Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 25 (22.7.1921)
- Date
- 1921-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. I Redaktion und Administration: I Wien, IL, Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. 1 Tschechoslowakei: Bratislava, Turnergasse 14. 1 Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschiaß: 1 Für Artikel Sonntag, für Nachrichten Montag. 1 Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreichs 300*—, Ungarn i K 250*—, Tschechoslowakei Kö. 70*—, Deutschland Mk. 60 —, Schweis Frcs. 10*—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire/? ' England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 600*—. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10*- Fürs Ausland 100 Prozent Teuerungszuschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr« 25 | Wien-Bratislava. 22. Juli 1921 «xsnn nön m nn nDDDsns " ,t$» | 7. Jahrg. CUefte den Hebenden! (Zum 17. Tamus.) Als ein Seher aus fremden Volk die fernste Zukunft erschauen durfte, um sie seinen Zeitgenossen als furchtbaren Ausdruck des g-ttlichen Weltgerichtes mitzuteilen, brach er erschüttert und niedergezwungen in den Ruf aus: Wehe dem der lebt, so der Allmächtige es also setzt* Wie war es doch? Da wurde eine ganze Reihe geschichtlicher Ereignisse umstürzender Bedeutung erzählt, fast katalogartig, kein Wort vom Weltenlenker. Bis blitzartig die Erkenntnis durchbricht, hier waltet eine höhere Macht. Und wehe den Lebenden, die zu spät zu dieser Erkenntnis gelangen. Wahrlich man braucht kein Prophet zu sein, um diese entsetzengebärende und entsetzenerregende Entwicklung mrt klaren Augen zu erschauen; aber man mußte über Titanenkräfte verfügen, um all denen, die in satter Schieberstimmung jene Erkenntnis verzögern, die verruchte Maske vom verbrecherischen Antlitz zu reißen. Ueber solche Kräfte verfügen wir nicht, aber der Aufgabe können und dürfen wir uns nicht entziehen, denen, die hören wollen, die noch hören können, die noch irgend ein ideales Gut zu verlieren haben, zum Herzen zu sprechen und uns selbst den Vorwurf unserer Kinder und Enkel zu ersparen, daß wir zu spät den wahren Grund des Geschehens unserer Tage erkannt und selbst verschuldet hätten die wuchtige Anklage: Wehe den Lebenden! Hinaus in die weite, große Welt mit diesem Ruf, hinaus mit der stürmischen Frage: Wo ist G-tt in euren Plänen, in euren Entschlüssen, in euren Befehlen. Wohl der Allmächtige hat jetzt seine Welt nach midas haddin, nach den totbringenden Gesetz eherner- V^rgeUung^ -gefä^ wäre es gewesen, durch eine Gran verzeihender Liebe die Möglichkeit einer Wiederkehr der midas horachamim anzubahnen. Was soll aus einer Generation werden, die gezwungen Zeuge solcher Geschehnisse ist, in der Glauben und Treue schonungslos zu Grabe getragen werden. Wehe den Lebenden! Gewiß sind solche Zeiten Tummelplatz für unbegrenzte Möglichkeiten auf wirtschaftlichem Gebiete; wir sehen die Extreme in Erscheinung treten, vom Vgl. Daas sekenim zur Stelle. Kommunismus bis zur ungesundesten Geldanhäufung in einzelnen Ländern, tolles Spiel mit Entwertung oder Ueberwertung der Zahlungsmittel. Hinaus in diese Welt kalter Gier und kühler Berechnung mit der stürmischen Frage: Wo ist G-tt in euren Schätzen? Viel Elend ist über die Welt an Teuerung und Not gekommen durch frevles Spiel. Wehe den Lebenden, die solches Leid über die Lebenden heraufbeschworen haben und dabei nicht einmal die Pflicht empfinden, aus ihrer reichen Habe mit reicher Hand zu spenden. Wehe den Lebenden, so sie vergessen, was König Salomo gesagt (Mischle XI, 25) von dem Fluche, der Lebensmittelwucherern anhaftet, ob sie in Kabinetten oder an Straßenecken ihre Stätte haben und grinsend glauben, es gebe keinen G-tt, der auch ihres Besitzes Meister ist. Und nun kommt bestialischer Haß und wagt den Versuch, die Schuld dieser lieblosen Entwicklung den Enkeln Abrahams anzuheften, kommt der Haß und mordet und raubt und quält und verjagt und — sperrt nach Sodoms Staatsklugheit die Pforten der Länder. Es bleibt eine Schmach der Zeit, daß in allen Parlamenten sich eine Majorität findet, welche solchen Gesetzen zustimmt, eine Schmach und eine Schuld. Wir möchten