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Jüdische Presse · 1921-08-19 · 29 (19.8.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
29 (19.8.1921)
Date
1921-08-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion und Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Turnorgasse 14. Erscheint jeden Freitag". — Redaktionsschluß: Für Artikel Sonntag-, für Nachrichten Montag-, Ahonnementspreise: Ganzjährig: Für Osterreich X 300'—, Ungarn K 250--, Tschechoslowakei Kc. 70--, Deutschland Mk. 60«-, Schweiz Frcs. 10-—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 600-—. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10'—. Fürs Ausland 100 Prozent Tenernngsznschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Mr. 29 | Wien-Bratislava, 19. August 1921 ♦xs-in 3M tb rvraDDjna - n'yz | 7. Jahrg. jr-' Sinnesänderung. Eine der stolzesten Eroberungen wahrer Sittlichkeit ist die Kraft, der Mut, einen Irrtum einzugestehen. Falsche - Ausmünzung des Begriffes Charakter haben diese Größe unseren Zeitgenossen weidlich schwer gemacht. Unsere Ahnen wußten das und deshalb haben sie denen,-die ohne egoistische Motive, rein dem Drang ihres Innenlebens folgend, eine Sinnesänderung vollziehen und alle Konsequenzen des Tuns und Entbehrens, des Leidens und der Verfolgung durch billigen Spott und Hohn auf sich nehmen, eine sehr hohe Rangstufe auf der Skala sittlicher Wertung eingeräumt. Seltsam, die Simfonie der Trostesworte, mit denen die jetzige Zeit ausgefüllt werden soll, anhebt mit dem gewaltigen Akkord: „Anderen Sinnes machet, anderen Sinnes machet mein Volk." Es wäre eine verlockende Aufgabe, alles, was sich an diese Mahnung anschließt, in die Sprache unserer Tage zu übertragen, allein wir wissen, ein Teil unseres geschätzten Leserkreises liebt nicht homiletische Auseinandersetzung. Da wäre allerdings — man verzeihe uns — eine kleine Sinnesänderung sehr wünschenswert. Denn warum sollte eigentlich ein Gedanke weniger gut sein, wenn er engste Anlehnung an Jesaia sucht? Nur eines ist an diesem Prophetenworte merkwürdig, was unterstrichen werden muß. Dem Volk, dem jüdischen Volk soll Trost geboten, soll Wiedererstehung, Wiederaufbau gezeigt, soll neuer Weg gewiesen werden; und doch ist nur die Rede von einem Weg für den Ewigen, von einem Pfad für den Allmächtigen, Liegt darin nicht ein mächtiger Appell zur Sinnesänderung für unsere Tage? Täuschen wir uns doch nicht, es sind deren gar nicht wenige, die in den Wirren unserer Zeit von G-tt und seinem Wort nicht mehr und nicht weniger als ein ziemlich langfristiges Moratorium fordern. All die verhängnisvollen Irrungen der jüngsten Jahre in Volksreden, Volksbüchern, öder mystisch drapierten literarischen Niederschlägen haben ihre Wurzel in diesen Forderungen. Manchesmal scheint es wirklich so, daß die Zeitläufte als messianisch dahin interpretiert wurden, als ob jeder mehr oder weniger in sich den Beruf fühlt, all die Erscheinung moralischer und wirtschaftlicher Perversität, die Ende „Sota" als Symptome solcher Zeiten registriert werden, in sich zu verkörpern, von Ghuzpo bis zur Schamlosigkeit und Mißachtung sittlicher Selbstlosigkeit. Ach, welche Sinnesänderung würde dazu gehören, um die Antithese: „Volk" ist vergängliches Gras — „das Wort unseres G-ttes besteht ewiglich" auch nur zu künden, geschweige denn zu glauben. Und dabei sind wir fest überzeugt, daß, wenn unsere Jugend, unsere hoffnungsvolle, weitstrebende, ideale, ideenerfüllte Jugend nur einmal sich in den Geist dieser Antithese eines Jesaia hineingelebt hätte, dann würde sich bei vielen, und nicht bei den schlechtesten, sehr rasch eine gründliche Sinnesänderung vollziehen. Freilich muß man eines dabei im Auge behalten: Jede Sinnesänderung bedeutet eine Art von Buße, und als unerläßliches Zeichen dieser Seelenstimmung wird bescheidene Zurückhaltung im Kreise der neuen Gesinnungsgenossen verlangt und gewertet. Es ist etwas sehr Keusches um einen solchen Seelenvorgang und um dessen Aeußorung. Aber ebenso zartzinnig ist das Verbot, irgend jemand, in dem dieser Vorgang sich vollzogen hat, durch irgend ein häßliches Wort an seinen früheren Zustand zu erinnern. Und deshalb