Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 30 (26.8.1921)
- Date
- 1921-08-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDEMZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, IL, Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Turnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschiaß: Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. Abonnementspreise: Banzjährig: Für ÖsterreichK300-—, Ungarn K 250'—, Tschechoslowakei K6. 70'—. Deutschland Mk. 60'—, Schweiz Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 600*—. Einzelnummer d.-ö. K 8 —, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10* s^- Fttrs Ausland 100 Prozent Tenerungsznschlag M Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. * Nr. 30 Wien-Bratislava, 26. August 1921 ♦x'snn yo nn rrßDDjriB - rrjn 7. Jahr CinKs und rechts. Vermutlich wird es in der Parlamentsgeschichte niemals zur Aufklärung gelangen, aus welchem Grunde sich in der ersten Zeit des französischen Parlaments die sogenannten konservativen Deputierten rechts, die sogenannten liberalen Deputierten links vom Präsidenten ihren Sitz wählten. Seitdem ist es also in allen Parlamenten geblieben und die Ausdrücke „links" und „rechts" sind in den Jargon des politischen und des religiösen Lebens eingeführt worden. Es ist aber nicht an dem, daß, wie man männiglich meint, links im parlamentarischen Sprachgebrauch immer gleichbedeutend ist mit Opposition gegen die jeweilige Regierung; wir erleben ja heute fast überall, daß gerade die Rechte in die Opposition gedrängt ist. Allein die Uebertragung dieser Begriffe auf das religiöse Leben bedeutet ein Unglück, denn mit dem Wort glaubte man das ganze parlamentarische Gefüge in das religiöse Leben einführen zu müssen und unterstellte also — kurz gesagt — das Wort und den Willen des Allmächtigen dem Belieben einer Majorität. In diesem Gefüge bedeutet eben links immer die Opposition gegen die Tradition, gegen die Thora. Man muß diesen Unterschied wohl im Auge behalten, um ermessen zu können, welches Unheil die Parlamentarisierung der Religion bedeutet. Allmählich sieht man es ja auch ein, daß die vielbeliebte Demokratisierung aller menschlichen Beziehungen, aller Formen der menschlichen Vergesellschaftung vor der religiösen Frage Halt machen muß. Nun gibt geschichtliche Betrachtung ein eigenartiges Bild; gewiß, es gab von Dathan und Abiram an immer „Linksparteien" im Judentum. Ihr Schicksal war eigenartig. Entweder sie verfuhren, gegen ihren.. Wjllenr.zum-Glüefe Judentums^ so-wie eseinst .schon Jesaia festgestellt hatte (49, 17): „Gar eilig hatten es Deine Kinder, die Dich zerstören und vernichten wollten — verließen Dich" und bemühten sich, eine sehr scharfe, sehr deutlich erkennbare Grenzlinie zu ziehen. Oder aber das Judentum war stark genug (vgl. das Beispiel der Karäer), solche Elemente, gegen ihren Willen, aus seiner Mitte auszustoßen. (Hierbei mag es nachdenklich stimmen und den einen oder anderen doch nachdenklich stimmen, daß kein Geringerer als R'Amram Gaon die Karäer in nicht mißzuverstehendem Ausdruck als eine besondere — Nation kennzeichnet.) Diese beiden Methoden hatten den Vorzug der Klarheit und Reinlichkeit, und es ist den Ahnen gar nicht eingefallen, mit Mißdeutung des af al pi schechoto Jisroel hu parlamentarische Konzessionen „nach links" anzubieten. Wobei wir uns aber gar nicht täuschen wollen! Die Abbröckelung von rechts nach links ist eine Erscheinung, die sich fast schematisch an die Geschehnisse in der Welt um uns, in der Außenwelt anlehnt. Solche Anlehnung gebiert aber, wie gleichfalls