Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 7 (1921)
- Issue
- 20 (10.6.1921)
- Date
- 1921-06-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2629891-2629906-2629927--0280-2631889- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 152 JÜDISCHE PRESSE Nr. 20 bilden. Unsere nTUJ fHttn hingegen, der heilige Geist der Thora, soll fürderhin nicht mehr die Herzkammer des Judentums sein, die alle Teile des jüdischen Volkskörpers von Lebenskraft durchströmen läßt. Das ist. uns das Grundsatzliche der jungjüdischen Ideologie. Die kampfgeübte und sieggewohnte Orthodoxie hierzulande hat beim ersten Auftreten der jüdisch-nationalistischen Bewegung die Gefahr erkannt und sich ihr, aller Beschimpfungen und Verdächtigungen unbekümmert, entgegengeworfen und ist auch in Zukunft fest entschlossen, kein Jota von der Thora hakedoscha zu Liebe dem jüdisch-nationalen Gedanken zu opfern. Was aber den jüngsten Kampf der Thora schwieriger und gefährlicher gestaltet als all das, was die Orthodoxie in unseren Landen in der Vergangenheit auszufechten gezwungen war, ist der Umstand, daß der Kampf sich nicht innerhalb der Grenzen des Landes abspielt. Der Wahlspruch der jüdischen Nationalität hat um alle unsere Gegner ein festes Band der Solidarität geschlungen und sie im Kampfe gegen das alte Judentum in der ganzen Welt geeinigt. Welche Abwehr gibt es aber gegen eine Gegnerschaft, die wohl von einer kleinen zu Allem entschlossenen Gruppe ausgeht, die aber indirekt von einer über die ganze Welt verbreiteten Organisation kräftigst unterstützt, wird? Die Zusammenfassung aller auf dem Erdenrunde vorhandenen Kräfte der Orthodoxie, der Zusammenschluß aller an der Thora festha? nden Jereim, eine mächtige orthodoxe Weltorganisation kann uns allen jene Sicherheit bieten, an welcher alle die zahlreichen und zähen Angriffe unserer Gegner zerschellen müssen. Bei jeder ihrer Aktionen gegen die Interessen der slowakischen Orthodoxie, sollen die Gegner es zu fühlen bekommen, daß unser Widerstand und unser Kampf getragen und gestützt wird von der in der ganzen Diaspora die große Majorität des Landes bildenden orthodoxen öffentlichen Meinung. Wir müssen alles aufbieten, daß Agudas .Jisroel, unsere orthodoxe Weltorganisation, zu jenem Machtfaktor werden soll, dessen gewichtiges, autoritatives Wort der von der Orthodoxie eines jeden Landes zum Schutz der unveräußerlichen sittlichen Güter der Tradition getroffenen Institutionen den nötigen Nachdruck verleihen können wird. (Fortsetzung folgt.) ' Referate Rabbiner Horowitz und Pappenbeim in Trankfurt. Sonntag, den 29. Mai 1921, fand in Frankfurt am Main ein Rhein-Mainischer Rezirkstag der Agudas Jisroel-Jugendgruppen statt. Es wurden ausführliche Rerichte über die Tätigkeit der Jugendgruppe sowie verschiedene Referate über die Arbeitsordnung der Jugendgruppe unter großer Reteiligung verhandelt. Am Abend fand in dem Saale des Rathauses eine große Versammlung statt, in der Herr Rabbiner Horowitz aus Jerusalem in eingehender Weise über die Vorkommnisse und die Lage in Jerusalem sprach. Die ebenso aktuellen, wie interessanten Mitteilungen des Mannes, der wie wenige die Verhältnisse in Erez Jisroel kennt, fanden gespannteste Aufmerksamkeit. Nach ihm sprach Herr Pappenheim aus Wien, der besonders bezüglich der in Erez" Jisroel intensiv zu betreibenden Arbeiten sich des längeren ausließ und speziell die seitens der Aguda in Vorbereitung befindlichen großen Aktionen skizzierte. Reide Redner setzten sich wärmstens dafür ein, daß jeder gläubige Jude sich mit einem nennenswerten Teil seines Vermögens an der Palästinaarbeit beteilige. Die materielle Unterstützung müsse sich äußern in Spenden und Gaben für die anzusiedelnden Unbemittelten und in Geldanlagen in den zu kreierenden landwirtschaftlichen und industriellen Betrieben, in denen die anzulegenden Kapitalien mit absoluter Sicherheit rückbezahlt