ein „Wort zum Herzen". Wenn man es ablehnt^ das Schicksal Israels an dem Geschick der Gesellschaftsformen und Menschheitsgebilde zu messen, das dem rinnenden Tropfen am Eimer gleicht, dann mag man es sich wohl überlegen, welche Summe von Verantwortung darin beschlossen ist, daß man den Platz für Betätigung seiner geistigen und materiellen Kräfte anderswo und anderswie sucht, als dort, wo Ewigkeitswerte geprägt werden. Heute, wenn je, würde Jesaia rufen: „Machet mein Volk anderen Sinnes", heute, da Fürsten zu nichts geworden sind und die vermeintlichen Richter der Erde sich wie in einem Chaos bewegen. Um aber diesem Rufe Folge leisten zu können, ist noch eines vonnöten: „Fürchte dich nicht."---- P. K. mmmmrmminimmm: Guter Erfolg für die Jugend. Der „Morning Journal" berichtet: „Die Idee der Aguda verbreitet sich rasch über das ganze Land. Die Delegation der Agudas Jisroel erhält täglich aus allen Teilen des Landes zahlreiche Einladungen zum Besuche. In vielen Städten sind bereits Aguda-Vereine gegründet worden." Besonders erfreulich ist das Erwachen der glaubenstreuen Jugend. Wer wohl vor 30—40' Jahren in Amerika das Erwachen des strengkonservativen Geistes bei der Jugend zu prophezeien gewagt hätte! Im Rahmen der Jeschiwas Rabbi Isak Elchonon Spektor hat sich eine Zeire Agudas Jisroel gegründet, die eine große Bedeutung hat. Rabbi Lew Leiter hat mit mehreren Jugendorganisationen wegen der Schaffung eines großen Verbandes konferiert. Die „Bachure Chemed", Columbiastreet, haben sich als „Zeire Agudas Jisroel" konstituiert. Am 12. Juli veranstaltete die „Bachure Chemed" in der großen Synagoge in der Norfolkstreet eine feierliche Begrüßung der Aguda-Delegation. Meeting in der ungarischen Synagoge. Vorher hatte in der großen ungarischen Synagoge ein Ehrenabend für die Delegierten stattgefunden. Die schöne große Synagoge in der 1.16. Straße war dicht gefüllt. Viele Rabbiner waren erschienen, um ihre ehrwürdigen Kollegen zu ehren. Der Vorsitzende war Rabbiner Dr. Drachmann. Es sprach sodann Oberrabbiner L. Spitzer (Kirchdrauf), dessen tiefdurchdachte Deroscho einen guten Eindruck machte. Hierauf schildert Dr. M. Hildesheimer den Einfluß der Aguda auf die Jugend. Die glänzende Rede Birnbaums beschloß die wirkungsvolle Feier. Es fand ein zahlreicher Beitritt statt und größere Beträge wurden gezeichnet. Meeting in der Douglas-Synagoge. Am 13. Juli fand die Begrüßung seitens dieser Gemeinde statt. Es sprachen Oberrabbiner Don Plotzki (Ostrowo), Oberrabbiner Spitzer (Kirchdrauf; Tschechoslowakei), Oberrabbiner Low (Warschau), Dr. Meier Hildesheimer (Berlin) und Dr. Nathan. Birnbaum unter großem Beifall. Die Begrüßung der Warschauer. In der großen Warschauer Synagoge fand eine große Agudaversammlung statt, bei welcher der Rabbiner Leiter, Garfunkel und der Rabbiner diesei Synagogengemeinde Riwkin eindrucksvolle Reden hielten. Es schlössen sich zahlreiche Mitglieder an. Aus den-Provlnzstädten. Zufolge der zahlreichen JMiadiü^ Zentrum Amerikas kommen, wird die Delegation Ende Juli und im August Chicago, Pittsburg, Philadelphia und Baltimore wie andere Städte besuchen. Aufruf des Aguda-Komitees. Die Aguda-Delegation hat einen sehr wirkungsvollen Aufruf an das amerikanische Judentum erlassen, worin sie die Ziele der Aguda klarlegt und zur Beisteuer zu den drei Institutionen: Keren Erez Jisroel, Waisenfonds und Erziehungsfonds auffordert. Begrüßung seitens des Central-Relief-Committee. Die Unterrichtskommission des Central - Relief- Comittee hielt zu Ehren der Aguda-Delegation eine Sitzung unter dem Präsidium des R. Meir Berlin ab. Anwesend waren Rabbi Rosenberg,. Rabbi Teitelbaum, Bublik, Wiernik und Engelmann. Die geladene Delegation bestand aus den Herren Rabbinern Uon tUien nach Hcw VorK. (R e i s e b r i e f e.) Von J. Kreppel. V. Die Ueberfahrt zur See. (Schluß.) Die Passagiere, die die zwölftägige Quarantaine durchmachen, werden im Laufe dieser Zeit täglich ärztlich untersucht, außerdem desinfiziert, geimpft usw. Vor der Abreise kommt noch eine sehr umständliche Untersuchung seitens des amerikanischen Arztes (die sonstigen Untersuchungen nehmen französische Aerzte vor). Die geringsten