Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 29 (19.8.1921)
- Date
- 1921-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 210 JÜDISCHE PRESSE Nr. 29 Plotzki, Spitzer, Hildesheimer und Dr. Natan Birnbaum. Nach der Begrüßung seitens Rabbi Berlin referierten Rabbi Plotzki, Rabbi Spitzer und Doktor Hildesheimer über die Verhältnisse des orthodoxen Judentums in ihren Landern. Es wurde unter dem Eindrucke ihrer Darstellung beschlossen, nach Warschau, Preßburg, Wilna größere Beträge zu senden, ferner nach Karpatho - Rußland, Kowno. Für die ungarischen Jeschiwos und Talmud Thoras wurden dem Europa bereisenden Herrn Engelmann der Betrag von 5000 Dollars votiert. Unsere Aufgabe im Osten. Agudas Jisroel und ihre Grundidee werden von unseren Gegnern als ein Produkt des Westens dargestellt. Sie sollen dieser Auffassung nach nichts anderes sein, als die in Ungarn und Preußen praktizierte Trennungsorthodoxie, der ganzen jüdischen Welt aufgezwungen. Diese Beschuldigung hat wohl nie recht gehabt, doch konnte sie den Schein der Wahrheit besitzen, solange Agudas Jisroel infolge der Kriegsereignisse tatsächlich bloß auf die zentraleuropäischen Staaten beschränkt war. Heute stehen zwei Tatsachen vor unseren Augen, welche die Unhaltbarkeit dieser Beschuldigung, als ob Agudas Jisroel ein künstliches Produkt des Westens und für den Osten ganz und gar unbrauchbar wäre, erweisen, zwei Tatsachen, eine positive, eine negative. In Polen, besonders in Kongreßpolen, ist es der religiösen Judenheit gelungen, eine selbständige Organisation als Landesverband der Weltorganisation Agudas Jisroel zu schaffen. Es ist hier nicht meine Aufgabe, auf die einzelnen praktischen Leistungen dieser Landesorganisation der Aguda,, einzugehen, ich will bloß die große Bedeutung dieser Landesorganisation als Geistesbewegung hervorheben, indem es ihr gelungen ist, einen Kristallisationspunkt für jene jüdische Bewegung zu schaffen, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Thorajudentum für die heutige Judenheit und die Juden von heute für unser überliefertes Erbgut, unsere Heilige Thora, zu erhalten. Wie weit diese Idee berufen ist, immer noch einen Kristallisationspunkt zu bilden, beweist eben die Entwicklung der Agudaidee in Polen, wo diese Idee Verfechter gefunden hat, welche nach jeder Richtung hin als repräsentative Männer des Judentums bezeichnet werden können. Und^diese Idee dient nicht nur als Organisationsmoment für jene, welche die Wichtigkeit des Zusammenschlusses unter dem Gesichtspunkte des Taurogedankenä* für notwendig hielten, sondern sie dient, organisatorisch verkörpert, als Mahnruf an all jene, in derfsn Bewußtsein unter Einwirkung moderner Theorien der souveräne Charakter des Taurowillens getrübt, verwischt oder gar unentwickelt in schlummerndem Zustande vorhanden war. Die Idee der Agudas Jisroel wirkte und wirkt somit als ein Weckruf, alle Kräfte, die noch bereit sind, für den Sieg des Thorawillens zu kämpfen, zusammenzufassen und das durch den Krieg zusammengebrochene ostjüdische Leben auf dieser Grundlage aufzubauen. Dies ist das Bild in Polen. In anderen Teilen Osteuropas, der Bukowina, in Beßarabien, ist es bis zum heutigen Tage noch nicht gelungen, Agudas Jisroel aus den Kinderschuhen der organisatorischen Verwirklichung herauszubringen. Welche Kräfte sind nun in diesen Gebieten tätig? Auch hier lebt ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung streng nach der Vorschrift des Gesetzes, aber es ist dies bei ihnen etwas Selbstverständliches, etwas Allgemeines. Es ist ihnen aber die Empfindung, daß eine jüdische Bewegung nur auf religiöser Basis geführt werden kann, ohne der Thora kann bei uns nichts gelingen." Der Mann war aufrichtig erfreut, als