Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1921-08-12 · 28 (12.8.1921) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
28 (12.8.1921)
Date
1921-08-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2629891-2629906-2629935--0340-2631957
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ieite 204 JÜDISCHE PHE8SE Nr. 28 denten der „J.P.Z* von den Zuständen folgende Schilderung: ..Die Lage der Emigranten ist durch die neuen amerikanischen Einwanderungsbestimmungen sehr schwierig geworden. Ich habe den Eindruck, daß die amerikanischen Behörden gewisse Instruktionen haben, der Auswanderung der Juden Schwierigkeiten zu machen. An manchen Stellen sagt man offen, man könne die Juden nicht brauchen, weil sie die Städte überfüllen: Amerika könne gegenwärtig nur Landwirte aufnehmen. Manche äußern sich unverhohlen antisemitisch. Der Arzt zum Beispiel, der in Antwerpen die Emigranten zu untersuchen hat, soll bereits mehrfach antisemitische Bemerkungen gemacht haben. Als ich ihn besuchte, äußerte er sich allerdings sehr loyal und erklärte, daü er nur „gegen die Läuse und das Ungeziefer aus dem Osten" zu kämpfen hat. Bei den Untersuchungen spielen sich oft herzerschütternde Szenen ab. Ich sali zwei Kinder von 8 bis 10 Jahren, die allein reisen, weil iine Eltern beim Pogrom umgekommen sind. Die Lage der Emigranten ist. besonders traurig, wenn sie tagelang warten müssen und keine Antwort von ihren amerikanischen Verwandten bekommen, so daß sie ihr Geld aufzehren und neuerliche Geldsendungen abwarten müssen. Der größte Sammelpunkt wartender Emigranten ist Antwerpen, weil dort alle Einwanderer hereingelassen werden, auch solche, die gar nicht nach Amerika kommen können und auch keine Visa besitzen. Holland hingegen läßt nur die mit allen notwendigen Reisedokumenten und Geld versehenen Emigranten herein, daher sind die Verhältnisse in Rotterdam besser. Das amerikanische Konsulat in Antwerpen hat den ukrainischen Flüchtlingen, denen in Rumänien rumänische Pässe ausgestellt und vom amerikanischen Vertreter visiert worden sind, die Einreisebewilligung annulliert, weil es rumänische Pässe für ukrainische Staatsbürger nicht anerkennen könne. Diese Leute sind jetzt in prekärer Situation, denn es ist selbstverständlich, daß die Ukraine ihnen keinen Paß ausstellen kann. Ich bin leider gezwungen, dieses Vorgehen als höchst barbarisch und unamerikanisch zu bezeichnen. Zu erwähnen ist noch, daß es sich gerade bei diesen Flüchtlingen um das beste Menschenmatcrial handelt, denn nur starke junge Leute konnten sich aus der ukrainischen Pogromhölle retten. Ich glaube, daß diese Frage nur durch den politischen Einfluß des amerikanischen Juden glöst werden kann. Es ist. unmöglich, Menschen aus technischen Gründen auszuschließen, wenn nicht eine antisemitische Tendenz dabei ist. Darum müssen die amerikanischen Juden eine öffentliche Protestaktion einleiten. In Rotterdam sind nicht so viel Emigranten angesammelt. Auch ist dort die Fürsorge der Schiffsgesellschaften eine weit bessere. Vor einiger Zeit, sind ein paar Damen aus New York von der jüdischen Frauenorganisatiion dort eingetroffen, die vor allem die zahlreichen Kinder beaufsichtigen. Die Kinder werden in englischer Sprache und überhaupt in „ Amerikanismus" unterrichtet, und als ich dort war, sangen sie die amerikanische Nationalhymne wie richtige Amerikaner. Ein großes Uebel ist, daß die jüdischen Hilfsgesellschaften noch nicht hinreichend organisiert sind. Im wesentlichen kommen nur die zwei großen Gesellschäften „Hias" und „Ica" in Betracht, denn sie haben die Mittel. Aber leider können die beiden sich schwer verständigen, denn „Hias" ist eine demokratische Volksorganisation und dem Volke verantwortlich, während die „Ica" nach dem Notabeinsystem organisiert, es vorzieht, nach