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Jüdische Presse · 1921-06-10 · 20 (10.6.1921) · page 1

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
20 (10.6.1921)
Date
1921-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE PRESSE („JÜDISCHE KORRESPONDENZ") ORGAN FÜR DIE INTERESSEN DES ORTHODOXEN JUDENTUMS. Redaktion and Administration: Wien, II., Malzgasse 12 a. — Telephon Nr. 49.054. Tschechoslowakei: Bratislava, Tnrnergasse 14. Erscheint jeden Freitag. — Redaktionsschluß: Für Artikel Montag, für Nachrichten Dienstag. Abonnementspreise: Ganzjährig: Für Österreich K 300*—, Ungarn K 250*—, Tschechoslowakei Kö. 70-—. Deutschland Mk. 60-—, Schweiz Frcs. 10-—, Amerika 2 Dollar, Italien 20 Lire, England 10 Shilling, Rumänien 50 Lei, Jugoslawien 25 Dinar, Polen Mk. 300*—. Einzelnummer d.-ö. K 6 —, Kö. 1*50. Die 6 mal gespaltene Petitzeile d.-ö. K 10*— Fürs Ansland 100 Prozent Teuerungsznschlag. Bei Wiederholung entsprechender Rabatt. Nr. 20 Wien-Bratislava, 10. Juni 1921 «Kann \td n rrDDDjr© - rrjn 7. Jahrg. MATT AN THORA Wohl hundert Menschengeschlechter sprossen empor, zogen ihre Bahn und stiegen in die Vergänglichkeit hinab, aber das Wort, das von Sinai in alles Wesende und Werdende hinausschallte, wirkt mit stetig anwachsendem Tonwellenkreise belebend und gestaltend auf den Menschheitsgeist. Wenn sich Israel in diesen Tagen wieder festlich versammelt, um sich das Ereignis aller Ereignisse, Mattan Thora, verkündet in dem Urlaute der G-ttheit, tiefer ins Gemüt zu prägen; wenn an diesem Erntefeste auch der religiös-sittliche Ertrag der geistigen Arbeit Israels gewogen wird, da darf das auserwählte Volk an den zwei großen Erinnerungstagen des Schwuos, sich aus dem Mühsal und der Unfreiheit des Golusdaseins erhebend, mit frohstolzem Blicke über das Erdenrund, des Wachstumes seiner idealen Güter und des glückenden Aufstieges zu seinen Höhenzielen freuen. Niemals haben sich wohl die Grenzen der Diaspora so weit ausgedehnt, als in den Tagen unseres Geschlechtes. Die zentrifugale Kraft des Golus treibt noch immer Teile unseres Volkes in weitere Fernen. Aber kaum war auch des jüdischen Volkes je ein solch inniger, als in der beginnenden Aera der nationalen Konzentration. Kaum hat es noch im Exil eine Epoche gegeben, in welcher der Geist der Thora einen solch gewaltigen, über Weltteile hingestreckten Volksorganismus so lebenswarm durchfluten konnte, kaum hat das Golus noch eine zweite, der unseren ähnliche Zeit gekannt, wo solche Massen von der Erkenntnis des inneren Wesens der Thora so sehr beherrscht waren, als in der vielgescholtenen Gegenwart. Wenn die um den Erdball kreisende Sonne diesmal den Anbruch des sechsten Siwan verkündet, beleuchten ihre ewigen Strahlen auf der ganzen Weltenbahn Teile unseres Volkes, in allen Zonen verstreut, in alle Trachten gekleidet und in alle Sprachen verwandelt, in Myriaden von G-ttesheimen versammelt, jedes ein Sinai, von welchem Zehntausende von Mosessen mit dem ehrfürchtig aufhorchenden, ewigen Volke den Bund von Horeb erneuern. Jedes wiederkehrende Wochenfest ist selbst wieder Mattan Thora, eine weniger sinnfällig erhabene, aber im Wesen noch wundersamere Wiederholung der Offenbarung, die sich von Jahr zu Jahr einem an Zahl und Wesensart erhöhten Volke erschließt. Das vor dreißig Jahrhunderten — wie jede Wahrheit — in der Wüste erschollene Wort pflanzt sich fort von Geschlecht zu Geschlecht, Sinai tönt noch in allen Tempeln die gleichen, göttlichen Laute und wird forttönen in alle Zeiten, „wie denn alle je lebenden Seelen Israels um Sinai versammelt sind". Nicht mehr auf Steintafeln, die in unergründlichen Tiefen verborgen ruhen, sondern auf ungezählten :-Merjsphen&§^ Willen . ein, das gemeißelte Wort entfloh" in den Äether, — ossios porchos be-awir — ist zur Volksseele geworden und faßt die vier Enden der Zerstreuung ein. Und bannt den Golustrieb des Sichselbstfliehens und zieht die