werden. Die Referate lösten in der großen Versammlung warme Aeußeiungen der Zustimmung aus und wurden Zusagen zu sehr bedeutender Reteiligung gemacht, so daß zu hoffen steht, daß der Erfolg der Versammlung für die Lösung der Erez Jisroel-Aufgaben von großer Wichtigkeit sein dürfte. Prcfizcntralc Tntcruicw mit Hlack und Uleizmann. Oskar Grün hat zwei wertvolle Interviews mit den beiden zionistischen Antipoden gemacht, die. wir Raummangel halber nur streifen können. Weizmann schwefelt wie immer von „wahren jüdischen Nationalwerten, wie Kultur, Sprache und geschichtliche Ueberlieferungen", scheltet Mack einen Assimilanten, kurz die bekannten Schmonzes, die er keinem anderen als — Herzl gegenüber gebraucht hat. Macks Aeußerungen sind von achtungsvollem staatsmännischem Verständnis: „Die ökonomische Partei", sagt er, „steht für zwei korrelative Ziele ein. Erstens die Wiederinordnungbringung der Organisation, so daß ganz Israel an der Aufgabe des Wiederaufbaues Palästinas partizipieren kann und zweitens die Wiederorganisation praktischer Arbeit auf Grund ökonomischen Grundlinien ..." „. . . Es ist die Verwirrung des Diaspora-Nationalismus (jüdisch-nationale Landespolitik) mit finanziellen Plänen, die einen derartigen Widerstand bezüglich der Anpassung des Keren Hajessod an die amerikanischen Grundsätze gezeitigt hat. Die zionistische Organisation Amerikas, die gegen die Londoner Resolution, wonach die zionistische Weltorganisation zu national-kultureller Arbeit in der Diaspora beauftragt wird, protestiert und die Verantwortung dafür abgelehnt hat, widersetzt sich einem Fonds, der für Gegenwartsarbeit verwendet werden kann, wenn seine Direktoren so entscheiden ..." Mack schließt mit folgenden Worten: „Es erübrigt sich, auf die weitverbreitete Kritik und die Enttäuschung durch die Arbeit der Zion. Kommission (Waad Hazirim) einzugehen, auch auf die schlechte Verwaltung und Vergeudung der anvertrauten Fonds, wie dies durch den Bericht der Reorganisationskonimission zu Tage getreten ist. Es genügt, zu sagen, daß während der ganzen Periode, wenn es im Interesse der Bewegung lag. wir uns Schweigen auferlegt und wiederholt die Reorganisierung urgiert haben, die amerikanische jüdische Oeffentlichkeit jedoch auf Grund von Renditen von den Scharen zurückkehrender Legionäre als auch anderer zum Rewußtsein des konstruktiven Wertes bezüglich der in Palästina verwerteten Gelder gekommen ist. Die weitverbreitete Kritik und die Mißbilligung des Regimes, sowie der Politik und Methoden der Zion. Kommission ist die hauptsächlichste Ursache an dem Verlust des öffentlichen Vertrauens in die Zion. Org. als Ganzes. Das ist nach unserer Meinung die Hauptursache an dem Abnehmen der zion. Moral. Jenen, die ein Zetergeschrei und Rufe über den Mangel an Treue in den Massen erheben, können wir nur sagen, daß stimulierte Stimmung und beharrliche Treue-Protestationen in den Massen diese Situation nicht ändern können, die ihre Wurzel nicht in psychologischen Attitüden, sondern in ökonomischen Tatsachen und finanzieller Verwaltung hat. Der Weg, um die Moral der Organisation zu heben, liegt in dem Beginn praktischer produktiver Arbeit auf Grund ökonomischer Richtlinien. Nur durch eine Klärung unserer Einwände und die Adaptation der Organisation zu der Rolle eines wirklichen ökonomischen Instrumentes, kann ein jüdisches Palästina wiederaufgebaut Averden, ein Palästina würdig der Erwartung der Welt und Israels Andenken, Redürfnissen und Hoffnungen." Hguda$ 3i$roel°Delegation in Amerika. Das Empfangsktomitee zu Ehren der erwarteten Agudas Jisroel-Delegation hielt am 12. Mai eine Sitzung in der Wohnung des Herrn Rabbiners Dr. Klein ab. Herr Rabbiner Dr. Klein, der vor kurzem zum Präsidenten der hiesigen Ortsgruppe gewählt wurde, wurde auch zum Präsidenten des Empfangskomitees ernannt. Ein Arbeitskomitee von fünf Mitgliedern wurde gebildet, bestehend