Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 29 (19.8.1921)
- Date
- 1921-08-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 JÜDISCHE PRESSE Seite 211 dürfen mir dann zur Abhaltung des Gottesdienstes verwendet werden, wenn sie vollkommen ausgeräumt siud und an den Festtagen ausschließlich für den erwähnten Zweck henulzi. werden. 7. Für Lukale. in welchen wahrend des Jahres Veranstaltungen stattfinden, deren Tendenz unvereinbar ist mit einer Statte, an welcher ein Gottesdienst abgehalten werden soll, wird eine Bewilligungnicht erteilt. 8. Die Errichtung eines temporären Betlokales in der Nähe von ständigen Bet häusern wird in der Regel nicht bewilligt. 9. Ein .Ankauf von Betsitzen seitens der Kultusgomeinde ist nicht zu gewärtigen 10. Die Bewilligung wird den Betlnkalinhab^rn nur unter der Bedingung erteilt, daß dieselben der Kult isgemeiude für unbemittelte Personen (Männer und Frauen) zusammen den zehnten Teil der von der Behörde genehmigten numerierten Sitzplätze unentgeltlich bis längstens 15. September 1921 zur Verfügung stellen. 11. Zur Sicherstellung der Einhaltung dieser Verpflichtung, sowie aller für die Erteilung der Bewilliguni: zur Errichtung eines temporären Bethausos gestellten Bedingungen ist eine Kaution zu erlegen, welche bei Nichteinhaltung auch nur einer dieser Verpflichtungen für wohltätige Zwecke der Kultusgenieinde verfallt. Die zu leistende Kaution wird auf Grundlage der seitens der Behörde bewilligten Anzahl von Sitzplätzen mit .je K 10 für den Sitzplatz bemessen. 12. Der Text einer etwa beabsichtigten Annoncierung oder Plakafierung ist dem Gesuche zur Genehmigung anzuschließen. 13. Unmittelbar nach den hohen Feiertagen ist an den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien ein Verzeichnis der beim Aufrufen zur Thora erfolgten Spenden mit Namen und Adresse des Spenders sowie genauer Bezeichnung des Zweckes einzusenden. Es ist Pflicht einer jeden Partei, für eine entsprechende Polizeiaufsicht auf eigene Kosten zu sorgen. Als ,Hausandachten werden nur jene gottesdienstlichen (jeliuugen betrachtet, ^welche ohne jegliches Entgelt und lediglich Familienangehörigen zugänglich sind. Personalnachricht. Herr Rabbiner Chaim Hager fährt nächste Woche nach Hau.se. um die Rabbinalsstelle in Zablotow, wo sein g-ttseliger Vater als Rabbiner fungierte, zu besetzen. Diese Rabbinerstelle ist von größter Bedeutung, da noch der Sohn des bekannten Zadik aus Kossovv (Autor des heiligen Buches Ahawas Scholom) auf dieser Stelle tätig war. Dieses Oheskas rabbonus ist übergegangen von Sohn zu Sohn bis zum jetzigen Rabbiner. Wir wünschen dem ehrwürdigen Herrn Rabbiner, daß er bei seiner heiligen. Mission .vieles für den Klal Isroel leisten könne wejaarich jomim al mamlachto hu uwonovv bekerew kol Isroel. Schächtverbot in Bad Aussee. Wir erhalten die verblüffende Nachricht, daß der Bürgermeister von Aussee ein Schächtverbot erlassen hat. Die Leitung der Aguda hat bereits bei der Bundesregierung die nötigen Schritte unternommen, um die Aufhebung des Schächtverbotes zu veranlassen. Wir knüpfen an diesen seltsamen Einfall des ehrsamen Herin Bürgermeister, der den Ruf des freien Deutschösterreich arg gefährdet, keine weiteren Bemerkungen und hoffen, daß der Zwischenfall bald erledigt sein wird. Siebenbürgen. Zionistischer Skandal in der Synagoge. Aus Baia Mare (Nagybänya) wird uns berichtet: Einige zionistische Mitglieder des jüdischen Gemeinderates beschlossen, am Samstag nach Herzis Todestag ein „El mole racharnim" nach Herzl machen zu lassen. Der Tempelvorsteher machte die Herren aufmerksam, daß ein solcher El mole racharnim nur wenn der Jahrzeitstag seihst am Sabbat fällt zulässig sei und übrigens dieser El mole racharnim von dem größten Teil der Andächtigen