Zweifel über die Gesundheit der Reisenden genügen, um den Betreffenden entweder ganz auszuschließen, oder bis -zur völligen Heilung zurückzustellen. All das genügt aber den amerikanischen Sanitätsbehörden noch nicht. Beim Besteigen des Schiffes müssen alle Passagiere Augenärzte passieren, die sehr gewissenhaft eine letzte Untersuchung vornehmen, am nächsten Tage werden Haare und Leibwäsche ärztlich untersucht, im Verlaufe der acht Reisetage wiederholt sich diese Prozedur noch einige Male. Mit einem Worte: der Emigrant, wie auch die anderen Bewohner des Riesendampfers, stehen bis zum letzten Momente unter der Angst, es könnte bei ihneiv etwas verdächtiges gefunden werden. Die Ueberfahrt mit dem modernen, 49.000 Tonnen- ^Riesendampfer ist ziemlich angenehm. Selbst bei schlechtem Wetter verspürt man ikaum das Schütteln. Wir hatten die g-anze Zeit hindurch schönes Wetter — bloß zwei Frauen litten etwas an der Seekrankheit, sonst war alles wohl und munter. Ausgenommen natürlich das Gros der Passagiere III. Klasse, der eigentlichen Emigranten. Da war noch sehr viel Elend zu sehen. Viele hatten sich bis zum letzten Heller verausgabt und es mußte für sie gesammelt werden, damit sie wenigstens ihre Verwandten mittelst Kabel von ihrer Ankunft verständigen können. Die meisten zitterten vor dem furchtbaren „Kesselgarden" und konnten sich die ganze Zeit hindurch nicht beruhigen. Gar mancher ist der Hölle entflohen, aber die Angst bedrückt sein Heiz: wer weiß, ob es in Amerika besser sein wird. Während die Kabinenpassagiere alle Annehmlichkeiten des modernen, luxuriös eingerichteten Schiffes durchkosten, leben unten hunderte Menschen in Angst und Furcht — der Kontrast ist geradezu grell .... Nicht alle Kabinen-Passagiere sind Geschäfts- oder Vergnügensreisende. Ein großer Teil der II. Klasse- Passagiere gehört zu der Kategorie der Auswanderer, und selbst die I. Klasse beherbergt einige solche — sie haben es nur vermocht, das nötige Kleingeld aufzubringen, um bequemer und sicherer fahren zu können.^ Unter diesen Emigranten sind viele aus den Westländern, Frankreich, England usw. Die schwere Krise, die in diesen Ländern seit vielen Monaten herrscht, verjagt sie nach dem Lande des Kolumbus. Sie wissen es wohl, daß auch die Vereinigten Staaten von der Krise heimgesucht sind, aber sie glauben, der Dollar werde sich am ehesten erholen. Familien, die in England 20 bis 30 Jahre wohnen und dort immer „ein Leben" gemacht haben, greifen neuerdings zum Wanderstab. t Ein Emigrant, der in Begleitung seiner Frau und seiner fünf Töchter wandert, erklärte auf meine Frage, warum er denn nicht in England das Ende der Krise überwartet hat: „Sehen Sie, 25 Jahre lebte ich in London (meine Wiege ist in Polen gestanden) und habe mich immer durchgeschlagen. Aber in den letzten sechs Monaten habe ich nicht weniger als 5000 Pfund teils Verluste erlitten, teils einfach aufgezehrt — wie lange noch kann ich mich einer solchen Situation aussetzen?" Aehnlich lauteten auch die Antworten aller, an die ich meine Frage gerichtet habe. Die Annahme, daß der Westen auf die Ostjuden in religiöser Hinsicht verheerend wirkt, trifft nicht immer zu. Gerade der erwähnte Emigrant mit den fünf Töchtern ist trotz des 25jährigen Lebens in London glaubenstreu geblieben. Am Freitag klagte er mir, seine Frau sei untröstlich, sie habe vergessen, Kerzen mitzunehmen und muß nun zum ersten Male seit ihrer Verheiratung das „Licht- Benschen" unterlassen. Als ich ihr eine von meinen Kerzen überließ, war sie überglücklich und ihre Freude war geradezu rührend. Ihr Mann, der in mir einen Gesinnungsgenossen erkannte, rückte mit der Frage heraus: „Sagen Sie mir, bitte, kann ein frommer Jude Zionist sein? Wissen Sie, ich bin schon 25 Jahre von meiner Heimat fort, mein Vater war sehr fromm und auch wir, die Kinder, haben eine streng religiöse Erziehung genossen. Ich bin meiner Erziehung treu geblieben, der harte Kampf ums Dasein maeht es mir aber unmöglich, die Vorgänge im jüdischen Leben aufmerksam zu verfolgen. Nun kommen zu mir von Zeit zu Zeit Leute, die mich für den Zionismus gewinnen wollen. Ich habe

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