Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 21 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 102 JÜDISCHE PRESSE Nr. 21 Leben ziehen, so wiederholen wir bewundernd den Namen, den ihm Eltern gegeben und er wie ein Gelübde wiederholt bat. Ein wahrer Meir war er, von dem selbstlosen, edlen Drang getrieben, anderen Tausenden und Abertausenden zu leuchten. Rtibbi Dr. M. J. Jung ist in dem zur traurigen Berühmtheit gelangten ungarischen Dörfchen Tisza- Eszlär geboren. Sein Vater zählte zu den Märtyrern des Tisza-Eszlnrer Prozesses. Früh hat Jung für sein Judentum leiden gelernt. Er saß zu den Füßen des großen Maharam Schik und des Sebeser Gaon Rabbiner Jaulus. Erst nach seiner Hochzeit mit der Tochter des frommen R. S. Silbermann aus Eperjes wandte er sich weltlichen Studien zu, von dem Streben beseelt, die studierende Jugend dem thoratreuen jüdischen Leben zu erhalten. Er wurde zuerst Stiftsrabbiner in Mannheim und später in Ungarisch-Rrod, wo er mehr als zwei Jahrzehnte gewirkt hat.. Er gründete Gymnasien in Ungarisch- Brod, in Krakau und Storozynetz mit streng thoratreuer Tendenz. Vor elf Jahren wurde er nach London als Rabbiner der Federation of synagognes berufen. Er gründete dort Gewerbeschulen, organisierte thoratreue Arbeitergruppen und war in Wort und Schrift für die wahre Ernuna tätig. Er schloß sich der Aguda an, in welcher er eine führende Rolle einnahm. Mit der Errichtung der Zentrale der Aguda in London fiel ihm und seinen würdigen Söhnen eine große Aufgabe zu, und wir erwarteten noch so viel von ihm, als müßte er, der einsame Kämpfer und Dulder, erst jetzt seine Schwingen ausbreiten. Sein sehnsüchtiger Wunsch, den er in der letzten Zeit zu seinen Getreuen äußerte, war, in Erez Isroel zu leben. Da ist er, einer der Selbstlosesten, Edelsten, plötzlich von seiner irdischen Laufbahn im Alter von 60 Jahren abberufen worden. Eine große, ungetilgte Schuld der Dankbarkeit lastet auf uns. Er hat unsertwegen an die Seinigen vergessen. Darum dürfen wir nicht seiner und der Seinigen vergessen rDUMH. Der Verstorbene hinterläßt vier Söhne, von denen der eine, Leo Jung, Rabbiner in Gleveland ist. Sein Schwiegersohn ist Mr. Bloch, Sohn des Rabbi Bloch in London. Rabbiner Moses D. Groß aus Jerusalem und Dr. Silbermann in Berlin, Herausgeber der „Menora", sowie R. Salomo Silbermann in Eperjes betrauern in dem Verstorbenen den Schwager. Spendet für die üugendgnippe! Ein neuer jüdischer Lord. Wir würden gerne einen Polykrates-Ring in den Aermel-Kanal werfen, um den Neid der bösen Mächte zu beschwören, den die sich über das Haupt der englischen Judenheit ergießende Ueberfülle von Ehrenbezeugungen erregen muß. Es ist uns nicht möglich, dem Beispiel der Schmücke der jüdischen Presse zu folgen und in die Festposaune zu stoßen, um Israel die Heilsbotschaft eines neuen jüdischen Lords zu verkünden. Wir sprechen beizeiten die Befürchtung aus, daß sich das englische Judentum in bedenklicher Weise die Methode zu eigen macht, welche das ungarische Judentum früher so unrühmlich charakterisiert hat. Dort ging dem wilden Ausbruche des Antisemitismus eine solche Hochkonjunktur der oberen Zehntausend der jüdischen Gesellschaft voran und während der Antisemitismus unter der trügerischen Decke des Liberalismus schon seine Opfer in der unteren Masse holte, regnete es Orden, Adelsdiplome und Baronien auf die dünne Oberschicht der Glücklichen nieder. Dem jüdischen Leibjournalisten dieses Kreises oblag die schöne Aufgabe, dem Judentum weiß zu machen, daß es seiner politischen Ansprüche höchste Erfüllung bedeute, wenn der Bankier Ize sich das