Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 25 (22.7.1921)
- Date
- 1921-07-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 186 JÜDISCHE PRESSE Nr. 25 Allmächtigen gingen und dies also bekundeten, daß sie freie Bahn für G-ttes Volk und G-ttes Wort in G-ttes Land erbaten. Darum konnten sie erscheinen ohne Klage und ohne Anklage. Sie kamen im Namen des Judentums. Da ist ein feiner Unterschied. Im Namen der Judenheit zu sprechen, ist ein viel schwereres Ding und im parlamentarischen Gefüge unserer Zeit eine peinliche Frage. Aber im Namen des Judentums kann der kommen, der betend sich rüstet und die magna Charta der heiligen Thora den Mächten der Welt zur Unterschrift vorlegt. Für den aber Judentum und Judenheit identische Begriffe sind, ist Weg und Ziel klar. Wir betrachten es als eine gnadenvolle Fügung des Allmächtigen, daß der Vertreter der englischen Regierung mit tiefem Ernst die Verhandlungen leitete, mit regem Verständnis in das Wesen der Agudas Jisroel einzudringen versuchte. Er verhieß den Wünschen und Anträgen ernste Beachtung. „Herz der Könige und Fürsten ist in den Händen des Ewigen." So hoffen wir, daß das, was ehrlich als Ausdruck der Willensmeinung unserer religiösen Führer vorgetragen wurde, einen Weg zur Lösung zeigt, die Agudas Jisroel befähigt und ermächtigt, die Probe dafür abzulegen, daß ihre Ideale auch im heiligen Lande reale Erfüllung ermöglichen. Und daraus wieder strömt die Hoffnung, daß ihr Ziel, die Judenheit allenthalben als Träger des Judentums zu bewähren, zum Glück der gesamten Judenheit neidlos und kampflos erreicht wird. * Der Besuch des Gerer Rabbi in Codz. In der nüchtern-trockenen, vom Materialismus durchtränkten Atmosphäre von Lodz, machte sich plötzlich eine gehobene Stimmung, die nichts mit dem alltaglichen Kleinkram Gemeinsames hatte, bemerkbar. Am Bahnhof von Lodz herrschte Dienstag lebhaftes Treiben, eine große Menschenmenge erwartete mit Ungeduld jeden aus Warschau kommenden Zug. Präzise 6 Uhr ist der ersehnte Gast in Lodz angelangt, von einem begeisterten Haufen stürmisch bevvillkommt. Der Rabbi ist in der Wohnung seines Bruders „reb Nachmi" abgestiegen. Bis Mitternacht dauerte vor dem Hause ein lebensgefährliches Gedränge. Der Rabbi hat eine kurze Versammlung im Hause des Herrn Abraham Eimer abgehalten. Mittwoch um 12 Uhr mittags erschien der Rabbi bei einer Sitzung im Agudalokal. Vor dem Lokale bemühten sich die „Zire Emuna Israel* mit der Polizei, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Im Saale feierliche Stille. Herr Ratmann eröffnete die Sitzung. Herr Münzberg erklärte die Notwendigkeit die Aguda zu verstärken, berührte die Gheder und Bad-Frage. In ehrfurchtsvoller Andacht lauschte die Versammlung den folgenden Worten des Rabbi. Alle wissen (sagte er) wie sehr er mit der Aguda sympatisiere. Es sei die moralische Pflicht jedes Juden, dem Wohle der Allgemeinheit zuliebe sich in der Aguda zu betätigen. Jeder Jude solle Zeit erübrigen ein Blatt „Gomoro" und „Mischnajit" zu studieren, ferner die „Zeire Limud" zu unterstützen, besonders die Zeirim die sich in der Aguda beschäftigen und ihre Zeit dem Torastudium widmen. Kein Jude darf sich entziehen, man muß sich der Witwen und Waisen, der vielen Obdachlosen erbarmen. Der Rabbi gab seinem Wunsche, ein Komitee für die ukrainischen Flüchtlinge zu bilden, Ausdruck. Der Rabbi spendete eine beträchtliche Summe für die Opfer, worauf die Anwesenden seinem Beispiele folgten, so daß in kurzer Frist eine Viertelmillion zusammengebracht wurde. Das Schlußwort hielten die Herren Ratmann und Ginzberg, sie legten allen Anwesenden ans Herz in ihren Bekanntenkreisen Propaganda für die Sache zu machen. Nachmittag ist in der Wohnung des Herrn Bialer, der unlängst aus Palästina zurückkehrte und einen fertigen architektonischen Plan von dem Bau eines orthodoxen Unternehmens