wie eine politische Demonstration empfunden werde. Die Zionisten versammelten sich darauf korporativ in der Synagoge. Der Tempelvorsteher ersuchte daher den Gabbai Herrn Heller statt des Kantors Mussaf vorzubeten. Der Zionistenpräses Rosenthal stützte hierauf auf den Almemoi und wollte Herrn Heller herunterzerren, woran er verhindert wurde, worauf die Zionisten einen Heidenlärm schlugen und Heller Schimpfworte zuriefen. Dieser Skandal wurde von dem hiesigen „Nagybanyaer Hirlap" breilgetreten, ebenso versuchen die Zionisten alle erreichbaren Blätter mit unwahren Berichten anzufüllen. Vergebliche Mühe! Die Empörung ist eine allgemeine und die Tempelschänder w%rden ihrer Strafe nicht entgehen. Es handelte sich ihnen nicht um eine Ehrung Herzis, sondern um einen „Nizochen" zu haben. Polen. Furchtbare Brandkatastrophe in Pinsk. Pinsk, die berühmte Judenstadt, ist von einem namenlosen Unglück heimgesucht worden, von einer zerstörenden Katastrophe, die alle Leiden des in diesen Tagen so viel gedachten Chorban bei hamikdasch in Erinnerung ruft. Pinsk ist eine gut jüdische Stadt, wie es deren nicht viele mehr gibt; ihr Unglück wird mitgefühlt werden in allen jüdischen Zentren, besonders wo es russische Emigranten gibt. Es ist kein Zufall, daß diese Brandkatastrophe, wie die meisten der allzu häufigen Brände der Ghetti, um die Zeit der drei Wochen stattfinden. Die feuergefährlich gebauten Ghettostädte bilden in Hitzetagen einen wahren Zunder für jeden ausfliegenden Funken. - Jede Hitzewelle hat im Osten stets eine Reihe von Braudkataströphen im Gefolge. Dienstag,, den 7. August, um 1.0 Uhr vormittags, brach in der Wohnung des Schusters Kopp in der Dominikanergasse 66 ein Feuer aus, das sich mit Blitzesschnelle über das ganze Haus und über das Zentrum der Stadt verbreitete. Die Flammen hatten bald alle umliegenden Gassen ergriffen und bald standen der Brisker Markt: der Sehulhof. die Große Gasse, die Brozna-Gasse bis zum Postgebäude in Flammen. Bald war ganz Pinsk ein Fouermeer geworden. Gänzlich abgebrannt ist die große alte Synagoge (bei 1000 Jahre alt), die Ohassidim Klaus, das Beshamidrasch, die Gebäude' des Schillhofen, die Magirl-Synagoge, vier jüdische Volksküchen, die jüdische Arbeiter-Kooperative „Enigkcit", die jüdische Tischler-Kooperative, das jüdische Waisenhaus, die jüdische .Handwerkerschule, die jüdische Mädchen-Handwerkerschule, die Dienesohn-Schule. Hotels, über 100 Thorarollen und zahllose Sforim. Der „Jud" meldet: Der Brand ist entstanden im Hause des Schusters Kopp, dessen Frau den Herd zum Mittagmahl eingeheizt hatte, dann die Wohnung verschlossen hatte, um auf den Markt zu gehen. Aus dem Herde fiel ein Stückchen glühende Kohle, die winzige Ursache des; namenlosen Unglückes. Zuerst schleppten die Leute ihre geretteten Habseligkeiten in die große alte Synagoge, später aber wurde auch diese mit allen darin bewahrten Sachen die Beute der Flammen. Mit Extrazügen kam die Feuerwehr aus Brisk. Kobrin, Luninjez und Biale. Man sprengte die umliegenden Häuser, so das Hotel Viktoria, mit Dynamit, um das Feuer zu lokalisieren, was aber erst um 9 Uhr abends gelang. Es spielten sich schreckliche Szenen ab. Leute mit brennenden Kleidern stürzten sich ins Wasser, um sich zu retten. Soldaten fuhren mit Kähnen herum, um die ins Wasser Springenden zu retten. Trotzdem sind keine Toten zu beklagen, wohl aber gibt es eine Menge von Verwundeten. Mehr als 5000 Seeleu sind obdachlos. In Warschau hat sich ein Plilfskomitee gegründet. Als erste hat die. Gesellschaft „Pinau 100.000 Mark gespendet, eine andere Firma .'30.000. Die Joint-Kommission begab sich mit Lebensmitteln und Medikamenten nach Pinsk. << €ngland. Die arabische Delegation in London. Die arabische Delegation weilt seit einigen