nobilisierende Ypsilon an seinen frisch magyarisierten Namen anstückeln durfte. Hatte die jüdische Masse der Regierung bei der Wahl zum Siege verholfen, so war von keiner Konzession an die Masse der Wählerschaft selbst die Rede, sondern man lehrte die Wähler sich freuen und belohnt fühlen, wenn der Herr Kultuspräsident, der im Wahlkomitee wirkte, einen Franz Josefs-Orden erhalten hatte. Während jede andere Partei oder jeder andere Politiker im Dienste einer Idee stand, und sich durch sie jeder Wahlakt in eine politische Konzession verwandelte, so verstanden es die egoistischen jüdischen Führer, die ganze Wahlkraft des Judentums auf ihr Mühlrad zu leiten. Das Judentum gewann Orden und Titel für seine Führer, die anderen Parteien politische Macht. Das ist das Geheimnis, warum auf die — in jedem Sinne des Wortes — schwindelnden Erfolge der jüdischen Assimilationsführer in Ungarn ein so jäher Zusammenbruch folgen mußte. Uns beschleicht die unheimliche Vorstellung von der Aehnlichkeit der Situation in England. Wir können nicht in das traditionelle Halleluja darob mit einstimmen, daß auch Markus Samuel englischer Lord geworden ist. Das Judentum durchlebt eine seiner bittersten Prüfungszeiten. Namenloses Leid ist über die große Masse unseres Volkes hereingebrochen. Das englische Judentum — wir sagen nicht England — hat sich mit starker Hand der Zügel der Leitung unseres Volkes bemächtigt. Es hat hohe, ernste Pflichten übernommen, deren Erfüllung wir mit wachsendem schmerzlichem Staunen ausbleiben sehen. Es muß einmal ein ernstes Wort nach der Londoner City gesprochen werden: Wo ist unter euch der Mann, wie ihn die anderen so reichlich besitzen, der nicht alles für sich, sondern auch für sein Volk verlangt! Wenn England die Juden ehren und belohnen will, eröffnet sich ihm ein reiches Feld der Möglichkeiten in Polen, in der Ukraine und in Palästina. Die Schmerzen unseres Volkes im Osten werden nicht gelindert durch die Tatsache eines jüdischen Vizekönigs in Indien. Wir wollen nicht über andere Völker herrschen, sondern auf einem kleinen Fleckchen Erde, das unseren Vätern zugeschworen ist, das anspruchslose Leben der Tradition, in Sicherheit, in Frieden führen. Wir anerkennen es nicht als Ehrung des Judentums, wenn ein Jude nach dem anderen persönliche Auszeichnungen erringt. Es gab einst Takifim im Judentum — mehr als eine Tradition erzählt davon —. welche die ihnen für ihre persönlichen Verdienste angebotenen Ehrungen ausgeschlagen haben, um für die erworbene Gunst des Herrschers Rechte und Erleichterungen für ihr Volk einzutauschen. Wo sind ihre Nachahmer in England? Wir warten seit langem darauf, daß Einer dieser Vielen auf das Anbot einer Auszeichnung das klassische Wort mit der ihm innewohnenden Leidenschaftlichkeit sprechen werde: iTOpaa "nbxun ^s: s. b. eisenfeilspäne. Goluspolitik ist eine schiefe Ebene, auf welcher Jedermann in schiefer Haltung wandeln muß, um sich erhalten zu können * Wenn das so fort geht, wird der Begriff zionistisch im Judentum so viel von seinem ursprünglichen Werte verlieren wie in der christlichen Welt das Wort jesuitisch. * < Lüge ist süß wie Gift, Wahrheit bitter wie Arznei; ihre Politik ist eine unglückliche Mischung Beider, die von der Wahrheit nur die Bitterkeit und von der Lüge nur das Gift hat. * Warum sie jetzt in Karlsbad zusammenkommen? Nach starken Durchfällen tut Karlsbad wohl. * Alle jüdischen Parteien wollen ehrlich den Frieden: er kommt aber nicht zustande, denn die polnischen Juden wollen Schülern, die deutschen Scholaum, die ungarischen Scholeum, die Litwaken Scholem und die Zionisten gar