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Jüdische Presse · 1921-06-03 · 19 (3.6.1921) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
7 (1921)
Issue
19 (3.6.1921)
Date
1921-06-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 146 JÜDISCHE PRESSE Nr. 19 haben, daß die Anfragebögen für den Joint und für die Wahl in demselben Zimmer, auf derselben Schreibmaschine verfertigt, zumeist von einem und demselben Sekretär unterfertigt und von derselben Expedition befördert worden sind. Ja, das Bureau, in welchem die Joint-Gelder verteilt wurden, durfte garnicht den Namen des Spenders verraten, es wirkte unter dem Namen: »Hilfskomitee des jüdischen Volksverbandes8 und sein Zeitungsorgan, das natürlich gleichzeitig offizielles Blatt des Hilfskomitees und der Wahlpartei war, hat seinen Leser» nie das Mindeste über das Wesen des Joint und seiner Führer in Amerika verraten. Doch wir wollen nicht zock al ma sche-owar sein. Das Unterstützungsbureau des Joint wird aufgelöst, aber es wird eine andere Form der brüderlichen Hilfe, die Aufbau-Aktion, an seine Stelle treten. Unsere traurigen Erfahrungen gebieten uns, die Forderung laut werden zu lassen, daß bei der Neuordnung der Dinge in der Joint-Aktion jede Möglichkeit benommen sei, daß der alte Geist der Partei- Protektion, der mißbräuchlichen Anwendung zu politischer Pression nicht wieder seinen Ein-zug halte. Politische Agitatoren und vor allem diejenigen, welche in der Vergangenheit die Joint-Verwaltung in der oben stigmatisierten Weise mißbraucht haben, dürfen keinen Platz in der neuen Verwaltung haben. Aus diesem Grunde fordern wir, daß die Leiter des Joint in Amerika eine eingehende Untersuchung gegen diejenigen einleite, welche das Vertrauen des Joints schwer mißbraucht haben und diese für alle Zeiten aus der Verwaltung auschließe. Die Verwaltung muß ein großes, aus allen Parteien gebildetes Komitee von Männern übernehmen, die auch selbst größere Opfer für die Joint-Philantropie zu bringen geeignet und geneigt sind. Das europäische Komitee stellt die zweite Hälfte des amerikanischen Joint dar. Wie es drüben einen Warburg gibt, dessen soziale Stellung und nobler Charakter das blinde Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung sichert, muß auch hier die Verwaltung in den Händen einer gleichwertigen Persönlichkeit liegen, die nicht nur mit dem Beispiele der Opferfähigkeit vorangeht, sondern über jeden Verdacht des persönlichen oder Partei-Egoismus erhaben ist. Wir appellieren auch an die Ehre der jüdischnationalistischen Partei selbst, sich nicht mit der schweren Schuld der Beeinträchtigung des Jointwerkes durch eine Wiederholung ihrer bisherigen Jointpolitik zu belasten. Wir appellieren an Herrn Oberrabbiner Dr. Chajes, der mit der Würde des Oberrabbinates die Verpflichtung übernommen hat, bei Beibehaltung seiner eigenen Ueberzeugung, seine amtlichen Funktionen der Thora, Awoda und Gemilas Chassodim, über alle Parteiungen erhaben, allen Teilen der Wiener Judenheit in gleicher, gerechter Weise zu widmen, sich zur vollen Höhe der Aufgabe zu erheben und selbst mittätig zu sein, den neuen Joint zu einer reinen und großen Tat zu gestalten, würdig dem Edelmut und der Größe der Spender. Brief au$ Amerika. Die Vorbereitungen für den Empfang der Aguda- Delegation in New York. a New York, im Mai 1921. j. k. Als hier vor einigen Monaten die Entsendung einer Aguda-Delegation nach Amerika bekannt wurde, rauschte das glaubenstreue Judentum auf. Vielleicht nirgends in der Welt steht die Ortodoxie so sehr unter dem Drucke der anderen Parteien, wie in Amerika, wo die anderen Gruppen gewöhnlich mit Hochdruck arbeiten unter Anwendung aller bekannter amerikanischer Reklamemittel. Bei jeder Gelegenheit wird die Straße mobilisiert, „Kinder und Fahnen heraus", das ist die Parole. Da ist es ungemein schwer, Stand zu halten und nicht im allgemeinen Strom mitzuschwimmen. Der Glaubenstreue empfindet