Tagen in London und hat durch ihren Sekretär Schiwa Samal eine Erklärung in der „Morning Post" abgegeben. Sie hebt in rühmenden Worten die Haltung der „Morning Post" hervor, die den Arabern hilft, und beteuert, daß sie absolut nicht gegen die Juden kämpft, sondern gegen den Zionismus. ., Wir wollen'-, heißt es weiter, „in Freundschaft mit unseren jüdischen Mitbürgern in Palästina leben, so wie in der Vergangenheit. Wir protestieren nur mit der ganzen Kraft, die ein hilfloses Volk aufzubringen vermag, gegen die zionistische Bewegung, die uns zu Heloten machen und aus unserem eigenen Lande vertreiben will. Wir sind hilflos gegen Englands Macht, aber gegen den Zionismus könnten wir uns verteidigen. Samal erzählt ferner, daß die Aufregung bei der Bevölkerung Palästinas mit jedem Tage zunimmt. Die Ereignisse in Jaffa haben den Beweis geliefert. Er gibt zu, daß jeder Araber sich damals in so einer Wut befand, daß er vor keinem Verbrechen zurückgescheut hätte, nur um die Zionisten mit Stumpf und Stil auszurotten. Sie wollen sich eben nicht von den Zionisten versklaven lassen. Er berichtet, daß die Delegation sich Audienz beim Erzbischof von (lanterbury verschaffen wird, so wie sie sich eine einstündige Audienz beim Papste erwirkt hatte. Sie fühlen, daß die christliche Kirche ihnen beistehen müsse in der Sache, mit welcher sie "das Ziel religiöser Toleranz und die Sicherheit der heiligen christlichen Stätten in Palästina verbindet." Die Emigration aus Sowjetrußland. Der Vorstand der ukrainischen «luden in London hat auf der letzten Sitzung über die Emigrationsfrage in Sowjetrußland verhandelt und beschloß, die internationale Etnigrationskonfereuz in Genf aufzufordern, bei der Sowjetregierimg dahin zu wirken, daß sie denjenigen Familien,Qdie Veiwandte im Auslande haben, die Emigration erlaube. Eine entsprechende Resolution und dem dazugehörenden Material wurde an Herrn Lucien Wolff abgesendet. Arbeitslose verbrennen ein Holzlag er. Brüder Glückst ein in London, eine der größten Holzfirmen Englands, haben annonciert, da/3 sie Arheiter aufnehmen. Es meldeten sich 4000. Die Firma brauchte aber nur 50. Die Arbeitslosen wurnen aufgeregt und zündeten das Holzlager an. Nach einer anderen Version geschah es, weil die Firma die Löhne um 15 sh. die Woche herabsetzen wollte. Die Arbeiter streikten und die Firma annoncierte um Streikbrecher. Der Schaden ist riesig. 500 Wachleute beschützen die Holzniederlage. Griechenland. Sühne für das Judenniassaker in Aidin. Das griechische Kriegsgericht in Smyrna verurteilte die Mohammedaner Mehmed Kirlimousseoghlou und Mustafa Mahmoudoglou zum Tode, weil sie überführt wurden, mit anderen Komplizen „unbekannten Aufenthalts" sechsundzwanzig Israeliten aus Deirmendjik bei Aidin niedergemetzelt zu haben. Großen Eindruck erregte beim Kriegsgericht die Aussage eines jungen Israeliten namens Jakob Meies, Sohn eines israelitischen Notabein aus üeirmendjik, dessen ganze Familie vernichtet wurde. Noch unter dem Alpdruck der fürchterlichen Ereignisse entwarf der Zeuge das ganze Bild des Gemetzels. Laut seiner Aussage schritt die Mörderbande gleichnach ihrem Einfall in das Dorf Deirmendjik zur Verhaftung von sechsundzwanzig Israeliten. Nachdem sie ihr ganzes Hab und Gut geraubt hatten, verschleppten sie dieselben durch das Dorf bis zu den Ufern des Mäander und warfen sie in den Fluß. Hierauf begannen die Henker vom Ufer aus auf ihre Opfer im Wasser zu schießen, so daß diejenigen, die dem Ertrinken entkamen, durch Feuer vernichtet wurden. Der Zeuge war ebenfalls mil den übrigen Opfern ins Wasser geworfen worden, jedoch wurde er später i gerettet und nach Deirmendjik gebracht, wo er einige Tage darauf die beiden Mörder wiedererkannte. Geschlossene Geschäfte wegen konfiszierten