, Hofbauer usw. stehen an der Spitze des Herrenkomitees. Die Jugend ist in besondere Komitees geteilt. Die konstituierende Sitzung wurde Donnerstag, den 18. August, in Baden abgehalten. Die nächste Sitzung für das große Komitee wurde für Montag, den 22. August, angesetzt. Herr Oberrabbiner Reich hielt Samstag im Tempel der Badener Kultusgemeinde eine ganz besonders eindrucksvolle Rede, in der er zu werktätiger Mitarbeit aufforderte. Das Vöslauer Komitee wird von Frau Richard Grünwald und Herrn Heinrich Grünhut, ferner Frau Jenny Lemberger, Ella Freund und den Damen Freudiger de Oboda, den Herren Dr. Hecht, Doktor Leo Nasch, Rudolf Gold, Max König, Otto Stern und vielen anderen Persönlichkeiten gebildet. Stellet alle eure Kräfte am 28. August in den Dienst des Waisenhauses und werbet Mitarbeiter! Spendet anläßlich des »Jüdischen Kinderhilfstages" für das neugegründete Erste jüdische Kriegswaisenhaus! Wer sein Scherflein zum Waisenhause noch nicht beigetragen, spende reichlich am 28. August! Deutschland. Antisemitische Unruhen. In Memmingen (Bayern) kam es letzten Samstag zu großen antisemitischen Unruhen. Ein jüdischer Milchhändler wurde wegen gesetzwidriger Manipulation mit Butter angezeigt. Als es bekannt wurde, daß gegen ihn ein Haftbefehl erlassen sei, versammelte sich — von antisemitischen Hetzern aufgestachelt — eine große Menge vor der Villa des Milchhändlers und rief wüste Szenen hervor. Die Polizei rettete ihn nur durch die Verhaftung vor der Wut der Menge. Nachher warf sich der Pöbel auf die Häuser der übrigen jüdischen Bewohner des Dorfes. Den Ortsbehörden gelang es nur mit Mühe, ernste Ausschreitungen zu verhüten. Von Seiten der jüdischen*1 Gemeinde wurden Schritte unternommen, um strenge Bestrafung der Schuldigen, der wirklich Schuldigen, aber zugleich auch Schutz für die schuldlos Angegriffenen zu fordern. Ungarn. Die Juwelen Frau Bachruchs. Das ungarische Tagblatt „Pesti Naplö* veröffentlichte vor kurzem einen Bericht über die Säuglingssterblichkeit in Ungarn und über die Tuberkulose« abteilung des Stefani-Kinderspitals. Darin heißt es: »Ein besonderer Gebäudeflügel, eine sonnige Terrasse, in drei Sälen achtzehn Betten, ein Operationssaal, ein Laboratorium, ein Bad — die aus der Spende Frau Bachruchs im ersten Kriegsjahre eingerichtet wurden. Ihr Gatte, der Juwelier, wollte ihr anläßlich der silbernen Hochzeit ein kostbares Juwel schenken; sie aber erbat sich lieber das Geld und gab es dem Professor Bökay. So kam die Tuberkulosensektion zustande. Ein wahres Schmuckkästchen und das Juwel darin: die aufblühende Gesundheit lungenkranker Kinder." Polen. Feuersbrnnst. Nach Berichten der Londoner Presse ist das Städtchen Kowal im Gouvernement Warschau das Opfer einer Feuersbrunst geworden. Die gesamte jüdische Bevölkefung ist mit einem Schlage ruiniert. Das Bethaus mit sämtlichen Thorarollen ist verbrannt. Nichts konnte gerettet-werden. In London haben die aus Kowal stammenden Juden eine großzügige Hilfsaktion eingeleitet. England. Für die Ukraine. Der „Verband der Ukrainer Juden" in London, gemeinsam mit dem Exekutivkomitee der Welthilfskonferenz, beschloß dieser Tage, eine Delegation nach Polen zu schicken, um für die Ukrainer Hilfe zu bringen. Als Vertreter der beiden Körperschaften sind die bekannten Zionisten Dr. Pines und Vladimir Temkin ausersehen. Rußland. „Jüdische" Kommunisten im Kampfe gegen die Thora. Der Korrespondent des I. G. B. veröffentlicht die Resolution, die auf der Konferenz der jüdischen Kommunisten des Gouvernements Hornel angenommen wurde. Es verlohnt sich, diese Resolution als ein Dokument der Zeitgeschichte und der Leiden der orthodoxen Juden im Zeitalter der „Freiheit* im Wortlaute festzuhalten. Sie lautet: „Nachdem konstatiert wird, daß die Jeschiwohs wieder aufleben und besonders, da diese Jeschiwohs den Charakter von Mussar(Moral-)jeschiwohs tragen, welche ihre Zöglinge zu Psychopathen verwandeln, schlägt die Konferenz vor, die jüdische Subabteilung des gouvernementalen Arbeiterrates soll diese Jeschiwohs sofort schließen. Da der Kampf gegen die Ghadorim indessen mehr Planmäßigkeit und Vorsicht erfordert, beantragt, die jüdische Subabteilung des gouvernementalen Arbeitqrrates, daß v