geschichtliche Betrachtung und namentlich die Betrachtung unserer Tage lehrt, mit Naturnotwendigkeit eine zweite, eigenartige Erscheinung. Die obenerwähnte Abbröckelung vollzieht sich allmählich. Und da ergibt sich folgendes Bild: Die „Mitte" kämpft nur mit der Front nach rechts. Auch hier spotten die Nachäffer des parlamentarischen Lebens ihrer selbst und wissen nicht wie. Denn in Parlamenten gibt es Mittelparteien, die doch manchesmal auch gegen die radikale Linke kämpfen. Was aber sehen wir? Nur und ausschließlich den Kampf nach rechts. Oh, man ist so groß im Verstehen und Verzeihen, wenn man Idealogien gegenübersteht, die den Sinai aus der jüdischen Geschichte streichen möchten. Oh, man ist so klein im Verleumden und Verfolgen, wenn man sich gegen die wendet, in deren Reihen man noch vor kurzem selbst stand, mit denen gemeinsam man noch eben der Thora Wort und Willen vor jeder Verfälschung, vor jeder Verdunkelung schützen zu müssen glaubte. Hand aufs Herz, wenn heute Elia käme, Elia heute wieder alles zum Karmel laden und der seine Alternative (Könige, I, 18, 21) stellen würde, wäre da nicht zu erwarten, daß ihm zum mindesten der Vorwurf: reaktionärer Separatist entgegentönte? Ach ja, es war das Schicksal der Jesaia, und es ist das Schicksal der „Rechten", daß sie ihren Rücken den Schlägern, ihre Wangen den Raufern bieten, ihr Antlitz nicht bergen vor begeifernden Schmähern. Aber seien wir stolz. Denn bei seiner „Rechten" hat der Ewige geschworen, daß in der Rechten das Glück der"* Welt geborgeh. P. K. Die Palästinarorderunaen der Araber. (Brief aus London.) Durch die „weise" Politik der aus eigener Machtvollkommenheit sich als Vertreter der Gesamtjudenheit gebärdenden zionistischen Wortführer ermutigt, holen nun die arabischen Antisemiten zu einem Generalstoß gegen das jüdische Palästina aus. Die Forderungen der Araber richten sich nunmehr nicht nur gegen nationalistisch-zionistische, sondern auch gegen allgemein jüdische Bestrebungen im heiligen Lande. Alles, was der gedeihlichen Entwicklung eines jüdischen, politisch gesicherten jüdischen Lebens in. Palästina förderlich seih könnte, soll von vornherein unterbunden werden. Sie entsandten eine Delegation nach London, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Kolonialminister Churchill empfing diese arabische Delegation im Parlament. Die Delegation stellte folgende Forderungen : 1. In Palästina soll eine nationale Regierung geschaffen werden, welche einem von den Völkern, die vor dem Kriege in Palästina wohnten — Christen, Muslims und Juden — gewählten Parlamente verantwortlich sei. Die Abmachung mit König Hussein, die im Jahre 1915 von seiten der englischen Regierung für den Fall getroffen wurde, daß die Araber gegen die Türken kämpfen, sollen durch England anerkannt werden. —2^ Das-Prinzip von der Schaffung eines nationalen Heims für die Juden in Palästina soll aufgegeben werden, weil es mit dem Schutz der arabischen Rechte nicht übereinstimmt. So zum Beispiel werden Juden in viel größerer Anzahl im Dienste der Regierung und in den exekutiven und legislativen Aemtern des Landes angestellt, als ihnen ihrer Proportion nach gebührt. 