die Peinlichkeit und das Groteske dieser Situation — aber er ist in der Regel zum Schweigen verurteilt, weil er nicht organisiert ist und den organisierten Gruppen gegenüber nicht aufkommen kann. Die Nachricht von der Entsendung der Aguda-Delegation ist daher als eine Erlösung, als eine Befreiung begrüßt worden. Man wählte ein Empfangskomitee, arbeitete ein Empfangsprogramm aus und war bereit und gerüstet, den anderen Parteien und der Oeffentlichkeit zu zeigen, daß auch die Orthodoxie die Straße, die Talmud-Thora-Kinder usw. mobilisieren könne, wo dies als tunlich erachtet wird. Die Hinausschiebung des Termines, an dem die Delegation hätte einlangen sollen, hat deswegen etwas entmutigend gewirkt. Die aufgeflammte Begeisterung ließ nach und der Glaubenstreue sah sich wieder einmal verlassen, sich selbst überlassen. Man kann sich daher die Freude vorstellen, mit der die nun definitiv angekündigte Ankunft der Delegation aufgenommen wurde. Diese Freude ist um so aufrichtiger, als die Juden Amerikas in den letzten Wochen tatsächlich unter dem Druck des Weizmann- Rummels leben und zusehen müssen, wie Unberufene in ihrem Namen Aufrufe über Fragen erlassen, über welche sie sich noch nicht geäußert haben. Sie waren aber gezwungen zu schweigen, denn der Mangel einer festen Organisation, das Fehlen in der Arbeit erprobter Führer, ließ keine ausgreifende Aktion aufkommen. Nun aber, da die Delegation doch kommt, atmet der fromme Jude frei auf; nun wird er die Möglichkeit erhalten, frei und offen aufzutreten, nun wird er ein Teil jenes großen Weltverbandes sein, der die Orthodoxie aller Länder umfaßt, nun wird er auch sein eigenes öffentliches Leben führen können. Die letzten Tage haben bereits großangelegte Kundgebungen für die Aguda gebracht. Am Isru- Choag, abends, fand in den Räumen der Aguda in der Henrj-Street [ein orthodoxes Massenmeeting statt, unter dem Vorsitz des Rabbi von Stretin und unter Beteiligung vieler Rabbiner und prominenter Persönlichkeiten. Mit großer Begeisterung wurde der Gedanke begrüßt, die Aguda in Amerika zu neuem Leben zu erwecken. Der Rabbi von Stretin, dessen Rede von zündender Wirkung war, wurde zum Präsidenten der Aguda in New York gewählt, ein 25-gliedriges Komitee wurde bestimmt, die ersten Arbeiten in die Wege zu leiten. Für den Empfang der Delegation gibt sich das regste Interesse kund und man kann sicher sein, daß dieser Empfang eine großartige Kundgebung für den Gedanken der Aguda sein wird, ein Beweis für die Kraft des thoratreuen Judentums auch in dem amerikanischen Schmelztiegel. Bei einem zwei Tage später abgehaltenen stark besuchten Meeting wurde nach einem längeren Referat des hier zu kurzem Aufenthalte weilenden Redakteurs J. Kreppel aus Wien über die Aufgaben der Aguda, die Konstituierung des leitenden Komitees vorgenommen. Ein leitender Rat, bestehend aus den Rabbinern Chodorow (früher Gzernowitz), T. Horowitz (Polen) und Leiter (Galizien) wurde mit der Leitung und Beaufsichtigung der Arbeit der einzelnen Kommissionen betraut. Kommissionen wurden gewählt für: Propaganda, Presse, Erziehungswesen, Jischub Erez Jisroel, schemirat Schabbos, Finanzwesen. Die Kommissionen haben sofort ihre Arbeit aufgenommen und es ist zu erwarten, daß die Delegation die hiesige Aguda in voller Tätigkeit antreffen werde. Die Gegner der Aguda, die deren Bedeutung bei jeder Gelegenheit zu bagatellisieren suchen, wissen am besten, wie es mit derselben besteht und sie haben in den letzten Wochen mit einer Hetzkampagne eingesetzt, die ebenso häßlich wie lächerlich ist. Das „Jüdische Korrespondenzbureau" in London überschüttet die hiesige jüdische Presse täglich mit einer Flut von Verleumdungen der Aguda, die dem wildesten Antisemit alle Ehre machen mußten. Es ist kaum zu glauben, was diese Herren der jüdischen Presse zumuten und was diese kritiklos konsumiert. Mehrere Tagelang wurde die Presse mit der Tartarennachricht gespeist, der