Jeremia, den Propheten aus dem Grabe rufen, daß er künde Wehe den Lebenden, die vergessen, daß alle in Schuld geraten, welche Israel verzehren wollen in wilder Entartung. Das ist im heiligen Buche eine Mahnung an die Völker der Erde. Was aber tut Israel angesichts dieser Lage? Ist denn in unseren Reihen Klarheit über die Bedeutung der Ereignisse? Was man tun sollte, ist klar. Jetzt war wieder einmal eine Epoche in der Geschichte gekommen, in der Israels eine welter- . lösende Aufgabe harrte, Forderungen aufzustellen, .jaw„ohl,.Forderungen im, J&ffleii,„des Allmächtigga._ Wir hätten in die Leporeuoliste all der Verträge von Brest-Litowsk bis Sevres die Frage nach dem Willen der g-ttlichen Liebe hineinrufen müssen. Wir hätten vor allen Dingen nicht dulden dürfen, daß jüdische Dinge anders behandelt werden dürfen, als an dem für diese Frage klar gezeichneten Weg G-ttes. Aber was geschah? Heiligste Dinge werden entg-ttet, jüdisch Schicksal wird am Alltagsausmaß gemessen, Golusweihe wird in schnöde Karrikatur verzerrt, Erez Israel nicht mehr als das Land angesprochen, auf dem G-ttes Auge allezeit segnend oder strafend ruht. Und darum ergeht unser R' an alle aus allen Parteien, welche jüdische Din$ fern von G-tt und bar des G-ttvertrauens regeln 2 können glauben mit Menschenwitz oder Menschei kunst oder welche gar anderweitige Interessen dam verbinden: Wehe den Lebenden, die unsere Thoi verschachern. Wenn Bileam singt und Balak ih sekundiert, wohlan, das wird Israel überwinde wenn aber Rebellion gegen Golus, sichtbare Au lehnung gegen g-ttliches Wollen in jüdischen Seelen tausendfältigen Widerhall fände, dann beginnt des Golus Höhepunkt. Und wenn die Besten glauben, des Götzenewed hohle Schlagworte mit kunstgefügiem Mantel drapieren zu müssen, dann wehe den Lebenden! Lebende, seid stolz, hoffet nicht auf Menschen und vernehmet aus dem Munde' Mischas weinend die bange Frage G-ttes. Mein Volk, mein und nur mein Volk, und nur für mich Volk, was habe ich dir getan? Wehe den Lebenden, die diesen Ruf nicht vernehmen, wehe den Lebenden, die ihn vernehmen, ohne ihm Antwort zu wissen. Zeitgenossen, ihr möget uns verlachen, aber lachet nicht Jeremias und Michas. P. K. Londoner Eindrücke. London, Juli 1921. Ein fühlender Jude muß heute die Schwelle eines englischen Regierungsgebäudes mit Ehrfurcht überschreiten. Denn er ist von der Empfindung getragen, daß der Allmächtige diesem Land in der Entwicklung der Dinge eine gewaltige Aufgabe von weltgeschichtlicher Bedeutung übertragen hat, die Gestaltung des Judenschicksals, soweit sie Menschenhänden anheim- Ti^enTZC^müimmfme wir» bei diesern Schritt über die Schwelle beten, heiß und innig beten zum Allmächtigen, daß es England gelingen möge, diese Aufgabe so zu beenden, daß ihre Lösung das Glück Englands und das Glück der Juden begründe. Ein Jude, der jenen Schritt ohne dieses Gebet tut, versündigt sich an England und an der Judenheit in gleicher Weise. Darum gingen die Sendboten der Agudas Jisroel in tiefster Erregung in das Heim der Colonial Office, darum gingen sie aufrecht, weil sie im Namen des Uon Ulien nach ftcw Vork. (R e i s e b r i e f e.) Von J. Kreppel. , ii- Die Ostjuden in Paris. Das Ostjudenviertel in Paris ist nicht so populär, wie das Whitechapel in London oder die Grenadierstraße in Berlin. Es kostete mich einige Mühe, einen Taxameter zu finden, der weiß, wo die „Rue de Rosieres" eigentlich liegt. Erst mit der Hilfe eines Wachmannes gelang das Experiment und als ich an Ort und Stelle angelangt war, da fand ich des Rätsels Lösung. Paris, das heutige Paris, kennt kein Ghetto, das dortige Ostjudenviertel entbehrt der so charakteristischen Zeichen des Whitechapel und der Grenadierstraße: kein Straßenlärm, keine Straßenhändler, keine spazierenden und diskutierenden Gruppen auf den Straßen, keine schreienden jüdischen Aufschriften usw. — mit einem Worte: man orientiert sich nur schwer und muß etwas tiefer eindringen, um herauszufinden, daß man sich im Zentrum des ostjüdischen Lebens befinde. Selbst mir, der ich doch a priori gewußt habe, wo ich bin, fiel es nicht leicht, irgendwo das Wörtchen „Koscher" zu entdecken. Einmal bin ich in ein kleines