3. Einstellung der gesamten jüdischen Einwanderung nach Palästina, solange nicht eine Natiönale Regierung gebildet ist und Gesetze ins Leben treten, nach denen die Emigration zahlenmäßig festgestellt und kontrolliert werden soll. 4. Alle Gesetze, die seit der Besetzung des Landes ins Leben traten, sollen annuliert und neue nicht gegeben werden, bis die nationale Regierung geschaffen ist. Kolonialminister Churchill antwortet der Delegation, daß er bemüht sein wolle, alles zu tun, um die Forderungen der Delegation zu befriedigen. Er sieht jedoch nicht, inwiefern die Grundsätze der Abmachung mit König Hussein vom Jahre 1915 mit den Versprechungen nicht übereinstimmen, die die englische Regierung den Juden gemächt hat. In den nächsten Tagen wird Minister Churchill die Delegation abermals empfangen, um die aufgeworfenen Fragen im einzelnen zu erörtern. In jüdischen Kreisen aller Parteien ist man von dieser äußerst entgegenkommenden Plaltung des Kolonialministers den Arabern gegenüber konsterniert. Bei der verhängnisvollen Unfähigkeit der zionistischen Leitung ist man bereits auch darauf gefaßt, daß den Juden auch jenes minimale Maß von Entwicklungsfreiheit genommen wird, das sie vor dem Kriege in Palästina hatten. In besser unterrichteten Kreisen, versichert man, daß zu so weit gehenden Befürchtungen, k e i n A n 1 a ß vorhanden ist. Doktor Weitzmann bemüht sich, hiefür ein Dokument zu erlangen," um es naiven Gemütern auf dem zionistischen Kongreß als neuen gewaltigen „Erfolg" seiner Arbeit zu enthüllen. Nach der Kampfesart, die sich gegen die organisierte Orthodoxie so gut bewährt (?? Red.) hat, nehmen die zionistischen Wortführer abermals zu schweren Anklagen, diesmal gegen ihre eigenen (oppositionellen) Gesinnungsgenossen, ihre Zuflucht, um sich für alle Fälle zu decken. Morris Meier, der Redakteur der „Zeit" (London), protestiert neuerdings aufs schärfste gegen all diejenigen, die, und sei es auch innerhalb der zionistischen nisation, Dr. Weitzmänn Opposition zu machen,*^0^)* Mut aufbringen. Besonders schart nimmt er Ah"^--1 xander Marmo'rek und den Führer der amerikanischen Realzionislen Richter Brand eis her, weil sie Kundgebungen gegen Dr. Weitzmann und seinen Stab in einem Augenblicke der Oeffentlichkeit übergeben, da gerade die Araber mit der englischen Regierung verhandeln. Die vom zionistischen Bureau angekündigten großen Festlichkeiten und Schaustellungen aus Anlaß des Karlsbader Zionisten-Kongresses werden, angesichts der ernsten Vorgänge in und um Palästina herum, aus einer begreiflichen Stimmung heraus mit dem gebührenden — Respekt aufgenommen. Uor dem Zionistcnkongrch- Es rauscht, es rauscht nicht nur, es donnert und heult durch den reichen Blätterwald der zionistischen Organisation. Seit einer Reihe von Wochen wird mit Fanfaren und allen sonstigen Blasinstrumenten der Reklame und der Wichtigtuerei die Aufmerksamkeit der gesamten Welt auf einen Kongreß hingelenkt, den die Zionisten anfangs September in Karlsbad abzuhalten gedenken. Es gibt keine jüdische Frage mehr, für die irgendein Sterblicher Interesse haben darf. Alles, was da lebt auf Erden, soll sein Interesse ausschließlich den hochwichtigen Einzelfragen der zionistischen Organisation zuwenden und fest und sicher glauben, die' Judenfrage und die Judenfragen alle würden jetzt endgültig für alle Ewigkeit ihre Lösung finden. Wer sich diesem Glauben auch jetzt noch verschließt, wer jetzt noch etwa der „rückständigen" Meinung wäre, die glorreichen „Führer" der zionistischen Organisation, die „Allergrößten" in London und Paris, die „großen" in Jerusalem und in Jaffa, in Berlin und Wien, in Warschau und Konstahtinopel, und die „Kleinen" in Bukarest und Budapest, in Prag und Kischinew, in New York und Alexandrien seien nicht die wahren Erlöser des Judentums, seien nicht neue Seubabels und Nehemiasse, dem ist einfach nicht zu helfen. Aber die Zahl derer, denen nicht zu helfen ist, wird merkwürdigerweise trotz des ungeheuren Apparates mit dem zunehmenden Fortschritt der Menschheit nicht