Lebenskraft des Volkes in einen Zielpunkt, die Thora, zusammen. Und wenn Sinai wieder tönt, so rauscht auch der Jordan lauter und im Libanon braust wieder der Odem G-ttes. Und Megilat Ruth wird in unserer großen Zeit von Dichtung zur Erscheinung. Nicht mehr eine fata morgana für den sehnsüchtig rückschauenden Blick des Ghettobewohners, sondern lebende Wahrheit der Gegenwart. Boas reitet wieder am wogenden llalmenmeer, aus welchem der hebräische Gesang sehniger Schnitter herüberklingt. Die so wundersam berühmt gewordene moabitische Maid, die vom holdselig-demütigen Schnitterweibe zur .Ahnenmutter des erhabensten aller Königsgeschlechter emporstieg, lebt wieder in den Gefilden Kanaans. Zwischen g-ttgesegneten Aehren und unter feurigblauem Himmel waltet nun Ruth wieder in tausend Gestalten; Töchter armer, heimatsflüchtiger Schnitter, aber Ahnfrauen kommender, stolzer Herren' geschlechter. S. Bettelheim. Unser Weg. Von Oberrabbiner Koloman Weber, Präsident der orth. Landeskanzlei der Slowakei. Mit der gebotenen Reserve, die mir meine Stellung als Kanzleipräses auferlegt und mit der nötigen Offenheit, welche zur Klärung der obschwebenden jüdischen Fragen erforderlich ist, möchte ich der Einladung der verehrten Redaktion der „Jüdischen Presse*, mich über die aktuellen Probleme im Judentum zu äußern, in dem Maße entsprechen, als diese Offenheit mit jener Zurückhaltung vereinbar ist. In leitender Stellung in der organisierten Orthodoxie ist es unsere erste und oberste Aufgabe — ich möchte fast sagen — unser einziger und ausschließlicher Beruf, die Interessen des glaubenstreuen Judentums dieses Landes unter allen Umständen nachdrücklich zu wahren, die Orthodoxie nach außen und innen zu kräftigen, der Verfälschung des orthodoxen Prinzipes energisch entgegen zu treten, mit peinlichster Gewissenhaftigkeit darüber zu wachen, das schwer errungene Recht des konservativen Judentums in der Slowakei, ihre Kultusangelegenheit selbständig und unabhängig zu regeln, zu sichern und zu entwickeln.; y -Io^diesex., Aufgabe erschöpft sich der größte Teil unserer Tätigkeit, und diese- Pflicht nötigt uns die Schranke, auf, innerhalb welcher wir uns bewegen. Freilich verfolgen wir auch jede Bewegung im Judentume mit Aufmerksamkeit, um gegebenenfalls die nötigen Vorkehrungen gegen etwaige schädliche Auswirkungen treffen zu können; zumal wenn es sich um eine Bewegung handelt, der wir heute gegenüberstehen, die mit einer trostlosen Perspektive für die weitere Entwicklung des jüdischen Lebens droht. Das ganze Judentum soll zu einem Körper zusammengeschweißt werden, dessen Seele nicht wie bisher die Thora sein soll, sondern ausschließlich nationale Momente sollen den Charakter der jüdischen Gemeinschaft bilden, und „wie alle Völker ringsumher" soll nur das Mittel der einheitlichen Sprache und die stetige chauvinistische Betonung des jüdisch-nationalen Bewußtseins den Lebensodem des großen jüdischen Weltkörpers x^jvjA Die (Uelt der Chassidim. Von Chajira Bloch. Die heilige Liebe. Bekanntlich war Rabbi Hirsch von Zydatschöw der Liebiigsschüler des „Sehers" von Lublin. Dennoch pflegte er Jahr für Jahr übers Schebuotfest, den Tag der Erinnerung des Empfanges unserer Thora, nach Miedziborz zu fahren, damit er hier aus dem Munde des Rabbi Baruch die Thora empfangen könne. Einmal, es fiel damals das Schebuotfest an einen Sabbat, überkam Rabbi Hirsch die Lust, am Freitag sich im Gemache des Rabbi zu verstecken, wenn dieser das „Hohe Lied" rezitierte. Da er aber nicht das Heiligtum, des Rabbis „Gemach der Einsamkeit" allein zu betreten wagte, redete er seinem Bruder Rabbi Mose von Sambor zu, daß auch er «ich mit ihm verbergen solle. Kaum hatte Rabbi Baruch das Lied begonnen, da wurde Rabbi Mose von einer großen Furcht befallen und er flüsterte Rabbi Hirsch ins Ohr: „Bruder, ich halte es nicht länger aus!" Denn die Stimme des Rabbi war leidenschaftlich, brennend, begehrend