aus den Herren Dr. Herbert Goldstein, R. Lunzer, H. Weil, Neumann und Purpur. Das Organisationsbureau wurde provisorisch in dem Rroadway Central Hotel installiert. In der East Side wurde ein besonderes Arbeitskomitee gebildet unter der Propagandaleitung des Herrn Rabbiners T. Horowitz. Rabbiner Leiter wurde 'zum Sekretär dieses Arbeitskomitees ernannt. Das „Morning Journal" in New York veröffentlicht einen Rrief des Herrn M. Jung jun., in-welchem er die falschen Rerichte über die Wiener Zentralratssitzung zurückweist. Das „Morning Journal" bemerkt hiezu: Gegen die Palästinaresolution läßt sich wenig sagen. Wenn die Resolution gleich nach der Sitzung in ihrem Wortlaute nach Amerika gekabelt worden wäre, hätte man sich viel Herzleid ersparen können. In gewissen Kreisen hatte man auf Grund der falschen Rerichte geglaubt, daß die Agudas Jisroel eine viel schärfere Stellung gegen die Zionisten- Organisation eingenommen habe. (Die zionistischen Rlätter behaupteten nämlich, daß die Agudas Jisroel die Alleinvertretung in Palastina forderte.) Herr Dr. Leo Jung, Präsident der Agudas Jisroel in Westamerika, hat sich zu kurzem Aufenthalte nach Europa begeben, wo er bis Mitte Juli zu verbleiben gedenkt. Vor seiner Abreise veröffentlichte Dr. L. Jung ein Dementi der agudafeindlichen Rerichte. Die führenden amerikanischen Zeitungen bringen warme Regrüßungsarükel für die Aguda-Delegation. Uon mizraim bis zum Sinai. Von Rabbiner Dr. Felix Kanter (Zwittau, Mühren). Daß Mizraim und Sinai, das Fest der Erlösung aus ägyptischer Knechtschaft, mit dem Feste der göttlichen Offenbarung am Sinai in innigstem'Zusammenhange stehen und beide zusammen ein Ganzes bilden, beweist am deutlichsten das Gebot der Sephira, das Zählen der Tage, die das Fest der Offenbarung mit dem Feste der Gesetzgebung enge verbinden. Wurde doch von G-tt selbst damit als Ziel und Zweck der Erlösung vom ägyptischen Joche die Offenbarung am Sinai bezeichnet. „So du dieses Volk aus Aegypten führst, werdet ihr G-tt auf diesem Rerge dienen." Aber auch noch ein anderer Umstand weist auf den innigsten Kontakt zwischen Mizraim und Sinai, dem Feste der Erlösung und dem Feste der Offenbarung hin, ein Unistand, der es wahrlich verdient, in unserer traurigen und trostlosen Zeit besonders beachtet zu werden. Es ist dies das Gebot von Mazzo und Moraur, vom Genüsse des ungesäuerten Rrotes und der bittern Kräuter. Ist es denn nicht seltsam, daß die Stunde der Erlösung und Refreiung Israels aus jahrhundertelanger Knechtung und Unterdrückung durch ein Gebot begrüßt wurde, das scheinbar mit dem Regriffe der Freiheit in lebhaftem Widerspruche stand? Man bedenke nur das Eine: Ein Volk schmachtet jahrhundertelang in Knechtschaft und Unterdrückung, es zerrt vergebens an den Fesseln seiner Peiniger und Unterdrücker, es kann sie nicht sprengen und verzweifelt daher an seiner Freiheit und Rettung. Kaum aber bricht der erste Strahl der aufgehenden Freiheitssonne an, da werden ihm neue Fesseln auferlegt, die das Gefühl wahrer Freiheit nicht nur dämpfen, zähmen und zügeln, sondern überhaupt nicht aufkommen lassen. Das freigewordene Volk — ist es überhaupt frei? — in der Stunde der Freiheit muß es sich die größten Entbehrungen und Einschränkungen auferlegen: es darf nur Mazzo und Moraur genießen, ein Opfer bringen und von diesem Opfer nur den spärlichsten Gebrauch machen. Ist das die langersehnte Freiheit? Und ist es ein Freiheitsfest, das wir alljährlich am 15. Nissan begehen zur Erinnerung an die errungene Freiheit unserer Vorfahren im Lande Aegypten? Ein Freiheitsfest, so sollte man glauben, müßte auch äußerlich das Gepräge der Freiheit tragen und dem Charakter der Freiheit voll und ganz entsprechen. Wir aber begehen dieses Freiheitsfest dadurch, daß wir uns — gleich unseren aus ägyptischer Knechtschaft befreiten Vorfahren — die größten Entbehrungen, und Einschränkungen auferlegen^! Was