philanthropischer Methode zu arbeiten. Man muß aber auch zugeben, daß eine allgemeine Emigrationspolitik auf große Schwierigkeiten stößt, weil die Lage sehr unklar ist und man nie weiß, was der nächste Tag bringen wird. Man sucht andere Länder. Kanada ist besonders streng und verlangt nur Farmer, die kanadische Regierung hat in den Monaten März und April 2000 jüdische Emigranten unter den nichtigsten Vorwänden zurückgeschickt. Man dachte an Mexiko und Brasilien, aber" dort ist kein Raum für größere Judenmassen, man läßt sie nicht in die Städte, sondern die Regierungen wollen sie zu Arbeiten in den Sümpfen verwenden, und dazu taugen die Juden nicht. Argentinien stellt ähnliche Bedingungen, will keine Städter und vor allem keine Kommunisten." Die ApMtlegation In Rumänien Die Aguda-Delegation in Kischinew. Am 22. Juli trafen die Herren Wolf, Pappenheim und Dr. Joel Pollak in Kischinew ein. Am Bahnhofe wurde die Delegation von einer Deputation der Gemeinde unter Führung des Rabbiners Moses Hinsporg und R. Zadok Rosenfeld empfangen. Am Freitag besuchte die Delegation Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Zirelsohn. Unsere Leser kennen bereits in Rabbiner Zirelsohn den großen Talmid Ghacham, dessen Responsenwerk „Gewul Jehuda" eben in zweiter Auflage erscheint, ivnd den großen Vorkämpfer für die Interessen des Judentumes und besonders für das Wohl der verfolgten Juden. Hier Thoralehrer. hier Staatsmann, da Pädagog und Philantrop. Die Aufnahme der Delegation war eine überaus herzliche: besonders hat die außerordentliche Hingabe und keine Mühe und Opfer scheuende Tätigkeit des greisen Führers der. Aguda R. Wolf Pappenheim I. j. große Bewunderung hervorgerufen. Rabbi Zirelsohn, der suaviter in modo, fortiter in re einen vornehmen, aber entschlossenen Kampf um die Erhaltung des wahren Judentums führt, begrüßte in den Gästen eine willkommene Verstärkung seiner Bemühungen gegen die Anfeindungen des traditionellen Judentums. Am Sabbat besuchte die Delegation die verschiedenen Bote knessiot, wo sie Gegenstand der freundschaftlichsten Ehrenbezeugungen waren, besonders unter den zahlreichen Anhängern des Gzortkower Großrabbiners schl., dessen warmes Schreiben zugunsten der Aguda im „Jud" gerade damals publik geworden war. Montags trafen schon Delegationen aus den umgebenden Gemeinden zur Begrüßung der Aguda-Delegation ein. Es fand eine Besprechung mit dem Präsidium des Gentral-Rel.ief-Conimittee betreffs Uebernahme der Waisenkinder durch die Aguda statt. Dienstag fand im Festsaale des Rathauses eine große Versammlung statt. Trotz der tropischen Hitze war der große Saal dicht gefüllt. An der Estrade haben Rabbiner Zirelsohn und die Delegationen der Gemeinden Platz genommen. Oberrabbiner Zirelsohn eröffnete die Versammlung und weist darauf hin, daß die Bestrebungen der Aguda nicht jüngsten Datums seien, sondern das „Mi I'haschem eloi" unseres Mosche rabbenu war der erste Aufruf zur Aguda. Das Auftreten Schmueis in der Zeit des Verfalles, die Tätigkeit des König Joschijo, die Entrollung der Fahne der Hasmonäer, das Auftreter des Balschem, das sind die Etappen der uralten Aguda-Bewegung. Redner begrüßt die Delegation als Fürsprecher des alten jüdischen Geistes. Hierauf ergriff, stürmisch begrüßt, Herr Wolf Pappenheim das Wort, um in einstündiger Rede die Ziele und Wege der Aguda darzustellen und über seine Erfahrungen in Palästina zu berichten. Nun folgte die Rede des Herrn Dr. Joel Pollak. der feststellte, daß Agudas Jisroel eine noch größere Bedeutung für den Osten als für den Westen habe, da die gefährlichen Unterströmungen des Judentums da stärker unterwaschen als im Westen. Nach dieser beifällig aufgenommenen Rede sprach Herr Rabbiner Friedmann (Leipzig), der seiner Freude Ausdruck gab, in seiner Heimat den