in Jaffa mitbrachte, eine geschlossene Sitzung im engen Kreise, an der der Gerer Rabbi teilnahm, abgehalten worden. Es wurde die Durchführung einer großen Aktion in Palästina behandelt. Die angesehendsten Lodzer Orthodoxen haben bereits das ihrige dazu beigetragen, den Plan zu realisieren. Noch am selben Tage hat der Rabbi Lodz verlassen. Brief aus Berlin. Wenn es das Wesen der Aguda ist, daß die Entwicklung des orthodoxen Wollens in der ganzen Welt das Interesse aller Gesinnungsgenossen beanspruchen darf, so möchte es doch wohl im Interesse Ihres geschätzten Leserkreises liegen, von Zeit zu Zeit über die Verhältnisse in Deutschland informiert zu werden. Ich gehadabei natürlich nicht von der Voraussetzung aus, daß die Verhältnisse vorbildlich sein sollen, aber man kann immerhin sagen, daß man von uns Deutschen wenigstens das Eine lernen kann, wie zielbewußtes Kämpfen stets zum Ziele führt und daß wir andererseits einen Schritt vom Weg der Erfolge eines Jahrhunderts in Frage stellen. Das innere Leben der Judenheit in Deutschland steht jetzt unter einem Zeichen, das ist die Gesamtorganisation der Judenheit. Ich will Sie mit Einzelheiten nicht behelligen, muß aber darauf hinweisen, daß die in Weimar geborene Verfassung des Deutschen Reiches einen gewissen Anreiz gibt, die Gesamtorganisation zu erstreben. Außerdem glauben die meisten Juden den Bestrebungen des Judenhasses hur dann wirksam begegnen zu können, wenn die Judenheit geschlossen auftritt. Diejenigen Kreise nun, die schon vor dem Kriege unermüdlich am Werke waren, eine Gesamtorganisation der deutschen Juden mit der Spitze in Berlin zu erreichen, deren Bestreben jedoch früher schon durch den sei. Rabbiner Cahn (Fulda), wirksam entkräftet wurden, glaubten, daß nun ihre Zeit gekommen sei, die von ihnen so heiß gewünschte Einheit der Judenheit in ihrem Sinne künstlich, mit staatlicher Hilfe, in die Erscheinung des Scheines treten zu lassen. Sie fanden diesmal sehr treue Gehilfen an all den Kreisen, die zionistisch oder nationalistisch orientiert sind; dann wäre es natürlich das Wirksamste, wenn sich allmählich das Verhältnis herausstellen würde, daß die religiösen Interessen auf ein Seitengeleise geschoben und als das gemeinsame Interesse die nationale Gemeinschaft festgestellt würde. In Voraussicht dieser Entwicklung begründete die Orthodoxie bereits im Jahre 18 einen Bund gesetzestreuer Gemeinden, weil vorher die so äußerst verdienstvolle freie Vereinigung für die Interessen der gesetzestreuen Juden in Deutschland ja nur aus einzelnen Personen bestand und die Entwicklung der gesetzlichen Lage eine Zusammenfassung der Gemeinden verlangte. Dieser Bund gesetzestreuer Gemeinden hat während der kurzen Zeit seines Bestandes sehr erfolgreich gearbeitet, so daß er beispielsweise jetzt schon jährlich zirka Mk. 90.000*— an leistungsschwache israelitische Gemeinden zum Zwecke der Aufrechterhaltung ihrer Institutionen und der Aufbesserung der Beamtengehälter verteilt. Die Entwicklung war von korrekten Menschen auf beiden Seiten so gedacht, daß auch die anders orientierten Gemeinden sich zusammenschließen und dort, wo es galt die Einigkeit der Judenheitzu dokumentieren —wohl verstanden, dieEinigkeit und nicht den lügenhaften Schein einer nicht vorhandenen Einheit — gemeinsame Delegationen der beiden Verbände die gemeinsamen Interessen gemeinsam vertreten sollen. Es war so gedacht, daß durch diese Gestaltung der Dinge der seit einem Jahrhundert wütende Kampf in Klarheit und Reinheit ein friedliches Verhältnis als Abschluß vertreten soll. (Fortsetzung folgt.) NACHRICHTEN. Dcut$cbö$tcrrcicb. Morris Engelmann, einer der Gründer und rastlosesten Arbeiter des Joint Distribution Gommittees ist am 17. Juli in Wien eingetroffen, um die weiteren Maßnahmen des Hilfswerkes zu studieren. Mr. Engelmann, dessen Verdienste unseren Lesern