uns sonst frei und erlaubt ist, an dem „Freiheitsfeste" ist es uns unerlaubt und verboten, Avas wir sonst genießen dürfen, am Feste der „Freiheit" müssen wir es uns versagen. Und unfrei wie dieses Fest im allgemeinen, ist auch scheinbar die Art und Weise der Einleitung seiner Feier. Eingeleitet wird das Freiheitsfest durch den „Seder", das heißt alles muß sich nach einer bestimmten Ordnung vollziehen, nichts darf willkürlich unternommen werden und nach Relieben geschehen : was wir genießen und wie viel wir genießen, alles ist bestimmt, vorgeschrieben und vorgezeichnet und darf nicht übertreten werden. Entspricht es dem Charakter und der Redeutung eines Freiheitsfestes? Wer aber wie wir in unserer Zeit Zeuge war, wie Siege gefeiert werden,, der wird auch die erhabene Lehre von Mazzos und Moraur in ihrer ganzen erhabenen Größe und ethischer Redeutung ersehen und auch verstehen, warum unsere Vorfahren in Aegypten in der Stunde ihrer Befreiung und Erlösung und warum wir, ihre Nachkommen, am Feste der Erinnerung an diese Freiheit und Erlösung so vieles entbehren und verzichten mußten und müssen, warum Mazzo und Moraur an diesem Feste der Freiheit die Hauptnahrung bilden. Das Elend der Resiegten von heute, die Not und der Jammer der Völker und Nationen^ die trotz der Jahre des Friedens, die dem blutigen Völkerringen folgten, noch immer nicht zur Ruhe kommen können, dies alles ist nur darauf zurückzuführen, daß die Sieger von heute sich nicht mit Mazzo und Moraur begnügen, sondern immer höhere Anforderungen und immer größere Ansprüche stellen, daß sie keinen „Seder" kennen und sich daher als maßlos und unersättlich erweisen. Hätten die Sieger von heute sich mit Mazzo und Moraur begnügt, wären sie bescheidener in ihren Ansprüchen, zurückhaltender und einsichtsvoller in ihren Forderungen — Europa wäre längst zur Ruhe gekommen und der Haß der Völker und Nationen unter einander wäre längst verschwunden und überwunden und die blutenden Wunden des Krieges, sie hätten, wenn nicht zu vernarben, so doch jedenfalls zu heilen begonnen. Solange aber der Resiegte auf Mazzo und Moraur angewiesen ist, solange er entbehren, entsagen und verzichten muß, während der Sieger im Rausche des errungenen Sieges keine Entbehrungen kennt und keine Einschränkungen sich auferlegt, so lange kann von einem Völkerfrühling, einer Völkerversöhnung und Verbrüderung nicht die Rede sein, solange wird die Sehnsucht und der Wunsch nach dem alle beglückenden Frieden unerfüllt und ungestillt bleiben. Anders jedoch lehrt unsere heilige Thora. „Ihre Wege sind die Wege der Liebe und alle ihre Pfade sind Frieden." 49 Tage nach der Erlösung aus Aegypten wurde Israel am Sinai eingeprägt X> "IUI """iSto DJ?nn „Verabscheue nicht den Aegypter, obgleich du ein Fremdling in seinem Lande wärest." Diese erhabene Lehre von der Achtung vor dem besiegten Feinde steht in innigstem Zusammenhange mit der Art und Weise, wie Israel sein Siegesfest feierte. Israel als Sieger soll ein Opfer bringen, Israel als Sieger soll von Mazzo und Moraur sich nähren, Israel als Sieger soll entbehren und verzichten, trotz seines Sieges, trotz seiner wieder errungenen Freiheit und Erlösung. Die Erlösung aus Aegypten ist nur die Vorbereitung und die Vorbedingung für den Sinai, für den Empfang der g-ttlichen Lehre und diese „ganz und vollkommen", „ihre Wege sind Wege der Liebe und alle ihre Pfade sind Frieden". Sie kennt keinen ewigen, unversöhnlichen Haß und fordert die Achtung selbst vor dem besiegten Feinde. Und für diese Lehre sollte Israel schon in der ersten Stunde seiner Erlösung vorbereitet werden — durch die Art der Feier seines ersten und größten Sieges. Nur ein Volk, das trotz vierhundertjähriger Knechtschaft und Unterdrückung die Stunde seiner Freiheit durch Mazzo und Moraur feierte, war imstande, 49 Tage nach seiner Refreiung die Lehre von der Liebe und Achtung vor dem *