Agudagedanken wirksam zu sehen. Unter dem Eindruck der Reden fand ein sehr zahlreicher Beitritt von Mitgliedern statt. Es wurden große Beträge für die Aguda erlegt. Am nächsten Tage fand ein Bankett im Hause des Oberrabbiners Zirelsohn von hundert Gedecken statt. Als Erster sprach Rabbi Zirelsohn geistreiche Diwre-Thora. Ferner sprach der Direktor der durch den Oberrabbiner gegründeten orthodoxen Mittelschule Herr Lener, der auf die Wichtigkeit der strenggläubigen Erziehung hinwies: ferner R. Wolf Pappenheim, Rabbi Benzion Schapira. Dr. Pollak über die Bedeutung der Presse, worauf Fabrikant Herr Liebevoll, der bereits 1 Prozent seines Einkommens und einen namhaften Betrag für Keren Erez Isroel spendete, sich bereit erklärte, für die Herstellungskosten der zu gründenden jüdischen Presse aufzukommen. Es wurden noch große Beträge gespendet. Die Delegation besuchte tags darauf die verschiedenen Jeschiwos, Talmud Thoras (worunter eine Jeschiba, deren 40 Zöglinge von Herrn Babuschka gänzlich* erhalten werden). Der Erfolg der Delegation war in jeder Hinsicht ein außerordentlich glänzender und ermutigt uns zu einer ferneren ersprießlichen Tätigkeit. Die Delegation in Czernowitz. Auf der Rückreise von Kischinew weilten Herr Wolf Pappenheim und Dr. Pollak am 30. und 81. Juli in Czernowitz. Die Delegation benützte diese Gelegenheit, um mit den dortigen Agudafremiden, unter denen der Bojaner Großrabbiner an erster Stelle zu nennen ist, Besprechungen abzuhalten und Sonntag vormittags vor dem Vorstand der Aguda in Gzernowitz einen ausführlichen Bericht zu erstatten. Da Rabbiner Dr. Rosenfeld abwesend war. hielt man keine Versammlung ab. Es ist zu hoffen, daß nun unsere Freunde in Gzernowitz eine eifrige und ersprießliche Tätigkeit entwickeln jrce:xdei4. —- -____......... Die jfguda-Dtlegation in Amerika. Am 6. Juli fand eiu großer Begrüßungsabend zu Ehren der Delegation in der prächtigen „Chassam Sofer"-Synagoge in der Glintonstreet statt. Das Meeting wurde von dem greisen aus Ungarn stammenden Rabbi Benjamin Guth mit einer schönen Deroscho eröffnet. Hierauf übernahm Rabbiner Gusik den Vorsitz und beleuchtete die Notwendigkeit der Agudabewegung. Nun ergriff Rabbi Meir Don Plotzki (Ostrowo) das Wort, der in tiefdurchdachter Deroscho die Wichtigkeit der Aguda-ldee darlegte. Stürmischer Applaus folgte der schönen Telegramm, die Herren meinten aber, es müsse ein Mißverständnis sein, sie werden auf eigene Kosten nochmals urgieren. Mich gehe das übrigens nichts an, da ich ohnehin den zugesicherten Platz bekomme. „Mein Herr." sagte ich dann, „ich will nach drei Tagen meine Reise antreten. Ich muß hiefür verschiedene Vorbereitungen treffen, können Sie mich versichern, daß ich nicht stecken bleiben werde?" — „Sie können auf meine Verantwortung alles vorbereiten," erhielt ich zur Antwort, „kommen Sie übermorgen und Sie erhalten ganz bestimmt Ihr Ticket.'* Als ich aber am bezeichneten Tage wiederkam, machte der Herr ein ernstes Gesicht: „Ich kann Ihnen die Schiffskarte nicht geben. Infolge der Ouarantaineverorduung dürfen wir für den ,01ympic' keine Tickets mehr ausgeben." Ich replizierte: „Was ist es mit Ihrer Verantwortlichkeit für meine Reisevorbereitungen?" Der Herr meinte kurz : „Sie können mich ja klagen ..." Ich blieb ihm natürlich die Antwort nicht schuldig und machte es ihm begreiflich, daß es gegenüber einer Schiffsagentur andere Mittel als das Gericht gibt, um sie zur Einhaltung übernommener Verpflichtungen zu zwingen. Ich fordere meine Schiffskarte, da ich darauf rechne, von der Quarautaine' befreit zu werden. Geschieht dies nicht, dann wird es mein Schade sein. Mein energisches Auftreten veraulaßte den Funktionär, die Angelegenheit dem Direktor der Agentur zu melden und dieser ließ mich zu sich bitten, um mir nochmals zu erklären, er