ich ihm von der Agudas- Jisroel Mitteilung machte. „Das ist das richtige!" rief er wiederholt aus. „Sobald ich mich in Amerika eingeordnet haben werde, so wird es mein Bemühen sein, mich der Aguda anzuschließen." Die Ueberfahrt war, wie erwähnt, glatt verlaufen. Die Verpflegung und die Behandlung ließen etwas zu wünschen übrig — selbst für die Kabinenpassagiere. In der III. Klasse konnte man rituell speisen, aber wer sich nicht mit dem Notwendigen versehen hat, mußte ein bißchen zuhungern . . . Alles in allem verlief die Ueberfahrt ohne Zwischenfall. Das schöne Wetter ließ alles übersehen. Mit wenigen Stunden Verspätung lief der „Olympic" in New York ein. Die nochmalige ärztliche Untersuchung ordnete für etwa zehn Passagiere, darunter einige Juden, die neuerliche zwölftägige Quarantaine an, da ihre Leibwäsche nicht in Ordnung war. Die Kabinenpassagiere konnten nach der Durchführung der üblichen Formalitäten landen. Die Passagiere der III. Klasse mußten nach Ellis Island. Die Vertreter des „Hachnasas-Aurchim" (Hias) walteten am Schiff ihres Amtes und verhalfen gar manchem Unbeholfenen bei der Erledigung der Formalitäten. Die Zollrevision nahm noch einige Zeit in Anspruch, da man sich da anstellen muß. Wenige Stunden später war aujöh das vorüber uud ich konnte nach 15 Jahren tvieder einmal den Boden des kochenden, rauschenden New York betreten, dessen äußeres Bild ich aber kaum verändert fand. noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß ihre gesetzestreue Lebensweise im Zustande ärgster Gefährdung ist. Sie nehmen es hin, daß ihre Kinder sich nicht mehr an diese Lebensweise halten und daß in ihrem Herzen ganz andere Ideale leben. Die gesamte Jugend begeistert sich für die Ideen des Nationalismus und des Internationalismus, die sie wohl mit jüdischen Schlagworten und jüdischen Vignetten versehen, aber aus dem Gesichtspunkt des Taurojudentums für radikal nichtjüdisch betrachtet werden müssen. Die Alten wissen dies, sie fühlen es instinktiv, daß sie ihr altes Judentum, das ihnen teuer ist, mit sich ins Grab nehmen. Aber es lebt in ihnen ein Gefühl des Verzichtes, der Resignation oder, jüdisch gesagt, Jiusch. Sie glauben, es müsse so sein, da die „gebildeten" Söhne und Töchter dies doch besser verstehen müßten als sie es verstanden haben. Nur im Geiste einzelner lebt die Sehnsucht fort, den Dingen eine andere Wendung zu geben, ihr altes Judentum noch einmal als beispielgebend, als wahres und ewiges hinzustellen. Vereinzelt aber finden sie nicht die Kraft, diese Idee zur Geltung zu bringen. Ich habe erst jüngst Gelegenheit gehabt, viele Gemeinden des Ostens zu bereisen. Da habe ich mit Freude beobachtet, daß in den Herzen dieser alten, strenggläubigen Juden die Sehnsucht lebt nach einer Kraft, die sie unbewußt noch nicht benennen können, die wir aber Agudas Jisroel nennen, die ihnen den Stolz, die Kraftfülle und das Siegesbewußtsein des Thorawillens wiederbringen soll. Hier hat Agudas Jisroel eine gewaltige Aufgabe, denn sie allein kann ihrem Prinzip, ihrer Beschaffenheit und ihrer Bestrebung nach den Bestand der jüdischen Kehilah, die Pflege des Taurostudiums sichern. Sonst gibt es dort im Osten überhaupt keine Macht, welche im Interesse der Thora auftreten würde und gegen die ebenso politisch wie religiös radikal nationalistischen und internationalistischen Bestrebungen jüdischer Richtungen entgegentreten könnte. Wird Agudas Jisroel auch in diesem Teile des europäischen Ostens ihrer Aufgabe gerecht werden und mit energischer Arbeit ihrer Pflicht nachkommen, so wird sie neben1 der segensreichen Wirkung auf diese bedeutsame Siedlung auch noch den Beweis erbracht haben, daß sie keine künstliche Pflanze sei, da sie keiner extremen oder verrenkten