Kaffeehaus hinein, dessen Insassen ausgesprochen ostjüdischen Typus hatten, um mich bald zu überzeugen, daß ich es mit echten Galliern zu tun habe. Erst in einem kleinen Park entdeckte ich das „kaul kaul Jaakow", ich hörte einige Buben jiddisch reden, ging der Fährte nach und fand tat- \ sächlich einen älteren Ostjuden, der im Begriffe ist, zu seinen Kindern nach Amerika zu fahren, und dieser weihte mich einigermaßen in die Geheimnisse des Pariser Ghetto ein. Ich «besuchte bald darauf die orthodoxe Synagoge in der Rue de Pauvee und fand dort den polnischen Rabbiner Herzog (früher in Leeds), zwischen Mincha und Maariw einen Talmud- Schiur vortragen. Nun befand ich mich in der gewünschten jüdischen Atmosphäre und konnte bald näheres über das Leben der Ostjuden in Paris erfahren. Das Bild, das sich da darbietet, ist nicht besonders erfreulich: Die geographische Lage von Paris, die Fremdheit der Sprache für den Ostjuden und die wirtschaftlichen Verhältnisse brachten mit sich, daß Paris kein ostjüdisches Wanderungsziel war. Die meisten Ostjuden, die sich da aufhalten, tun es nur zeitweilig. Sie haben ihr Heim verlassen, weil sie dort nicht leben konnten, weil sie zumindest ihr nacktes Leben retten wollten. Sie hatten aber keine Reisespesen bis Amerika, es fehlten ihnen die notwendigen Dokumente usw., — bleiben sie vorläufig in Paris* bis Hilfe kommt. Bei vielen kommt aber diese Hilfe gar nicht, so bleiben sie schon Pariser wider Willen. Diese Umstände bringen es mit sich, daß es da kein bodenständiges ostjüdisches Element gibt und die Begleiterscheinungen sind: religiöse Indifferenz, Vernachlässigung der Kindererziehung, Mangel an Solidaritätsgefühl, ein sich-gehen-lassen in jeder Hinsicht. Dazu kommt noch der Umstand, daß gerade diese Elemente, die ohne Geld und ohne Papiere nach Paris kommen und hier bleiben müssen, schwerlich für geistigen Aufbau verwendet werden können. Sie erhalten noch dazu tagtäglich Zuzug aus der früheren Heimat, mit neuen Strömungen, neuen Orientierungen, was eine Stabilisierung der Verhältnisse ungemein erschwert. Wohl gibt es in Paris nicht wenige seit Dezennien ansässige Ostjuden. Aber diese sind, aus Mangel einer eigenen Gemeinde, nach und nach im französischen Judentum aufgegangen. Sie sind Besucher der Tempel, Mitglieder der französich-jüdischen Vereine und sehr schwer aus diesen Kreisen loszukriegen. So bleiben die Neuzugewanderten auf sich selbst angewiesen und es bedarf intensiver, energischer Arbeit, um hier ein echtjüdisches Leben zu schaffen. Es ist freilich in den letzten Jahren vieles besser geworden. Seitdem Rabbiner Herzog seine Arbeit aufgenommen hat, sind merkliche Fortschritte zu konstatieren. Es gibt bereits eine Anzahl jüdischer Ghewros, drei Talmud-Thorat, einige Bethäuser usw. Die Kriegsjahre haben natürlich die Arbeit unterbrochen und vieles muß jetzt von neuem angefangen werden. Nichtsdestoweniger bleibt noch vieles zu wünschen übrig, besonders in bezug auf Kaschruth. Zwei Episoden sind für die Zustände charakteristisch: im Judenviertel wurde mir ein Restaurant als verläßlich koscher empfohlen. Ich tat ein übriges und sagte zum Besitzer: Sie werden ja an meine drei bis vier Franken nicht reich werden, sagen Sie aufrichtig: ist bei Ihnen verläßlich Koscher? Der Mann beteuerte hoch und heilig, daß sogar der Rabbi von Beiz (er weiß etwas vom Ghassidismus!) bei ihm speisen dürfe. Am nächsten Tag hörte ich, daß es eine Art Pariser Tonello sei. Am Tage meiner Abreise ersuchte ich Frau Rabbiner L., sie möge mir für die Reise etwas Fleisch besorgen. Sie erwiderte : Sehr gerne würde ich es getan haben, aber es ist schon 10 Uhr vormittags, um 9 Uhr gehen die Maschgichim von den jüdischen Fleischbänken fort und dann darf man nicht mehr kaufen, . . So verläßlich sind die Kazzowin und so ist es eingerichtet, daß die Maschgichim bloß bis 9 Uhr vormittags ihr Amt versehen, da sie anderweitige Beschäftigung hgben. Man kann sich leicht vorstellen, wie es da mit dem Kaschruth aussieht. Es gibt natürlich einige verläßliche Kazzowin — aber Paris ist eine große Stadt, und wer ist imstande, sich seine Einkaufsstelle besonders wählen zu können? (Fortsetzung folgt.)