Zentralrat der Aguda habe bei seiner Konferenz in Wien beschlossen, von England zu verlangen, an Stelle der Zionisten die Aguda zur Trägerin des Mandats für Palästina zu erwählen und daß die Reise des Rabbi von Gur nach Palästina den Zweck habe, die Bildung des Rabbinerrates zu stören, sowie daß die Rabbis von Husiatyn und Kopeczynce mit einem öffentlichen Protest gegen die Aguda aufgetreten sind. Diese Musterkollektion zeigt hinreichend, mit welchen Mitteln da gekämpft wird. Für die Glaubenstreuen ist dies aber nur noch, ein neuer Beweis dafür, daß die Gegner die Kraft der Aguda richtig einzuschätzen wissen — ihr Toben beweist, daß die Aguda vorwärts schreitet. Bekenntnisse. Was geht in der jüdischen Welt vor? Sollte der Terror im Innern, dem die gläubige Judenschaft ausgesetzt ist, im Abtlauen begriffen sein? Ein hervorragender Zionistenführer beklagt in der großen Oeffentlichkeit, daß das amerikanisch-jüdische Interesse für Palästina (lies für die zionistische Aufbauarbeit: lucus a non lucendo) auf dem Gefrierpunkt angelangt sei. Derselbe bedeutende Mann wirft die Frage auf, ob die zionistische Leitung noch das Vertrauen zur englischen Regierung haben könne? Diese arme englische Regierung! Kaum macht sich im Verhältnis jsu Frankreich eine Entspannung geltend, die ganz Europa aufatmen macht und schon droht ihr die Gefahr, — daß ihr die zionistische Leitung das Vertrauen entzieht! — Allerdings, wenn man in Balfour und San Remo hineininterpretiert, daß Palästina nicht eine englische Kolonie, sondern ein zionistisches Königreich sein wird, wozu nur nötig sei, daß man dem Keren Hajessod 25 Millionen Pfund Sterling anvertraut, dann allerdings wird man die englische Regierung des Wortbruches zeihen müssen. Die englische Regierung hat aber nie das versprochen, was ihr imputiert wurde oder doch zu Reklamezwecken in deren Namen proklamiert wurde. Noch viel interessanter aber ist die von demselben hervorragenden Redner ventilierte Frage, ob die zionistische Leitung noch das Vertrauen der englischen Regierung beanspruchen könne. Daß in Erez Jisroel bisnun nichts geschehen ist, daß die Einwanderung verboten wurde wegen der Jaffaer Ereignisse und weil Arbeitsgelegenheit mangelt (Jüdische Preßzentrale, 20; Mai 1921), daß in Erez Jisroel Unsummen für einen Kulturterrorismus verschwendet werden, all des mußte der englischen Regierung zu denken geben, ob die Zionisten der Faktor seien, der Erez Jisroel aufbauen würde. Wenn aber derselbe Redner so gütig ist, die Aguda zu schöpferischer Tätigkeit in Erez Jisroel einzuladen, auf die Gefahr eines Kulturkampfes hin, so ist dies ein wertvolles Geständnis, das die gläubige und auch die nicht antireligiösorientale Judenschaft festhalten muß. — Wenn die Orthodoxie in Erez Jisroel arbeitet, werden die Zionisten einen Kulturkampf entfachen, weil sie die Religion befehden. — Die jetzigen Zustände in Erez Jisroel kann man nicht Kulturkampf nennen. Auf einer Seite Dollar und Gewalt gegen eine bisnun wehrlose Phalanx (konnte doch nicht einmal der erprobte Dr. Moses Auerbach seine mit unsagbarer Mühe errichtete Schule, ein Musterinstitut, jüdisch erhalten), das hieße, sich ergeben. — Das soll nun anders werden. — Auch die Reform hat mit Terror angefangen. — Und heute nach 100 Jahren des Kampfes steht die Orthodoxie unerschüttert da; ja dort, wo sie Bich von der Reform geschieden hat, im Gebiete des alten Ungarns und Preußen, zählte sie mehr Bekenner und mehr Jeschiwohjünger als vor 50 Jahren. Im Osten hat der Krieg furchtbaren Schaden an der Religiosität gestiftet, aber wenige Jahre der Ruhe und Sammlung werden diese Scharten auswetzen. Die Aguda wird das Instrument sein, daß unsere Wunden heilen und dem unheilvollen Einfluß des Nurnationalismus, dieses ganz unjüdischen Prinzipes, brechen wird. Fm. Die tage in €rez jisroel. Nicht weniger schmerzlich, wenn auch unblutiger, berührt der arabische Ueberfall auf