Ideologie volksfremder Köpfe im Westen entsprungen ist, sondern sie ist das Gewissen des jüdischen Volkes, das noch nicht überall erwacht ist. Sie ist die reine Seele des jüdischen Volkes, welche, der eigenen Kraft unbewußt, das jüdische Volk in den schweren Golusjahrhunderten getragen und heute aus inneren und äußeren Kämpfen gestählt hervorgeht. Die alte Grundlage des jüdischen Volkslebens wird dadurch frisch unterbaut. Es schafft die Möglichkeit für das jüdische Volk, weiter zu leben und seine Zukunftshoffnungen zu verwirklichen. Dr. J. P. Jtaudas Jisroel in Beßarabien. (Brief aus Chisinau [Kischinew]). Die Agudas Jisroel in unserem Lande ist in stetigem Aufschwung begriffen. Die Landesverhältnisse machen eine Aufwärtsentwicklung des gesetzestreuen Judentums nicht leicht. Di« Wandlung, durch die unser Land im letzten Jahrzent hindurchgegangen ist, blieb nicht ohne Einfluß auf die Geister und Seine Ehrwürden Herr Oberrabbiner Siegmund Fürst ist mit seiner Gemahlin, einer Einladung von Gesinnungsgenossen folgend, zum mehrwöchentlichen Aufenthalte nach der Schweiz abgereist. Der Präsident der Agudas Jisroel, Ortsgruppe Oradeamare, Herr David Kohn, weilte auf der Durchreise nach Karlsbad in Wien und konferierte mit der Agudaleitung über die Maßnahmen, welche im Interesse der „Ukraine-Aktion der Aguda" in Transsylvanien getroffen werden sollen. Die Aktion erfreut sich auch dort dank der zielbewußten Arbeit der Damenkomitees unter Leitung der Frau Sandor Ullmann allseitiger Sympathie. Außerdem fanden sowohl mit Herrn Kohn als auch mit dem Vertreter der Jugendgruppen Herrn Istvan Ullmann aus Oradeamare wichtige Beratungen in Organisationsangelegenheiten statt. Der Krankenverein reorganisiert. Der „Verein armer kranker Israeliten" wurde von Herrn Professor David Kohn gründlich reorganisiert und man kann mit Freude konstatieren, daß alle in Spitalspflege befindlichen Juden auf ihren Wunsch tadellose Koscherkost, den Vorschriften des Arztes entsprechend, erhalten. In Anerkennung dessen hat die Agudas Jisroel, Ortsgruppe Wien, dem Vereine K 10.000 als Spende überwiesen und empfiehlt gleiches all ihren Freunden. Die Schomreh Schabbos Gewerbeförderungs- und Stellenyermittlnngssektion der Agudas Jisroel, Ortsgrupge Wien, bittet alle Interessenten, sich bei Gemüter. Konservativismus, Gesetzestreue, Religiosität und die sonstigen ererbten Ideale gehören nun einmal zu den Dingen, die bei der jungen Generation nicht populär sind. Es bedarf sehr schwerer, zielbewußter Arbeit und unbeugsamer Beharrlichkeit, um mit den Grundsätzen der Aguda durchzudringen. Unser ehrwürdiger Herr Oberrabbiner Zirelsohn. der gleichzeitig Schöpfer und Präsident der Landesorganisation ist, ist jedoch nicht der Mann, den vorübergehende Zeitströmungen an dem Gelingen seiner einmal ins Auge gefaßten Unternehmungen verzweifeln lassen. Er hat die Landeszentrale gegründet und fuhrt seither die Aguda mit sicheren Schritten vorwärts, vorwärts durch alle Hindernisse, die seinen Weg verlegen. Vom 15. Schewatt 5680 bis zum heutigen Tage sind 22 Ortsgruppen gegründet und an sechs Orten Vertrauensmänner eingesetzt worden. Eine größere Anzahl neuerer Ortsgruppen sind im Gründen begriffen. Die Ausgaben für Propaganda, Reisen und praktische lokale Arbeilen namentlich auf dem Gebiete des Unterrichtswesens für Kinder im schulpflichtigen Alter und für die schulentwachsene Jugend im Betrage von 125.000 Lei wurden ausschließlich aus eigenen Mitteln des Zentralbureaus bestritten. Der Einfluß all dieser Unternehmungen zeigt sich auch bereits deutlich auf allen" Gebieten des öffentlichen jüdischen Lebens. Mitglieder der Aguda nehmen in fast allen wichtigeren Lokalen und politischen Kommissionen und Komitees ihren