Schalom. Dcut$cDö$tcrreicb. Kinderfürsorge der Agudas Jisroel. Diesmal sind die Warteräume der Aguda mit fröhlich zwitschernden jungem Volke erfüllt, das erwartungsfreudig den kommenden Erlebnissen entgegensieht. Nächste Woche geht ein lustiger Kindertransport nach Straßburg, „nach Straßburg, der wunderschönen Stadt", wo den lufthungrigen und auch sonst nicht übersättigten Kindern unserer Leopoldstadt menschenfreundliche Gastfreundschaft harrt. Um die Aktion, die (50 bis 70 Kindern zugute kommt, hat sich Herr Alfred Stroh verdient gemacht. Die Reise wird unter der Leitung der Sekretärin der Aguda Fräulein Tony Schreiber von statten gehen. Fräulein Ernestine Stern und Herr N. Steiner werden den Zug begleiten. Vor der Abreise wurden die Kinder von Dr. Reiniger ärztlich geprüft. Die Prüfung ergab leider die gr.oße Notwendigkeit einer Erholung der Kinder unserer Masse. Die Palästina-Aktion des Rabbiner Kramer s. A. Wir werden gebeten, die Notiz über die Palästina- Aktion des Herrn Rabbiners Moritz Kramer s. A. in unserer Nummer 17 vom 20. Mai 1921, welche an und für sich richtig ist, aber zu Mißverständnissen Anlnß geben könnte, dahin zu kommentieren, daß Herr Rabbiner Kramer verfügt hat, daß die Gelder, die er zur Unterstützung der in Wien weilenden palästinensischen Flüchtlinge gesammelt hat, Herrn Dr. Pollak, dem Generalsekretär der Aguda-Flüchtlingsaktion, zur Verteilung übergeben werden. Jahresschlußprüfung an der „Jesod Hathora". Vorigen Samstag und Sonntag fanden die Jahresschlußprüfungen der „Jesod Hathora" im Reisein des Oberrabbiners S. Fürst, Rabbiners J. Raumgarten, des Schulleiters Rabbiner S. Neuwirth und zahlreicher Gäste statt. Hat die vor einigen Wochen stattgefundene Prüfung der Schüler des ganztägigen Gemorahkurses gezeigt, daß in dieser höchsten Klasse der „Jesod Hathora", die Jünglinge mit größtem Eifer dem „Limud Hathora" sich widmeten, so gewann man diesmal die Ueberzeugung, daß auch die Schüler der übrigen Kurse mit wirklicher Begeisterung ihrer Aufgabe, jüdisches Wissen sich anzueignen, hingaben. Am Schlüsse der Prüfung dankte Sr. Ehrw. Rabb. S. Fürst dem Vorstande für seine aufopferungsvolle Arbeit um die Erhaltung der Schule, dem Lehrkörper und der Leitung der Schule für die nimmer ermüdende Lehrtätigkeit und mahnte alle Anwesenden, die Ziele der Schule zu fördern, die Leitung der Schule ja nicht bei ihrer zielbewußten Arbeit zu hemmen, da es sicherlich nur wenige Schulen gibt, die solch echt jüdischen Geist gepaart mit jüdischen Wissen in die Herzen der Jugend impfen. Die Schülerin der Fortbildungsklasse Malwine Weinig dankte namens aller Schüler und Schülerinnen für die Fürsorge, die man der jüdischen Jugend angedeihen ließ. In Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde würdigt Herr Religionsinspektor Wiesner die ganz bewundernswerten Lehrerfolge an der „Jesod Hathora", die nur dadurch erreicht wurden, weil diese Schule einen zielbewußten, für die Thora besonders begeisterten und die Jugend wirklich liebenden Schulleiter in Person des Herrn Rabb. S. Neuwirth und einen ausgezeichneten Lehrkörper habe. Vorstandsmitglied Herr Leopold Lederer spricht den Dank des Vorstandes Rabb. S. Fürst, dem Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde Herrn Inspektor Wiesner für ihr Erscheinen und für das lebhafte Interesse für die Schule, allen Mitgliedern des Lehrkörpers und der Schulleitung für die ganz bedeutenden Lehrerfolge aus und schließt die Prüfung. Einschreibungen (an der „Jesod Hathora" für das Schuljahr 1921 21). Sonntag, den 26. Juni, von 11 .bis 1 Uhr und Montag, den 27. Juni, von 2 bis 