Petach-Tikwa, dem drei Kolonisten zum Opfer gefallen sind. Petach- Tikwa ist eine friedliche Gründung thoratreuer Juden gewesen. Das Einwanderungsverbot besteht fort, wenn auch versichert wird, daß es sich um eine vorübergehende Maßregel handelt. Wer garantiert, daß sich diese vorübergehende Maßregel nicht wiederholen wird? Jabotinsky verlangt im „Times«, daß jüdische Jünglinge in die englische Armee eintreten sollen und diese jüdischen Soldaten, des hohen Zweckes halber, auf den hohen Sold verzichten würden. Dieser traurige Nachsatz trägt der Stimmung in England Rechnung, die keinen Mann und keinen Schilling für das jüdische Heim opfern will. „Times" selbst billigt nicht den (sinnlosen) Vorschlag Jabotinskys, verlangt aber, daß England in seinem Interesse für das jüdische Heim energisch eintrete. Die Wiener Zionisten versammelten sich zur Trauer um die Gefallenen und zum Ratschlüsse im — Komödienhaus. Der genius locipdes Komödienhauses beherrschte auch die Reden. Oberrabbiner Chajes, dem sein Beruf' würdigere Räume zur Verfügung stellt, erschreckte das britische Weltreich mit der leisen Drohung des Verlustes seines Vertrauens. Freilich müßten wir auch das Vertrauen Englands verdienen, aber wenn die Aguda — sagte der Oberrabbiner im Komödienhaus — weiter negative Arbeit leiste und das Volk in der Lethargie erhalte, so wird kein Enthusiasmus hervorzurufen sein. (Soviel wir wissen, haben die Agudaführer in Palästina geweilt, Boden und Häuser erworben, während andere Führer nach New York gereist sind, um für Wiener Tageszeitungen zu sammeln.) Achtungsvolle Aufmerksamkeit hat die Rede Wladimir Temkins begleitet, der das selbsterlebte Elend der Ukraine schilderte. Es sprach noch Artur Freud Worte des Batlonus in der bekannten Manier der „W. M." Die Resolution fordert Einwanderung und die Erlaubnis zur Selbstwehr. Niemand der Herren scheint von Sorge über die Sicherheit von Gut und Leben in Palästina beherrscht zu sein. Alle bekennen, daß das jüdische Volk — unter ihrer Leitung — nicht seine Pflicht, tut, daß England keinen Respekt haben könne, wenn es weiter seine Pflicht vernachlässigen werde. Warum danken diese von den schlimmsten Mißerfolgen heimgesuchten Führer nicht ab? Sie haben augenscheinlich keine blasse Ahnung davon, was sie eigentlich zu tun hätten. * * * Inzwischen haben sich jüdische und arabische Vertrauensmänner zu Verhandlungen zusammengefunden, Sokolow wohnte den Verhandlungen unnötigerweise bei. Die Verhandlungen haben einen Höflichkeitsaustausch ergeben. Die Lage in Palästina bleibt eine hochernste. Ungeschickte, fahrlässige selbstgekrönte jüdische Politiker haben das freundschaftliche Verhältnis zwischen Juden und Mohammedanern vergiftet und schütten noch immer Oel ins Feuer. Sie sind daran, dem Häuflein Juden, das bisher friedlich in Erez Israel gelebt hat, den ganzen Islam auf den Hals zu hetzen. (Uarum dattöt Uleizmann triebt ab? Die Zionisten Amerikas haben Weizmann eine scharfe Absage zuteil werden lassen. In Deutschland erscheint Binjan haarez, eine zionistische Organisation, die zu den Herzischen Prinzipien zurückkehrt, nicht an der Jahresversammlung der deutschen Zionisten, die Kluft zwischen Aguda und Zionismus erweitert sich. Sir Samuel antwortet Weizmann auf sein Ersuchen um Aufhebung des Einwanderungsverbotes, „daß der Erfolg der jüdischen Einwanderung vollständig von der Bereitstellung von Mitteln für die entsprechende ökonomische Entwicklung des Landes abhängt". Wir glauben, daß schon die Botokuden-Stämme politisch reif genug sind, daß ihr Häuptling sich unter ähnlichen Umständen genötigt sehen würde, abzudanken. Werden wir nicht den letzten Hest der Achtung verlieren, wenn England dieses niedrige Niveau politischer Moral sieht, wo die Führer zu egoistisch und ihre Partei zu feil ist, um die notwendige Konsequenz aus dem Debacle der Weizmann-Politik zu ziehen?

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