und ihre verzehrende Melancholie machte die Seele erbeben. Rabbi Hirsch faßte seinen Bruder am Gürtel und befahl ihm, zu bleiben. Als aber Rabbi Baruch den Vers: „Er hat mich ins Weinhaus gebracht, und sein Zeichen über mir ist Liebe, labet euch mit Traubenkuchen, erquickt euch mit Aepfeln, (Jenn ich bin liebeskrank" anstimmte, sahen sie ihn von einem großen Feuer umgeben. Rabbi Mose lief aus dem Gemache. Rabbi Hirsch hingegen hörte die Stimme, sah die Flamme und das im Feuer der Heiligkeit tauchende Gemach. Bei den Versen aber: „Anhebt mein Liebster und und spricht zu mir: Auf, meine Traute, meine Schöne, komm, denn der Winter ist vorüber, der Regen vergangen, die Blüten lassen sich auf der Erde sehen, die Zeit des Gesanges ist gekommen und der Turtelruf läßt sich hören in unserem Lande", überkam Rabbi Hirsch eine heilige Schauer, denn die brennende Hoffnung der Erlösung, die lechzende Sehnsucht nach dem Messias schien in Erfüllung gegangen, der jüdische Frühling eingetreten zu sein. Der Rabbi fuhr indes fort: „. .. Ich gehöre meinem Geliebten und mein Geliebter gehört mir." Er sprach diese Worte mit einer solchen Hingabe, als hätte er die Seele dem Schöpfer in die Hand gedrückt. Und Rabbi Hirsch zitterte in seinem Innern, seine Knie stießen aneinander. Aber er sprach zu sich: „Es geschehe was da wolle, ich übergebe meine Seele meinem Schöpfer und stürbe ich — ich weiche nicht von dannen, damit ich die Worte des Ewiglebenden wie sie am Berge Sinai verkündet, höre." Nun fühlte er sich von einem neuem Geist belebt, er konnte das unermeßliche Feuer schauen, denn hatte im Herzen eine „Heiligung seines Namens" vollbracht. Und als er die Verse vernahm: „0 läge seine Linke mir unter dem. Haupte und umarmte mich seine Rechte . . . denn stark wie der Tod ist die Liebe" so fühlte er, daß seine Seele mit der des Rabbi sich vereinte und daß beide Seelen zur Seele der Welt emporstiegen. Ein Bußfertiger. Zu Rabbi Maiir kam einmal ein sehr reicher und vornehmer Mann, der ein Anliegen an ihn hatte. Kaum wurde er seiner ansichtig, nahm er an seinem Antlitz die Zeichen des Ehebruches wahr, denn die Sünde brannte an seiner Stirn wie eine Flamme. Der Rabbi wollte ihm die Reue und Selbsterkenntnis nahebringen, damit er in Frömmigkeit und Tugend ein neues Leben beginne und er sprach: „Es heißt im Psalmenbuch: ,Ein Gesang Davids, da Nathan, der Prophet zu ihm kam, nachdem er bei Bat-Seba war.1 Da ist doch unverständlich; weshalb ist hier von einem Gesänge die Rede? Es soll doch richtiger ,Klage' heißen? Dies könnte aber auf folgende Weise erklärt wurden: Der Prophet wußte, daß wenn er zu David dem König mit einer Anklage kommen ..würde: Du, König David, hast einen Ehebruch begangen, so würde der König ihn zornerfüllt vom Hause treiben und nicht Buße tun. Daher begann er mit einem Gesang, er warf dem König die von ihm begangene Sünde nicht vor, sondern deutete diese nur an. Und so drangen seine Worte tief in das Herz des Königs David und er tat wahrhaft Buße." Mehr sprach der Rabbi kein Wort, sondern sah dem Mann tief in die Augen. Der Jude aber begriff an wen die Worte des Rabbi gerichtet waren, er bekannte seine Sünde und versprach Buße zu tun. Die verlorene Kuh. Rabbi Mehr pflegte jeden Donnerstag Fleisch zu kaufen und an die Armen zu verteilen. Einmal hatte er kein Geld, um das Fleisch kaufen zu können. Und da besann er sich nicht lange; er führte im Geheimen seine Kuh, deren Milch der Lebensunterhalt seiner Familie war, weg, ließ sie schlachten und verteilte das Fleisch wie gewöhnlich an die Notbedürftigen. Da es Nacht geworden war, suchte sein Weib die Kuh und als sie sie nicht fand, kam sie zu ihrem Gatten, erzählte ihm weinend, die Kuh sei nicht da und sei nicht zu finden. Rabbi Maiir aber erwiderte freudig: „Die Kuh ging nicht verloren — du wirst sie, wenn du hinaufkommst, wieder finden."

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