könne mir unmöglich die Schiffskarte geben, wenn ich mich aber geschädigt fühle, so gibt es Gerichte in Oesterreich. Auch der Herr Direktor erhielt die gebührende Antwort und mußte sich gar bald zu Verhandlungen bequemen, deren Resultat ein Brief der Wiener Agentur an die Pariser Vertretung der White Star Line war, in welchem der ganze Sachverhalt dargelegt, und die Pariser Herren gebeten wurden, mir eine Schiffskarte für denjenigen Dampfer zu geben, mit dem ich fahren können werde. Gleichzeitig wurde bestätigt, daß ich in Wien den Betrag für eine Schiffskarte II. Klasse „Olympic" erlegt habe. In Paris erhielt ich von der amerikanischen Botschaft einen Brief an den Konsul in Gherbourg mit der Weisung, daß ich mit der „Olympic" fahren kann. Als ich den Brief bei der White Star Line in Paris vorlegte, meinte man dort: das letzte Wort lmbe der amerikanische Arzt in Gherbourg, wenn der meiner Reise nicht zustimme, geht der Platz auf dem „Olympic" für d^e Gesellschaft verloren, ich soll daher zuerst in Gherbourg die Erlaubnis des Arztes einholen und dann bei der Vertretung der White Star Line in Gherbourg den Wiener Brief vorlegen, wo ich dann die Schiffskarte erhalten werde. In Gherbourg angelangt, erhielt ich vom amerikanischen Konsul im Einverständnis mit dem amerikanischen Arzt die Erlaubnis, mit dem „Olympic" zu fahren. Als ich aber bei der Schiffsagentur vorsprach, wollten die Herren von nichts wissen. Erstens solle ich ihnen einen Brief vorn Konsul bringen, zweitens gehe es sie gar nichts an, daß ich in Wien Geld für eine Schiffskarte erlegt habe, sie haben mit Wien keine Verbindung, drittens ist überhaupt kein freier Platz mehr vorhanden, viertens . . . Als ich etwas energischer wurde, versuchte man, mich mit einem „good y" abzufertigen. Ich brachte dann einen Brief vom Konsul, daß ich mit dem „Olympic" fahren kann, da erhielt ich zur Antwort, der Brief besage, daß mein Visum in Ordnung sei. (?) Ich sprach nochmals beim Konsul vor, der sich mit mir persönlich zum Herrn Laniee, dem Chef der Agentur, begab und ihm den Standpunkt klar machte, daß man seinen Brief so zu verstehen habe, wie er laute und keine Spitzfindigkeiten hineininterpretieren darf. Da meinte Herr Laniee, das sei in Ordnung, aber er könne das in Wien erlegte Geld nicht anerkennen, er werde in Paris anfragen usw. Da es nun der vorletzte Tag vor der Abfahrt des Schiffes war und ich mich auf weitere Ausreden gefaßt machen müßte, so telegraphierte ich persönlich ztu; Agentur nach Paris, ließ dort diplomatisch intervenieren, rief die Intervention der Redaktion des in Gherbourg erscheinenden Tagblatt „Gherbourg Eclair" an — und dank dieses Apparates erhielt ich am letzten Tag endlich die Schiffskarte, Avobei mir noch dann beim Besteigen des Schiffes Schwierigkeiten gemacht wurden und ich dasselbe erst nach dem letzten Läuten besteigen konnte. So ist die Handlungsweise der Schiffsagenturen. Man kann sich leicht vorstellen, wie es einem Emigrant ergeht, der nicht imstande ist, einen solchen Apparat in Bewegung zu setzen. Tatsächlich klagte mir in Gherbourg ein Passagier sein Leid: er wollte durchaus mit dem „Olympic" fahren, da aber kerne Schiffskarten II. Klasse zur Verfügung waren, kaufte er ein Ticket III. Klasse. Als die Verordnung bezüglich der Quarautaine herauskam, wollte er I. Klasse fahren (I. Klasse-Passagier e waren frei von der Quarantaine). Aber trotz "allem Bitten wollte man ihm die Schiffskarte nicht eintauschen und er mußte sich entschließen, sein Geld zurückzufordern und bei einer anderen Agentur ein Ticket I. Klasse zu kaufen. So muß der Amerikareisende alles mögliche ausstehen und er fühlt sich tatsächlich wie erlöst, wenn er nun einmal Schiffsboden unter seinen Füßen fühlt. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.