wohlbekannt sind, wurde von den Führern der hiesigen und slowakischen Orthodoxie begrüßt. Es wurden eingehende Besprechungen gepflogen. Montag abends gab Herr Kaiman Pappenheim zu Ehren des Gastes ein Souper. Dienstag reiste Mr. Morris Engelmann nach Budapest weiter, von wo er sich nach seiner Heimat Gelnitz begeben wird, um später in Karlsbad zu verweilen. Wir hoffen, daß auch diese Reise für die Notleidenden zum gleichen Segen werden wird, wie. die früheren Besuche Mr. Engelmanns. Noch eine Balfour-Deklaration. Auf der Sitzung der Premieren des britischen Reiches verwahrte sich Balfour gegen den Vorwurf, daß die Völkerliga in den 18 Monaten nichts getan hätte. Er führt an, daß die österreichische Regierung die polnischen Flüchtlinge repatriieren wollte, während die polnische Regierung dagegen protestiert habe. Die Völkerliga habe da einen Ausgleich herbeigeführt. Mr. Balfour vergißt, daß Oesterreich der Einwanderung von Juden keine solchen Hindernisse bereitet, wie die Regierung von Palästina und daß seit der Ausgabe der Balfour-Deklaration yiel mehr Juden ein Heim in Wien finden konnten als in Palästina. Kantorenwahl. Die orthodoxe Adas Jisroel-Gemeinde (Schiffschul) hat den Oberkantor Herrn Adolf Braun (Klausenburg) akzeptiert. Kiiiderfürsorge der Aguda. In den nächsten Tagen gehen weitere Züge von erholungsbedürftigen Kindern nach Piestany, Kesmärk und Szabadka. Ungarn. Ehrang der gefallenen jüdischen Soldaten in Budapest. Die Budapester große Gemeinde bereitet eine imposante Feier zur Ehrung der 2000 jüdischen Soldaten, die auf dem'Friedhofe der Ghewra Kadischa begraben sind, vor. 2000 jüdische im Felde gestandene dekorierte Offiziere werden Spalier bilden, auch 2000 jüdische Invaliden werden ausrücken. Es werden alle Spitzen des Staates und der Armee geladen sein. Ein Chor aus mehreren hundert Sängern wird die Feier eröffnen. Der Präsident der israelitischen Gemeinde Franz Szekely, der Minister a. D. Wilhelm Vazsonyi, Oberrabiner Dr. Hevesi, Major- Auditor Gabor, Oberrabbiner Dr. Adler, Gemeindepräses-Stellvertreter Dr. Lederer werden Reden halten. Die Zahl der Teilnehmer wird auf 50.000 geschätzt. Die Feier soll eine Demonstration gegen die Anklage gegen die Drückebergerei der Juden sein. Dr. Barsi-Stifttrag. Wie wir bereits berichtet haben, übt Dr. Barsi aus Budapest in Jeruscholajem eine sehr segensreiche Tätigkeit auf seinem Spezialgebiete des Mutter- und Säuglingsschutzes aus. Der Budapester Verein für jüdische Ferienkolonien, dessen Vorstandsmitglied Dr. Barsi ist, errichtet zur Anerkennung seiner idealen Bestrebungen eine Stiftung auf seinen Namen. Dr. Barsi ist ein Schwiegersohn des Gutsbesitzers Freund, eines der angesehensten Mitglieder der orthodoxen Gemeinde in Preßburg. Polen. Neue Pogromnachrichten. Wie aus sicheren Quellen berichtet wird, macht in der Slucker Gegend eine viele Tausende zählende Bande die Wege unsicher. Sie halten sich in Wäldern versteckt, überfallen harmlose jüdische Reisende und massakrieren sie auf grausame Art. Die Aufwiegler geben eine Zeitung unter dem Namen „Sowstanice" heraus, welche in Städten und Dörfern Verbreitung findet. Um ihr nacktes Leben zu retten sind aus Lübau, Sohost, Horesk, Starobin und Umgebung tausende Juden nach Sluck geflüchtet. Die Situation der Heimatlosen ist eine schreckliche. Man sammelt für sie Brot, aber damit ist wenig geholfen. Es ist ein Tropten im Meere der Leiden. In Lübau und Starobin sind auch Pogrome, bei welchen einige Juden ums Leben kamen, vorgekommen. Genaue Zahlen sind unbekannt. Das Einschreiten von Militär hat weiteres Blutvergießen verhindert. Im Städtchen Kurczic töteten die Aufständler fünfzig Juden. Bau eines Bades. In Lodz baut man ein modernes rituelles Bad, daß bereits die Summe von 10 Millionen Mark verschlungen. Es bedarf noch vieler Millionen, um das begonnene Werk zu vollenden. Ukraine. Der Bericht des Koldowski. In London weilt gegenwärtig Herr Koldowski, ein Vertrauensmann des „J. D. K.