4 Uhr finden die Einschreihungen der Schüler und Schülerinnen für sämtliche Kurse der „Jesod Hathora" statt. Die P. T. Eltern werden höflichst aufmerksam gemacht, die angeführte Einschreibungszeit genauestens einzuhalten, da sie sonst Gefahr laufen, daß ihre Kinder wegen Ueberfüllimg einzelner Klassen zurückgewiesen werden. Die Schüler und Schülerinnen müssen in Begleitung der Eltern oder des Vormundes zur Einschreibung erscheinen und das Geburtszeugnis oder das letzte Schulzeugnis mitbringen. Die Einschreibungen finden an beiden Tagen im Schulgebäude, IL, Nestroygasse 11, statt. „Haderech." Die hebräische Monatsschrift der Agudas Jisroel ist im verstärkten Umfange erschienen. Die Nummer enthält den ganzen Verlauf der Zentralratssitzung der Aguda in Wien in ausführlicherer Weise, als diese in anderen Blättern behandelt wurde. Die Bedeutung der Zentralratssitzung wird von der bewährten Feder des Gh. J. Eiß skizziert, während Red. Schönfeld einige interessante Momente der Sitzung festhält. Die Reise und der Aufenthalt des Gerer Raw in Erez Israel sowie seine Rückkunft nach Wien findet hier die detaillierteste Darstellung. Es folgt ein ausführlicher Bericht über den Jugendtag in Ostgalizien. Die Rubrik „Misnagdenu" zeigt auch diesmal das unwahre Getue der Gegner in scharfer Beleuchtung. Die Rundschau „Beolomenu" bringt interessante Briefe aus Jeruscholajim und anderen jüdischen Zentren. In der Rubrik Daas Hakohol schreibt Ghenweni-al-pinkoso über die Ereignisse in Erez Israel. Eine reichhaltige Literaturrubrik schließt sich der Reihe der Artikel an. Die höher verzinsten 6u/nig"en Staatsschatzscheine. Wie vor kurzem gemeldet wurde, ist beim Abverkauf der G ü/ft i(?en österreichischen Staatsschatzscheine schon mit 1. Janner 1921 der Betrag von 1000 Millionen überschritten worden. Nach verläßlichen Berichten, welche von den Zeichenstellen eingelaufen sind, schreiten wir rüstig der zweiten Milliarde zu. Das Interesse für die 6ü/nigen Schatzscheine hat sich in letzter Zeit auch tatsächlich gehoben, und ungeachtet der vielfachen schweren Belastungen, denen die Bevölkerung Oesterreichs ausgesetzt ist, haben jene Kreise, welche das Volksinteresse mit dein Staatsinteresse zu verbinden verstehen, den Wert der 6 % igen verzinslichen Schatzscheine anerkannt. Tatsächlich hebt sich die Nachfrage allerorten, zumal durch eine Verfügung des Bundesministeriums für Finanzen die Schatzscheine, welche länger als ein Jahr ungekündigt bleiben, mit einer Verzinsung von 0-4 °,'rt höher zurückgezahlt werden. Es stellt sich demnach die Verzinsung für 1000 Kronen Kapital, welches man in Schatzscheinen anlegt, für ein Jahr auf G'4 %» was gewiß einen sehr hübschen bürgerlichen (Jewinn bedeutet. Wir sehen auch, daß die Kapitalskreise und Sparer in letzter Zeit für die Staalssehatzscheine großes Interesse zeigen und demzufolge auch große Posten dieses Staatspapieres aus dem Markte nehmen Ungarn. Der katholische Hochklerus gegen den Antisemitismus. „Egyenlöseg" berichtet, daß die katholische hohe Geistlichkeit eine Gampagne gegen den Antisemitismus einleitet. Der Fürstprimas Gsernoch hat auf die Begrüßung der Szt. Endreer israelitischen Gemeinde geantwortet, er wäre immer der Fürsprecher der 'Juden in ihrer Bedrängnis gewesen. Er habe stets den konfessionellen Frieden gewahrt und verurteile den Judenhaß vom ganzen Herzen. — Bischof Graf Majlath hat auf eine Begrüßung des Rabbi Bender in Zaialövö gesagt, der Antisemitismus schade der Kirche und der Nation, und sei weder christlich nach national. Er werde stets die Kluft zu überbrücken suchen, die zwischen ihm und der