nur nicht geringer, sondern sie wächst täglich, sie wächst auch im eigenen Lager der Zionisten. Die jüdische Oeflentlichkeit wird in den nächsten Wochen — „nolens volens", sagen die Zionisten — sich mit den Fragen beschäftigen müssen, die auf dem Kongreß weltbewegend sein werden. Im Mittelpunkte der Verhandlungen werden freilich bedeutsame „ PersonenfragenK stehen, die der Außenstehende sicher nicht begreifen wird, wenn er sich nicht rechtzeitig darauf vorbereitet. Schon heute schwirrt es nur so durch die zionistische Presse, als ob nichts Wichtigeres in der Welt vorhanden wäre. Weitzmann, Sokolovv, Brandeis, Simon, Usischkin, Mack, Rupin, Liema, Jabotinski, Marmorek, Nordau, Lichtheim, Blumenfeld usw. Wer wird sich da noch zurechtfinden? .iy er wird die neunhundertneunund neunzig Fraktionen und Unterfraktionen noch auseinanderzuhalten wissen, wenn ex nicht außer der regelmäßigen und fleißigen Lektüre der beiden täglich erscheinenden „Kongreßzeitungen" noch die gesamte Buchausstellung des Ewer - Verlages abkauft und sich monatelang in die Erforschung dieser Geheimnisse vertieft? Und Aufregungen gibt es, wenn man die zionistischen Zeitungen liest, daß man wirklich dabei die Nerven einbüßen müßte, wenn man nicht rechtzeitig aktives Mitglied irgendeines der vielen zionistischen Turnvereine und Sportklubs geworden ist. Wer spricht nun gar von den Ueberraschungen, die die Delegiertenwahlen brachten? Da glaubte man monatzehntelang, Weitzmann und sein Stab „diktieren", diktieren unbarmherzig und rücksichtslos, und die vielen „Scheckelzahler" gehorchen, gehorchen, wie es sich gebührt, blindlings den großen „Erlösern* des Judentums, gehorchen, wie man eben einem Esra, Nehemia und Serubabel gehorchen soll. Da erfährt man aber, daß es auch Scheckelzahler gibt, die der Erlösung offenbar noch nicht ganz würdig sind. Sie wählen just andere, als den Führern genehm sind. Und man muß trachten, mit diesen ungehorsamen „Erlösten" Kompromisse zu schließen, und man wird nicht umgehen können, den einen oder den anderen „inoffiziellen" Wahlkandidaten in den Kongreßsaal hineinzulassen und ihm vielleicht auch in einer „Geschäftsordnungsdebatte" mal das Wort zu geben. So erhielt in Wien bei den Kongreß wählen die offizielle Kandidatenliste bloß fünf Prozent der Stimmen. Der große Stricker und die anderen Großen, sie fielen schmählich durch. Was tun? Man schämt sich eine Weile, legt die Schande beiseite, hintergeht die Wähler, droht mit Demission und Zusammenstürzen des ganzen zionistischen Baus in Oesterreich und entsendet nach Karlsbad eine gemischte Delegation von Gewählten und Durchgefallenen. So in Wien. In England, im wichtigsten Lande der Organisation, bringt man es auf diese Weise zu ganzen sechs Delegierten, darunter auch einige, deren Namen man vorher auch schon einmal in zionistischen Kreisen nennen hörte. Und nun gar in Erez Jisroel! Hier sitzt der Zionismus fest, fest und unerschütterlich in den Herzen, "hier atmet jeder Stein, auch der Grundstein zur Universität, jeder Baum, auch die nicht vorhandenen Bäume des Herzl-Waldes, hier atmet mit einem Worte alles reinen, echten Weitzmannischen nationalistischen Zionismus; hier beugt sich jeder in Ehrfurcht und küßt die Füße des großen Propheten Weitzmann und seiner Heilskünder in den zionistischen Aemtern. So sollte man glauben. Aber die Welt ist schlecht und verderbt. Auch in Palästina, wo der Fuß Weitzmanns und Sokolows getreten, wo Usischkin herrscht, wo ein Heer von Kulturreformern den Geist und das Gemüt des Juden für die große Lehre des Zionismus empfänglich macht und wo der Dollar-