\ der von seinem achtmonatlichen Aufenthalte in Moskau nach New York zurückkehrt. Er hat, da er in MosWiu auf dem Gebiete der sozialen Hilfsarbeit tätig war, Gelegeheit gehabt, Einblick in die Verhältnisse der dort lebenden Juden zu gewinnen. Koldowski geht vom Standpunkte Bialik's aus: In einem Buche des Letzteren ist ein Motto: »Wer nicht den Mut aufbringt, die Wahrheit zu berichten, der schweige". Koldowski schweigt sich über die politische Lage seiner Glaubensbrüder in Rußland gründlich aus. Von ihrer wirtschaftlichen Not, dem Jammer und Elend, in dem sie ihr kummervolles Dasein fristen, erzählt er dagegen sehr eingehend. Am schwersten haben gelitten unter den Pogromen die Ortschaften im Cholmer Gouvernement (Zentralrußland), im Minsker Gouvernement (Weißrußland) und Tschernigover in der Ukraine. Er hat eine Karte mit der Aufschrift: „Die Geographie von den Pogromen im Kiewer, Wolynier und Podoler Gouvernement". Dort hat er genaue statistische Zahlen von den Toten, die als Opfer in einzelnen Stadt gefallen sind. Es gibt Städte, die viele Tausende ihrer Bürger zu beklagen haben. Noch herzzerreißender ist das Schicksal der am Leben gebliebenen. Er war Augenzeuge von Szenen so entsetzlich und schauderhaft, daß es einen eiskalt überläuft, wenn man bloß daran denkt. Menschliche Gebeine liegen auf den Straßen herum und dienen zum Fraß der Vögel. Wagen fahren herum, mitleidige Leute sammeln die verstümmelten Körperteile, die einst Menschen gehörthaben, Menschen, die lebten, dachten und nun auf so tragische Art aus dem Leben schieden. Petlura und Denikin haben sich um die Wette darum beworben, einander in diesen Kulturtaten zu [übertreffen. Petluras Banden haben 54, Denikins Armee hat mit 93 Pogromen den Rekord geschlagen. Außerdem haben verschiedene namenlose Banden 509 Pogrome auf die jüdische Bevölkerung in allen Teilen Rußlands veranstaltet. Daß auch das Los der mit heilen Gliedern davongekommenen kein beneidenswertes sei, kann man sich leicht denken. Entwurzelte Existenzen, ohne jeden Halt, ohne Basis zu einem Beruf, junge Mädchen und Knaben, dem zartesten Kindesalter kaum entwachsen, die noch dringend der Obhut bedürfen, werfen sich auf Verdienstzweige, die zu der Erwartung nicht berechtigen, daß aus diesen Unglücklichen einst nützliche Mitglieder der jüdischen Gesellschaft werden. In anbetracht dessen, daß bei den Pogromen 150.000 Juden ihr Leben gelassen haben, selbe fast so viele Witwen und beinahe 200.000 Waisen hinterlassen haben, kann man sich ungefähr einen Begriff von dem wirtschaftlichen Ruin machen, der jeder Schilderung spottet. Hilfe! sofortige, keinen Aufschub leidende Hilfe, tut dringend not! Und die kann nur von den anderen Ländern kommen. Außer den Pogromopfern aus der Ukraine, ist eine ebensolche Zahl Unglücklicher infolge der Pogrome in Weißrußland, die ebenso hungern und leiden. In den primitiven Asylheimen, die in aller Eile errichtet -wurden, herrschen Zustände, die jedem Begriff von Hygiene und Reinlichkeit Hohn sprechen. Daß da Epidemien und verschiedene Krankheiten wie Pilze aus der Erde wachsen, ist doch sehr begreiflich. Ein großer Mangel an Medikamenten trägt nicht dazu bei, dorn Uebel abzuhelfen. Es gilt 200.000 verkrüppelten Menschen Arbeitsmöglichkeit zu schaffen. Eine aktuelle brennende Frage ist die Wiederherstellung der jüdischen Kolonien im Chersover und Poltauer Gouvernement. Die Ortschaften sind total zerstört, man muß die nötigen Werkzeuge herbeischaffen, um den Ackerbau wieder zu ermöglichen. Hier geht es nicht um Ideale, in Rußland kennt man jetzt kein höheres Ideal, als Brot herbeizuschaffen für die Hungernden! Jeder Jude erfülle.seine Pflicht und tue, was in seiner Macht steht! Spundet für die lupdpppe!