Sitz ein und vertreten kraftvoll, und mit steigendem Erfolge die Interessen des orthodoxen Judentums. Auf Initiative unseres Präsidenten, des Herrn Oberrabbiner Zirelsohn wurde das Komitee für die ukrainischen .Flüchtlinge geschaffen. . Was dieses Komitee leistet und mit Hilfe der Aguda in anderen Ländern noch zu leisten im Begriffe ist, wird von vielen Tausenden dieser Ernsten und Bedrängten anerkannt. Rabbi Moses Hinsporg, Vizepräsident des Aguda, ist Präsident der Emigrationskommission, Rabbi Leb Alexandrowski ist ordentliches Mitglied in der juridischen Kommission. Herr Efraim Lebertow ist Präsident der Mazzothkommission. Durch diese Kömmission wurden 15.000 Flüchtlinge mit Mazzoth und Lebensmitteln für das Pessachfest versorgt. An der Spitze des Aktionskomitees steht Rabbi Benzion Spira. Für den „Keren Eren Jisroel" der Agudas Jisroel wird eine rege Tätigkeit entfaltet. Unter Leitung der Herren Zadok Rosenfeld und Zewi Scheinberg ist eine besondere Kommission für diesen Zweck gegründet worden. Bis heute sind bereits 125.000 Lei bei uns eingeflossen. Auf dem Gebiete des Erziehungswesens wurde neuerdings ein Abendkurs für Knaben und desgleichen für Mädchen eingerichtet. Unsere neugegründete orthodox^ Mittelschule erfreut sich großer Beliebtheit und wird hoffentlich ein Markstein in der Geschichte des orthodoxen Judentums von Beßarabien sein. An dem Vorbereitungskursus nehmen 120 Schüler teil. Auf religiösem Gebiete wurde erst letzhin großen Mißständen gesteuert. v Selbstverständlich hat unsere Organisation alle Maßnahmen eingeleitet, um der beßarabischen Aguda durch Teilnahme an allen Unternehmungen auch in der Gesamtaguda jenen Platz zu sichern, der ihr zukommt. Kurz, wir arbeiten energisch und hoffen bald von weiteren Erfolgen berichten zu können. Vakantwerden eines Postens mittels einer Postkarte direkt an die Adresse, Malzgasse 12 a, unter genauer Anführung des Wunsches zu wenden. Der Kind erhilfstag der Aguda in Baden und Vöslau. Der Kriegswaisenfonds der Agudas Jisroel veranstaltet Sonntag, den 28. August, in Baden und Vöslau einen großzügig angelegten Kinderhilfs-* tag. Es wurden bereits besondere Lokalkomitees eingesetzt, die eifrig alle Agenda führen und Gewähr für einen glänzenden Erfolg bieten. Alle Damen und Herren, welche sich an der Sammelarbeit beteiligen wollen, werden ersucht, dies im Agudabureau, Malzgasse 12 a, bekanntzugeben. Kundmachung der israelitischen Kultusgemainde Wien betreffend die Errichtungvon Minjanim für die hohen Feiertage. 1. Der Vorstand beabsichtigt, für den gegenwärtigen Bedarf an temporären Bethäusern durch eigene Maßnahmen vorzusorgen und wird demgemäß nur im Falle tatsächlichen Bedürfnisses die Genehmigung für ein temporäres Bethaus an Private erteilen. Hierzu ist im Sinne des § 79 des Gemeindestatutes die Bewilligung des Kultusvorstandes vor Erlangung der behördlichen Genehmigung einzuholen. 2. Die Gesuche um Bewilligung sind bis längstens 25. August I. J. im EinreichungsprotokoUe der israelitischen Kultusgemelnde, I., Seitenstettengasse 4, II. Stock, zu überreichen. Später einlangende Gesuche werden zurückgewiesen. Auf nicht entsprechend belegte Gesuche wird keine Rücksicht genommen. 3. Die Gesuchsteller haben für sich und für die zu verwendenden Vorbeter (die Namen derselben sind im Gesuch anzugeben) genaue Ausweise über Charakter, Moralität und Befähigung zu erbringen. 4. An weibliche Personen wird weder direkt noch indirekt eine Bewilligung erteilt. f>. Die als. Betlokale einzurichtenden Räume müssen sich für diesen Zweck vollkommen eignen und ist die schriftliche Zustimmung des Vermieters sowie des Hauseigentümers zur diesfälligen Verwendung beizubringen. G. Wobnungen und andere Lokale NACHRICHTEN. f9m