Friedhof. Die Smvrnaer .luden hallen eine Woche lang die Geschäfte geschlossen und die jüdischen Handwerker streiken als Protest gegen die Konfiszierung des jüdischen Friedhofes durch die Regierung. Da die Juden den Handel und das Gewerbe in Smyrna in Händen haben, wird die Oeffentlichkoit von diesem seltsamen Streik unangenehm betroffen werden. Zudem wird in den Synagogen noch täglich ein Gebet gesagt. Lettland. Uebergriffe der Keren - Hajessod - Propaganda. Das „Jewish Gorrespondence-Bureau" hat mitgeteilt, daß der gefeierte Dwinsker Gaon die Beisteuer zum zionistischen Kereu hajessod empfohlen hätte. Zufolge diesör unwahrscheinlich klingenden Nachricht hat sich unsere Redaktion telegraphisch an das Oberrabbinat nach Riga um Aufklärung gewendet und erhielt folgendes Telegramm: „Jüdische Presse", Wien. Rabbiner Kahn nur mizwas jischuw Erez Isroel empfohlen in Oberrabinats Auftrag, Landeszentrale.". Der Dwinsker Gaon hat daher nur den Standpunkt der Strengorthoxen eingenommen, wie ihn die Aguda darstellt. Bezeichnend ist, daß das Jerusalemer Tagblatt „Haarez" die Nachricht brachte, daß der Dwinsker Gaon die mizwas Jischub erez Isroel betont hat, als Ueberschrift aber mit großen Buchstaben verkündete, daß der Dwinsker Gaon für den Keren hajessod gesprochen hätte. Mesopotamien. Treppenwitz. Anläßlich der Ausrufung Emir Feysuls zum König von Mesopotamien hat Doktor Ed er, der Leiter der Zionist. Gommission (Waad Hazirim), an König Feysul folgendes Telegramm geschickt: „Ich habe das Vergnügen und die Ehre, im Namen der Zion. Org. in Palästina, wie auch; in meinem eigenen, die aus der Tiefe unseres Herzens kommenden Glückwünsche zu übermitteln zur Besteigung des Königsthrones von Mesopotamien; mögen die Tage Eurer Regierung lange und ruhig sein." Die russisch-jüdischen Schriftsteller auf dem Wege nach Palästina. Die Gesellschaft jüdischer Schriftsteller, welche von der Sowjetregierung die Erlaubnis zur Ausreise erhalten hat, ist zum Teile von Konstantinopel nach Erez Jsroel abgereist, u. zw. Drujanow, Avigdor Feuerstein (bekanntlich ein Budapester), Rawnitzki, Dinaburg, Semialitzky und Andre. Hingegen bleiben Bialik, Kleinmann u. a. in Kenstantinopel, da sie zum Karlsbader Kongreß fahren. Harry Fischöl beim High-Commissioner. Der New Yorker orthodoxe-Kaufmann Harry Fischel, der besonders im Joint Distribution Committee wertvolle Arbeit leistet, wurde von Sir Herbert Samuel in mehr als einstündiger Audienz empfangen. Verschlechterung der Lage in Palästina. Die „Times* meldet: Reisende aus Palästina bringen traurige Nachriehten. Die Sicherheit der Bevölkerung im Norden besteht überhaupt nicht. Jeden Tag kommen Banden von jenseits des Jordans, wo Emir Abdullah herrscht. Es haben mehrere Ueberfälle stattgefunden, ohne daß die Täter gefaßt worden sind. Die Stimmung gegen die Juden wird t ä g 1 i c h schlimme r, und es sind Anzeichen da, daß es wieder zu Zusammenstößen zwischen Juden and Araber kommen wird, wenn die arabische Delegation mit leeren Händen heimkehren wird, oder wenn die Regierung die Araber bestrafen wird, welche die Kolonien überfallen haben. Die älteren Einwohner erklären, daß die Türken eine bessere Ordnung zu halten verstanden haben. Die Palästina- Regierung 'hat wohl eine Gendarmerie geschaffen, diese ist aber zu klein. Es wird kein Frieden im Lande sein, bis man dem Lande eine Regierung geben wird, die sich auf den Willen des Volkes stützen wird und eine proportioneile Vertretung. Das Londoner jüdische Tagblatt „Die Zeit" bemerkt hiezu, daß dieser Bericht von arabischer Seite stammen müsse, um Stimmung für die arabische Delegation zu machen. Allein, es ist ein genug trauriges Symptom, wenn die „Times" die Araber dermaßen unterstützt. Spendet für die Jugendgruppe!!